Muʿtazila
Die Muʿtazila (arabisch المعتزلة ‚die sich Absetzenden‘) war eine theologisch-rationalistische Strömung des Islam, die um die Mitte des 8. Jahrhunderts von Wāsil ibn ʿAtā' in Basra gegründet wurde und ihre Blütezeit vom 9. bis zum 11. Jahrhundert erlebte. Sie war stark von der griechischen Philosophie beeinflusst und trat besonders im Kalām hervor, einer Form des theologischen Streitgesprächs mit rationalen Argumenten. Anders als die traditionalistischen Muslime waren Muʿtaziliten der Auffassung, dass Gut und Böse nicht durch die Scharia begründet werden, sondern in der Natur der Dinge liegen, und die Scharia nur der Ausdruck dieser natürlichen Ordnung ist, die der Scharia vorausgeht. In der Nachfolge der Qadariten betonten die Muʿtaziliten außerdem die Willensfreiheit des Menschen und sprachen dem Menschen eine eigene „Macht“ (qudra) zu, die es ihm ermöglicht, absolut gesehen „Schöpfer“ seiner Handlungen zu sein. Weitere Lehrpunkte waren das Bekenntnis zur Erschaffenheit des Korans und die Ablehnung der Schau Gottes.
Wegen der großen Bedeutung, die die Gerechtigkeit Gottes und der Tauhīd in ihrem Denken einnahm, wurden die Muʿtaziliten auch als aṣḥāb al-ʿadl wa-tauḥīd („Anhänger der Gerechtigkeit und des Einheitsbekenntnisses“) bezeichnet. Von Außenstehenden wurden sie auch als Qadariten bezeichnet, doch lehnten sie selbst diesen Namen für sich ab. Innerhalb der Muʿtazila gab es verschiedene Lehrrichtungen, die jeweils nach ihrem Haupttheologen benannt wurden. Die muʿtazilitische Theologie wurde über das 11. Jahrhundert hinaus in schiitischen Kreisen, insbesondere bei den Zaiditen, weiter gepflegt. In der Moderne gab es einige muslimische Theologen, die die Ideen der Muʿtazila wiederbelebt haben. Im Mittelalter hat die muʿtazilitische Theologie auch auf das Judentum ausgestrahlt, insbesondere auf die karäische Theologie.
- ↑ Louis Gardet: “Philosophie et religion en Islam avant l'an 330 de l'hégire” in Claude Cahen: L'Élaboration de l'Islam. Colloque de Strasbourg 12-13-14 juin 1959. Presses Universitaires de France, Paris 1961. S. 39–60. Hier S. 47f.
- ↑ Aš-Šahrastānī: al-Milal wa-n-Niḥal. 1846, S. 29f. – Deutsche Übers. Theodor Haarbrücker. Bd. I, S. 41f.