Begriffsgeschichte
Die Begriffsgeschichte ist ein Teilgebiet der Geschichtswissenschaft, das sich mit der historischen Analyse von Begriffen beschäftigt. Die Anfänge der Begriffsgeschichte gehen auf methodische Vorschläge deutscher Gelehrter im 18. und 19. Jahrhundert zurück. Den Status einer eigenständigen Disziplin innerhalb der Geschichtswissenschaften erlangte dieser Ansatz aber erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Dies geschah auf der Grundlage begriffsgeschichtlicher Forschungen zu den tiefgreifenden semantischen Veränderungen verschiedener sozialer und politischer Begriffe im Zeitalter der Aufklärung, das als historischer Zeitraum im Übergang zur Moderne verstanden wird. Auf Basis dieser Untersuchungen entwickelte der Historiker Reinhart Koselleck systematisch Theorie und Methodik der Begriffsgeschichte um einige zentrale Prinzipien aus der Linguistik herum. Dazu gehören die Unterscheidung zwischen Begriff und Wort, die Bedeutung eines Wortes/Begriffs zu einer bestimmten Zeit, etwa zur Zeit seiner Verwendung in einem historischen Text (Synchronie) im Gegensatz zur aktuellen Bedeutung, die sich aus dem Bedeutungswandel über die Zeit ergibt (Diachronie), sowie die Lehre von Wortbedeutungen im Kontext (Semasiologie) und deren Gegenstück, der Bezeichnungslehre oder Onomasiologie, die von Gegenständen und Begriffen ausgeht und danach fragt, wie diese zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten bezeichnet werden.
Die ersten Schritte zur Institutionalisierung des Bereichs der Begriffsgeschichte wurden 1955 mit der Gründung der Zeitschrift Archiv für Begriffsgeschichte durch Erich Rothacker und im Jahr darauf mit der Gründung des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte durch Otto Brunner unternommen. Diese erste Zeitschrift kündigte 1967 zwei große Forschungsprojekte zur Erforschung der Begriffsgeschichte an. Das erste dieser Projekte, das ab 1971 erschien, war das von Joachim Ritter, Karlfried Gründer und Gottfried Gabriel herausgegebene Historische Wörterbuch der Philosophie. Ab dem Jahr darauf erschien ein weiteres, ebenso umfangreiches und wichtiges Werk, die von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck organisierten Geschichtliche Grundbegriffe. Neben diesen beiden Projekten gab es noch ein drittes, das 1982 angekündigte und ab 1985 von Rolf Reichardt und Eberhard Schmitt herausgegebene Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich. Beeinflusst von dieser deutschen Tradition entwickelten sich später weitere begriffsgeschichtliche Projekte wie Iberconceptos, das Forscher von der Iberischen Halbinsel und aus Lateinamerika zusammenbrachte, um eine vergleichende Untersuchung der sozialen und politischen Konzepte in der iberoamerikanischen Welt durchzuführen, das European Conceptual History Project, bei dem Forscher verschiedener europäischer Universitäten die Entwicklung von Konzepten innerhalb des europäischen Kontinents analysierten, und das Projekt Global Conceptual History of Asia, 1860–1940, das die methodischen Grundsätze der Globalgeschichte nutzte, um eine Geschichte der Konzepte in Asien von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auszuarbeiten.
Nach ihrer Institutionalisierung ist die Begriffsgeschichte nicht mehr auf den deutschen Kontext beschränkt, sondern Teil der geschichtswissenschaftlichen Agenda verschiedener Universitäten auf der ganzen Welt geworden. Besonders präsent ist sie in Brasilien, Südkorea und in Europa insgesamt. Seit ihrem Aufkommen hat die Begriffsgeschichte einen wichtigen Dialog mit der Sozialgeschichte und der Ideengeschichte geführt, wobei sie einige Prinzipien der ersteren in ihrer disziplinären Verfassung verwendet und sich der letzteren aufgrund einiger methodischer Beschränkungen ihres Ansatzes widersetzt. Als die Begriffsgeschichte nicht mehr auf den deutschen Kontext beschränkt war, begann sie, mit anderen Disziplinen in Dialog zu treten, die dieselbe Art von historischen Quellen aus anderen methodischen Perspektiven untersuchen, wie zum Beispiel die Geschichte der politischen Diskurse. In jüngerer Zeit wurde die Begriffsgeschichte in neue geschichtswissenschaftliche Perspektiven wie die Globalgeschichte integriert, um ihren Ansatz an einige zeitgenössische Anforderungen an die Geschichtswissenschaft anzupassen, etwa die Notwendigkeit, den Eurozentrismus und die ausschließlich auf Nationalstaaten bezogenen Begriffsanalysen zu überwinden.
- ↑ Marcelo Gantus Jasmin, João Feres Júnior: História dos conceitos: dois momentos de um encontro intelectual. In: Marcelo Gantus Jasmin, João Feres Júnior (Hrsg.): História dos conceitos: debates e perspectivas. Editora PUC-Rio/Edições Loyola/IUPERJ, Rio de Janeiro 2006, ISBN 978-85-15-03420-8, 15 Seiten.
- ↑ Melvin Richter: Begriffsgeschichte and the History of Ideas. In: Journal of the History of Ideas. Band 48, Nummer 2, 1987, ISSN 0022-5037, S. 247–263, DOI:10.2307/2709557.