Orongo (Osterinsel)

Koordinaten: 27° 11′ S, 109° 27′ W

Lage von Orongo

Orongo ist eine zeremonielle Kultstätte auf der Osterinsel, am südwestlichen Kraterrand des Vulkans Rano Kau. Die Anlage umfasst etwa 50 restaurierte, bootsförmige Steinhäuser aus Basaltplatten und gilt aufgrund ihrer Lage, Größe und Ausgestaltung als einzigartig im Pazifikraum.

Der Name Orongo leitet sich ab von dem polynesischen Wort rorongo = ein Lied wiedergeben. Das wiederum beinhaltet den Begriff rongo = Klang, Geräusch, auch hören. Orongo bedeutet frei übersetzt: „Der Ort des Liedes, des Gesanges“ oder „Der Ort, an dem gesungen/rezitiert wird“, ein Hinweis auf die rituellen Gesänge und Proklamationen während der dort ausgeübten Zeremonien.

Orongo war das Zentrum des Vogelmannkults (Tangata-manu-Kult), einer späten religiösen und politischen Tradition, die wahrscheinlich ab dem 16. Jahrhundert den früheren Ahnenkult zunächst ergänzte und schließlich ablöste. Jährlich im Frühling (September) versammelten sich hier Vertreter der Clans, um den Tangata manu (Vogelmann) zu bestimmen. Ein von einem Clanführer ausgewählter Wettkämpfer (hopu manu) stieg die steile Klippe hinab, schwamm zum Motu Nui, einem der Südwestküste vorgelagerten Motu der Osterinsel, und sammelte das erste Ei der Rußseeschwalbe (manu tara) ein. Der Clan des Siegers erhielt für ein Jahr die politische und religiöse Führung. Der Stammesführer wurde Tangata manu und galt als Inkarnation des Schöpfergottes Makemake. Mit zunehmendem Einfluss der christlichen MIssionare endete der Vogelmannkult in den 1860er Jahren.

Die Stätte ist reich an Petroglyphen. Häufige Motive sind der Vogelmann (tangata manu), das maskenhafte Gesicht Makemakes sowie die Vulva (komari) als Freuchtbarkeitssymbol. Makemake galt als Schöpfergott und als Herr der Vögel. Er wurde nur von den Rapanui verehrt und ging möglicherweise aus dem polynesischen Gott Rongo hervor, der im übrigen Polynesien mit Landwirtschaft, Gesang und Klang assoziiert wird.

  1. Edward Tregear: The Maori-Polynesian Comparative Dictionary. Anthropological Publications, Oosterhout NL, 1969, S. 423