Sufismus

Sufismus oder Sufitum (auch Sufik, arabisch تَصَوُّف, DMG taṣawwuf) ist eine Sammelbezeichnung für Strömungen im Islam, die asketische Tendenzen und eine spirituelle Orientierung aufweisen, die meist dem Begriff der Mystik zugeordnet wird. Einen Anhänger bzw. Praktiker des Sufismus nennt man Sufi (arabisch صُوفِيّ, DMG Ṣūfī) oder Derwisch (persisch دَرویش darwisch, DMG darwīš). Zu Kernelementen der unterschiedlichen praktischen und theoretischen Lehren zählen vielfach eine Einheit alles Existierenden, ein „innerer Sinn“ (arabisch بَاطِن, DMG bāṭin) des Korans, eine individuelle Nähe oder Unmittelbarkeit zu Gott sowie dementsprechende vorbildhafte Koranverse und normative überlieferte Aussprüche und biographische Berichte über Mohammed.

Bis zum 9. Jahrhundert waren die Sufis (arabisch صُوفِيَّة, DMG ṣūfīya) eine asketische Randgruppe im heutigen Irak. Ab dem 10. Jahrhundert wurden systematische Handbücher zum spirituellen Weg des Sufi ausgearbeitet, welche die Nähe zum orthodoxen Sunnitentum betonen. Für die systematische Ausformulierung von Theologie und Epistemologie wurden Philosophen und Theologen wie al-Ghazālī, Suhrawardi und Ibn Arabi prägend. Im 12. Jahrhundert bildeten sich Sufi-Orden aus, die auch religionspolitische Funktionen tragen, darunter Organisation der Volksfrömmigkeit und Mission. Der Sufismus war in der Geschichte einer der wichtigsten Faktoren bei der Gewinnung von Nicht-Muslimen für den Islam.

Das Ehepaar Ariel und Will Durant stellte um die Mitte des 20. Jahrhunderts in seiner Kulturgeschichte der Menschheit einen Bezug zu ähnlichen Reformbewegungen in anderen Kulturen her: Die Bezeichnung Sufi leitet sich von einem einfachen Wollgewand (suf) ab. In der Rückwendung zur Einfachheit der Lebenshaltung, der Frömmigkeit und des Quietismus trifft sich der Sufismus mit ähnlichen Strömungen, wie z. B. dem Franziskanertum oder den Überzeugungen des frühen Quäkertums.

Spätestens mit der Organisation in Orden ist eine Identifikation von Mystik und Sufismus problematisch, da sich ersteres meist auf einen spezifischen Typus von Spiritualität bezieht, letzteres nun aber auf Institutionen. Den Begriffen sufiya und tasawwuf gegenüber steht der Ausdruck ‘irfān (arabisch عِرْفَان ‚Erkenntnis‘, auch Gnosis) in der Bedeutung „Mystik“. Das Wort Sufismus wird in Europa erst seit dem 19. Jahrhundert verwendet.

Sufi-Orden hatten im Osmanischen Reich eine ähnliche Bedeutung wie die Zünfte oder die Gilden in Westeuropa. Ausgehend von Kleinasien gingen die Orden eine Verbindung mit den Zünften der Handwerker ein, den sogenannten Akhi (türkisches Pendant zum Konzept von Futuwwa). Sie fanden insbesondere auch auf dem Balkan Verbreitung. Ihre Versammlungsgebäude (Konvent, Loge), Tekken genannt, spannten ein Netzwerk über das Osmanische Reich, das den technischen Fortschritt verbreitete. Der Sufi-Orden der Bektaschi fand besonderen Widerhall in Albanien, dem Kosovo und in Bosnien, weil sich die Janitscharen an ihm orientierten. Diese Angehörigen von Verwaltungseinheiten und Spezialtruppen des Sultans wurden vor allem aus den Balkanländern (zwangs-)rekrutiert und in Konstantinopel ausgebildet. Neben dem Schutz des Sultans waren sie über lange Zeit einer der Träger des technischen Know-Hows im Osmanischen Reich. Diese Funktion bildet u. a. den historischen Hintergrund des Romans Die Brücke über die Drina von Ivo Andrić.

  1. Hartmut Bobzin: Art. Sufi, Sufitum. In: Lexikon für Theologie und Kirche, Band 9, S. 1094 f.
  2. Nehemia Levtzion: Toward a Comparative Study of Islamization. In: Levtzion (Hrsg.): Conversion to Islam. New York/London 1979, S. 1–23. Hier S. 16–18.
  3. Ariel und Will Durant: Kulturgeschichte der Menschheit. Band: Weltreiche des Glaubens. Südwest Verlag, München 1977, ISBN 3-517-00559-2, S. 514–515.
  4. Hans Wehr: Arabisches Wörterbuch. Wiesbaden 1968, S. 545.
  5. Namentlich bei August Tholuck: Ssufismus sive theosophia Persarum pantheistica. Berlin 1821.
  6. Tamim Ansary: Die unbekannte Mitte der Welt. Globalgeschichte aus islamischer Sicht. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-7632-6371-4, S. 174.
  7. Noel Malcolm: Bosnia. A Short History. Pan Books. London 2002, S. 105. Online, https://archive.org/details/bosniashorthisto00malc.
  8. Ivo Andrić: Die Brücke über die Drina. Eine Chronik aus Visegrad. Übersetzer: Ernst E. Jonas, Katharina Wolf-Grießhaber, dtv 2013, ISBN 978-3-423-14235-9.