Ghulāt
Als Ghulāt (arabisch غلاة, DMG ġulāt ‚Übertreiber, Extremisten‘) werden in der islamischen Doxographie solche schiitische Gruppen bezeichnet, die in der Verehrung der Imame so weit gehen, dass sie ihnen göttliche Eigenschaften beimessen oder sie als Propheten oder Engel verehren. Diese extreme Art der Imam-Verehrung wird Ghulūw genannt. Zu den bekanntesten klassischen Vertretern dieser schiitischen Richtung gehörten Abū Mansūr al-ʿIdschlī, al-Mughīra ibn Saʿīd und Abū l-Chattāb. Auch die Churramiten wurden teilweise zu den Ghulāt gezählt. Als Oberbegriff für die verschiedenen Ghulāt-Gruppen wird auch häufig das Wort al-Ghāliya („die Übertreibenden“) verwendet. In der klassischen islamischen Doxographie gilt diese „übertreibende Gruppe“ neben Imamiten und Zaiditen als die dritte Hauptgruppe der Schia. Imamitische Gelehrte bemühten sich, die Lehren der Ghulāt zu widerlegen, und verfassten zu diesem Zweck bis zum 11. Jahrhundert mehr als ein Dutzend Bücher. Nach Heinz Halm war im Irak vor Herausbildung der imamitischen Orthodoxie der Ghulūw die „ursprüngliche Form“ der Schia.
- ↑ Siehe zum Beispiel Ibn Ḥazm: al-Faṣl fi-l-milal wa-l-ahwāʾ wa-n-niḥal. 1996, Bd. V, S. 35.
- ↑ al-Qāḍī: „The Development of the Term Ghulāt in Muslim Literature“. 1976, S. 309, 316f.
- ↑ Halm: „‘Das Buch der Schatten’: Die Mufaḍḍal-Tradition der Ġulāt und die Ursprünge des Nuṣairiertums“. 1981, S. 86.