Historia Langobardorum

Die Historia Langobardorum (Geschichte der Langobarden) ist das Hauptwerk des Langobarden Paulus Diaconus († wohl vor 800). Das Werk verfasste er gegen Ende seines Lebens, wohl nach 787 und nicht später als 796. In seinem aus sechs Büchern (libri) bestehenden Werk, wie in dieser Zeit üblich auf Latein, versucht Paulus die Geschichte seiner gens, der Langobarden, nach den Grundsätzen antiker Geschichtsschreibung darzustellen, was auch für die Geschichten über einzelne langobardische Heroen gilt, die starke Analogien zu solchen der antiken Historiographen aufweisen. Gleichzeitig gilt es, die Vorgänge in den göttlichen Heilsplan einzubinden. In diesem Plan erhalten die nach-römischen gentes einen legitimen Platz mit entsprechenden Aufgaben und Verdiensten, aber auch dem nach antikem Muster sich bereits ankündigenden Untergang. Dabei nennt Paulus als Tugenden seiner gens laut Stefano Gasparri vor allem „Mut, Ergebenheit gegenüber seinen Führern, Ehrgefühl“.

Paulus greift bei seiner Erzählung bis in die legendäre Zeit der Aufteilung der ursprünglich in Skandinavien ansässigen gens zurück. Das Werk endet mit dem Tod König Liutprands im Jahr 744 und somit bereits drei Jahrzehnte vor der Eroberung des Langobardenreichs durch die Franken unter der Führung Karls des Großen. Den Untergang des Reiches, den Paulus auf die Vernachlässigung der Religion durch den langobardischen Herrscher zurückführt, in deren Folge Johannes der Täufer das Reich nicht länger geschützt habe, stellt der Verfasser nicht dar.

Paulus, der einer adligen Familie aus dem Friaul entstammte, hielt sich wohl unter König Ratchis zwischen 744 und 749 am langobardischen Königshof in Pavia auf, Jahrzehnte später am Hof Karls des Großen. Zu diesem stand er bald in einem persönlichen, aber auch wirtschaftlich abhängigen Klientelverhältnis, denn sein Patron schreibt in einem Brief „Paulo, diacono, familiari, clientulo nostro“.

Die Geschichte der Langobarden schrieb er schließlich in seinem süditalienischen Benediktinerkloster, nach eigener Aussage zumindest partiell im Kloster Montecassino, wobei er sich – mehrfach seine geringen literarischen Fertigkeiten bedauernd – insgesamt an fünfzehn Stellen seiner Historia selbst erwähnt. Wann er in das Kloster eingetreten ist, ist nicht bekannt.

Das Opus bildet die bei weitem wichtigste Grundlage weiter Teile der Geschichtsschreibung zum Italien der Zeit zwischen 568 und 744. Es wurde vielfach kopiert. Die überlieferten Abschriften weisen verhältnismäßig geringe Abweichungen voneinander auf. Schon Andreas Bergomas, der die Historia Langobardorum bis 877 fortsetzte (Adbreviatio de gestis Langobardorum), und Erchempert von Benevent verweisen explizit auf Paulus’ Werk. Überliefert ist die Kenntnis von rund 200 Abschriften, davon sind 115 erhalten. Seit 1480 wurde das Werk, dessen Autograph verschollen ist, häufig gedruckt; die beste Edition bietet immer noch die Fassung im Rahmen der Monumenta Germaniae Historica von 1878. Das Werk wurde vielfach übersetzt.

  1. Der Textanfang lautet: „[In qua Droctulft dux Langobardis confugerat seque partibus imperatoris tradens sociatus militibus, Langobardorum] exercitui fortiter resistebat. Iste ex Suavorum hoc est Alamannorum gente oriundus inter Langobardos creverat et quia erat forma idoneus ducatus honorem meruerat / …“.
  2. Dabei spielen auch indirekte Einflüsse eine Rolle, so etwa durch Herodot oder Livius, Vergil und Horaz. Wie weit die Griechischkenntnisse des Paulus reichten, ist unklar.
  3. Rosa Maria Lucifora: Motivi classici nella Historia Langobardorum di Paolo Diacono. La caccia di Liutprando, in: Tradizione culturale, relitti linguistici e memoria, 2024, S. 931–952 (online, PDF).
  4. Stefano Gasparri: Paulus Diaconus, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 6, Artemis & Winkler, München/Zürich 1993, Sp. 1825 f., hier: Sp. 1826.
  5. Christopher Timothy Heath: Narrative Structures in the Work of Paul the Deacon, PhD, Manchester 2012, S. 28.
  6. Andreae Bergomatis Historia, dMGH, Scriptores rerum langobardicarum et italicarum saec. VI–IX, Hannover 1878, S. 220–230.
  7. Laura Pani: Aspetti della tradizione manoscritta, in: Paolo Chiesa (Hrsg.): Paolo Diacono. Uno scrittore fra tradizione longobarda e rinnovamento carolingio, Forum, Udine 2000, S. 367–412.