Eine affine Lie-Algebra ist in der Mathematik eine unendlichdimensionale Lie-Algebra, die auf kanonische Weise aus einer endlichdimensionalen Lie-Algebra konstruiert wird. Dies ermöglicht die Konstruktion affiner Kac-Moody-Algebren.
Definition
Sei
eine endlich-dimensionale Lie-Algebra. Dann ist die zugehörige affine Lie-Algebra
definiert als der Vektorraum
![{\displaystyle {\hat {\mathfrak {g}}}={\mathfrak {g}}\otimes \mathbb {C} [t,t^{-1}]\oplus \mathbb {C} c}](./31542b38e4222968e04c42b14be73b69312faf4d.svg)
mit der Kommutator-Relation
![{\displaystyle \left[a\otimes t^{n}+\alpha c,b\otimes t^{m}+\beta c\right]=\left[a,b\right]\otimes t^{n+m}+\langle a,b\rangle n\delta _{m+n,0}c}](./843389ca2ad64153602ffa32b5f64bfb4f93395c.svg)
für
. Hierbei bedeutet
die Lie-Klammer in
,
die Killing-Form von
und
ist die assoziative Algebra der Laurent-Polynome.
ist ein Element des Zentrums der Liealgebra und
ist daher ein zentrales Ideal. Weiter hat man eine kurze exakte Sequenz
![{\displaystyle 0\rightarrow \mathbb {C} c\rightarrow {\hat {\mathfrak {g}}}\rightarrow {\mathfrak {g}}\otimes \mathbb {C} [t,t^{-1}]\rightarrow 0}](./e4d820faec916fc198ad6c6a7d7dea54c5dedfce.svg)
von Lie-Algebren.[1]
Erweiterte affine Lie-Algebra
Wir definieren durch die Formeln

![{\displaystyle d(a\otimes f):=a\otimes (t{\frac {\mathrm {d} }{\mathrm {d} t}})(f),\quad a\in {\mathfrak {g}},f\in \mathbb {C} [t,t^{-1}]}](./31de33e3e85a9bcc87732005b73093da9112a1c9.svg)
eine Derivation auf
. Beachte dazu, dass durch den Differentialoperator
eine Derivation auf
erklärt ist. Die erweiterte affine Lie-Algebra
entsteht aus
durch Adjunktion dieser Derivation, das heißt
,
wobei
für die semidirekte Summe steht.
Die so konstruierte Algebra
heißt die zu
gehörige erweiterte affine Lie-Algebra oder einfach erweiterte affine Algebra.
Kac-Moody-Algebren affinen Typs
Aus den bekannten endlich-dimensionalen einfachen Lie-Algebren An, Bn, Cn, Dn, E6, E7, E8, F4, G2 kann man mittels obiger Konstruktion die Kac-Moody-Algebren affinen Typs konstruieren, genauer die ungetwisteten Kac-Moody-Algebren affinen Typs. Weitere treten als Fixpunktalgebren gewisser Automorphismen auf, man spricht dann von getwisteten Kac-Moody-Algebren affinen Typs. Wir konstruieren im Folgenden sämtliche Kac-Moody-Algebren affinen Typs, die von unzerlegbaren verallgemeinerten Cartan-Matrizen herrühren. Dies sind sogenannte Realisierungen der abstrakt definierten Kac-Moody-Algebren, das heißt man erhält zu jeder Kac-Moody-Algebra affinen Typs mit unzerlegbarer, verallgemeinerter Cartan-Matrix einen konkreten Vektorraum mit einer Lie-Klammer wie oben angegeben, so dass diese Lie-Algebra der entsprechenden Isomorphieklasse angehört.[2]
Ungetwistete Kac-Moody-Algebren affinen Typs
Für
wählen wir in obiger Konstruktion die endlichdimensionalen einfachen Lie-Algebren
,
,
,
,
,
,
,
,
, wobei die angegebenen Typen die einfache Lie-Algebra bis auf Isomorphie charakterisieren.
Dann bezeichnet man die erweiterten affinen Lie-Algebren daraus mit
,
,
,
,
,
,
,
,
. Es handelt sich um Kac-MoodyAlgebren affinen Typs mit unzerlegbaren verallgemeinerten Cartan-Matrizen. Wir geben neben diesen auch die zugehörigen Dynkin-Diagramme an.
| Typ
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Verallgemeinerte Cartan-Matrix
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Dynkin-Diagramm
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Beachte, dass die Matrixgröße, das heißt die Zeilen- bzw. Spaltenzahl, um eins größer ist als der Index des Typnamens. Genauso verhält es sich mit der Anzahl der Knoten des zugehörigen Dynkin-Diagramms.
Getwistete Kac-Moody-Algebren affinen Typs
Die weiteren Kac-Moody-Algebren affinen Typs können als Unteralgebren ungetwisteter Kac-Moody-Algebren konstruiert werden, genauer als Fixpunktalgebra eines Automorphismus. Im Folgenden sei
der Automorphismus, der zu einem der nebenstehend abgebildeten Graphautomorphismen der Dynkin-Diagramme zu
,
und
gehört. Eine Besonderheit tritt bei
auf, hier gibt es einen zusätzliche Automorphismus der Ordnung 3, alle anderen Automorphismen haben offenbar die Ordnung 2. Dazu konstruieren wir nun Automorphismen
auf den erweiterten affinen Lie-Algebren, indem wir definieren:


Der skalare Faktor ist eine
-te Einheitswurzel. Würde man statt dieser einfach 1 verwenden, so erhielte man auch Automorphismen, die aber nicht das Gewünschte leisten. Wegen der Einheitswurzel spricht man von getwisteten Automorphismen und nennt daher auch die Fixpunktalgebren

getwistete Algebren. Mittels dieser Konstruktion können die restlichen Kac-Moody-Algebren affinen Typs mit den Standardbezeichnungen
,
,
,
,
,
konstruiert werden. Man verwendet dieselben Namen für die zugehörigen verallgemeinerten Cartan-Matrizen sowie für die zugehörigen Dynkin-Diagramme. Das hochgestellte t steht nicht für einen Automorphismus, sondern für Matrixtransposition.
Man erhält folgende Aufstellung:
| Typ
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Fixpunktalgebra
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Verallgemeinerte Cartan-Matrix
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Dynkin-Diagramm
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Für die Größen der Matrizen und Dynkin-Diagramme gilt das für die ungetwisteten Algebren Gesagte. Ferner beachte, dass
in obiger Liste zweimal vorkommt. Es handelt sich bei den zwei Fällen um verschiedene Automorphismen
, für
wird der Autorphismus des oben genannten Sonderfalls für
verwendet, für
mit
ist es der Automorphismus, der nur die zwei Enden des Dynkin-Diagramms austauscht.
Einzelnachweise
- ↑ Igor Frenkel, James Lepowsky, Arne Meurman: Vertex Operator Algebras and the Monster, Academic Press, New York (1989) ISBN 0-12-267065-5, Kapitel 1.6: Affine Lie Algebras
- ↑ Roger Carter: Lie Algebras of Finite and Affine Type, Cambridge studies in advanced mathematics 96 (2005), ISBN 978-0-521-85138-1, Kapitel 18: Realisations of affine Kac-Moody algebras