Silbernes Zeitalter der Wiener Operette
Der Begriff Silbernes Zeitalter der Wiener Operette wurde 1947 durch die Autoren Franz Hadamowsky und Heinz Otte in ihrem Werk Die Wiener Operette - Ihre Theater- und Wirkungsgeschichte, erschienen im Bellaria-Verlag Wien, erstmals bei dem mit diesem Buch von ihnen vorgelegten Versuch einer zeitlichen Systematisierung der Abschnitte der Wiener Operettengeschichte verwendet. Sie datieren diesen Zeitraum für die Jahre 1901 bis 1920. Dieser Begriff, der durch Hadamowsky und Otte nicht bzw. nie konkretisiert wurde, ist seit diesem Zeitpunkt unter den verschiedensten, auch verwirrenden Bezeichnungen, wie Silberne Operettenära (was verkennt, dass Hadamowsky und Otte diesen ausdrücklich nur auf die Wiener Operette beziehen) im Gebrauch, wird den Nationalsozialisten zugeschrieben (was unzutreffend ist) oder der Zeitraum wird nach Belieben ausgedehnt (angeblich bis in die 1940er Jahre, die aber von Hadamowsky und Otte unter dem Titel Glanzvoller Ausklang (1920–1938) von 1920 an und nur bis 1938 zusammengefasst werden, sie behandeln die Zeit danach nicht), oder dass sie etwa auf das Goldene Zeitalter der Wiener Operette direkt folgen würde (diese von Hadamowsky/Otte auf die Zeit 1871–1885 datiert), was ebenfalls unzutreffend ist.
Seriöse Musikwissenschaftler, wie Albert Gier, Volker Klotz oder Norbert Linke lehnten bzw. lehnen diesen Begriff gänzlich ab, da er sich lediglich aus dem historisch-zeitlichen Umfeld der Veröffentlichung von Hadamowsky/Otte von 1947 erschließen würde, aber eine Wertung in sich trage, die wissenschaftlich nicht haltbar sei und in deren beider Veröffentlichung (auch) eine Reflexion des zerstörten Wiens von 1947 sei. Auch die Fixierung des Begriffes auf vornehmlich jüdische Librettisten sei musikwissenschaftlich ebenfalls nicht haltbar bzw. unzutreffend. Von den Original-Autoren bezüglich des Begriffes 1947 gibt es im Übrigen keinerlei Hinweis bezüglich Autoren/Komponisten/Darsteller/Theater-Akteure usw., die in irgendeiner Richtung sich mit den jüdischen Wurzeln und Problemen befasst, was den Eindruck verstärkt, dass die Begriffe wahllos bzw. willkürlich gewählt wurden.
Das Phänomen, dass dieser Versuch seit über 80 Jahren die Sekundärliteratur prägt (ohne auf die Originalquelle zu verweisen), ist wissenschaftlich nicht erforscht: Der "Konstruktionsversuch" eines besonders herausragenden Abschnitts der Geschichte der Wiener Operette zwischen 1871 und 1885 einerseits, wie einer nach der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch der Monarchie ist zwar legitim, aber nicht belegbar: Die Situation des zerstörten und hungernden Wiens nach 1945 begünstigte historisch solche glorifizierende Vereinfachungen.
- ↑ Franz Hadamowsky, Heinz Otte: Die Wiener Operette: Ihre Theater- und Wirkungsgeschichte, Bellaria-Verlag Wien (Teil 2 der Serie Klassiker der Wiener Kultur), Seite 297–346.
- ↑ Operette unterm Hakenkreuz: Wie die Nazis ein Genre zersetzten. SWR, 24. Juni 2024, abgerufen am 15. Februar 2026