Stadtschreiber von Bergen
Stadtschreiber von Bergen (Titel des Stadtschreibers in Bergen-Enkheim) ist ein Literaturpreis für deutschsprachige Autoren. Vor der Eingemeindung nach Frankfurt am Main wurde er von 1974 bis 1976 von der damaligen Stadt Bergen-Enkheim verliehen, und seit deren Eingemeindung in die Stadt Frankfurt am Main durch die Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim im Auftrag der Stadt Frankfurt am Main. Die Auszeichnung „gilt als einer der angesehensten Stadtschreiberpreise im deutschsprachigen Raum.“[1]
Geschichte
Bis zum ersten Stadtschreiber:
- Franz-Joseph Schneider, Mitglied der Gruppe 47 seit 1949, Bürger von Bergen-Enkheim, Manager in der Werbung bei Coward McCannn Company, hatte bereits 1972 die Idee:
- Einen Preis zur Förderung der Literatur bzw. der Literaten, in Form eines kommunalen Jahresstipendiums, auf den Weg zu bringen.
- Ihm war zuvor (1950), mit dem Preis der Gruppe 47, bereits in kleinerem Umfang und mit Hilfe einer 1000 DM-Spende von Coward McCann, etwas Ähnliches gelungen.
- Alfred (Adi) Schubert, seit 1966 Erster Stadtrat und stellvertrtender Bürgermeister, als Dezernent zuständig für Bauen, Infrastruktur und Ordnungsamt, wurde von Bürgermeister Rudolf Fey Anfang 1973 damit beauftragt ein Kulturkonzept für Bergen-Enkheim zu entwickeln.
- Da beide, Schneider und Schubert, sowohl freundschaftlich verbunden, als auch im Vorstand der örtlichen SPD waren, griff Schubert die Idee Schneiders (Stadtschreiber) dankbar für sein Konzept auf.
- Für Schubert galt es zunächst dafür eine politische Mehrheit, zuerst in der SPD und anschließend im Stadtparlament, zu finden und zu überzeugen.
- Dabei half ihm sehr ein FR-Artikel der – nachdem vorher der Lokalredakteur durch Schubert von der Idee erfahren hatte – darüber berichtete.
- In Kürze folgten dazu Berichte in Spiegel, Stern, Süddeutscher Zeitung, Welt und Zeit, sowie im Fernsehen. Die Kulturredakteure waren begeistert von dieser revulutionären Idee!
- Bergen-Enkheim wurde dadurch auch überreginal und -national bekannt.
- Franz-Joseph Schneider nutzte seine guten Kontakte zu Literaten und Kritikern und besuchte in der Folge, gemeinsam mit Adi Schubert, Heinrich Böll, Dieter Lattmann und Hans-Werner Richter um sie für die Mitwirkung in einer zukünftigen Jury zu gewinnen.
- Böll hatte dabei viel Sympathie gezeigt, aber die Chancen eher verhalten beurteilt.
- Mit der erfreulichen Presseresonanz und den großen Namen für die Jury, konnte die SPD-Fraktion überzeugt werden.
- Und Ende Oktober 1973 war eine Abstimmung, nach einer vorher turbulenten Sitzung des Stadtparlaments, zustimmend für das kulturpolitische Konzept Schuberts, inklusive des Stadtschreiberkonzeptes.
- Es folgte die Ausarbeitung des Konzeptes:
- Als Stadtschreiberhaus, konnte das Haus, Borngasse 4 (jetzt: Oberpforte 4), welches der Stadt bereits zum Kauf angeboten worden war und leer stand, genutzt werden.
- Die notwendige Renovierung dauerte allerdings noch bis Herbst 1974 und wurde daher erst nach der Preisverleihung, die am 30. August 1974 war, beendet.
- Die Stadtschreiber-Jury setzte sich, laut dem Parlamentsbeschluss, unter dem Vorsitz des Ersten Stadtrats, Alfred Schubert, aus drei sachkundigen Bergen-Enkheimer Bürgern, sowie drei Literatur-Fachpersonen zusammen:
- Franz-Joseph Schneider, Paul Reisen, Dr. Klaus Stemmler, sowie
- Heinrich Böll, Hans-Werner Richter und Marcel Reich-Ranicki
- Das Preisgeld betrug 1974: 24000 DM.
