Geschichte des Eiskunstlaufes

Die Geschichte des Eiskunstlaufes reicht bis in die Jungsteinzeit zurück. Archäologische Funde belegen, dass Gleitkufen aus Unterbeinknochen (Rind, Pferd oder Rentier) gefertigt wurden. Der älteste Fund wird auf 4000 Jahre geschätzt und stammt aus der Schweiz. Er wird in der Berner Stadtbibliothek aufbewahrt. Ein etwas jüngerer Fund trat in Nähe des Burabai-Sees im nördlichen Kasachstan zu Tage. Weitere Funde aus frühgeschichtlicher Zeit verzeichnet der Forscher Matthias Hampe für Ungarn, Österreich, Holland, England und Skandinavien, später auch für Deutschland.

Vorwiegend in wasserreichen Gebieten des Nordens wurden diese Schlittschuh-Vorformen als Mittel zur schnellen Fortbewegung eingesetzt. In ihrer Frühgeschichte ist die Bewegungskultur auf dem Eis daher eher als Eislauf zu bezeichnen. Mit Kufen versehenes Schuhwerk diente dem Zurücklegen großer Strecken und wurde auch zur Jagd genutzt. Doch die Übergänge vom funktionellen Eislauf zum gestalteten Eiskunstlauf zeigen sich als fließend.

Verschiedene Erzählungen und eine reiche Bildgeschichte dokumentieren, dass das Eislaufen in den Niederlanden seit dem 14. Jahrhundert praktiziert und als darstellungswürdig wahrgenommen wurde. Dabei lösten um 1300 eisenbeschlagene Holzschlittschuhe den Knochenschlittschuh ab. Kanten boten nun Halt und Abstoß. Stöcke erübrigten sich, die Arme wurden frei, die Bewegungen waren steuerbar.

Seit dem 16. Jahrhundert entwickelte sich die Fortbewegung auf Schlittschuhen zu einem bürgerlichen Breitenphänomen. Aus den Niederlanden strahlte der Trend in andere europäische Länder aus. Eisfeste, teils als Karnevals-Maskeraden gestaltet, sind für die führenden Höfe in Wien und Versailles belegt. Im Rahmen höfischer Repräsentation spielten Prunkschlitten jedoch eine übergeordnete Rolle.

Rückkehrende politische Flüchtlinge aus Holland brachten den Eiskunstlauf etwa um 1660 nach England. Hier übte sich vornehmlich der Adel in der neuen Bewegungskunst. Als „Gentle Art“ gewann „Skating“ zunehmend eine elitäre Färbung und wurde in exklusiven Clubs gepflegt: 1742 wurde in der schottischen Stadt Edinburgh unter Patronage des Herzogs der weltweit erste Eislaufverein gegründet. Eingeübte Posen und Haltungen dienten zur Abgrenzung von volkstümlicher Vergnügung. Nur über eine Eingangsprüfung wurde die Aufnahme in den Edinburgh Skating Club gewährt. Robert Jones gab 1772 das erste illustrierte Eiskunstlauf-Lehrbuch der Welt heraus.

In Ländern des späteren Deutschen Reiches stellte sich die Akzeptanz für die in den Niederlanden verbreitete Bewegungskultur nur zögerlich ein und blieb lange Zeit mit negativen Moralvorstellungen behaftet. Eislaufen galt als jugendliches Vergnügen und war eher in einfacheren Schichten beheimatet. Erst Intellektuelle wie der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock, der mit dem Eislaufen am Kopenhagener Hofe Friedrich V. vertraut gemacht worden war, konnten im aufklärerischen Sinne von dem Nutzen der individuellen physischen Betätigung in freier Natur überzeugen. Zu nennen sind hier seine Oden „Der Eislauf“ (1764), „Braga“ (1766), und „Die Kunst Tialfs“ (1767). Das Eislaufsymbol, so der Forscher Matthias Hampe, erscheint als Metapher des Protestes gegen tradierte gesellschaftliche Zwänge. Einen treuen Verbündeten fand der Eislaufwerber Klopstock in Goethe, der den Eislauf 1775 am Weimarer Hofe einführte. Im Jahr 1796 schrieb auch er ein Eislaufgedicht „Der Winter“.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts kam es schließlich in vielen Teilen der Welt zur Gründung von Eislaufvereinen. Inzwischen vermochte man es auch, künstliche Eisflächen zu präparieren. Die winterliche Bewegungskultur erlebte einen enormen Aufschwung und sah einer zunehmenden Kultivierung als sportliche, musische und ästhetische Betätigung entgegen.

