Vili

Vili, auch Wili (altnordisch Vili „Wille“), ist in der nordischen Mythologie der Bruder von Odin, des obersten Gotts, und von , mit dem er stets zusammen genannt wird.

Der Isländer Snorri Sturluson (13. Jahrhundert) berichtet in seiner Prosa-Edda, dass die drei Brüder von der Riesin Bestla und von Borr abstammen, den Buri zeugte. Da sie den Urzeitriesen Ymir töten und aus seinen Körperteilen die Welt erbauen, sind sie die Schöpfer der Welt. Zum Abschluss des Schöpfungswerks erschaffen sie die ersten Menschen namens Ask und Embla. Zudem erzählt Snorri in seinem Werk Heimskringla in der Ynglinga saga, dass Vili und Vé während einer langen Abwesenheit Odins dessen Herrschaft übernehmen und sich sein Weib Frigg teilen, weil sie glauben, er käme nicht mehr zurück. Ihre Regentschaft endet schließlich mit Odins Rückkehr.

Snorri umreißt damit alle Mythen, in denen Vili und Vé überhaupt von Bedeutung sind. Die Bruderschaft der drei Götter bezeugen auch andere Quellen der nordischen Mythologie, ebenso die Abstammung Odins von Burr (Borr) und Bestla. Einig sind sich die Quellen auch darin, dass Vili und Vé Mitschöpfer der Welt sind.

Jedoch scheint die Völuspá ein Weltschöpfungsmodell zu beschreiben, das nicht auf Ymirs Tötung beruht. Nach ihr hoben Burrs Söhne das Land aus dem Ginnungagap, worin einige gewichtige Stimmen in der Forschung eine Schöpfung der Welt aus dem Urmeer sehen, wie sie typisch für viele Mythologien Eurasiens ist. Die Erschaffung der ersten Menschen wird in der Völuspá in klarem Widerspruch durch Odin, Hönir und Lodur vorgenommen. Man geht davon aus, dass in Snorris Werk bewusste Eingriffe in die Mythen zum Vorschein kommen, die zum Ziel hatten, Widersprüche zwischen den einzelnen Mythen auszuräumen. Mit einer Weltschöpfung aus dem Wasser konnte Snorri offenbar nicht mehr viel anfangen, er übergeht die entsprechenden Hinweise schlichtweg. Die Dreiheit der Weltschöpfer unter der Führung Odins setzte er offenbar mit der Dreiheit der Menschenschöpfer gleich, die ebenfalls von Odin angeführt werden.

  1. So zum Beispiel noch Arnulf Krause: Die Götter- und Heldenlieder der Älteren Edda. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-15050-047-7 und René L. M. Derolez: Götter und Mythen der Germanen. Verlag Suchier & Englisch, Wiesbaden 1974 (Originaltitel De Godsdienst der Germanen. Erscheinungsjahr 1959, übersetzt von Julie von Wattenwyl), S. 72, 110, 284
  2. Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte. 2. Auflage, 1957, § 517
  3. Snorri Sturluson: Prosa-Edda, Gylfaginning. Kapitel 6 (Zitation der Prosa-Edda nach Arnulf Krause: Die Edda des Snorri Sturluson. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-15000-782-2)
  4. Snorri Sturluson: Prosa-Edda, Gylfaginning. Kapitel 7 f.
  5. Snorri Sturluson: Prosa-Edda, Gylfaginning. Kapitel 9
  6. Snorri Sturluson: Heimskringla, Ynglinga saga. Kapitel 3
  7. Mehrfach in der Skaldik, aber auch Lieder-Edda, Lokasenna. Strophe 26 (Zitation der Lieder-Edda nach Arnulf Krause: Die Götter- und Heldenlieder der Älteren Edda. Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 978-3-15050-047-7)
  8. Lieder-Edda: Voluspá. Strophe 4
  9. Franz Rolf Schröder: Die Göttin des Urmeeres und ihr männlicher Partner. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur. (PBB), Band 82 (1960), Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1960, S. 221–264 (S. 252 f.); Kurt Schier: Die Erdschöpfung aus dem Urmeer und die Kosmogonie der Völospá. In: Hugo Kuhn, Kurt Schier (Hrsg.): Märchen, Mythos, Dichtung – Festschrift zum 90. Geburtstag Friedrich von der Leyens am 19. August 1963. Verlag C. H. Beck, München 1963; Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte, Band 2: Religion der Nordgermanen. Verlag Walter de Gruyter & Co., Berlin und Leipzig 1937, § 320; Heinrich Beck: Erde. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der germanischen Altertumskunde Band 7. 2. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York 1989, ISBN 978-3-11-011445-4, S. 438; Anders Hultgård: Schöpfungsmythen. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der germanischen Altertumskunde. Band 27. 2. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin/New York 2004, ISBN 978-3-11-018116-6, S. 251; ablehnend Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X, S. 237.
  10. Lieder-Edda: Voluspá. Strophe 17
  11. Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte, Band 2: Religion der Nordgermanen. Verlag Walter de Gruyter & Co., Berlin und Leipzig 1937, §316 unter Verweis auf Eugen Mogk: Grundriss der germanischen Philologie. Band 1, S. 235 und Sigurður Jóhannesson Nordal: Völuspà. S. 120.