Iunius Otho

Iunius Otho war ein römischer Senator und Rhetor der frühen Kaiserzeit.

Über seine Herkunft, seine Familie und seine Lebensumstände ist nichts Näheres bekannt. Seneca der Ältere nennt ihn mehrfach Iunius Otho pater. Er wirkte als Lehrer der Redekunst; Tacitus bemerkt, es sei für ihn eine alte Tätigkeit gewesen, einen rhetorischen Lehrbetrieb auszuüben (Iunio Othoni litterarium ludum exercere vetus ars fuit). In Rom leitete er somit eine Rhetorenschule.

Politisch verdankte er seinen Aufstieg der Gunst des Lucius Aelius Seianus. Durch dessen Einfluss wurde er Senator und im Jahr 22 n. Chr. Prätor. In diesem Amt beteiligte er sich, zusammen mit Mamercus Aemilius Scaurus und Bruttedius Niger, an der Anklage gegen Gaius Iulius Silanus, den Prokonsul der Provinz Asia, der wegen Erpressung (repetundae) angeklagt war. Der Kern der Anklage betraf Erpressung und Amtsmissbrauch. Im Verlauf des Verfahrens wurden jedoch zusätzlich Majestätsvorwürfe (maiestas) ins Spiel gebracht, offenbar um Unterstützer des Angeklagten einzuschüchtern und das Verfahren politisch zu verschärfen.

Die wichtigste Quelle zu seiner Person ist Seneca der Ältere mit seinen Controversiae. Otho verfasste vier Bücher über sogenannte „colores“, also rhetorische Deutungs- und Verteidigungsstrategien. Seneca überliefert zahlreiche Beispiele aus seinen Deklamationen und ist damit die Hauptquelle für seine rhetorische Tätigkeit. Das Lob Senecas bleibt jedoch begrenzt: Anerkennung findet Otho vor allem in besonders schwierigen Fällen, in denen eine Sache nicht offen behauptet, sondern zwischen Andeutung und Zurückhaltung kunstvoll geführt werden musste. Zugleich kritisiert Seneca wiederholt die gekünstelte und sophistische Zuspitzung vieler seiner „colores“. Sein Stil war antithesenreich, pointiert und suchte häufig den scharf zugespitzten, wirkungsvollen Ausdruck.

Charakteristisch für seine Technik der „colores“ ist etwa die von Seneca dem Älteren überlieferte Deklamation über den Maler Parrhasios. Dieser habe einen Kriegsgefangenen zu Tode foltern lassen, um ihn als Modell für einen zürnenden Gott zu benutzen. Während die Mehrheit der Redner Anklage erhob, ließ Otho den Künstler argumentieren, er habe einen Gott darstellen wollen, der über den Verrat an seiner Stadt erzürnt sei.

In einer anderen Schuldeklamation aus dem Sakralrecht ließ er im Fall einer vom Felsen gestürzten, aber überlebenden Frau geltend machen, sie habe sich gleichsam seit Beginn ihres Fehlverhaltens auf die Strafe vorbereitet und das Fallen gelernt. Seneca bezeichnet diese Konstruktion ausdrücklich als töricht.

Da Otho seinen politischen Aufstieg der Gunst des Seianus verdankte, ist es wahrscheinlich, dass ihn dessen Sturz im Jahr 31 n. Chr. zumindest mittelbar traf; über sein weiteres Schicksal schweigen jedoch die Quellen.

  1. Seneca der Ältere, Controversiae 1,1,5; 3,11; 8,3; 2,1,33; 7,3,5; 7,7,15; 10,5,25.
  2. Tacitus, Annalen 3,66.
  3. Tacitus, Annalen 3,66.
  4. Seneca der Ältere, Controversiae 2,1 33; vgl. 1,3,11.
  5. Seneca der Ältere, Controversiae 2,1,33–37.
  6. u. a. Controversiae 1,3,11; 7,3,5. 10; 7,7,15.
  7. Seneca der Ältere, Controversiae 7 und 2, 386; Controversiae 5.
  8. Seneca der Ältere, Controversiae 1,3,11.