Liberius I. von Ravenna
Liberius I. von Ravenna († um 206 in Ravenna) war der legendenhaften Überlieferung zufolge einer der ersten Bischöfe von Ravenna. Er wird in der katholischen und in der orthodoxen Kirche als Heiliger verehrt, sein Feiertag ist der 30. Dezember. Sein Vorgänger war Datus, sein Nachfolger Agapitus. Der Überlieferung gemäß amtierte er von 185 bis zu seinem Tod.
Agnellus von Ravenna betrachtet ihn in seinem mehr als sechs Jahrhunderte später entstandenen Liber pontificalis ecclesiae Ravennatis als Heiligen, nennt ihn als achten Bischof von Ravenna und schreibt ihm ausschließlich positive Eigenschaften zu. Demnach war er voller Nächstenliebe, eine erfrischende Quelle, ausgezeichnet im Glauben, gütig im Geist. Er habe die Kirche mit aller Ehre vermehrt. Durch seine große Demut habe er seine Seele bewahrt und über alle Zweige des Wissens geherrscht. Dabei dürfte es sich jedoch nur um Topoi gehandelt haben. Die Lücken im Manuskript seiner Geschichte des Erzbistums, die als Platzhalter für die Amtsdauer vorgesehen waren, füllte Agnellus jedoch nie aus.
Seine Reliquien sollen unter dem Hauptaltar des Doms zu Ravenna liegen. Er trug wegen der ihm zugeschriebenen umfassenden theologischen Kenntnisse das Symbol der Taube, die wiederum für den Heiligen Geist steht. Seit dem legendären zweiten Bischof namens Aderitus, bei dessen Wahl keine Einigkeit erzielt werden konnte, griff bei jeder der folgenden zehn Bischofswahlen eine Taube ein, die sich auf die Schulter des damit von Gott selbst ausgewählten neuen Bischofs setzte. Diese elf Bischöfe wurden nach diesem Vorgang „Colombini“ genannt, nach dem Wort ‚Colomba‘ für ‚Taube‘. Sie wurde geradezu zu einem „Leitmotiv“ der Ravennater Kirchentradition.
Nach dem Dizionario storico di Ravenna e di altri luoghi di Romagna von 1855 starb der Bischof nach 22 Jahren im Amt am 29. April 204. Seine sterblichen Überreste wurden zunächst in der Kirche S. Probo beigesetzt, später in den Dom übertragen. Nach dem Almanacco italiano von 1915 (S. 87) amtierte Liberius I. jedoch von 185 bis 206. Diese Amtsdaten nennt bereits das Dizionario universale delle scienze ecclesiastiche che comprende la storia della religione …, das ergänzt, der Bischof sei ein „uomo dottisimo e zelantissimo pel bene della sua diocesi“ (sinngemäß: ein überaus gebildeter Mann und äußerst eifrig für die Sache seines Bistums).
Zusammen mit dem Bistumsgründer, der, im Gegensatz zu den elf Colombini, nicht durch eine Taube „gewählt“ worden war, ergaben sich, analog zu den zwölf Aposteln Roms, mit dem Ravenna im Streit lag, zwölf vom Heiligen Geist und der Vorsehung erwählte Bischöfe.
Karl Goldmann nannte ihn 1906 einen „sagenhaften Heiligen“; die Nennung eines gleichnamigen Bischofs auf einem Sarkophag im Dom könne nicht ihm zugeordnet werden, sondern Liberius III., der rund zwei Jahrhunderte später als Ravennater Bischof fungierte.
- ↑ Agnellus of Ravenna. The Book of Pontiffs of the Church of Ravenna, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Deborah Mauskopf Deliyannis (= Medieval Texts in Translation), The Catholic University of America Press, Washington 2004, S. 108.
- ↑ Giulia Marchioni: Una tradizione ravennate: la colomba dello Spirito Santo e la Provvidenza, in: Giuseppe Garzia, Alessandro Iannucci, Mariangela Vandini (Hrsg.): Studi sul patrimonio culturale, Bd. 1: Il patrimonio culturale tra conoscenza, tutela e valorizzazione, Bononia University Press, Bologna 2015, S. 129–139, hier: S. 132.
- ↑ Primo Uccellini: Dizionario storico di Ravenna e di altri luoghi di Romagna, Ravenna 1855, S. 253.
- ↑ Art. Ravenna, in: Richard Giraud (Hrsg.): Dizionario universale delle scienze ecclesiastiche che comprende la storia della religione, Bd. VIII, Neapel 1850, S. 58–61, hier: S. 61.
- ↑ Giampaolo Ropa: Agiograia e liturgia tra alto e basso medioevo, in: Augusto Vasina (Hrsg.): Storia di Ravenna. Dal mille alla fine della signoria polentana, Bd. III, Ravenna 1991, S. 341–393, hier: S. 373 f.
- ↑ Karl Goldmann: Die Ravennatischen Sarkophage, Diss., Heitz & Mündel, Straßburg 1906, S. 25 und Anm. 5.