Judenchristen
Der Terminus Judenchristentum dient in der Forschungssprache als übergeordnete Bezeichnung für ein breites Spektrum antiker Gemeinschaften von Juden, die an Jesus als Messias glaubten, bzw. von Christen, deren Praxis und Selbstverständnis stark jüdisch geprägt waren. Der Terminus findet sowohl Anwendung auf bestimmte Erscheinungsformen und Positionen innerhalb des Neuen Testaments als auch auf Gruppierungen des frühchristlichen Umfelds vom 2. bis zum 5. Jahrhundert. Besondere Prägekraft entfaltete in der Erforschung des frühen Christentums das von Ferdinand Christian Baur (1792–1860) entwickelte Geschichtsmodell, in dem das sogenannte Judenchristentum als Gegenpol zu einem paulinischen Christentum verstanden wurde. In diesem Deutungsrahmen erschien die Formierung der „katholischen Kirche“ als Resultat der Aufhebung eines grundlegenden Spannungsverhältnisses, das vor allem für das 2. Jahrhundert angenommen wurde. Unter der Bezeichnung Judenchristentum wurden in der Folge unterschiedliche, in antiken Quellen bezeugte Gruppierungen zusammengefasst, ebenso die sozialen Milieus, aus denen Texte wie die Pseudoklementinen oder einzelne judenchristliche Evangelien hervorgegangen sein dürften. Die außerordentlich heterogene und vielfach nur fragmentarisch erhaltene Überlieferung schließt jedoch die Vorstellung eines einheitlichen judenchristlichen Bewegungstyps oder einer kohärenten judenchristlichen Theologie aus. Die überlieferten Spuren des antiken Judenchristentums verlieren sich im 5./6. Jahrhundert, obgleich einzelne jüdische Traditionselemente im syrischen und später im äthiopischen Christentum Bedeutung behielten. Für die Bezeichnung neuzeitlicher Gruppen sogenannter messianischer Juden ist der Begriff nicht geeignet.