Neohinduismus
Neohinduismus ist der Sammelbegriff für im 19. und 20. Jahrhundert in Indien entstandene religiöse, soziale und politische Reformer und Reformbewegungen. Der Begriff Neo-Hinduismus ist dabei insofern irreführend, als dass es vorher keinen klassischen Hinduismus gegeben hat. Die Herkunft des Begriffes ‚Hinduismus’ ist umstritten. Nach einer Version wurde er erst im Rahmen des Kolonialismus um 1830 durch die britischen Kolonialherren als Sammelbezeichnung für verschiedene Religionen und religiöse sowie spirituelle Formen in Indien verwendet. Der Neo-Hinduismus versuche demnach die eigenen indischen Traditionen im Rahmen eines westlichen Religionsbegriffs zu definieren und übernehme dafür den Begriff Hinduismus schließlich als Selbstbezeichnung. Auf diese Weise werde versucht, ein einheitliches religiöses System nach dem Vorbild von Christentum und Islam zu schaffen und die vielen verschiedenen religiösen Traditionen in Indien zu vereinheitlichen. So werde zum Beispiel der Monotheismus und ein verbindlicher Textkanon propagiert. Nach einer anderen Version ist ‚Hinduismus’ als Begriff von indischen Intellektuellen in Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus durch deren selbstständige Rezeption religionskritischer europäischer Schriften entstanden. Demnach sei nicht versucht worden, indische Strömungen einem europäischen Religionsbegriff einzuordnen; vielmehr sei der moderne Religionsbegriff auch maßgeblich auch von indischen Intellektuellen mitgeprägt worden.
Einige Neohinduistische Bewegungen wollen den Hinduismus der modernen Welt anpassen, andere versuchen sich gegen die Europäisierung im Zuge der Globalisierung zu wehren und den Hinduismus und die indische Gesellschaft wieder zu ihren vermeintlichen Ursprüngen (ihrem Fundament; vgl. Fundamentalismus) zurückzuführen. Seine Verbreitung fand der Neohinduismus überwiegend in der englischsprachigen und -gebildeten Mittelschicht. Bekanntester Vertreter des Neohinduismus ist Mahatma Gandhi.
- ↑ Harald Fischer-Tiné: Hinduismus im 19. und 20. Jahrhundert. In: Hans Dieter Betz, u. a. (Hrsg.): RGG4. Band 3. Mohr Siebeck, Tübingen 2000, S. 1761–1762.
- ↑ Hans Harder: Neohinduismus. In: Hans Dieter Betz, u. a. (Hrsg.): RGG4. Band 6. Mohr Siebeck, Tübingen 2003, S. 184.
- ↑ Bergunder, Michael: Umkämpfte Historisierung Die Zwillingsgeburt von »Religion« und »Esoterik« in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und das Programm einer globalen Religionsgeschichte, in: Wissen um Religion: Erkenntnis – Interesse Epistemologie und Episteme in Religionswissenschaft und Interkultureller Theologie, hg. von Klaus Hock, Leipzig 2020, S. 47–132.