Pietismus
Der Pietismus (von lateinisch pietas; „Gottesfurcht“, „Frömmigkeit“) ist eine seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Erscheinung getretene Frömmigkeitsbewegung mit einem auf die christliche Spiritualität gesetzten Schwerpunkt und zugleich nach der Reformation die wichtigste Reformbewegung im kontinentaleuropäischen Protestantismus. Im theologisch-wissenschaftlichen Kontext ist mit Pietismus heute in der Regel der klassische Pietismus des 17. und 18. Jahrhunderts gemeint. Im kirchlichen/christlichen Alltag werden zum Teil spätere und gegenwärtige Strömungen mit ähnlichem Inhalt und ähnlicher Zielsetzung auch noch dem Pietismus zugerechnet.
Der klassische Pietismus plädierte (ähnlich wie die oben genannten späteren und gegenwärtigen Strömungen) für einen persönlich-individuellen lebendigen Glauben, der sich an der Bibel orientiert und lebensverändernd ist, der also Auswirkungen auf die gelebte Lebenspraxis und den Alltag hat. Es geht dabei nicht primär um äußere Taten und Rituale, es geht um die „innere Verwandlung“ des Menschen (Wiedergeburt), der dann innerlich von Gott und der christlichen Botschaft so „berührt, ergriffen und erfüllt“ ist, dass es sich nach außen durch Werke der Liebe zeigt. Große Bedeutung haben im Pietismus auch die interkonfessionelle Gemeinschaft der Christen untereinander sowie das Engagement von Laien.
Theologisch versteht sich der Pietismus als eine Besinnung auf zentrale Anliegen der Reformation (etwa Ersatz des toten Buchstabenglaubens durch einen lebendigen Glauben, wahre Gottesfurcht und werktätige Liebe), die jedoch durch die Aufnahme anderer Traditionsstränge in spezifischer Weise umgeformt wurden. Das fromme Subjekt rückt in den Fokus der pietistischen Bewegung, die reine Lehre sowie die kirchliche Einheit geraten dabei in den Hintergrund. So findet sich einerseits in der pietistischen Bewegung ein moderner, „frühaufklärerischer“ Zug, da sie der Persönlichkeit des Einzelnen, zu dessen frommer Pflicht die Selbstbeobachtung gehören sollte, einen hohen Stellenwert gibt. Andererseits ist der Pietismus im Laufe seiner Entwicklung in weiten Teilen eine theologisch und sozial konservative Bewegung geworden.
Die pietistische Bewegung in Deutschland hat seit ihrer Entstehung in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zahlreiche Veränderungen durchgemacht: vom klassischen Pietismus der Barockzeit über den Spätpietismus des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts, die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts und die Gemeinschaftsbewegung bis zur evangelikalen Bewegung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die kirchenkritische Strömung innerhalb des Pietismus wird als radikaler Pietismus umschrieben und zeigte sich in Form eines Separatismus (Ablösung von der Staatskirche).
- ↑ Martin Brecht: Geschichte des Pietismus. Bd. 1, S. 2.
- ↑ Martin H. Jung: Pietismus., 2005, Fischer, S. 3.
- ↑ Siegfried Wollgast: Pietismus zweier Generationen und Katholizismus als Exponenten der Frühaufklärung. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 14, 1996, S. 403–419, hier insbesondere S. 412 f.
- ↑ Hans Schneider: Der radikale Pietismus im 17. Jahrhundert. In: Martin Brecht u. a. (Hrsg.): Geschichte des Pietismus. Bd. 1, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993, S. 391 f.