So nahm das Internationale Olympische Komitee (IOC) den Eiskunstlauf bereits zu seiner Gründung 1894 in den Reigen durchzuführender Sportdisziplinen auf. Tatsächlich wurden erst 1908 Wettkämpfe im Eiskunstlauf in London ausgetragen, 1920 folgten in Antwerpen Wettbewerbe im Eishockey und 1924, anlässlich der ersten Winterspiele, in Chamonix, im Eisschnelllauf.

Zuletzt wurde der Eistanz in Innsbruck 1976 in den Rang einer olympischen Disziplin erhoben.

  1. 1 2 3 4 Matthias Hampe: Stilwandel im Eiskunstlauf: eine Ästhetik- und Kulturgeschichte. In: Europäische Hochschulschriften : Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften. Band 608. Lang, Frankfurt am Main / Wien 1994, ISBN 3-631-47515-2, S. 15–16.
  2. Sibylle Schmidtke: Eiskunstlauf und schulische Bildung - zwei Chancen für eine gelingende berufliche Integration, Dissertation. (PDF) In: https://mediatum.ub.tum.de/. Technische Universität München, 2007, abgerufen am 10. November 2025.
  3. Agnes Meisinger: 150 Jahre Eiszeit : die große Geschichte des Wiener Eislauf-Vereins. Hrsg.: Wiener Eislauf-Verein. Böhlau Verlag, Wien Göttingen 2017, ISBN 978-3-205-20689-7, S. 17, doi:10.7767/9783205206897.
  4. 1 2 Max Wirth: Der Eislauf. In: Ernst Keil (Hrsg.): Die Gartenlaube. Heft 51, 52. Verlag von Ernst Keil, Leipzig 1868, S. 806–808, 823–824.
  5. Meisinger 2017, S. 18
  6. Hampe 1994, S. 26–27
  7. 1 2 Monica Kurzel-Runtscheiner: Theatralik auf Schnee und Eis. Burnacini und die Schlitten des 16. und 17. Jahrhunderts. In: Andrea Sommer-Mathis, Daniela Franke und Rudi Risatti (Hrsg.): Spettacolo barocco! Triumph des Theaters. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2016, ISBN 978-3-7319-0347-5, S. 209–2017.
  8. Hampe 1994, S. 23–24
  9. 1 2 Meisinger 2017, S. 19
  10. Hampe 1994, S. 21
  11. Robert Jones with contributions by W. E. Cormack: A treatise on Skating. Hrsg.: B. A. Thurber. Skating History Press, Evanston 2017, ISBN 978-1-948100-00-7, S. iv+98 pages, 11 black and white figures.
  12. Robert Jones: A Treatise on Skating; founded on certain Principles deduced from many Years' experience; by which that noble Exercise is now reduced to an Art, and may be taught and learned by a regular Method, with both Ease and Safety. The Whole illustrated with Copper-plates, representing the Attitudes and Graces, sold by J. Ridley in St. James’s Street, London 1772. In: https://www.schaatshistorie.nl/. Abgerufen am 15. November 2025.
  13. Abraham à Sancta Clara: Huy! und Pfuy der Welt : Huy, oder Aufrischung Zu allen schönen Tugenden: Pfuy, oder Abschreckung Von allen schädlichen Lastern: Durch unterschiedliche sittliche Concept, Historien und Fabeln vorgestellt. Worinnen der Poet, Prediger, und waserley Standes-Personen für ihren Kram etwas finden können. Martin Frantz Hertzen, Nürnberg 1710, S. 300 (Kupferstich: Glacies).
  14. Friedrich Gottlieb Klopstock: Der Eislauf. In: Oden. Hamburg 1771, S. 151. (Digitalisat)
  15. Braga - Gedicht von Friedrich Gottlieb Klopstock - Poesie Oase. Abgerufen am 17. November 2025.
  16. Hampe 1994, S. 28–29
  17. Hampe 1994, S. 28 und S. 141–143
  18. August Gassner: Goethe als Eisläufer. Lang, Bern 1990, ISBN 3-261-04153-6.
  19. Johann Wolfgang von Goethe: Vier Jahreszeiten: Winter. In: Berliner Ausgabe. Poetische Werke (Band 1–16) (= Berliner Ausgabe. Poetische Werke. Band 1). Berlin 1960, S. 267–271. (online)
  20. Meisinger 2017, S. 19
  21. Meisinger 2017, S. 39