Bhagavad Gita
Die Bhagavad Gita (Sanskrit, f., भगवद् गी, bhagavan – der Erhabene, Gott, gītā – Lied, Gedicht; „der Gesang des Erhabenen“), respektvoll auch Shrimad Bhagavad Gita (Sanskrit: श्रीमद् भगवद् गी, IAST: śrīmad bhagavad gītā; „der Gesang des Höchsten Erhabenen“ oder „der hehre Gesang des Erhabenen“), aufgrund ihrer Popularität aber oft verkürzt nur Gita genannt, ist eine der zentralen Schriften des Hinduismus.
Sie hat die Form eines spirituellen Gedichtes und wird legendär dem Weisen Vyasa zugeordnet, der sie vor rund 5000 Jahren Ganesha zur Niederschrift diktiert haben soll. Real werden mehrere Autoren angenommen, der Entstehungszeitraum des Textes (vom Ursprung bis zur Fertigstellung in der heutigen Gestalt) ist wissenschaftlich umstritten, er liegt zwischen dem 5. Jahrhundert v. Chr. und dem 2./3. Jahrhundert n. Chr., zumindest wesentliche Teile dürften „wahrscheinlich“ aus dem 2. bis 1. Jh. v. Chr. stammen. Der Textinhalt ist eine Zusammenführung verschiedener Denkschulen des damaligen Indien auf Grundlage der älteren Veden (frühvedische Schriften ca. 1200 v. Chr. bis 900 v. Chr.), der Upanishaden (Spätvedische Schriften ca. 700 v. Chr. bis 500 v. Chr.), des orthodoxen Brahmanismus (ca. 800 v. Chr. bis 500 v. Chr.), des Yoga u. a. m., steht aber den Upanishaden gedanklich am nächsten.
Die Bhagavad Gita ist ein Teil des Mahabharata (Sanskrit: महाभारत, Mahābhārata [mʌhaːˈbʱaːrʌtʌ] „die große Geschichte der Bharatas“, sinngemäß auch „die große Geschichte Indiens“), der Schrift über die Familie Bharata (Sanskrit: भारत, bhārata [ˈbʱɑːɻət̪ə]) und deren Nachkommen, im Sinne des Epos vom Kampf der Bhāratas. Der Wagenlenker und Seher Sanjaya (Sanskrit: संजय, saṁjaya, „vollständiger Sieg“) schildert in dem Gesamtepos dem blinden König Dhritarashtra (Sanskrit: धृतराष्ट्र, dhṛtarāṣṭra; „Derjenige, der die Nation trägt“) von Kuru den Kampf der beiden Bharatafamilien, den („guten“) Pandavas und den („bösen“) Kauravas, um die Macht.
In der Bhagavad Gita bildet sich ein Zwiegespräch zwischen Krishna, einer irdischen Erscheinungsform von Vishnu, dem Lehrer, und Arjuna, dem Schüler, ab. Vishnu avancierte in der Zeit der Niederschrift des Werkes neben Shiva zu einem der Hauptgötter des Hinduismus. Krishna gilt als Avatara (Sanskrit: अवतार, avatāra; „Inkarnation, Herabkommen, Manifestation Gottes“), als Inkarnation des Gottes Vishnu auf Erden. In der Rahmenhandlung der Bhagavad Gita legt Krishna als Manifestation des Göttlichen dem jungen Krieger und Prinzen Arjuna auf dem Schlachtfeld zu Kurukshetra die Grundgedanken über das Leben dar. Hierbei zeigt er ihm sein göttliches Wesen und unterweist ihn in Verhaltensregeln zum Erkennen des Göttlichen.
Hindus betrachten die Lehren der Bhagavad Gita traditionell als Quintessenz der Veden. Beim Studium ergeben sich oft scheinbare Widersprüche: Während einige Stellen anscheinend einen Dualismus lehren – die Zweiheit von Natur und Geist, von Gott und Mensch –, lehren andere die Einheit. Durch diese unterschiedlichen Auslegungsmöglichkeiten ist das Gedicht Mittelpunkt für die verschiedensten Glaubensrichtungen. Doch „einen Widerspruch haben die I n d e r in dieser Kombination von Theismus und Pantheismus gar nicht gesehen“, das Gesamtziel der hinduistischen Weltanschauungen ist keine Analyse zwecks Separation, sondern Synthese und Integration, es geht nicht um die (Menge von) Information, sondern um die Transformation, „eine Umwandlung, die den Kern seines Wesens berührt“.