- Der erste Stadtschreiber wurde Wolfgang Koeppen.
- Schubert und Schneider fuhren am 3. Juli 1974 nach München, um Koeppen persönlich zu informieren.
- Dies alles war, für die (seit 1968= Stadt Bergen-Enkheim, besonders wenn man die zukünftige – durch die Gebietsreform bereits in vorbereitender Planung befindliche (1977) Eingemeindung, nach Frankfurt am Main – bedenkt, eine nicht zu unterschätzende Aufwertung und Mitgift (auch als Alleinstellungsmerkmal!) für eben diese Stadt der Deutschen Nationalbibliothek und der Frankfurter Buchmesse.
- (Aus: Spilhus, Nr. 70, August 2024, S. 6 ff)
Die Verleihung erfolgt jedes Jahr am Freitagabend vor dem ersten Dienstag im September im Rahmen des Volksfestes „Berger Markt“. Dabei finden Schlüsselübergabe, Fest-, Antritts- und Abschiedsrede im Festzelt vor Hunderten von Besuchern statt. Ausnahmen davon, siehe unter: „Stadtschreiberfeste 2020 bis 2022“.
2009 richtete die Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim in ihren Räumen ein Stadtschreiberarchiv ein, um Werke und das Wirken der Preisträger dauerhaft zu dokumentieren. Der Katalog enthält außer Primär- und Sekundärliteratur eine umfangreiche Artikelsammlung, Autographen, Tonträger und Dokumente vom ersten bis zum aktuellen Stadtschreiber.
Preisträger
Jury
- Alexandra Weizel, Vorsitzende als (gegenwärtige) Ortsvorsteherin
- der jeweils amtierende Stadtschreiber, Fachjuror
- Marcel Beyer, Fachjuror
- Helmut Böttiger, Fachjuror
- Peter Weber, Fachjuror
- Charlotte Brombach, Bürgerjurorin
- Anna Doepfner, Bürgerjurorin
- Adrienne Schneider, Bürgerjurorin, Programmleiterin Literaturhaus Darmstadt, Tochter von Franz Joseph Schneider
- Ulrich Sonnenschein, Bürgerjuror
Stadtschreiberfeste 2020 bis 2022
Wegen der COVID-19-Pandemie in Deutschland musste 2020 ein von der bisherigen Routine abweichendes Organisationsverfahren für das Stadtschreiberfest konzipiert werden. Dazu wurde die Veranstaltung statt im Zelt im Freien abgehalten und die Teilnehmerzahl auf 250 Personen beschränkt.
-
Festgelände 2020–2022
2021 fand die Veranstaltung unter ähnlichen Bedingungen und an gleicher Stelle wie 2020 statt (Open Air).
Das Stadtschreiberfest 2022 wurde, aufgrund der Vakanz in der Leitung der Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim, dieses Mal allein durch ehrenamtliche Bürgerinnen und Bürger organisiert. Eine Festrednerin oder ein Festredner für die Veranstaltung konnte durch sie jedoch nicht eingeladen werden.[3][4][5][6][7]
Wegen der unbesetzten Geschäftsführerstelle fand 2022 auch kein Berger Markt statt.
Literatur
- Manfred Rüger: Literatur und Öffentlichkeit am Beispiel der „Stadtschreiber von Bergen“. Magisterarbeit zur Magisterhauptprüfung im Fachbereich Germanistik der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. Frankfurt am Main 1981.
- Wolfgang Mistereck, Adrienne Schneider (Hrsg.): Zeltreden. Reden zur Verleihung des Literaturpreises „Stadtschreiber von Bergen“ 1974–1998. Wallstein, Göttingen 1998, ISBN 3-89244-322-X.
