Weißenhofsiedlung
Die Weißenhofsiedlung wurde 1927 vom Deutschen Werkbund in Stuttgart als zentraler Bestandteil der Ausstellung ›Die Wohnung‹ (23. Juli bis 31. Oktober 1927) errichtet. Damals galt die Weißenhofsiedlung als avantgardistisch, heute stellt sie ein prominentes Exempel der frühen Moderne dar und gilt als eine der bedeutendsten Architektursiedlungen der Neuzeit. Unter der künstlerischen Leitung von Mies van der Rohe entwarfen 17 Architekten eine Mustersiedlung von 21 Häusern, die insgesamt 63 Wohnungen enthielten, eingerichtet von 55 Architekten und Innenarchitekten des In- und Auslands.
Die architekturgeschichtliche Bedeutung der Weißenhofsiedlung besteht darin, dass zentrale Protagonisten des Neuen Bauens ihre Ideen in einem gemeinsamen Projekt realisierten. Bei ihren Entwürfen hatten die Architekten maximale Gestaltungsfreiheit. Das Doppelhaus von Le Corbusier und Pierre Jeanneret gehört seit 2016 zum Weltkulturerbe, seit 2006 befindet sich darin das Weißenhofmuseum.
Die Aufgabenstellung für die Architekten war, Wohnungen im Stil des Neuen Bauens für den »modernen Großstadtmenschen« zu errichten. Dabei kamen damals modernste Baumethoden und -materialen zum Einsatz, die Gebäude sollten den zeitgenössischen Erkenntnissen über gesundes Wohnen entsprechen. Damit handelt es sich bei der Weißenhofsiedlung um keine gewachsene Siedlung, sondern um das Resultat der Ausstellung ›Die Wohnung‹.
Die Ausstellung ›Die Wohnung‹ wurde am 23. Juli 1927 eröffnet. Sie bestand insgesamt aus vier Teilen, die an drei verschiedenen Orten in Stuttgart präsentiert wurden:
– die Weißenhofsiedlung auf dem Stuttgarter Killesberg war das Herzstück der Ausstellung. Der erste Spatenstich erfolgte am 1. März 1927. Aufgrund der geringen, zur Verfügung stehenden Bauzeit waren erst Anfang September 1927, rund sechs Wochen nach der Ausstellungseröffnung, sämtliche Gebäude fertiggestellt;
– das Experimentiergelände neben der Weißenhofsiedlung. Auf ihm wurden neuartige Baumaterialien und Konstruktionsmethoden gezeigt, die in der Siedlung verwendet worden waren, daneben Fertighäuser und Bauteile aus verschiedenen Materialien;
– die Hallenausstellung in der Gewerbehalle (heute Standort der Universitätsbibliothek Stuttgart) mit handverlesenen Produkten für die Wohn- und Hauswirtschaft;
– die ›Internationale Plan- und Modellausstellung neuer Baukunst‹ mit mehr als 500 Architekturexponaten (im wesentlichen Pläne, Fotos, Modelle) aus zehn Ländern, die die Internationalität der auf dem Weißenhof verwirklichten Architekturgedanken belegten. Die ›Internationale Plan- und Modellausstellung‹ wurde in Räumen neben dem Alten Schloss in Stuttgart präsentiert und anschließend als Wanderausstellung in zahlreichen Ländern gezeigt. Auf diese Weise trug die Stuttgarter Werkbundausstellung erheblich dazu bei, die Prinzipien der modernen Architektur weltweit zu verbreiten.
»Von der Werkbundzentrale in Berlin war die Ausstellung in Stuttgart lediglich als eine Art Fingerübung gedacht für eine weit umfangreichere, zusammen mit anderen Institutionen in Berlin geplante ›Weltbau-Ausstellung‹ 1930. Viel größer, viel internationaler als in Stuttgart sollte diese sein […] Zwar gab es 1931 in Berlin eine Bauaustellung, doch in viel bescheidenerem Ausmaß als geträumt – Arbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise verhinderten die Verwirklichung der ehrgeizigen Pläne.«
Die Weißenhofsiedlung, das Bauhaus, das Neue Frankfurt, die weißen Stadthäuser in Paris von Le Corbusier und die De-Stijl-Bewegung in den Niederlanden gehörten zu den einflussreichsten Vorbildern der aufkommenden modernen Architektur. Im Jahr 1928 wurde die Vereinigung CIAM (Congrès Internationaux d’Architecture Moderne) gegründet, die diese Bauweise förderte, unterstützte und die theoretischen Grundlagen entwickelte für eine zeitgemäße Architektur und Städtebau unserer Zeit.
