Hamwic

Hāmwic war eine bedeutende Handels- und Hafenstadt im angelsächsischen Königreich von Wessex, es lag auf dem Gebiet von St. Marys, einem Stadtbezirk des heutigen Southampton, im County Hampshire, Großbritannien.

Nach einer mehr als zweihundertjährigen Unterbrechung zwischen ca. 400 und ca. 600 regten sich in Southampton wieder die ersten Anzeichen urbanen Lebens. Das im 7. Jahrhundert aufstrebende Wessex schöpfte seine wachsende Macht im Wesentlichen aus dem Reichtum, der aus der Wiederbelebung bzw. Ausbau der alten Handelsverbindungen lukriert werden konnte, also in jener Zeitperiode, in der auch in Hamwic monetarisierter Handel und Gewerbe prosperierte. Hamwic entwickelte sich während des 8. Jahrhunderts von einer kleinen Siedlung in relativ kurzer Zeit zum größten Gewerbe-, Handwerks- und Handelsplatz (lateinisch emporium) in Wessex, der aber stets ein wenig im Schatten der benachbarten westsächsischen Metropole Winchester stand. Es war dadurch Teil eines weitverzweigten Netzwerks von Handelsmittelpunkten in Nordeuropa geworden. Die angelsächsischen Emporien waren Zentren für den Verbrauch, bzw. die Umverteilung von Rohstoffen aus dem Hinterland oder Erwerb von Importgütern gegen Zahlung von Münzgeld. Im 8. Jahrhundert war es der am dichtesten bevölkerte Ort auf der Insel, vergleichbar nur mit London und York. Auch die archäologischen Untersuchungen der letzten fünfzig Jahre bestätigten den städtischen Charakter Hamwics, in dem zeitweise mehrere tausend Menschen gelebt haben könnten. Es fungierte auch als Hafen für die Nachbarstädte Salisbury (Old Sarum), der Residenzstadt Winchester (Wintanceastre) und war Ausgangspunkt für Überfahrten nach Kontinentaleuropa. Hamwic verfiel gegen Ende des 9. und Anfang des 10. Jahrhunderts wieder, ausgelöst durch gravierende wirtschaftliche und politische Veränderungen, die teilweise auch auf die wiederholten Plünderungen der Wikinger zurückgingen. Ihre Nachfolgerin, Hampton, stieg ab dem 11. Jahrhundert jedoch abermals zu einer der wohlhabendsten und kosmopolitischsten Hafenstädte des mittelalterlichen England auf. Das heutige Southampton zählt somit zu jenen Städten in England, die keine römischen Wurzeln haben. Zusammengefasst gewähren die Funde aus Hamwic einen aufschlussreichen Einblick in die Zeit der Wiedergeburt der Städte im nachrömischen Europa.

  1. Anm.: Die hier verwendete Definition einer Stadt orientiert sich an Martin Biddle, der der Meinung war, dass ein Ort dann als Stadt gilt, wenn er mehr als eine der folgenden Kriterien besitzt, bzw. erfüllt:
    • Verteidigungsanlagen,
    • ein planmäßig angelegtes Straßensystem,
    • Abhaltung von Markttagen,
    • das Vorhandensein einer Münzprägestätte,
    • einen rechtlichen Autonomiestatus,
    • eine zentralörtliche Funktion,
    • eine relativ große Bevölkerung,
    • eine diversifizierte wirtschaftliche Basis,
    • Grundstücke und Häuser „städtischen“ Charakters,
    • soziale Differenzierung,
    • eine komplexe religiöse Organisation und
    • Ausübung der Rechtssprechung. (Martin Biddle: „ Towns“, in D. M. Wilson (Hrsg.), The Archaeology of Anglo-Saxon England, London, 1976, S. 99-150.)
  2. Hamwic, Hampshire’s Anglo Saxon Port (abgerufen am 23. November 2022).