Distanzharmonik

Distanzharmonik ist die zusammenfassende Bezeichnung für Kompositionstechniken, bei denen der Aufbau oder die Aufeinanderfolge von Akkorden oder Tonarten nicht durch qualitative Kriterien bestimmt wird (also z. B. durch Konsonanz / Dissonanz von Intervallen, durch Tonstufencharaktere oder Akkordfunktionen oder Tonartenverwandtschaften in der Dur-/Moll-Tonalität), sondern durch die rein quantitative Distanz der Töne voneinander. Der Begriff „Distanz“ wurde in der Musikpsychologie von Carl Stumpf für ein räumliches Erleben von Intervallabständen nur nach ihrer physikalisch-akustischen Größe eingeführt.

Viele distanzielle Kompositionstechniken beruhen auf der regelmäßigen, periodischen Teilung der Oktave in mehrere gleiche Intervalle oder Intervallgruppen. Die Bedeutung dieser Verfahren ist so groß, dass manche Autoren den Begriff „Distanzharmonik“ damit gleichsetzen und ihn so definieren. Zu ihnen gehören insbesondere Zsolt Gárdonyi und Hubert Nordhoff, die die erste umfassende Untersuchung zum Distanzprinzip vorgelegt haben. Demgegenüber bezeichnen andere Autoren weitere Techniken als „distanziell“, denen keine gleichmäßige Oktavteilung zu Grunde liegt. Gelegentlich bleibt die engere oder weitere Definition auch innerhalb einer Publikation ungeklärt oder widersprüchlich.

  1. 1 2 Norbert Jürgen Schneider: Harmonik nach 1900: Klangfindung und Klangstruktur. In: Walter Salmen, Norbert Jürgen Schneider (Hrsg.): Der musikalische Satz. Edition Helbling, Innsbruck 1987, ISBN 3-900590-03-6, S. 193.
  2. Zsolt Gárdonyi, Hubert Nordhoff: Harmonik. 1. Auflage. Möseler, Wolfenbüttel 1990, ISBN 3-7877-3035-4, S. 156.
  3. Christoph Wünsch: Satztechniken im 20. Jahrhundert. Bärenreiter, Kassel 2009, ISBN 978-3-7618-1747-6, S. 20.
  4. Christiane Michel-Ostertun: Intonationen im gemäßigt modernen Stil (6): Distanzharmonik. 9. Juli 2020, abgerufen am 12. März 2023 (deutsch).
  5. Reinhard Amon: Lexikon der Harmonielehre. Nachschlagewerk zur durmolltonalen Harmonik mit Analysechiffren für Funktionen, Stufen und Jazz-Akkorde. Doblinger, Wien 2005, ISBN 3-900695-70-9, S. 17 und 281 (Die beiden Stellen besprechen völlig verschiedenartige Techniken und suggerieren jeweils, damit den Begriff „Distanzharmonik“ zu definieren.).