Der Name Weißenhof geht auf den Bäcker Georg Philipp Weiß zurück, der 1779 auf dem brachliegenden Gelände einen landwirtschaftlichen Betrieb (Meierei) errichtet hatte. Nach ihm sind die Siedlung und der Stuttgarter Stadtteil Weißenhof benannt.
Die »Schlüsselfigur« für das Zustandekommen der Ausstellung ›Die Wohnung‹ war Gustaf Stotz, Innenarchitekt und Geschäftsführer der Württembergischen Arbeitsgemeinschaft des Deutschen Werkbunds in Stuttgart. Stotz wurde durch Veröffentlichungen avantgardistischer Architekten-Gruppen auf Mies van der Rohe aufmerksam, der am 8. Oktober 1925 auf Stotz’ Vorschlag vom Deutschen Werkbund zum künstlerischen Leiter des Projekts ernannt wurde. Mies und Stotz wählten gemeinsam die beteiligten Architekten aus.
Der Architekt Richard Döcker war der Bauleiter der Weißenhofsiedlung.
Der Stuttgarter Maler und Grafiker Willi Baumeister war an der Ausstellung als Typograf und Werbegrafiker beteiligt. Zu seinen umfangreichen Auftragsarbeiten gehörten unter anderem die Gestaltung der Werkbund-Denkschrift, des Amtlichen Katalogs, des Hauptplakats ›Wie wohnen?‹ sowie der Hallenbeschriftungen.
Der Bildhauer, Maler, Grafiker, Fotograf und Erfinder Werner Graeff (auch: Gräff) war als Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit maßgeblich am ›propagandistischen‹ Erfolg der Weißenhofsiedlung beteiligt. Er gab den Katalog ›Innenräume‹ zur Ausstellung ›Die Wohnung‹ heraus.
- ↑ Die menschliche Wohnstätte (= Schloemann-Kalender, Jg. 16). Schloemann, Düsseldorf 1953, S. 168.
- ↑ Karin Kirsch (Hrsg.): Briefe zur Weißenhofsiedlung. DVA, Stuttgart 1997, ISBN 3-421-03128-2, S. 5.
- ↑ Karin Kirsch: Die Weißenhofsiedlung, Werkbund-Ausstellung ›Die Wohnung‹. Mit Zeichnungen nach den Baueingabeplänen der Architekten von Gerhard Kirsch. DVA, Stuttgart 1987, ISBN 3-421-02881-8, S. 27–41.
- ↑ Karin Kirsch (Hrsg.): Briefe zur Weißenhofsiedlung. DVA, Stuttgart 1997, ISBN 3-421-03128-2, S. 9.
- ↑ Karin Kirsch (Hrsg.): Briefe zur Weißenhofsiedlung. DVA, Stuttgart, ISBN 3-421-03128-2, S. 8.
- ↑ Karin Kirsch (Hrsg.): Briefe zur Weißenhofsiedlung. DVA, Stuttgart 1997, ISBN 3-421-03128-2, S. 8.
- ↑ Wolfgang Kermer: Willi Baumeister und die Werkbund-Ausstellung „Die Wohnung“ Stuttgart 1927. Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, 2003 (= Beiträge zur Geschichte der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, hg. von Wolfgang Kermer; 11), ISBN 3-931485-55-2.
- ↑ Michael Kimmerle: Willi Baumeisters Typografie. In: Der Deutsche Werkbund Baden-Württemberg (Hrsg.): Die Werkbundsiedlung am Weißenhof. Raumkunst und Visionen. av edition, Stuttgart 2024, ISBN 978-3-89986-417-5, S. 72–89.
- ↑ Karin Kirsch: Werner Graeff, der Werkbund und die Weißenhofsiedlung. In: Der Deutsche Werkbund Baden-Württemberg (Hrsg.): Die Werkbundsiedlung am Weißenhof. Raumkunst und Visionen. av edition, Stuttgart 2024, ISBN 978-3-89986-417-5, S. 14–25.
- ↑ Nicole Golombek: Beste Werbung der Architekturgeschichte. In: Stuttgarter Zeitung. 7. Januar 2025.
- ↑ Gerda Breuer: Werner Graeff und die neuen visuellen Sprachen. In: Der Deutsche Werkbund Baden-Württemberg (Hrsg.): Die Werkbundsiedlung am Weißenhof. Vom Neuen Sitzen und Gestalten. av edition, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-89986-386-4.
- ↑ Werner Gräff im Auftrag des Deutschen Werkbunds (Hrsg.): Innenräume. Akademischer Verlag Dr. Fr. Wedekind & Co., Stuttgart 1927.