Neckar-Donau-Staatsvertrag
Der Neckar-Donau-Staatsvertrag wurde 1921 zwischen der deutschen Reichsregierung und den damaligen Neckar-Anrainer-Ländern Württemberg, Baden und Hessen geschlossen.[1] Er sah den möglichst baldigen Bau der Neckar-Donau-Wasserstraße vor. Dazu war zunächst die teilweise Kanalisierung des Neckars[2] des Neckars, u. a. mit dem Bau der zwei Neckarseitenkanäle in Nordbaden erforderlich. Der gleichzeitige Bau von Stromkraftwerken sollte die Finanzierungsgrundlage bilden. Ein Endziel war zunächst die Schaffung einer schiffbaren Verbindung vom Rhein zur Donau. Das wurde später aufgegeben.
Ziel war es, eine Wasserstraße für Frachtschiffe von Mannheim (Neckarmündung in den Rhein) über Plochingen (bei Stuttgart) in Richtung zur Donau bis Ulm zu bauen. Gleichzeitig war es eine Maßnahme zur Linderung der Wirtschaftskrise und der zunehmenden Arbeitslosigkeit in Württemberg.[3] Als Laufzeit wurden die 100 Jahre zwischen 1935 und 2035 genannt.[4]
Zur Vorgeschichte
1784 gab es erste Kanalpläne des Italieners Giacomo Bernando. Das Projekt wurde abgelehnt, weil es zu kostenaufwendig und zu schwer realisierbar war.
1802 fertigten die beiden württembergischen Staatstechniker Karl August Friedrich von Duttenhofer und Carl Christian von Seeger die nächsten Pläne an. Diese wurden nie umgesetzt, weil man befürchtete, dass dadurch die Wassermenge in den Flüssen zu knapp werden könnte.
1824 plante der Sohn des Obersten von Duttenhofer daran weiter. Auch seinen zweiten Plan nannte er selbst nicht umsetzbar.
1830 beauftragte König Wilhelm I. eine Kommission mit der Planung einer Eisenbahnstrecke anstelle eines Kanals. 1851 wurde die Filstalbahn fertiggestellt, die durch das Filstal führt.
1841 fuhren erste Dampfmaschinenschlepper, die mehrere Lastkähne zogen flussaufwärts. Bis dahin zogen Pferde oder Menschen die noch um Vieles kleineren Lastkähne (Treideln) am Ufer flussaufwärts.
Der Baurat Sprenger legte im Jahr 1865 dem württembergischen Oberbaurat Vorschläge zur Regulierung des Neckars und zum Bau eines Kanals über Heidenheim bis zur Donau vor. Auch dieser Plan wurde abgelehnt.
1878 - Beginn der Kettenschifffahrt auf dem Neckar, bei der Schleppverbände hinter dem speziellen Motorschlepper entlang einer Kette im Flussbett gezogen werden
1879 ist die Neckartalbahn (bis Jagstfeld fertiggestellt; sie wird bis 1914 zweigleisig und später weiter ausgebaut.
1897 wurde das „Comité zur Hebung der Neckarschifffahrt“ gegründet. 1901 führte erstmals die württembergische Regierung Gespräche über den Bau eines Kanals und 1907 wurde der Regierungsbaumeister Eberhardt beauftragt, Pläne zu entwickeln. In diesen war festgehalten, dass der Kanal eine 113 km lange Großschifffahrtsstraße werden und durch die Täler der Rems, des Kochers und der Brenz führen sollte. Die Kosten kalkulierte er auf ca. 112 Millionen Mark. In Schorndorf, Gmünd, Aalen und Heidenheim sollten Binnenhäfen entstehen. Die württembergische Regierung hielt den Plan für abwegig. Die hohen Kosten brachten das Projekt letztendlich zum Scheitern, so dass das Komitee zerbrach.
Wiederaufnahme der Kanalpläne im 20. Jahrhundert
Im Dezember 1916 wurde der „Südwestdeutsche Kanalverein“ mit dem Ziel der Umsetzung des Neckar-Donau-Kanals mit vielen Vertretern, so zum Beispiel der Firma Voith, gegründet. Die Trassierung des Kanals wurde wieder überarbeitet und man plante, den Kanal nun durch das Filstal bis Geislingen an der Steige und weiter nach Ulm zu legen.
1920 - die Weimarer Nationalversammlung beschloss am 27. April 1920 den Ausbau des Neckars von Mannheim bis Plochingen.
1921 lieferten Ingenieure auch Pläne für einen Kanal von Plochingen über Geislingen an der Steige nach Ulm. Die Stuttgarter Behörden schenkten diesen Planungen wegen der hohen Kosten keine weitere Beachtung.
