Unter Führungskraft wird in der technischen Mechanik zweierlei verstanden:
Dieser Artikel befasst sich mit ersterer Bedeutung.
Führungsgeschwindigkeit und -beschleunigung
Im physikalischen Raum wird eine Punktmasse P betrachtet, die im Inertialsystem K den Ortsvektor
hat und die Masse m besitzt, siehe Bild. Am Ort
befindet sich ein beschleunigtes Bezugssystem K’ mit Orthonormalbasis ê’1,2,3, die sich mit der Winkelgeschwindigkeit
dreht. Die Zeitableitung der Basisvektoren bildet sich mit ihr und dem Kreuzprodukt × gemäß
. In K’ hat P den Ortsvektor
. Die Ableitung des Ortsvektors nach der Zeit liefert die Geschwindigkeit von P und lautet in K

Nochmalige Zeitableitung liefert die Beschleunigung in K:

Die Bewegungsanteile, die weder die Relativgeschwindigkeit
noch Relativbeschleunigung
enthalten, bilden die Führungsgeschwindigkeit bzw. die Führungsbeschleunigung

Führungskraft
Mit der Führungsbeschleunigung und der Masse m der Punktmasse lässt sich die Führungskraft[1]:282 in Form von folgender Vektorgleichung ausdrücken:

Die beiden letzten Summanden sind die Eulerkraft und die Zentrifugalkraft.
Das zweite newtonsche Gesetz „Kraft gleich Masse mal Beschleunigung“ lautet damit im Inertialsystem K

Im beschleunigten Bezugssystem K' werden die Beschleunigung
und neben der Kraft
noch Scheinkräfte wahrgenommen:[1]:288

mit
: |
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auf den Massenpunkt P wirkende Kraft
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: |
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Führungskraft (Scheinkraft)
|
: |
|
Corioliskraft (Scheinkraft)
|
Wenn sich K' gleichförmig bewegt, ist
und somit
sowie
. K' ist ein Inertialsystem geworden, in dem keine Scheinkräfte mehr auftreten.
Beispiel
Betrachtet wird eine Punktmasse mit der Masse m, die sich mit der konstanten Winkelgeschwindigkeit
auf einer Schraubenlinie mit Radius R um einen Punkt
bewegt, der sich mit konstanter Translationsgeschwindigkeit
verschiebt, siehe Bild. Das Bezugssystem K’ wird in den Punkt
gelegt mit der festen Position des Massenpunktes
in K’. Dann lautet die Bewegungsfunktion:

Die Basisvektoren êρ,φ (schwarze Pfeile) bezeichnen wie in einem Zylinderkoordinatensystem die radiale bzw. die azimutale Richtung und die Drehachse êz ist zu ihnen senkrecht, sodass êρ,φ,z ein Rechtssystem bilden. Mit der Winkelgeschwindigkeit
berechnen sich die Zeitableitungen der Basisvektoren:

Damit liegen die Führungsgeschwindigkeit und -beschleunigung fest:

Die Führungskraft

ist die Zentrifugalkraft, die für den Beobachter in K’ scheinbar auf die Punktmasse wirkt und die er durch eine entgegengesetzte Kraft, die Zentripetalkraft, ausgleichen muss, damit die Punktmasse in K’ ruht und im Inertialsystem, das sich mit der gleichbleibenden Geschwindigkeit
bewegt, eine Kreisbewegung um
ausführt.
Literatur
- ↑ a b c d D. Gross, W. Hauger, J. Schröder, W. A. Wall: Technische Mechanik 3. Kinetik. 11. Auflage. Springer Vieweg Verlag, Heidelberg 2010, ISBN 978-3-642-11263-8, doi:10.1007/978-3-642-11264-5 (Relativbewegung des Massenpunktes).
- ↑ Jürgen Dankert, Helga Dankert: Technische Mechanik. Statik, Festigkeitslehre, Kinematik/Kinetik. 5. Auflage. Vieweg+Teubner, 2009, ISBN 978-3-8351-0177-7, S. 505 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).