Ḫarǧa

Das arabische Wort Ḫarǧa (arabisch خرجة, DMG Ḫarǧa ˈxardʒa ‚Ausgang, Schluss‘, spanisch jarcha [ˈxartʃa]) bezeichnet in der romanistischen, arabistischen und hebraistischen Literaturwissenschaft die Schlussverse, das letzte « qufl », eines arabischen oder hebräischen Muwaschschah-Gedichtes aus al-Andalus.

Für die romanistische Sprach- und Literaturwissenschaft stellte im Jahre 1948 die Veröffentlichung zwanzig „romanischer“ Ḫarǧas in hebräischen Muwaschschah-Gedichten durch den Hebraisten Samuel Miklas Stern eine Sensation dar, die bis heute kontrovers diskutiert wird.

Die älteste romanische Ḫarǧa, „H18“ nach der Klassifikation von S. M. Stern, tnt 'm'ry tnt 'mry (תנת אמרי תנת אמרי) wird auf vor 1042 datiert. Es handelt sich um die altspanischen Schlussverse eines panegyrischen Muwaschschah-Gedichtes, die in hebräischen Schriftzeichen geschrieben sind. Im zitierten Artikel von Stern (1948) ist das hebräische Konsonanten-Schriftbild abgedruckt, während spätere Autoren, die sich mit dem Thema beschäftigt haben, in der Regel nur im lateinische Alphabet edierten. So auch der spanische Arabist Emilio García Gómez in seinem Werk Las jarchas de la serie árabe en su marco mit dem Untertitel Edition in lateinischen Buchstaben. Inzwischen sind ca. 70 romanische Ḫarǧas gefunden worden.

Hier, linear angeordnet, 1) der Originaltext in hebräischen Schriftzeichen, 2) die Transliteration der hebräischen Konsonantenschrift ins lateinische Alphabet, 3) eine mögliche Vokalisierung, d. h. Transkription, 4) Übersetzung ins heutige Spanisch, 5) Übersetzung ins Deutsche:

1 תנת אמרי תנת אמרי
2 חביב תנת אמרי
3 אנפרמירון וליוש גידש
4 ידולן תן מאלי

tnt 'm'ry tnt 'mry
hbyb tnt 'm'ry
'nfrmyrwn wlywš gydš
ydwln tn m'ly.

¡Tant' amare, tant' amare,
habibi, tant' amare!
enfermeron welyoš gayados
ya duolen tan male.

¡Tanto amar, tanto amar,
amigo mío, tanto amar!,
[que] enfermaron los ojos llorosos,
ya duelen mucho.

Soviel lieben, soviel lieben,
mein Freund, soviel lieben,
krank wurden [meine] verweinte[n] Augen,
sie schmerzen schon so sehr.

Diese romanische Ḫarǧa, „H18“ der Klassifikation von S. M. Stern folgend, bildet die beiden Schlussversen der letzten, der sechsten Strophe eines panegyrischen Muwaššaḥ, das der jüdische Dichters Yosef al-Katib vor dem Jahre 1042 gedichtet hat. Somit ist erwiesen, dass romanische Ḫarǧas um ein halbes Jahrhundert älter sind als die altprovenzalischen cansos des ersten bekannten Trobadors, des Herzogs von Aquitanien und Grafen von Poitiers Wilhelm IX.:

„Bald wurde diese Dichtungsgattung (Muwaschschah) im islamischen Spanien beliebt. Die älteste erhaltene romanische Ḫarǧa steht in einer Muwaššaḥa, die vor dem Jahre 1042 entstanden ist. Damit kommen wir ein halbes Jahrhundert hinter die ältesten Trobadorlieder, die von Wilhelm von Aquitanien etwa um 1100 verfasst wurden.“

Reinhold Kontzi: Zwei romanische Lieder aus dem islamischen Spanien. (Zwei mozarabische Ḫarǧas)

Die „romanischen“ Ḫarǧas sind zwar wie der übrige Muwaschschah-Text in semitischen Zeichen gehalten, in arabischer oder hebräischer Schrift. Aber sie enthalten einen altspanischen Text in mozarabischem Dialekt. Der mozarabische Dialekt ist zwar romanisch, aber stark arabisiert. Es handelt sich um eine Mischsprache. Werden altspanische Texte mit semitischen Zeichen geschrieben, so spricht man von Aljamiado-Schreibweise.

