Kuren
Die Kuren (lettisch kurši, kūri, litauisch kuršiai, altkurisch *korše (korsche)) waren ein baltischer Stammesverband in der nach ihnen benannten Region Kurland im Westen des heutigen Lettlands und in westlichen, küstennahen Gebieten Litauens. Sie werden in historischen Quellen des 9. bis 13. Jahrhunderts als heidnischer Stammesverband beschrieben, dessen Angehörige unter anderem als Seefahrer und Seeräuber bis nach Gotland, Öland, Schweden und zu den dänischen Inseln sehr aktiv waren, aber auch mehrfach unter dänische oder schwedische Oberhoheit fielen. Unter allen baltischen Stammesverbänden übernahmen die Kuren am deutlichsten ab der Völkerwanderungszeit, besonders aber in der Vendelzeit und Wikingerzeit kulturelle und gesellschaftliche Einflüsse aus skandinavischen Gesellschaften. Die Ähnlichkeiten reichten von dem an Wikinger erinnernden kurischen Tierstil in der Kunst über die kriegerische Gesellschaftshierarchie, die Seefahrt mit häufigen Kriegszügen und Piraterie (hier oft gegen Skandinavien), aber auch Handel bis hin zu Schwurgenossenschaften / Gefolgschaften zum Betrieb der Ruder- und Segelschiffe. Deshalb werden sie manchmal als „kurische Wikinger“ charakterisiert. Den eigentlichen Wikingern waren die Kuren an seefahrerischem Geschick und Seeraubzügen soweit ebenbürtig, dass diese die kurische Küste zunehmend mieden. In dieser Zeit vergrößerten die Kuren deutlich ihr Siedlungsgebiet nach Norden, Nordosten, Osten und etwas nach Süden.
Gegen die Eroberungen des Schwertbrüderordens leisteten sie mit anderen baltischen Stammesverbänden 1210 bis ca. 1236 bewaffneten Widerstand. Nach ihrer Unterwerfung durch den zu Hilfe gekommenen Deutschen Orden, der den Schwertbrüderorden als Livländischen Orden inkorporierte, folgten 1236–1245 und 1260–1267 zwei kurische Aufstände. Nach deren gewaltsamer Niederschlagung hörte der kurische Stammesverband auf zu existieren. Südlichere Gruppen abseits der Küste schlossen sich dem noch etwa ein Jahrhundert anhaltenden litauischen Widerstand gegen den Deutschen Orden an.
Im Gegensatz zu den im 15.–17. Jahrhundert aus Kurland nach Süden eingewanderten Neukuren (Nehrungskuren), die oft ebenfalls „Kuren“ genannt wurden, sprachen die alten Kuren nach heute weithin anerkannter Mehrheitsmeinung der Baltistik noch eine westbaltische Sprache, die dem Altpreußischen näher stand. Diese kurische Sprache ist nicht zu verwechseln mit Neukurisch/Nehrungskurisch und wird deshalb auch „Altkurisch“ genannt. In baltischsprachiger Literatur werden die Neukuren heute in Übernahme ihrer Selbstbezeichnung als lettisch kursenieki und litauisch kuršininkai von den alten Kuren begrifflich unterschieden.
Nach der Niederschlagung der Kurenaufstände wurde die altkurische Sprache bis ins 16. Jahrhundert im Kurland des Deutschordensstaats durch Ansiedlungen aus Lettgallen vom Lettischen und in den küstenferneren Gebieten Westlitauens vom schemaitischen Dialekt des Litauischen verdrängt, die beide zum ostbaltischen Sprachzweig gehören. Trotz dieser Unterschiede erfolgte die Lettisierung und Litauisierung möglicherweise durch immer stärkere sprachliche Überformung, bis sich die Sprache dem Lettischen oder Schemaitischen angeglichen hatte. Darauf deuten ältere Sprachzeugnisse aus den Regionen hin sowie auch ein altkurisches Vaterunser bei Simon Grunau aus dem 15. Jahrhundert, das schon mehrheitlich lettische, aber noch deutlich mehr altkurische Einflüsse als heutige Dialekte Kurlands zeigt.