Narodniki

Die Narodniki (russisch народники, [nɐˈrɔdʲnʲɪkʲɪ], Volkstümler, Volksfreunde; Singular Narodnik) waren eine sozialrevolutionäre Bewegung im Russischen Kaiserreich, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Erscheinung trat.

Im Vordergrund dieser Bewegung standen revolutionäre Intellektuelle (vgl. Intelligenzija), die ihre gewohnte Umgebung verließen und als einfache Arbeiter lebten. Sie wollten das einfache Volk über soziale Missstände aufklären. Propagiert wurde die Erneuerung Russlands durch eine Bauernbewegung hin zu einem Sozialismus, in dessen theoretischem Mittelpunkt die Dorfgemeinde (Obschtschina) stand, die durch das Emanzipationsstatut von 1861 (vgl. auch: Große Reformen) noch gestützt worden war. Ein Bauer hatte innerhalb der Gemeinde kein Eigentumsrecht, sondern nur ein Nutzungsrecht, dessen Umfang die Gemeinde festlegte; sein Recht, aus der Gemeinde auszuscheiden, war beschränkt; ein System eines staatlichen Paternalismus diente nicht zuletzt dazu, das System, Steuern einzutreiben, wirksam zu erhalten.

Die Narodniki sahen nun in der Dorfkommune, die die wichtigsten Elemente einer sozialistischen Gesellschaft enthalte, eine Möglichkeit, die Entwicklung zum Kapitalismus zu umgehen und auf direktem Wege den Sozialismus zu erreichen. Trotz der wichtigen Fortschritte des Kapitalismus in der russischen Landwirtschaft nach der Bauernreform von 1861 waren die neuen Strukturen für sie ein künstliches Produkt, das keinen Zusammenhang mit der russischen Geschichte aufwies. Anstatt den langen und qualvollen Prozess der kapitalistischen Entwicklung zu durchlaufen, könnten die russischen Revolutionäre, den Narodniki zufolge, die besonderen historischen Bedingungen Russlands im Interesse der Bauern nutzen, um einen Sozialismus zu gründen.

Im Frühjahr 1874 erfolgte ein spontaner und unorganisierter Aufstand, welcher jedoch niedergeschlagen wurde.

  1. Leonard Schapiro: Die Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. 9.–23. Tausend. S. Fischer, Frankfurt am Main 1962, S. 15 (englisch: The Communist Party of the Soviet Union. Eyre & Spottiswoode, London 1960).
  2. Richard Lorenz: Georgi Walentinowitsch Plechanow. In: Walter Euchner (Hrsg.): Klassiker des Sozialismus. C. H. Beck, München 1991, ISBN 3-406-35089-5, S. 251–263.