Schülerverein
Ein Schülerverein war eine Vereinigung von Jungen oder Mädchen einer Schule (zumeist der oberen Klassen, Sekunda und Prima), die sich selbstorganisiert zur gemeinschaftlichen Verfolgung eines spezifischen Zwecks zusammenschlossen. So betätigten sie sich unter anderem in den Bereichen Turnen und Sport, Gesang und Musik, Religion sowie Wissenschaft und Berufsvorbereitung. Im Unterschied zu den lange verbotenen Schülerverbindungen waren die Schülervereine legal und orientierten sich hinsichtlich ihrer Organisation am bürgerlichen Vereinsmodell, wobei sie Vorschriften und Ordnungen ihrer Schule zu befolgen hatten und die Erlaubnis des Direktors benötigten. Die Leitung des Vereins oblag den Schülern, die Vorstände wurden von ihnen aus ihren Reihen gewählt. Vereinszweck, Vereinsorgane sowie Rechte und Pflichten der Mitglieder wurden von den Schülern in der Satzung festgelegt. Dem Schülerverein stand ein sogenannter „Protektor“ zur Seite, ein beratender Lehrer, der jedoch in die inneren Vereinsangelegenheiten nicht eingreifen sollte.
Gründeten sich Schülervereine bereits im 19. Jahrhundert, verstärkt im Kaiserreich, ist für die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts davon auszugehen, dass an nahezu jeder höheren Schule ein oder mehrere Vereine existierten. Zur Verbreitung von Schülervereinen nach 1945 gibt es bisher keine Erkenntnisse. Heutzutage existieren weiterhin wenige traditionelle Schülerverbindungen, während es Schülervereine in der geschilderten Form offenbar nicht mehr gibt. Stattdessen haben sich Formen der Schülermitverantwortung (SMV) bzw. Schülervertretung (SV) in Deutschland etabliert. Diese Gremien sind institutionell verankert und ermöglichen es Schülerinnen und Schülern, am schulischen Leben mitzuwirken, Interessen zu vertreten und Projekte zu organisieren. Darüber hinaus engagieren sich viele Schülerinnen und Schüler in Arbeitsgemeinschaften (AGs), Schülerinitiativen, Umweltgruppen oder sozialen Projekten. Obwohl diese Formen meist keine formalen Vereinsstrukturen mehr aufweisen, erfüllen sie teils ähnliche Funktionen der Eigenverantwortung, Gemeinschaftsbildung und außercurricularen Bildung wie die historischen Schülervereine. Nicht zu verwechseln sind die Schülervereine mit Schulvereinen, in denen sich Eltern und Lehrer zusammenschließen, um Belange der jeweiligen Schule zu fördern.
- ↑ Daniel Watermann: Schülervereine. Selbstverwaltung in den Franckeschen Stiftungen (1843–1945). Halle 2025, S. 1 f.