Tractatus logico-philosophicus
Der Tractatus logico-philosophicus oder kurz Tractatus (ursprünglicher deutscher Titel: Logisch-philosophische Abhandlung) ist das erste Hauptwerk des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889–1951) und das einzige buchförmige philosophische Werk, das zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde.
Unmittelbar nach seiner Veröffentlichung wurde der Tractatus von Fachleuten einzelner positivistischer Logikergruppen als bewundernswerter Geniestreich aufgenommen. Wittgensteins Lehrer und Förderer Bertrand Russell und der Wiener Kreis um Moritz Schlick sind für seine schnelle, fachinterne Verbreitung verantwortlich gewesen. Mit der Schrift, „das bedeutendste Werk“ seiner Zeit, so Schlick, sei der Weg zur sprachanalytischen Philosophie „erstmals aus der Tiefe begründet, […] an einem Wendepunkt angelangt“. Schlick selbst hat, neben weiteren Befürwortern eines logischen Empirismus, seine Positionen und Formulierungen nach Wittgensteins Werk neu ausgerichtet. An erster Stelle stehe die Einsicht, dass alle Erkenntniskritik (im klassischen Kantischen Sinne) auf logische Klärung der Sprache hinausläuft, mit dem Tractatus sich der so genannte „Linguistic Turn“ in der Philosophie vollzogen hat.
Aus heutiger philosophiehistorischer Sicht enthält der Tractatus die wohl wirkungsmächtigste „Vision eines im Sinne der Idealsprache vollendeten Programmes“, die in ihrer geschlossenen Formgebung auf gleicher Stufe „mit der Aufhebung der Philosophie“ selbst stehe. In diesem einschränkenden Sinne bleibt er Ausgangspunkt für vielfältige logisch-analytische Entwicklungslinien der heutigen Philosophie, vor allem im europäischen und anglo-amerikanischen Raum. Nicht zuletzt gehört die Abhandlung seit Mitte des 20. Jahrhunderts zu den einflussreichsten Werken der Logikgeschichte: Zahlreiche Kommentarbände, Lehrveranstaltungen und Qualifikationsschriften sind allein diesem Werk gewidmet.
- ↑ Siehe R. Monk (1992), hier in der Literatur: S. 62, 184 und 261.
- ↑ M. Schlick, Vorrede von 1930 zu F. Waismann, Logik, Sprache, Philosophie. Reclam, Stuttgart 1976, S. 20 f.
- ↑ Siehe M. Geier (2017), hier unter Literatur: S. 192 f., worin Schlicks Die Wende der Philosophie (1930) genannt wird. In M. Schlick, Gesammelte Aufsätze (1926–1936), hrsg. v. F. Waismann, Gerold, Wien 1938, online unter archive.org, heißt es auf S. 33 f.: Die Wege zur Sinnklärung der Sprache „gehen von der Logik aus. Ihren Anfang hat Leibniz undeutlich gesehen, wichtige Strecken haben in den letzten Jahrzehnten Gottlob Frege und Bertrand Russell erschlossen, bis zu der entscheidenden Wendung aber ist zuerst Ludwig Wittgenstein (im „Tractatus logico-philosophicus“, 1922) vorgedrungen.“
- ↑ J. Nida-Rümelin, E. Özmen, Einleitung zur Philosophie der Gegenwart. Kröner, Stuttgart 2007, S. XXVI f.
- ↑ W. V. O. Quine etwa hat für sein ebenso einflussreichen Klassiker Word and Object (1960) das „Leiter-Bild“ (siehe hier unter Einzelaspekte) vom Schluss des Tractatus aufgenommen und semantisch neu interpretiert. In der Übersetzung (Reclam, Stuttgart 1980, S. 22): „Um Wittgensteins Bild … zu setzen: Wir können unsere Leiter erst dann wegstoßen, wenn wir auf ihr emporgestiegen sind.“
- ↑ Siehe W. Vossenkuhl (2001), hier in der Literatur, Seite 2 der Einleitung.
- ↑ Vgl. die Bemerkung in der Einführung, S. 15, zu Ray Monk (1992), hier angegeben unter Literatur: damals kam er auf 5868 Bücher über Wittgenstein, die meisten davon akademischer Natur.