Die Sonette an Orpheus

Die Sonette an Orpheus sind ein Gedichtzyklus von Rainer Maria Rilke. Er verfasste die 55 Sonette in wenigen Tagen wie im „rätselhaftesten Diktat“, in derselben Zeit im Februar 1922, in der er die seit vielen Jahren stockende Arbeit an den Duineser Elegien beendete. Unmittelbar vor dem Wiederbeginn der Arbeit an den Duineser Elegien schrieb er den ersten Teil der Sonette und gleich nach Fertigstellung der Elegien den zweiten Teil. Die Reihenfolge der Gedichte folgt nahezu genau der Reihenfolge ihrer Entstehung.

Rilke bezeichnet sein Werk im Untertitel als „Ein Grab-Mal für Wera Ouckama Knoop“. Das „Gedenken“ an eine junge, früh verstorbene Frau ist wesentlicher Teil des antiken Orpheus-Mythos. Wenn auch nur zwei Sonette (I, XXV und II, XXVIII) sich unmittelbar auf Wera beziehen, so „beherrscht [der Bezug auf sie] und bewegt den Gang des Ganzen und durchdrang immer mehr“, schreibt Rilke. Orpheus, an den die Gedichte gerichtet sind, wird viermal mit Namen und immer wieder in Anspielungen aufgerufen.

  1. Rilke an Gräfin Sizzo, 12. April 1923, in: Rainer Maria Rilke: Die Briefe an Gräfin Sizzo 1921–1926, hg. v. Ingeborg Schnack, Frankfurt am Main 1977, S. 60.
  2. Rilke an Katharina Kippenberg, 23. Februar 1922:: „Die beiden Teile ergaben sich durch die Entstehungszeiten; Anfang Februar [1922] und (Teil II) jetzt, in diesen Tagen. Dazwischen brauste der grosse Sturm der Elegien herein. - So ist auch (mit zwei Ausnahmen, da Gedichte durch andere ersetzt wurden) die Anordnung innerhalb der beiden Abschnitte die chronologische geblieben; für jede Umstellung fehlt mir der Abstand. Auch mag diese Folge, der Entstehung nach, ihre Berechtigung mitbringen, weil oft mehrere Sonette an einem Tage, ja beinah gleichzeitig, sich entstellten, so dass mein Bleistift Mühe hatte, mit ihrem Auftreten Schritt zu halten.“ In: Rainer Maria Rilke / Katharina Kippenberg: Briefwechsel. Insel Verlag, Wiesbaden 195. S. 455.
  3. Eine junge Tänzerin (1900–1919); Tochter des Schriftstellers Gerhard Ouckama Knoop und seiner zweiten Frau, Gertrud Ouckama Knoop
  4. So in einem Brief vom 7. Februar 1922, den er nach Fertigstellung des ersten Teils der Sonette an die Mutter Weras, Gertrud Ouckama Knoop, schreibt. Zitiert nach Ingeborg Schnack: Rainer Maria Rilke. Chronik seines Lebens und seines Werkes. 2. Auflage. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1996. S. 779.