Medikalisierung

Medikalisierung ist die Bezeichnung für einen gesellschaftlichen Veränderungsprozess, bei dem menschliche Lebenserfahrungen und Lebensbereiche in den Fokus systematischer medizinischer Erforschung und Verantwortung rücken, die vorher außerhalb der Medizin standen. Dieser wurde vor allem seit Mitte des 18. Jahrhunderts beobachtet und beschrieben, ist aber auch heute noch festzustellen. Das Konzept geht maßgeblich auf Ivan Illich zurück.

In der Medizingeschichte wird der Begriff der Medikalisierung meist deskriptiv, also ohne Wertung, gebraucht. In ihm kommt aber auch eine grundlegende Kritik an einem Fortschritt- und Machbarkeitsglauben innerhalb der Naturwissenschaften zum Ausdruck. Als Ursache und treibende Kraft hinter diesen Veränderungen wird aber ein Zusammenspiel von allen Beteiligten des Gesundheitssystems also auch von Patienten und konkurrierenden Heilberufen – gesehen: mit dem Ziel, die bestmögliche Versorgung der Bevölkerung zu erreichen.

Beispiele für Medikalisierungstendenzen:

  1. Ivan Illich: Medical nemesis – the expropriation of health. Calder & Boyars, London 1975.
  2. Hans-Christoph Seidel: Eine neue ‚Kultur des Gebärens‘: die Medikalisierung von Geburt im 18. und 19. Jahrhundert in Deutschland. (Phil. Dissertation Bielefeld) Franz Steiner, Stuttgart 1998, ISBN 3-515-07075-3 (= Medizin, Gesellschaft und Geschichte, Beiheft 11).
  3. Krüger-Fürhoff, Irmela Marei: Körper. In: Christina von Braun, Inge Stephan (Hrsg.): Gender@Wissen. Ein Handbuch der Gender-Theorien. Köln u. a. 2009, 66–81, hier 68.