Seeschlacht von Salvore
Die Seeschlacht von Salvore war, obwohl sie nie stattgefunden hat, spätestens vom frühen 14. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts fester Bestandteil der venezianischen Geschichtsschreibung. Auch war sie im wichtigsten Saal des Dogenpalasts, des Zentrums der Staatssymbolik, Sujet der großformatigen Auftragsmalerei, ausgeführt von den bedeutendsten Künstlern ihrer Zeit. In der populärwissenschaftlichen Geschichtsschreibung lebte sie noch weit darüber hinaus. Sie galt lange als Rechtfertigung für die Herrschaft Venedigs über die Adria, zumindest aber ihrer Herleitung.
In dieser angeblichen Schlacht hatte eine venezianische Flotte von 30 oder 35 Galeeren im Jahr 1177 eine sehr viel größere, aus 75 Galeeren bestehende Flotte unter Führung des zu dieser Zeit etwa sieben Jahre alten Otto besiegt, eines Sohnes Kaiser Friedrichs I. Nach Auffassung der venezianischen Geschichtsschreiber war es erst diese Niederlage und das Bitten seines Sohnes, die den Kaiser dazu bewegten, sich mit Papst Alexander III. in Venedig auszusöhnen und damit einen das abendländische Christentum zerreißenden Konflikt endlich zu beenden.
Tatsächlich kam es unter Vermittlung des Dogen Sebastiano Ziani am 24. Juli 1177 zum rituell untermauerten Frieden von Venedig zwischen Papst Alexander und Kaiser Friedrich, nachdem letzterer im Jahr zuvor in der Schlacht von Legnano von den italienischen Kommunen besiegt worden war. Der Doge von Venedig spielte zwar die zentrale Rolle als Vermittler zwischen den kaisertreuen Städten und dem Kaiser auf der einen, sowie dem Papst, dem Normannenreich Süditaliens und den papsttreuen Städten Norditaliens auf der anderen Seite, jedoch hatte Venedig bei den militärischen Auseinandersetzungen keine wesentliche Rolle gespielt.
Um den überaus bedeutenden Vorgang der Aussöhnung zwischen Kaiser und Papst, der Venedig und seinen Dogen ungemein aufwertete, rankte sich schon bald eine Reihe weiterer Legenden, einschließlich eines angeblich einjährigen, heimlichen Aufenthaltes Papst Alexanders in einem venezianischen Kloster nach einer abenteuerlichen Flucht vor den Kaiserlichen.
Zu diesen Legenden zählt auch der Sieg über den besagten Sohn des Kaisers, bei dem die Venezianer vor Salvore (Kap Savudrija, ein Stadtteil von Umag auf Istrien) die kaiserliche Flotte vernichtend besiegten – wiewohl das Reich im Mittelmeer gar keine Flotte unterhielt. Die venezianische Flotte stand dabei angeblich unter dem Befehl des Dogen selbst oder aber unter dem seines Sohnes. Otto, einer der acht Söhne Friedrichs, war zu dieser Zeit wohl noch ein Kind, so dass einige Autoren sein Geburtsdatum vorverlegten, um ihn auf diese Weise wenigstens volljährig zu machen. Der Kaisersohn, der in venezianische Gefangenschaft geraten sei, habe angeboten, seinen Vater zum Friedensschluss zu bewegen, und er habe ihn damit von seinem ungerechten Krieg abbringen können.
Die für die nachfolgenden venezianischen Geschichtsschreiber maßgebliche Quelle entstand im 14. Jahrhundert durch den Dogen Andrea Dandolo, der die Seeschlacht, die er in seinen Chroniken schildert, allerdings nicht selbst erfunden hat. Möglicherweise wurde früher, nämlich um 1229, eine Seeschlacht vor Istrien erwähnt.
Die Schlacht als eines der zentralen Momente des Staatszeremoniells wurde auf mehreren Ebenen eingesetzt. Um 1409 erhielt Gentile da Fabriano den Auftrag, den Saal des Großen Rates im Dogenpalast mit Gemälden zu versehen. Allerdings ist dieses Gemälde zerstört. Weil die künstlerische Darstellung von so eminenter politischer Bedeutung war, wurde das zerstörte Werk bald von einem der erstrangigen Maler seiner Zeit ersetzt. Domenico Tintoretto schmückte im frühen 17. Jahrhundert den Großen Saal, in dem sich der gesamte männliche, erwachsene Adel versammelte, mit einer neuen, monumentalen Darstellung der Seeschlacht. Die von der venezianischen Staatspropaganda als so wichtig erachteten Schlacht wurde darüber hinaus in der Festa della Sensa verherrlicht, einer aufwändigen Staatsfeier, in der die Vermählung des Dogen mit dem Meer, gemeint ist die Adria, im Mittelpunkt steht, und die bis heute jedes Jahr begangen wird.
Die Historizität der Seeschlacht verteidigte die Republik Venedig mit großer Zähigkeit bis ins späte 18. Jahrhundert, auch wenn Ende des 16. Jahrhunderts erste Zweifel geäußert wurden, etwa in Rom. So kam es zu einem heftigen diplomatischen Konflikt, als ein dortiger Geschichtsschreiber, Cesare Baronio, die Seeschlacht in seinem Werk ignorierte und sich weitgehend auf eine vatikanische Handschrift der Chronik des Bischofs Romuald von Salerno berief. Diese Chronik ist für den Frieden von Venedig tatsächlich die Hauptquelle. Die venezianischen Diplomaten ihrerseits beriefen sich unter anderem auf das Gemälde Tintorettos als historische Quelle, aber auch auf ihre ältesten Chroniken (die erst im 14. Jahrhundert abgefasst wurden). Der Papst sah sich veranlasst anzuordnen, dass die entsprechende Inschrift unter einem Gemälde der Schlacht wiederhergestellt wurde. Erst in den letzten Jahrzehnten gelang es, die Schlacht nicht nur als politisch motivierte Erfindung zu erweisen, sondern sie darüber hinaus in die Geschichte der venezianischen Selbstdarstellung und -erklärung einzuordnen. Auch lässt sich an diesem Beispiel die Geschichte der historischen Methodologie an der Auseinandersetzung um die Quellengrundlage, zu denen lange auch Legenden oder Gemälde aus sehr viel späterer Zeit gleichsam als unmittelbare Zeugen gerechnet wurden, verdeutlichen.
- ↑ Konrad Escher: Malerei der Renaissance in Italien, Teil 2: Die Malerei des 14. bis 16. Jahrhunderts in Mittel- und Unteritalien, Berlin-Neubabelsberg 1922, S. 33 (Digitalisat).