- Adrienne Schneider (Hrsg.): Zelt-Reden: 40 Jahre Stadtschreiber von Bergen. Kramer, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-86539-706-5.
- Margot Wiesner (Bearb.): „Der schönste Preis“. 40 Jahre Stadtschreiber in Bergen-Enkheim. Bücher, Bilder und Dokumente aus dem Stadtschreiberarchiv. Ausstellung …; Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim, Frankfurt am Main 2014.
- Hans-Joachim Müller: „All diese literarischen Pfeifen“: … über den Stadtschreiber von Bergen-Enkheim. In: Die Weltwoche, 34, 27. August 1975.
- Gerd Lobin: Die Früchte des Feigenbaums. Der Stadtschreiber von Bergen: Eine Idee wächst zur Partnerschaft. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. August 1983.
- Horst Bingel: Stadtschreiber oder: Die angestellten Dichter. In: feder, 02 (1989), S. 42–43.
- Marcus M. Hotze: 25 Jahre Stadtschreiberpreis. Begegnung mit einem literarischen Ort. In: Frankfurter Neue Presse, 12. Juni 1998.
- Arnold Rühle: „Sie lesen nun alle hier Bücher“: 25 Jahre Bergen-Enkheimer Stadtschreiber. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 34, 23. August 1998, S. 25.
- Claudia Schülke: Schlüsselübergabe: 25 Jahre Stadtschreiber-Amt in Bergen-Enkheim. In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, 69, 28. August 1998, S. 1–2.
- Katharina Deschka-Hoeck: Von tausend Mäzenen beobachtet. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 34, 24. August 2003, S. Kultur R 3.
- Andreas Haupt: Frankfurt, Deine Stadtschreiber. In: Frankfurter Neue Presse, 28. August 2013, S. 12.
- Charlotte Brombach, Anna Doepfner, Renate Müller-Friese, Ulrich Sonnenschein (Hrsg.): Stadtschreiberei. Verlagsbuchhandlung Bergen erlesen, Frankfurt am Main. 2020: Von Anja Kampmann zu Anne Weber, ISBN 978-3-9822203-0-7; 2021: Von Anne Weber zu Dorothee Emiger, ISBN 978-3-9822203-1-4; 2022: Von Dorothee Elmiger zu Marion Poschmann, ISBN 978-3-9822203-2-1; 2023: Von Marion Poschmann zu Nino Haratischwili, ISBN 978-3-9822203-3-8
Weblinks
- Stadtschreiber von Bergen-Enkheim auf der Website der Stadt Frankfurt am Main abgerufen am 24. Feb. 2020
- Stadtschreiberarchiv der Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim
- Richtlinien für den Literaturpreis „Stadtschreiber von Bergen“ (PDF) abgerufen am 24. Feb. 2020
- Stadtschreiber von Bergen-Enkheim auf Kulturpreise.de
- Kultur für ALLE e. V. und der Stadtschreiber von Bergen
Einzelnachweise
- ↑ dpa-Meldung, zitiert aus Frankfurter Rundschau (69. Jahrgang, Nr. 141) vom 21. Juni 2013, S. 34
- ↑ Clemens Meyer wird 45. Stadtschreiber von Bergen-Enkheim. 8. Juni 2018, abgerufen am 29. September 2021.
- ↑ Florian Leclerc: Frankfurt: Unruhe in der Kulturgesellschaft. Frankfurter Rundschau, 21. November 2021, abgerufen am 2. September 2022.
- ↑ Friedrich Reinhardt: Vereine springen mit eigenem Stadtteilfest ein. Frankfurter Neue Presse, 18. August 2022, abgerufen am 2. September 2022.
- ↑ Florian Balke: Stadtschreiberin Poschmann: Alles für das Buch das entsteht. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. September 2022, abgerufen am 2. September 2022.
- ↑ Stadtschreiberfest 2022. Buchhandlung Bergen erlesen, abgerufen am 2. September 2022.
- ↑ Matthias Bischoff: Berger Stadtschreiberfest: Humtata und Hochkultur. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. September 2022, abgerufen am 4. September 2022.