Ein Schnittwinkel ist in der Geometrie ein Winkel zwischen zwei sich schneidende Kurven (insbesondere Geraden) oder Flächen. Beim Schnitt zweier Geraden entstehen im Allgemeinen vier Schnittwinkel, von denen je zwei gegenüberliegende kongruent sind. Als Schnittwinkel wird meist der kleinere dieser beiden kongruenten Winkel bezeichnet, der dann spitz- oder rechtwinklig ist.[1][2] Da Nebenwinkel sich zu 180° ergänzen, lässt sich der größere Schnittwinkel, der dann stumpf- oder rechtwinklig ist, aus diesem ermitteln. Ein besonderer Fall liegt vor, wenn sich die Geraden in einem rechten Winkel schneiden. Dann sind alle Winkel gleich groß und jeder kann als Schnittwinkel angesehen werden.
Schnittwinkel zwischen den Graphen zweier reeller Funktionen lassen sich mittels der Ableitungen der Funktionen am Schnittpunkt berechnen. Schnittwinkel zwischen zwei Kurven kann man über das Skalarprodukt der Tangentialvektoren am Schnittpunkt ermitteln. Der Schnittwinkel zwischen einer Kurve und einer Fläche ist der Winkel zwischen dem Tangentialvektor der Kurve und dem Normalenvektor der Fläche am Schnittpunkt. Der Schnittwinkel zweier Flächen ist der Winkel zwischen den Normalenvektoren der Flächen und dann abhängig vom Punkt auf der Schnittkurve.
Schnittwinkel von Funktionsgraphen
Schnittwinkel zweier linearer Funktionen
Der Schnittwinkel
zwischen den Graphen zweier linearer Funktionen mit den Steigungen
bzw.
berechnet sich für
mittels
.
Dabei ist
der Tangens des Schnittwinkels und
der Absolutbetrag.
Gilt für die Steigungen
, so schneiden sich die beiden Geraden rechtwinklig.
Herleitung
Die Steigungswinkel
und die Steigungen
der linearen Funktionen hängen über
und
miteinander zusammen. Aus den Steigungswinkeln kann man den Schnittwinkel
sofort berechnen als
bzw.
, je nachdem ob die Differenz der Steigungswinkel höchstens
oder größer als
ist. Für
folgt mit dem Additionstheorem für den Tangens
.
Für
erhält man unter Benutzung von
dieselbe Formel.
Beispiel
Die linearen Funktionen
und
haben die Steigung
und
. Für den Schnittwinkel
gilt somit
.
Schnittwinkel zweier differenzierbarer Funktionen
Allgemeiner lässt sich auf diese Weise auch der Schnittwinkel zwischen den Graphen zweier differenzierbarer Funktionen mit den Ableitungen
bzw.
im Schnittpunkt
ermitteln:
für 
und für
beträgt der Schnittwinkel
.
Beispiele
Die Graphen der beiden linearen Funktionen
und
schneiden sich an der Stelle
in einem
-Winkel, denn
.
Die Exponentialfunktion
schneidet die konstante Funktion
an der Stelle
in einem Winkel von 45°, denn
.
Schnittwinkel von Kurven und Flächen
Schnittwinkel zweier Geraden
Im euklidischen Raum gilt für den Schnittwinkel
zweier sich schneidender Geraden mit den Richtungsvektoren
und
,
wobei
der von den beiden Vektoren eingeschlossene Winkel und
das Skalarprodukt der beiden Vektoren ist. Hieraus kann man mithilfe des Arkuskosinus den Schnittwinkel bestimmen.
Beispiel
Der Schnittwinkel zwischen zwei sich schneidenden Raumgeraden mit den Richtungsvektoren
und
ist
.
Herleitung
Da die Neigung zweier Geraden zueinander von Parallelverschiebungen unberührt bleibt, genügt es, zwei sich schneidende Ursprungsgeraden
und
zu betrachten. Ist der von den Richtungsvektoren
und
eingeschlossene Winkel
, so handelt es sich schon um den Schnittwinkel
und aus der geometrischen Definition
des Skalarprodukts folgt sofort
.
Ist hingegen
, so ist der Nebenwinkel von
der Schnittwinkel, d. h. es gilt
und somit
. Einsetzen in die geometrische Definition des Skalarprodukts und
liefert
.
Da aber im ersten Fall
und im zweiten Fall
gilt, lassen sich die beiden Formeln mithilfe des Absolutbetrags zu der oben angegebenen Formel zusammenfassen.
Schnittwinkel zweier differenzierbarer Kurven
Allgemeiner lässt sich so auch der Schnittwinkel zweier differenzierbarer Kurven über das Skalarprodukt der zugehörigen Tangentialvektoren
und
am Schnittpunkt ermitteln.
Beispiel
Um den Schnittwinkel zwischen der Gerade
und dem Einheitskreis
im Punkt
zu berechnen ermittelt man die beiden Tangentialvektoren in diesem Punkt als
und
und damit
.
Schnittwinkel einer Kurve mit einer Fläche
Der Schnittwinkel
zwischen einer Gerade mit dem Richtungsvektor
und einer Ebene mit dem Normalenvektor
ist durch

gegeben.[3] Allgemeiner kann man so auch den Schnittwinkel zwischen einer differenzierbaren Kurve und einer differenzierbaren Fläche über das Skalarprodukt des Tangentialvektors der Kurve
mit dem Normalenvektor der Fläche
am Schnittpunkt berechnen. Dieser Schnittwinkel ist dann gleich dem Winkel zwischen dem Tangentialvektor der Kurve und dessen Orthogonalprojektion auf die Tangentialebene der Fläche.
Schnittwinkel zweier Flächen
Für den Schnittwinkel
zwischen zwei Ebenen mit den Normalenvektoren
und
gilt entsprechend[3]
.
Allgemeiner lässt sich so auch der Schnittwinkel zwischen zwei differenzierbaren Flächen ermitteln. Dieser Schnittwinkel hängt dabei im Allgemeinen von dem Punkt auf der Schnittkurve ab.
Siehe auch
Literatur
- Rolf Baumann: Geometrie: Winkelfunktionen, Trigonometrie, Additionstheoreme, Vektorrechnung. Mentor 1999, ISBN 3-580-63636-7, S. 76-77.
- Andreas Filler: Elementare Lineare Algebra. Springer, 2011, ISBN 978-3-8274-2413-6, S. 53–54 und S. 159–161.
- Schnittwinkel. In: Schülerduden – Mathematik II. Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus, 2004, ISBN 3-411-04275-3, S. 361–362.
- Helmut Albrecht: Elementare Koordinatengeoemtrie (= Mathematik Primarstufe und Sekundarstufe I + II). Springer Spektrum, 2020, ISBN 978-3-662-61619-2, S. 58–60.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Helmut Albrecht: Elementare Koordinatengeometrie. 2020, S. 58.
- ↑ Andreas Filler: Elementare Lineare Algebra. 2011, S. 159.
- ↑ a b Filler: Elementare Lineare Algebra. 2011, S. 160.