Dhū l-Qarnain

Dhū l-Qarnayn (arabisch ذو القرنين, DMG Ḏū l-qarnain ‚Der mit den zwei Hörnern‘) ist eine in Sure 18 des Qurʾān erwähnte Gestalt, deren Erzählung vornehmlich den Bau einer schützenden Barriere gegen die apokalyptischen Völker Gog und Magog thematisiert. „Der Zweihörnige“ wird in der Forschung überwiegend mit Alexander dem Großen gleichgesetzt, gelegentlich jedoch auch mit Kyros II. und vereinzelt mit Kaiser Herakleios von Byzanz.

In Sure 18 (al-Kahf, Verse 83–101) des Qurʾān unternimmt Dhū l-Qarnayn drei symbolische Reisen:

  1. Zunächst erreicht er den westlichen Rand der bewohnten Welt, wo er – aus seiner Perspektive (arabisch عَيْنٍ ʿaynin, „Auge“) – die Sonne in einer dunklen Schlammpfütze (ʿaynin ḥami-atin) versinken sieht.
  2. Sodann gelangt er zum östlichen Horizont, um das Aufgehen der Sonne über einem von ihr ungeschützten Volk zu beobachten.
  3. Schließlich begegnen ihm zwischen zwei Absperrungen (السَّدَّيْنِ l-sadayni) Menschen, die nur wenige Worte verstehen und ihn um Schutz vor Ya'dschudsch und Ma'dschudsch / يأجوج ومأجوج Yaʾǧūǧ wa-Maʾǧūǧ / (Gog und Magog) bitten. Anschließend verfüllt er (رَدْمًا, radman) die beiden Absperrungen mit Eisenerz und übergießt sie mit qiṭʿrān (قِطْرًا) – klassischerweise als „geschmolzenes Kupfer“ gedeutet –, wodurch die apokalyptischen Völker endgültig eingeschlossen werden.

Über seine Funktion als frommer Muslim und Verkünder göttlicher Gerechtigkeit sowie Barmherzigkeit herrscht Konsens, sein Rang als Prophet jedoch bleibt in der islamischen Exegese umstritten.

  1. William Montgomery Watt: al-Iskandar. In: Encyclopaedia of Islam. 2. Auflage. Band 4. 1997, S. 127.
  2. V. Popp, K.-H. Ohlig: Der frühe Islam. Eine historisch-kritische Rekonstruktion anhand zeitgenössischer Quellen. 2. Auflage. Schiler Verlag, 2010, S. 36 ff.
  3. ع ي ن In: The Quranic Arabic Corpus Quran Dictionary. University of Leeds, Language Research Group, abgerufen am 25. Mai 2025 (englisch).
  4. Gotthard Strohmaier: Avicenna. Beck, München 1999, ISBN 3-406-41946-1, S. 65 (zum „schlammigen Quell“ der Materie).
  5. Watt 1997.