Schamane

Der Ausdruck Schamane beziehungsweise Schamanin stammt ursprünglich von den tungusischen Völkern. Šaman bedeutet in der mandschu-tungusischen Sprache „jemand, der weiß“ und bezeichnet einen besonderen Wissensträger. Ursprünglich bezog sich der Begriff nur auf spirituelle Spezialisten sibirischer und zentralasiatischer Ethnien.

Heute wird „Schamane“ im weiteren, allgemeineren Sinne oft als Sammelbegriff verwendet: Er umfasst weltweit verschiedene religiöse, heilerische und spirituelle Spezialisten, die als Vermittler zur Geisterwelt gelten. Bezeichnungen wie Medizinmann, Geisterbeschwörer, Curandero, Angakok, Clever men sowie weitere rituelle Experten indigener Gemeinschaften und traditioneller Religionen werden darunter zusammengefasst. Auch in volksreligiösen Ausprägungen der Weltreligionen, etwa im Buddhismus oder Islam, finden sich vergleichbare Akteure. Seit der Entstehung des modernen Neoschamanismus der esoterischen Szene erfuhr der Begriff eine weitere Ausweitung auf selbsternannte Schamanen westlicher Prägung.

In der Wissenschaft wird der Begriff in zwei verschiedenen Lesarten verwendet, die sich aus dem jeweiligen Zusammenhang erschließen:

  1. Im engeren, ursprünglichen Sinne bezeichnet Schamane ausschließlich die spirituellen Spezialisten der Ethnien des eurasischen Kulturareals Sibirien (etwa Nenzen, Jakuten, Altaier, Burjaten, Ewenken und Samen), bei denen das Vorhandensein von Schamanen von europäischen Forschern der Expansionszeit als wesentliches gemeinsames Kennzeichen erachtet wurde.
  2. Im weiteren, häufigeren Sinne dient die Bezeichnung Schamane als zentraler Begriff in den sogenannten Schamanismus-Konzepten. Sie wird dort als Sammelbegriff für verschiedene spirituelle, religiöse, heilerische oder rituelle Spezialisten verwendet, die als Vermittler zur Geisterwelt angesehen werden. Ihnen werden entsprechende magische Fähigkeiten zugeschrieben, und ihre kultischen Handlungen sollen dem Wohl der Gemeinschaft dienen. Zu diesem Zweck praktizieren sie verschiedene mentale Techniken und Rituale, teilweise unter Einsatz von Drogen, um die normale Sinneswahrnehmung zu erweitern und mit transzendenten Mächten in Kontakt zu treten. In diesem Zusammenhang werden auch Medizinmänner oder -frauen amerikanischer oder australischer Stämme als Schamanen bezeichnet. Ebenso werden Geisterbeschwörer aus Afrika oder Melanesien (wie Zauberer, Heiler oder Wahrsager) mitunter so benannt, obwohl sie im Gegensatz zu den spirituellen Spezialisten Amerikas, Eurasiens und Australiens meist nur einzelne Aufgaben übernehmen.

Die sehr verallgemeinernde und undifferenzierte Verwendung des Begriffs für religiös-spirituelle Spezialisten außerhalb Sibiriens (wie im Kontext der sogenannten Schamanismus-Konzepte üblich) wird von einigen Wissenschaftlern und Indigenen kritisiert. Sie bemängeln, dass dadurch eine Gleichheit sehr unterschiedlicher kultureller Phänomene suggeriert werde und plädieren dafür, die jeweiligen regionalen Bezeichnungen zu verwenden.

Geisterbeschwörer und -beschwörerinnen waren und sind Akteure vieler ethnischer Religionen. Darüber hinaus finden sie sich auch in volksreligiösen Formen der Weltreligionen, etwa im Buddhismus oder Islam. Insbesondere bei einigen traditionellen indigenen Gemeinschaften spielen sie weiterhin eine Rolle, wenn auch häufig in veränderter Form. Die Existenz ritueller Experten reicht vermutlich bis in die magisch-spirituelle Religiosität der Mittelsteinzeit zurück. Die Interpretation entsprechender Funde ist jedoch umstritten (siehe Prähistorischer Schamanismus).

Früher waren solche Spezialisten meist Teilzeitausübende, die daneben anderen Subsistenzformen nachgingen. Im Gegensatz dazu sind moderne „Neoschamanen“ vielfach Vollzeitspezialisten, die von ihrer schamanischen Tätigkeit leben.

  1. Ronald Hutton: Shamans: Siberian Spirituality and the Western Imagination. Hambledon Continuum, 2011, S. ??
  2. 1 2 Klaus Sagaster: Schamanismus In: Horst Balz u. a. (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie. Band 30: „Samuel - Seele“. de Gruyter, Berlin/New York 1999, ISBN 3-11-019098-2, S. 72–76.
  3. V. Gorbatcheva, M. Federova: Die Völker des Hohen Nordens. Kunst und Kultur Sibiriens. New York 2000, S. 181.
  4. 1 2 Marvin Harris: Kulturanthropologie – Ein Lehrbuch. Campus, Frankfurt / New York 1989, ISBN 3-593-33976-5, S. 285, 289–292.
  5. Alexandra Rosenbohm (Hrsg.): Schamanen zwischen Mythos und Moderne. Militzke, Leipzig 1999, ISBN 3-86189-159-X, S. 7.
  6. Dirk Schlottmann: Was ist ein Schamane? Koreanischer Schamanismus heute. (Memento vom 6. Juni 2015 im Internet Archive). In: Journal-ethnologie.de. Museum der Weltkulturen, Frankfurt/M. 2008, abgerufen am 7. Juni 2019.
  7. Klaus E. Müller: Schamanismus. Heiler, Geister, Rituale. München 2010, S. 124.