Sprechende Medizin

Sprechende Medizin wird als Sammelbegriff für alle ärztlichen Interventionen verwendet, welche die Kommunikation zwischen Arzt und Patient als Wirkfaktor nutzen. Damit wird eine Vielzahl von unterschiedlichen und zum Teil sich stark überschneidenden Themen zu umfassen versucht, wie z. B. Arzt-Patient-Beziehung, Arzt-Patient-Kommunikation, Ärztliches Gespräch, Psychoedukation im Rahmen von Patienten- und Angehörigen-Information (Erarbeiten adäquater Vorstellungen zu den beklagten Beschwerden bzw. gesundheitlichen Störungen, Erwartungen zur Behandlung und Prognose), breaking bad news (Übermitteln schwerwiegender diagnostischer Fakten), Erteilen von medizinischen Ratschlägen, Fragen der Therapietreue (Einwilligung und Befolgung von diagnostischen und therapeutischen Prozeduren; compliance, adherence).

Überschneidungen ergeben sich auch mit dem Konzept der Narrativen Medizin (Erzählende Medizin, englisch narrative medicine oder narrative based medicine) und der Balint-Gruppen (inklusive interaktionsbezogene Fallarbeit und „Beziehungsmedizin“).

Im Rahmen der medizinischen Ausbildung und Patientenversorgung ergeben sich darüber hinaus enge Überschneidungen zu den Begriffen psychosoziale Medizin, psychosomatische Medizin und psychotherapeutische Medizin (als Anwendung psychotherapeutischer Interventionen im ärztlichen Setting) und Psychotherapie.

In ihrer Gesamtheit versteht sich die sprechende Medizin als Gegenpol und zugleich Erweiterung der Apparatemedizin (oder Gerätemedizin), welche auf dem strikt naturwissenschaftlich orientierten biomedizinischen Modell der Humanmedizin fußt. In dieser bis heute dominierenden Denkhaltung erscheint der Mensch nicht primär als (denkendes, fühlendes und gestaltendes) Subjekt, sondern als Objekt: der menschliche Organismus als komplexe Maschine, die im Schadensfall pharmakologisch oder chirurgisch-technisch zu reparieren ist (zur Kritik siehe zum Beispiel Ivan Illich und Paul Watzlawick (1991), Thure v. Uexküll und Wolfgang Wesiack (2003), George L. Engel (1976) Josef W. Egger (2010)).

  1. Trisha Greenhalgh, Brian Hurwitz: Narrative-based Medicine - Sprechende Medizin. Dialog und Diskurs im klinischen Alltag. Huber, Bern 2005, ISBN 3-456-84110-8.
  2. Wulf Rössler (Hrsg.): Die therapeutische Beziehung. Springer, Berlin 2004, ISBN 3-540-21670-7.
  3. Friedrich Schulz von Thun: Miteinander reden. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. Band 1–3. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2006.
  4. Ivan Illich, Paul Watzlawick: Was macht den Menschen krank? 18 kritische Analysen. 1991, ISBN 3-7643-2583-6.
  5. Thure v. Uexküll, Wolfgang Wesiack: Integrierte Medizin als Gesamtkonzept der Heilkunde: ein biopsychosoziales Modell. In: Thure v. Uexküll: Psychosomatische Medizin. Modelle ärztlichen Denkens und Handelns. Urban & Fischer, München 2003, S. 3–42.
  6. George L. Engel: Psychisches Verhalten in Gesundheit und Krankheit. Huber, Bern 1976.
  7. Klaus Grawe: Neuropsychotherapie. Hogrefe, Göttingen 2004.
  8. Josef W. Egger: Gesundheit - Aspekte eines komplexen biopsychosozialen Konstrukts und seine Korrelation zu Optimismus und Glückserleben. In: Psychologische Medizin. 21(1), 2010, S. 38–48.