Industrie- und Betriebssoziologie

Die Industrie- und Betriebssoziologie ist ursprünglich, nach einer Definition von Ralf Dahrendorf, eine „spezielle Soziologie der industriellen Gesellschaft“. Sie hat es laut Dahrendorf „mit dem Ausschnitt des sozialen Handelns zu tun, der durch die industrielle Güterproduktion gegeben ist“. Dieser Definition entspricht eine Untergliederung in die beiden Teilbereiche Industriesoziologie und Betriebssoziologie.

Heute wird der neuere Terminus Arbeits- und Industriesoziologie bevorzugt und die Definition weiter gefasst, indem die Dienstleistungen einbezogen werden. Die Arbeits- und Industriesoziologie ist demnach eine Teildisziplin der Soziologie, die die sozialen Strukturen und das soziale Handeln im Bereich der betriebsförmigen Produktion von Gütern und Dienstleistungen und ihrer Umwelt zum Gegenstand hat. Der Wandel zur industriellen Dienstleistungsgesellschaft war mit neuen Problemlagen verbunden (z. B. Ersetzung menschlicher Arbeitskraft in der Produktion, globale Produktionsnetzwerke, neue Berufsbilder, Vereinbarkeit von Familie und Beruf) und führte zu einem „kognitiven und sozialen Identitätswandel“. Die Soziologie öffnete sich seit den 1980er Jahren der veränderten Thematik. Die Arbeits- und Industriesoziologie untersucht „Formen und Folgen unterschiedlicher Arten von Arbeit in Betrieben und Verwaltungen und deren Wechselwirkungen mit der Gesellschaft insgesamt“.

Vielfach wird die Ansicht vertreten, dass die Arbeits- und Betriebssoziologie aus drei Teilbereichen besteht:

  • Die Industriesoziologie hat mit der Erforschung der Wechselwirkungen zwischen Industriebetrieben und Gesellschaften, mit der sozialen Struktur und Dynamik von Industriebetrieben, mit der Entstehung und Geschichte der Industrialisierung sowie mit deren Auswirkungen auf Arbeitswelt und Gesellschaft zu tun.
  • Die Betriebssoziologie hat mit Strukturen und Ordnungen in privaten und öffentlichen Leistungsorganisationen mit wirtschaftlicher Zwecksetzung zu tun. Ihr Fokus sind weniger die Wechselwirkungen zwischen Organisation und Gesellschaft als die Binnenstrukturen und -verhältnisse in den Organisationen selbst.
  • Die Arbeitssoziologie erforscht die Formen und Bedingungen menschlicher Arbeit generell.

Ihre jeweiligen Forschungsgebiete überschneiden sich. Gemeinsame Schnittmengen haben sie mit der Organisationssoziologie und der Wirtschaftssoziologie.

  1. Ralf Dahrendorf: Industrie- und Betriebssoziologie, de Gruyter, Berlin 1955, S, 7.
  2. Ralf Dahrendorf: Industrie- und Betriebssoziologie. de Gruyter, Berlin 1955, S. 5 f.
  3. Gert Schmidt, Hans-Joachim Braczyk, Jost von dem Knesebeck (Hrsg.): Materialien zur Industriesoziologie. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 24/1982, S. 18ff.
  4. Heiner Minssen: Arbeits- und Industriesoziologie. Campus, Frankfurt am Main 2006, S. 15.