Die Bhagavad Gita ist als religiös-philosophisches Lehrgedicht in 18 Kapiteln mit 700 Versen überliefert, welches um das 2. Jahrhundert n. Chr. in das Nationalepos Mahabarata eingebunden wurde. Die hauptsächlich verwendete Strophenform ist das Shloka-Versmaß, das rezitiert oder besser gesungen werden kann, daher „Gita“. Sie zählt zu den Smriti (Sanskrit: स्मृति, smṛti f., „was erinnert wird“), das sind die Epen (Dichtung) Itihasa (Sanskrit: इतिहास, itihāsa m.; wörtlich: „so (Iti) wahrlich (ha) ist es gewesen (āsa)“), zu denen neben dem Mahabharata auch noch das Ramayana gerechnet wird.
- ↑ Zur herkömmlichen, heute noch vertretenen indischen Sichtweise vgl. etwa Swami Bhakti Gaurava Narasingha in seinem Kapitel „The History of Bhagavad Gita“: „Originally, the Bhagavad-gītā is part of the ancient historical epic, the Mahābhārata, composed by the great sage Vyāsa in approximately 3100 BCE.“ – In: Bhagavad Gītā. Śri Kṛṣṇa's Illuminations on the Perfection of Yoga. With Commentary by Swami B. G. Narasingha. Gosai Publishers, Sri Narasingha Chaitanya Ashram 2017 (Gauranga Vani Publishers, Rupanuga Bhajan Ashram 2022: S. XV).
- ↑ Zur Passage Vyasa – Ganesha siehe Mahabharata, Buch 1: Adi Parva / Anukramanika Parva, Kapitel 1 (Einleitung) – so aber nicht mehr übernommen in die kritische Edition des Bhandarkar Oriental Research Institute (BORI, 1919–1966) und die „ungekürzte“ Ausgabe von Bibek Debroy, Penguin Books India, Haryana 2010(–2014).
- ↑ Vgl. „ca. 200 B.C. is a likely date“ – Johannes A. B. van Buitenen: The Bhagavadgītā in the Mahābhārata. University of Chicago Press, Chicago – London 1981, S. 6. Und noch vorsichtiger formuliert: „One would probably not be going far wrong if one dated it at some time between the fifth and second centuries B.C.“ – Robert C. Zaehner: The Bhagavad-Gītā with a commentary based on the original sources. Claredon Press, 1969. Taschenbuchausgabe: Oxford University Press, London – Oxford – New York 1973, S. 7.
- ↑ „Auf das Problem der Datierung können wir hier nicht im Detail eingehen; es ist, wie bei sehr vielen indischen Texten, kaum oder sehr schwierig zu lösen.“ Michael von Brück (2007), S. 132.
- ↑ Zur Problematik der Entstehung, Einordnung und Datierung vgl. den „Kommentar“ bei Michael von Brück (2007), S. 127ff.
- ↑ Bhārat Gaṇarājya ist die amtliche Bezeichnung für Indien.
- ↑ S. Radhakrishnan: Die Bhagavadgita. R. Löwit, Wiesbaden, S. 17.
- ↑ Richard Garbe: Bhagavadgîtâ. H. Haessel Verlag, Leipzig 1905, S. 10
- ↑ Heinrich Zimmer: Philosophie und Religion Indiens. Rhein-Verlag, Zürich 1961 S. 19–20. Vgl. ebenda S. 340: „Die Behauptung, es gäbe Unterschiede, weist schon darauf hin, daß da ein begreifender Intellekt am Werke ist. Wahrgenommene Gegensatzpaare spiegeln nicht das Wesen der Dinge, sondern das des wahrnehmenden Verstandes wider. Daher muß das Denken, der Intellekt selbst transzendental werden, um zur wahren Wirklichkeit zu gelangen.“