El Choclo

El Choclo (spanisch: „der Maiskolben“) heißt der erotisch-zweideutige Titel dieses gleich nach La Cumparsita, A media luz und Adiós muchachos international meistgespielten Tangos.

El choclo ist das Meisterwerk Ángel Villoldos, eines berühmten Komponisten der Alten Garde, der Guardia Vieja.

Das ursprüngliche Instrumentalstück wurde am 3. November 1903 in Buenos Aires in dem eleganten Restaurant „El Americano“ von Villoldos Freund, dem Pianisten und Arrangeur José Luis Roncallo, uraufgeführt. José Luis Roncallo hat auch die bekannte Klavierpartitur verfasst, die wegen ihrer ins Auge fallende, künstlerisch gestalteten Titelseite in der Tangoliteratur immer wieder abgedruckt wird. Mit dieser Uraufführung in einem von der Oberschicht besuchten Lokal begann die gesellschaftliche Akzeptanz des Tangos, der bis dahin nur von der Unterschicht getanzt wurde. Villoldo initiierte den Kulturtransfer des Tangos nach Europa:

„Zusammen mit dem Ehepaar Alfredo Gobbi (Anmerkung: uruguayischer Violinist und Orchesterleiter) unternahm Villoldo 1907 eine Reise nach Paris, die insofern eine gewisse historische Bedeutung besitzt, da er und die Gobbis damals den Tango zum erstenmal öffentlich in Europa vorstellten.“

Dieter Reichardt: Tango. Verweigerung und Trauer. Kontexte und Texte, S. 74/75.

Der argentinische Volksmund verlieh dem populären Komponisten Ángel Gregorio Villoldo wegen seiner Bedeutung für die Entwicklung des gesungenen und getanzten Tangos den Ehrentitel El papá del tango criollo, Vater des argentinischen Tangos.

Erst vierzig Jahre später dichtete der Tangopoet Enrique Santos Discépolo die Gesangsvariante, die sich in der hispanophonen Welt im tango de canción, im gesungenen Tango, durchgesetzt hat. Darin wird der Aufstieg des Tangos aus verruchten Kreisen wie Elendsvierteln und Rotlichtmilieu in die bourgeoise Welt der höheren Schichten, im Umweg über die Metropole Paris, metaphorisch geschildert:

V01 Con este tango que es burlón y compadrito
V02 Batió sus alas la ambición de mi suburbio.
V03 Con este tango nació el tango, y como un grito
V04 Salió del sórdido barrial buscando el cielo …

V19 Carancanfunfa se hizo al mar con tu bandera
V20 Y en un pernó mezcló a París con Puente Alsina

Mit diesem Tango, der spöttisch und aufschneiderisch ist,
Schlug der Ehrgeiz meiner Vorstadt mit seinen Flügeln.
Mit diesem Tango wurde der Tango geboren, und wie ein Schrei
Erhob er sich aus dem schmutzigen Elendsviertel und suchte den Himmel …

Ein geschickter Tangotänzer machte sich auf übers Meer mit Deiner Flagge
Und mischte in einem Pernod, Paris und Alsinabrücke …

  1. Von der Habanera zum Tango El Choclo, Mariano Marzán auf YouTube
  2. Etymon ist das Quechua-Wort ‘choccllo’. Diccionario etimológico español en línea: choclo: «La palabra choclo viene del quechua ‘choccllo’»
  3. Andere Quellen nennen als Datum den 3. November 1905.
  4. Biografie über José Luis Roncallo in spanischer Sprache auf Todotango.com
  5. Dieter Reichardt: Tango. Verweigerung und Trauer. Kontexte und Texte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-518-37587-3.
  6. Textversion Discépolos, El choclo II auf hermanotango.com
  7. Erläuterung des Liedtextes Discépolos auf YouTube in spanischer Sprache mit spanischen Untertiteln
  8. Vers 02, „batió sus alas la ambición de mi suburbio” statt „Se ató dos alas la ambición de mi suburbio”.
    In Tangotext-Anthologien und auf einschlägigen Tango-Lyrics Webseiten heißt es in Vers 02: „Se ató dos alas la ambición de mi suburbio“ (Band sich der Ehrgeiz meiner Vorstadt zwei Flügel um). Genauso singen Raúl Berón und Charlo in den Aufnahmen aus dem Jahre 1952. Dagegen singen die Vokalisten Libertad Lamarque (1947), Alberto Castillo (1948) und Tita Merello (1949) in den unter „Weblinks“ zitierten Aufnahmen „batió sus alas la ambición de mi suburbio” (Schlug der Ehrgeiz meiner Vorstadt mit seinen Flügeln).
  9. Filmausschnitt, La historia del tango, 1949 (ab 0:00:53) auf YouTube — Tita Merello singt den Liedtext Discépolos.
  10. Das Lunfardo-Wort Carancanfunfa bezeichnet in der Sprache der Vorstädter den mit Brüchen (cortes) getanzten Tango und den geschickten Tangotänzer, der diesen Stil beherrscht: Geschichte des Tangos — Wörterbuch des Lunfardo
  11. Puente Alsina heißt eine Brücke über den Río Riachuelo in Buenos Aires
  12. Apostrophe an den personfizierten Tango