Bürgerliche Gesellschaft

Der Begriff bürgerliche Gesellschaft ist eine Lehnübersetzung des englischen civil society, der wiederum eine Übersetzung des lateinischen societas civilis beziehungsweise des altgriechischen koinonia politiké (κοινωνία πολιτικὴ) ist. Eine Verwendung des Begriffs im Deutschen ist spätestens für das Jahr 1581 durch Marx Rumpolt belegt.

Eine zentrale Stellung nimmt die bürgerliche Gesellschaft bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel ein. In seiner Rechtsphilosophie bezeichnet der Begriff ein Stadium menschlicher Gemeinschaft, welches auf einer Entwicklungsstufe zwischen Familie (unterste Stufe) und Staat (höchste Stufe) angesiedelt ist.

Sozialgeschichtlich bezeichnet bürgerliche Gesellschaft eine europäische Sozialformation des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts mit Beginn der Industrialisierung, die von der schmalen Schicht der Besitzbürger (Bourgeoisie) und Bildungsbürger geprägt war.

In der Umgangssprache und der Politikwissenschaft ist der Begriff seit den 1990er Jahren in zahlreichen Kontexten sowie als Übersetzung des englischen civil society durch den Neologismus Zivilgesellschaft verdrängt worden.

Daneben hat der Begriff semantische Überschneidungen mit dem gesellschaftlichen Ideal einer Bürgergesellschaft: einer Gesellschaft aus freien, mündigen Staatsbürgern, die ihre persönlichen und wirtschaftlichen Angelegenheiten unabhängig von Staat und Kirche frei und autonom regeln.

  1. Manfred Riedel: Gesellschaft, bürgerliche. In: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Band 2. Klett-Cotta, Stuttgart 1975 (klett-cotta.de [abgerufen am 27. Februar 2023]).
  2. Marx Rumpolt: Ein new Kochbuch. Frankfurt (Main) 1581 (deutschestextarchiv.de).
  3. 1 2 Daniel Kremers, Shunsuke Izuta: Bedeutungswandel der Zivilgesellschaft oder das Elend der Ideengeschichte: Eine kommentierte Übersetzung von Hirata Kiyoakis Aufsatz zum Begriff shimin shakai bei Antonio Gramsci (Teil 1). In: David Chiavacci, Raji Steineck, Rafael Suter (Hrsg.): Asiatische Studien – Études Asiatiques. Band 71, Nr. 2. De Gruyter, 2017, ISSN 0004-4717, doi:10.1515/asia-2017-0044 (uzh.ch).
  4. 1 2 Bundeszentrale für politische Bildung: Bürger und Bürgerlichkeit im Wandel | bpb. Abgerufen am 12. Mai 2017.
  5. Werner Fuchs-Heinritz u. a. (Hrsg.): Lexikon zur Soziologie. 3. Auflage. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 1994, S. 127.
  6. Arnd Bauerkämper: Von der bürgerlichen Gesellschaft zur Zivilgesellschaft. Überlegungen zu den Trägern und zur Handlungspraxis sozialen Engagements am Beispiel Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert in globalhistorischer Perspektive. 2010, ISBN 978-3-929619-60-1, S. 3.