Kykeon
Kykeon (altgriechisch κυκεών ‚Gemisch‘, ‚Gemenge‘ von κυκάω ‚mischen‘, ‚rühren‘) war im antiken Griechenland ein Mischtrank aus Getreide und Wasser. Eine genaue Zusammensetzung kann nicht angegeben werden. Bei Homer besteht er aus Gerstengraupen (ἄλφιτον), geriebenem Ziegenkäse und pramnischem Wein. Im von der Zauberin Kirke für Odysseus zubereiteten Kykeon befand sich außerdem noch Honig. Diese Zubereitung war wohl eher dicklich und breiartig, da sie sitos (σῖτος ‚Speise‘) und nicht wie in der Ilias potos (πότος ‚Getränk‘) genannt wird.
Im homerischen Hymnus ist es der Trank, den Metaneira der von der verzweifelten Suche nach der von Hades geraubten Persephone erschöpften Demeter reicht. Zunächst hatte Metaneira der Göttin Wein angeboten, den hatte sie abgelehnt und bat stattdessen um einen Kykeon aus Wasser, Gerste und Polei-Minze (γλήχων bzw. βλήχων, daraus κυκεὼν βληχωνίας). Aufgrund dieses Mythos vom Trank der Demeter war es ein entsprechender Kykeon, den die Initianden der Mysterien von Eleusis nach dem Fasten als Erstes zu sich nahmen.
Karl Kerényi weist auf die Signifikanz der Ablehnung des Weines durch Demeter hin: Es sei ja nach Heraklit Dionysos, der Gott des Weins, identisch mit Hades, dem Gott der Unterwelt und Entführer der Tochter der Demeter:
- Denn wenn es nicht Dionysos wäre, dem sie die Prozession veranstalten und das Phalloslied singen, so wär’s ein ganz schändliches Tun. Ist doch Hades eins mit Dionysos, dem sie da toben und Fastnacht feiern!
Und es wäre ja tatsächlich sehr unpassend, wenn Demeter ihr Trauerfasten mit dem Getränk bräche, das die Gabe des Entführers der Tochter und ihres Beleidigers ist.
Die Polei-Minze wurde bereits in der Antike als Abtreibungsmittel verwendet. Aristophanes macht eine entsprechende Andeutung. Diese Wirkung ist beim Trank der Demeter aber vermutlich nicht beabsichtigt, da Polei-Minze auch ein ganz normaler Bestandteil der antiken Küche war und beispielsweise mehrfach bei Apicius erwähnt wird.
Man hat aber Vermutungen über weitere Bestandteile des in Eleusis getrunkenen Kykeon angestellt, da übereinstimmend von einer überwältigenden Erleuchtungserfahrung berichtet wurde, die sich zuverlässig bei allen Teilnehmern der Mysterien eingestellt hätte. Daher wurde bereits 1978 in einem Buch des Mykologen R. Gordon Wasson, des LSD-Entdeckers Albert Hofmann und des Philologen Carl A. P. Ruck die Theorie aufgestellt, dass die Visionen eine Drogenwirkung gewesen seien, die durch dem LSD verwandte, im Mutterkorn-Pilz (Claviceps purpurea) enthaltene Stoffe (Ergin und Ergometrin) verursacht worden sei.
Ein Problem dieser Theorie sind die im Mutterkorn-Pilz enthaltenen hochgiftigen Stoffe, die das im Mittelalter als Antoniusfeuer bekannte Krankheitsbild des Ergotismus mit Krämpfen, Halluzinationen, Gangränen und häufig tödlichen Folgen verursachen. 2026 hat eine Forschungsgruppe um Romanos K. Antonopoulos und Evangelos Dadiotis an der Universität Athen eine Methode rekonstruiert, wodurch mit in der Antike verfügbaren Mitteln diese Gifte weitgehend neutralisiert werden können. Diese Methode besteht im Wesentlichen darin, den zermahlenen Pilz in aus verbranntem Oliven- und Eichenholz gewonnener Aschenlauge zu kochen. Durch diese alkalische Hydrolyse werden die toxischen Moleküle in psychoaktive Substanzen zerlegt, nämlich Lysergsäureamid (LSA) und Iso-LSA. Archäologische Hinweise in dieser Richtung fanden sich in Mas Castellar de Pontós, einer griechischen Kolonie in Spanien, in einem den Göttinnen von Eleusis geweihten Ritualgefäß, das Mutterkornfragmente enthielt. Zudem entdeckte man Reste von Mutterkorn im Zahnstein eines dort bestatteten 25-jährigen Mannes.
Auch andere Pflanzen und entsprechend andere entheogene Substanzen wurden diskutiert, letztlich können solche Argumentationen aber nur Spekulation bleiben, da es weder entsprechende Überlieferung noch Sachbeweise in Form archäologischer Funde gibt.
Weiter wurde argumentiert, ein Indiz für die Verwendung entheogener Substanzen im griechischen Kult sei die 415 v. Chr. gegen Alkibiades erhobene Anklage wegen Profanierung der Mysterien von Eleusis. Das wurde so gedeutet, dass Alkibiades und seine Freunde in dessen Haus eine Art „Drogenparty“ mit der in Eleusis verwendeten psychoaktiven Substanz gefeiert hätten. Die bei Plutarch wörtlich überlieferte Anklage enthält aber nichts dergleichen, sondern bezieht sich darauf, dass Alkibiades und seine Genossen den Ritus nachgeäfft hätten. Alkibiades hätte in entsprechender Kleidung sich Hoherpriester genannt, ein anderer hätte den Fackelträger gemacht usw.
- ↑ Homer Ilias 11.624, 11.641
- ↑ Homer Odyssee 10.234, 290, 316
- ↑ Homerischer Hymnus 2 An Demeter 205 ff.
- ↑ Fragmente der Vorsokratiker Heraklit fr. 15
- ↑ Karl Kerényi: Die Mysterien von Eleusis. Rhein Verlag, Zürich 1962, S. 54.
- ↑ Aristophanes Der Frieden 712
- ↑ Thomas Bergmayr: Eleusinische Mysterien: Was steckte wirklich im "Zaubertrank" der Alten Griechen? In: Der Standard, 6. März 2026.
- ↑ Romanos K. Antonopoulos, Evangelos Dadiotis et al.: Investigating the psychedelic hypothesis of kykeon, the sacred elixir of the Eleusinian Mysteries. In: Scientific Reports, 13. Februar 2026, doi:10.1038/s41598-026-39568-3.
- ↑ Plutarch Alkibiades 22.3