So sind in den Ḫarǧas romanische Vokabeln mit arabisch-andalusischen Dialektwörtern und Neubildungen zu einer Art makkaronischen Dichtung vermengt. Inwieweit es sich bei diesen „romanischen“ Ḫarǧas um präexistente romanische Volkslyrik handelt oder ob sie von dem jeweiligen Muwaschschah-Dichtern erfunden wurden, ist nach wie vor unter den Gelehrten umstritten.

  1. Der arabischer Plural lautet ḫaraǧat. Ein arabisches Synonym für Ḫarǧa ist markaz
  2. englisch und italienisch kharja; portugiesisch carja; französisch khardja.
  3. Samuel Miklos Stern: Les vers finaux en espagnol dans les Muwaššaḥs hispano-hébraïques. Une contribution à l’histoire du Muwaššaḥ et à l’étude du vieux dialecte espagnol «mozarabe». In: Al-Andalus. Revista de las escuelas de estudios árabes de Madrid y Granada. Band XII, 1948, ISSN 0304-4335, S. 330–332, OCLC 433521591. Volltext der frühesten, auf ca. 1024 datierten Ḫarǧa dieser ältesten Jarcha (N° 18 nach Stern) (Memento vom 24. Januar 2016 im Internet Archive) auf jarchas.net.
  4. So zum Beispiel der spanische Arabist Federico Corriente: By No Means “jarchas mozárabes” in seiner Rezension des Buches von Álvaro Galmés de Fuentes Las jarchas mozárabes: Forma y significado. In: Romance Philology. August 1996, Band 50, n° 1, S. 46–61, JSTOR:44944225.
  5. Demetrio Gazdaru: La más antigua jarya mozárabe. Nueva transcripción e interpretación. In: Filología. Vol. 9, Buenos Aires 1963, ISSN 0071-495X, S. 69–77 (uba.ar [PDF; 22,1 MB]).
  6. Emilio García Gómez: Las jarchas de la serie árabe en su marco. Ed. en caracteres latinos, versión española en calco rítmico y estudio de 43 moaxajas andaluzas. Sociedad de Estudios y Publicaciones, Madrid 1965, OCLC 695458255 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. Hier der Link zur hebräischen Original-Handschrift Oxford: MS heb. e.100/40b (Fragment 1v, FGP No. C 466877) – Kharja 18, die letzten beiden Verse In: bodleian.ox.ac.uk, University of Oxford, Bodleian Library, abgerufen am 22. August 2023.
  8. Siehe auch S. 287 im Buch von Anne Cenname, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche, das ein Foto des Originalmanuskripts von Ḫarǧa H18 enthält.
  9. Ḫarǧa 18. (Memento vom 24. Januar 2016 im Internet Archive) In: jarchas.net. Der dortige Kommentar „Transliteración de caracteres Árabes a grafías latinas“ ist fehlerhaft. Es handelt sich um hebräische Buchstaben, also caracteres hebreos.
  10. Vokalisierung nach Álvaro Galmés de Fuentes: Las jarchas mozárabes. Forma y significado. Crítica, Barcelona 1994, ISBN 84-7423-667-3, S. 192.
  11. Josep Maria Solà-Solé: Las jarchas romances y sus moaxajas. Taurus, Madrid 1990, ISBN 84-306-0173-2, S. 57/59 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  12. Reinhold Kontzi: Zwei romanische Lieder aus dem islamischen Spanien. (Zwei mozarabische Ḫarǧas). In: Romania cantat. Gerhard Rohlfs zum 85. Geburtstag gewidmet. Band II: Interpretationen. Narr, Tübingen 1980, ISBN 3-87808-509-5, S. 308 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.