Mitteltönige Stimmung

Mit mitteltöniger Stimmung bezeichnet man eine Familie von temperierten Stimmungen. Oft, so auch im Folgenden, ist mit diesem Ausdruck aber verkürzend deren mit Abstand wichtigster Vertreter gemeint, die 14-Komma-mitteltönige Stimmung. Diese war in der Renaissance, im Barock und vielfach auch in späterer Zeit (bis in das 19. Jahrhundert) hauptsächlich für Tasteninstrumente gebräuchlich. Der Ganzton entspricht bei dieser Temperatur dem Mittel von großem und kleinem Ganzton der reinen Stimmung, was zu dieser Bezeichnung führte. Die mitteltönigen Stimmungen sind nach ihrem Konstruktionsprinzip ohne Zirkelschluss unendlich fortsetzbar. Für herkömmliche Tasteninstrumente wird jedoch ein Ausschnitt von elf Quintschritten gewählt. Zwischen dem letzten und ersten der entstehenden Töne (modulo Oktave) entsteht eine so genannte Wolfsquinte: Ein Intervall, das im Tastenbild wie eine Quinte aussieht, es in der Stimmung aber nicht ist. Die (14-Komma-)mitteltönige Stimmung verfügt über acht reine Großterzen. Bei Dreiklängen differieren die entsprechenden Kleinterzen und Quinten jeweils um 14 des syntonischen Kommas von den reinen Intervallen, ermöglichen jedoch die Bildung von acht wohlklingenden Dur- und ebenso vielen Molldreiklängen. Alle übrigen Dreiklänge wirken als Missklänge. Diese Beschränkung beeinflusst die musikalische Nutzung der mitteltönigen Temperatur bei der Wahl der Tonarten, bei der Harmonik und bei möglichen Transpositionen. Um die Wolfsquinte zu vermindern oder zu vermeiden, wurde die strenge Mitteltönigkeit in vielen Versuchen modifiziert, wobei aber gleichzeitig die reinen Terzen erhöht (geschärft) werden. Dies führte in letzter Konsequenz zur Entwicklung der wohltemperierten Stimmungen und der gleichstufigen Stimmung.

  1. Herbert Kelletat: Zur musikalischen Temperatur. I. Johann Sebastian Bach und seine Zeit. 2. Auflage. Merseburger, Berlin 1981, ISBN 3-87537-156-9, S. 17–25.