Muslimbrüder in Syrien

Die Muslimbrüder in Syrien (arabisch الإخوان المسلمون في سوريا, DMG al-Iḫwān al-Muslimūn fi Sūriyā) sind der syrische Zweig der internationalen Organisation der Muslimbrüder. Die Organisation, die eine gemäßigt islamistische Ausrichtung hat, wurde 1945 in Damaskus gegründet und entstand durch den Zusammenschluss mehrerer reformistischer islamischer Vereinigungen, die während der französischen Mandatszeit in Syrien aktiv waren. In dieser Zeit starker Fremdbestimmung, in der der Islam aus wichtigen gesellschaftlichen Institutionen wie dem Erziehungs- und Rechtswesen verdrängt worden war, versuchten die Muslimbrüder auf die Probleme der eigenen Gesellschaft eine religiöse Antwort zu geben. Wie die Muslimbrüder Ägyptens sprachen sie im Wesentlichen das sunnitische Kleinbürgertum der Städte an. In den Jahren von 1947 bis Anfang 1952 beteiligten sie sich im Rahmen der syrischen parlamentarischen Demokratie erfolgreich an der Politik, wobei sie selbst eine islamisierte Version des Sozialismus propagierten. Mit ihrem Islamismus standen sie aber in einem antagonistischen Verhältnis zur ebenfalls sozialistischen Baath-Partei.

In ihren Anfängen waren die Syrischen Muslimbrüder eine friedliche Gruppe, die sich den Prinzipien des Konstitutionalismus verpflichtet fühlte. Während der repressiven Baath-Herrschaft in den 1970er Jahren durchliefen sie jedoch einen Prozess der Radikalisierung. Im Rahmen ihres Aufstands gegen das Baath-Regime, der von 1976 bis 1982 dauerte und von ihnen zum Dschihad deklariert wurde, wurden die Syrischen Muslimbrüder auch gewalttätig. Nachdem schon 1980 die Baath-Partei die Mitgliedschaft in der Muslimbruderschaft bei Todesstrafe verboten hatte, ging die Führung der Organisation außer Landes. Im Exil kehrte sie in den 2000er Jahren zur politischen Arbeit zurück und forderte in verschiedenen Deklarationen die Schaffung eines modernen, pluralistischen Staates, der auf aktiver Bürgerschaft und Rechtsstaatlichkeit basiert. 2005 schloss sie sich der Damaskus-Deklaration an, in der verschiedene säkularistische Oppositionsgruppen Syriens die Rückkehr zur Demokratie forderten. Nach Beginn des syrischen Aufstands gegen Baschar al-Assad im März 2011 engagierte sie sich bei der Organisation von Konferenzen zur Mobilisierung und Koordination der politischen Opposition im Exil. Zwar stieß sie bei den anderen Oppositionsgruppen, insbesondere den Vertretern religiöser und ethnischer Minderheiten, auf Vorbehalte, weil ihr Programm auch nach Mäßigung immer noch religiöse Grundsätze enthält, die mit deren Präferenzen unvereinbar waren, doch blieb sie die prominenteste und einflussreichste Organisation in der Opposition.

Das militante und sektiererische Image, das noch heute der syrischen Muslimbruderschaft anhaftet, ist hauptsächlich auf den radikalen Kurs zurückzuführen, den die Organisation während ihres gescheiterten Aufstands von 1976 bis 1982 verfolgte. Allerdings rückten die Erinnerungen an diesen Aufstand die Frage der Gewaltlosigkeit in den Vordergrund ihres Diskurses und machten sie zu einem „der – relativ gesehen – liberalsten Zweige der Muslimbruderschaft im Nahen Osten“.

  1. Reissner: Ideologie und Politik der Muslimbrüder Syriens. 1980, S. 396.
  2. Hans Günter Lobmeyer: Opposition und Widerstand in Syrien. Deutsches Orient-Institut, Hamburg 1995. S. 58.
  3. Lefèvre: Ashes of Hama: The Muslim Brotherhood in Syria. 2013, S. 19.
  4. Blanga: “The Role of the Muslim Brotherhood In the Syrian Civil War”. 2017, S. 65.
  5. Lefèvre: Ashes of Hama: The Muslim Brotherhood in Syria. 2013, S. 161.
  6. Brynjar Lia: “The Islamist Uprising in Syria, 1976–82: The History and Legacy of a Failed Revolt” in British Journal of Middle Eastern Studies 43/4 (2016) 541-559. Hier S. 559.