Kopernikanische Wende

Unter der kopernikanischen Wende oder der kopernikanischen Revolution (nach Nikolaus Kopernikus) versteht man die Abkehr vom geozentrischen Weltbild. Laut Hans Blumenberg bestand die Wende darin, bei der Erforschung der Welt über den unmittelbaren Augenschein hinauszugehen, um durch konstruktive Vernunft zu neuen Erkenntnissen zu gelangen.

In einem engeren Sinn ist mit der kopernikanischen Wende das Ende der Auffassung gemeint, dass die Erde im Weltmittelpunkt ruhe und von rotierenden himmlischen Sphären umgeben sei. In einem weiteren Sinn umfasst die kopernikanische Wende das Ende der mit diesem Weltbild verbundenen weitreichenden Vorstellungen in Philosophie und Religion des ausgehenden europäischen Mittelalters über die Stellung des Menschen in der Welt. Dieses Verständnis der kopernikanischen Wende diente zur Abgrenzung zwischen Mittelalter und Neuzeit in der Geschichtswissenschaft.

Seit dem 19. Jahrhundert wird der Ausdruck „kopernikanische Wende“ im übertragenen Sinne auch in anderen Wissensgebieten verwendet, um eine neue Theorie oder ein Umdenken (z. B. linguistische Wende, kognitive Wende) als revolutionär und folgenreich als Paradigmenwechsel herauszustellen. In der Geschichte der Philosophie wird zudem von einer „kopernikanischen Wende“ gesprochen, die Immanuel Kant in der Kritik der reinen Vernunft (1781) mit seinem Vorschlag einer Transzendentalphilosophie vollzogen habe. Kant selber hat den Ausdruck „Kopernikanische Wende“ in seinen Schriften nicht benutzt, allerdings sprach er in der Vorrede der zweiten Auflage von 1787 davon, dass eine „Umänderung der Denkart“ in der Philosophie ebenso zu vollziehen sei wie bei Kopernikus in der Kosmologie oder bei Euklid in der Geometrie.

  1. Hans Blumenberg: Die kopernikanische Wende. Suhrkamp, 1965.
  2. Hans Blumenberg: Die Genesis der kopernikanischen Welt. Suhrkamp, 1975.
  3. Arthur Koestler: Die Nachtwandler – Die Entstehungsgeschichte unserer Welterkenntnis. 3. Auflage. Suhrkamp Taschenbuch, Band 579, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-518-37079-0.
  4. T. Kuhn, Die kopernikanische Revolution (1981), hier in der Literatur angegeben: Seiten 1–4 (Kopernikus und das moderne Weltbild).
  5. Vom linguistischen Begriff des Paradigmas ging Thomas S. Kuhn mit seinem Versuch einer allgemeinen Theorie wissenschaftlicher Revolutionen The Structure of Scientific Revolutions (1962) aus, was den Begriff des Paradigmenwechsels populär gemacht hat. Kuhns frühere Schrift The Copernican Revolution von 1957, hier in der Literatur unter Kuhn (1981) angegeben, behandelt diesen wissenschaftshistorischen Aspekt eines Paradigmenwechsels hingegen noch nicht, sondern untersucht den ‹Ideenwandel› (Seite 4), der mit dieser astronomischen Theorie einherging. Dort heißt es auch, die außerwissenschaftlichen Konsequenzen aus Kopernikus' wissenschaftlicher Theorie seien in der Wissenschaftsgeschichte eher ‹untypisch›. (Siehe hier Abschnitt Naturphilosophische Rezeption.)
  6. Wulff D. Rehfus: Kopernikanische Wende, in: Handwörterbuch Philosophie, Vandenhoeck & Ruprecht/UTB, Göttingen 2003, ISBN 978-3-8252-8208-0. URL: [Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 22. Dezember 2017 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.], abgerufen am 18. Dez. 2017.