Am 2. Juli 1921 wurde der Neckar-Donau-Staatsvertrag geschlossen, der alle drei Wasserstraßen als Ziel festlegte:
- Mannheim – Plochingen (Neckartal, siehe auch Neckarkanal, Baubeginn in den 1920er Jahren)
- Plochingen – Geislingen an der Steige (Filstal)
- Geislingen an der Steige – Ulm (Überlandstrecke)
Ein in den Dimensionen ähnlich bedeutsames Projekt war die Main-Donau-Wasserstraße, zu der ein Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und dem Freistaat Bayern kurz vorher am 13. Juni 1921 geschlossen wurde. Zu dessen Umsetzung gründete sich die dann weniger erfolgreiche Rhein-Main-Donau AG (RMD-AG) in München.
Erreichung der Ziele
- 1921, der Ingenieur Otto Konz (1875 – 1965) wird Vorsitzender der Neckar AG; der württembergische Ministerialrat Otto Hirsch (1885 – 1941) wird zum ersten Vorstandsmitglied gewählt und dafür aus dem Staatsdienst beurlaubt.[5][6]
- 1927, Bau und Inbetriebnahme der Seitenkanäle bei Feudenheim (Lage), 7,6 km, und Schwabenheim(Lage) bei Heidelberg, 5,4 km.
- Bereits 1935 wurde der erste Abschnitt im unteren Neckartal von Mannheim bis Heilbronn fertiggestellt und eingeweiht.
- Siehe dazu den Artikel über den Bau des Heilbronner Hafens
- der Ausbau bis zum Hafen Stuttgart wurde im Jahr 1958 erreicht.
- Eine Weiterführung darüber hinaus wurde nicht verfolgt. 1938 kam es zu einem Beschluss über den Main-Donau-Kanal (fertiggestellt 1992)
- 1996 konnte trotz des Nicht-Erreichens der finanziellen Ziele die formale Privatisierung der Kraftwerke aus der Neckar AG an das Badenwerk erfolgen. Beide sind/waren gemischtwirtschaftliche Unternehmen.
Literatur
- Neckar AG: Neckar-Donau-Staatsvertrag i d F vom 2. Juli 1921 (publ. 1953), 27 Seiten (Bild der Titelseite)
- Reichsgesetz zum Übergang bisheriger Zuständigkeiten zu Reichswasserstraßen, 1922
- EnBW Energie Baden-Württemberg (Hrsg.): 100 Jahre Energie im Fluss. 1921 – 2021. Stuttgart, 2022. 109 Seiten (auch online: … mit dem Untertitel: 100 Jahre Neckar AG. Die Geschichte eines visionären Infrastrukturprojektes im Herzen Baden-Württembergs.)
- Fernanda de Maio: Wasser-Werke. Paul Bonatz. Die Neckarstaustufen. 2. Auflage, Akademie Schloß Solitude, Stuttgart 2001, ISBN 3-929085-53-4. (Paul Bonatz war der Architekt vieler der ersten Staustufen und Schleusen am Neckar)
- Wasser- und Schifffahrtsdirektion Südwest (Hrsg.): Kompendium der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Südwest. Organisatorische und technische Daten, Binnenschifffahrt, Aufgaben, Wasserstraßen. Eigenverlag, Mainz, 2007.
Einzelnachweise
- ↑ Fundstelle im Landesarchiv Baden-Württemberg zum Jahr 1921
- ↑ Kanalisierung des Neckars zwischen Mannheim und Plochingen durch Staustufen erfolgte in zwei Bauphasen: 1922-1935 und 1952-1958 zwischen Mannheim und Plochingen. Die Auslegung des Flussbetts und der Schleusen erfolgte für Motorschiffe bis zu 1200 Tonnen.
- ↑ Link: 100 Jahre Energie im Fluss • 100 Jahre Neckar-Aktiengesellschaft, Webseite der EnBW, 2022. Mit Karte der zwei Neckarseitenkanalabschnitte, der Kraftwerksstandorte und vielen Fotografien aus der Bauzeit und den Betriebsjahren.
- ↑ Dazu Akte mit der Denkschrift des Reichsverkehrsministers R. Krohne im Landesarchiv-BW, Seiten 283 - 461, über die Kanalisierung des Neckars an den Reichstag 1926 (mit Staatsvertrag). Darin u.a.: Leistungen an die Neckar-Aktiengesellschaft; Beratungen im Landtag, Eingaben und Entschließungen; Professor Dr. Richard Thoma, Zur Kritik des Neckar-Kanal-Projekts, Dez. 1924; Berichte der württembergischen Gesandtschaft in Berlin über Sitzungen des Verkehrs- und Haushaltsausschusses des Reichstags und der Reichsregierung; Förderung des Neckarausbaus im Rahmen des Arbeitsbeschaffungsprogramms, 1926, 1930; Heft 6 von Juni 1926 mit Artikel von Strombaudirektor Konz über das Projekt des Überlandkanals Plochingen-Ulm; Verwendung der aus den künftigen Staustufen zu gewinnenden elektrischen Energie, 1928; Schrift "Der Bau des Neckarkanals" mit reichhaltigem Bildmaterial, 1928.
- ↑ A. Röhnisch: Artikel Konz, Otto in NDB, 1980
- ↑ Ulrike Schaper: Biografie Otto Hirsch bei Lemo, 2014