Das Standardskalarprodukt oder kanonische Skalarprodukt (manchmal auch „euklidisches Skalarprodukt“ genannt) ist das in der Mathematik normalerweise verwendete Skalarprodukt auf den endlichdimensionalen reellen und komplexen Standard-Vektorräumen
bzw.
. Mit Hilfe des Standardskalarprodukts lassen sich Begriffe wie Winkel und Orthogonalität vom zwei- und dreidimensionalen euklidischen Raum auf höhere Dimensionen verallgemeinern. Wie jedes Skalarprodukt ist das Standardskalarprodukt eine positiv definite symmetrische Bilinearform (im komplexen Fall hermitesche Sesquilinearform) und invariant unter orthogonalen bzw. unitären Transformationen. Die vom Standardskalarprodukt abgeleitete Norm ist die euklidische Norm, mit deren Hilfe sich dann Begriffe wie Länge und Abstand in höherdimensionalen Vektorräumen definieren lassen.
Reelles Standardskalarprodukt
Definition
Das Standardskalarprodukt zweier reeller Vektoren
mit
und
ist definiert als
,
wobei
den transponierten Vektor zu
bezeichnet und das Ergebnis eine reelle Zahl ist. Das reelle Standardskalarprodukt berechnet sich also durch Multiplikation der jeweils entsprechenden Vektorkomponenten und durch Summation über alle diese Produkte. Alternativ wird das Standardskalarprodukt statt über spitze Klammern auch durch
oder
notiert.
Beispiel
Das Standardskalarprodukt der beiden reellen Vektoren
und
im dreidimensionalen Raum ist
.
Skalarprodukt-Axiome
Das reelle Standardskalarprodukt erfüllt auf natürliche Weise die Axiome eines reellen Skalarprodukts. Es ist bilinear, das heißt linear sowohl im ersten Argument, da
und
,
als auch im zweiten Argument, da
und
.
Weiter ist es symmetrisch, da
,
und positiv definit aufgrund von
und
.
Komplexes Standardskalarprodukt
Definition
Das Standardskalarprodukt zweier komplexer Vektoren
kann auf zwei Weisen definiert werden, entweder durch

oder durch
.
Hierbei bezeichnet der Überstrich die komplexe Konjugation und
den adjungierten Vektor zu
. Das komplexe Standardskalarprodukt berechnet sich durch Multiplikation der entsprechenden Vektorkomponenten, wobei immer eine der beiden Komponenten konjugiert wird, und durch Summation über alle diese Produkte. In beiden Varianten ist das Ergebnis eine komplexe Zahl und aufgrund von
unterscheiden sich diese beiden Zahlen nur bezüglich komplexer Konjugation.
Beispiel
Das Standardskalarprodukt der beiden Vektoren
und
im zweidimensionalen komplexen Raum ist in der ersten Variante

und in der zweiten Variante
.
Beide Varianten führen also bis auf komplexe Konjugation zum gleichen Ergebnis.
Skalarprodukt-Axiome
Die folgenden Axiome eines komplexen Skalarprodukts werden für die erste Variante aufgeführt, für die zweite Variante gelten sie analog durch Vertauschen der Konjugation. Das komplexe Standardskalarprodukt ist sesquilinear, das heißt semilinear im ersten Argument, da
und
,
sowie linear im zweiten Argument, da
und
.
Weiter ist es hermitesch, da
,
und positiv definit aufgrund von
und
,
wobei
der Betrag einer komplexen Zahl ist. In der zweiten Variante ist das Standardskalarprodukt linear im ersten und semilinear im zweiten Argument. Aus dem komplexen Fall erhält man den reellen Fall durch Weglassen der Konjugation und der Beträge sowie durch Ersetzen der Adjungierung durch die Transposition.
Eigenschaften
Cauchy-Schwarz-Ungleichung
Das Standardskalarprodukt erfüllt wie jedes Skalarprodukt die Cauchy-Schwarz-Ungleichung, das heißt für alle
mit
oder
gilt
.
Im reellen Fall können dabei die Betragsstriche auf der linken Seite weggelassen werden. Die Cauchy-Schwarz-Ungleichung ist eine der zentralen Ungleichungen der linearen Algebra und der Analysis. Beispielsweise folgt aus der Cauchy-Schwarz-Ungleichung, dass das Standardskalarprodukt eine stetige Funktion
ist.
Verschiebungseigenschaft
Das Standardskalarprodukt besitzt folgende Verschiebungseigenschaft für alle Matrizen
und alle Vektoren
:
,
wobei
die transponierte Matrix von
ist. Analog dazu gilt für das komplexe Standardskalarprodukt für alle Matrizen
und alle Vektoren
,
wobei
die adjungierte Matrix von
ist.
Unitäre Invarianz
Das reelle Standardskalarprodukt ändert sich unter orthogonalen Transformationen nicht, das heißt für eine orthogonale Matrix
gilt mit der Verschiebungseigenschaft
,
wobei
die inverse Matrix und
die Einheitsmatrix der Größe
ist. Solche Transformationen sind typischerweise Drehungen um den Nullpunkt oder Spiegelungen an einer Ebene durch den Nullpunkt. Analog dazu ist das komplexe Standardskalarprodukt invariant unter unitären Transformationen, das heißt für eine unitäre Matrix
gilt entsprechend
.
Abgeleitete Begriffe
Winkel
Über das reelle Standardskalarprodukt wird der Winkel
zwischen zwei Vektoren
durch

definiert. Aufgrund der Cauchy-Schwarz-Ungleichung ist der Nenner dieses Bruchs mindestens so groß wie der Betrag des Zählers und somit liegt der Winkel
im Intervall
, also zwischen
und
. Sind die beiden Vektoren
und
Einheitsvektoren, dann entspricht der Kosinus des von den beiden Vektoren eingeschlossenen Winkels gerade ihrem Standardskalarprodukt. Für Winkel zwischen komplexen Vektoren gibt es eine Reihe unterschiedlicher Definitionen.[1]
Orthogonalität
Sowohl im reellen, als auch im komplexen Fall werden zwei Vektoren orthogonal (rechtwinklig) genannt, wenn ihr Standardskalarprodukt

ist. Dies entspricht im reellen Fall dann gerade einem rechten Winkel von
zwischen den beiden Vektoren, sofern diese ungleich dem Nullvektor sind.
Betrachtet man eine Ursprungsgerade, Ursprungsebene oder allgemein einen
-dimensionalen Untervektorraum
des
-dimensionalen reellen oder komplexen Raums und ist
eine Orthonormalbasis von
, dann ist

die Orthogonalprojektion eines Vektors
des Ausgangsraums auf diesen Unterraum. Dabei liegt der Differenzvektor
im orthogonalen Komplement von
, er steht also senkrecht auf allen Vektoren des Unterraums, das heißt, es gilt
für alle Vektoren
.
Norm
Die von dem Standardskalarprodukt abgeleitete (induzierte) Norm eines reellen oder komplexen Vektors

heißt euklidische Norm. Diese Definition ist wohldefiniert, da das Skalarprodukt eines Vektors mit sich selbst reell und nichtnegativ ist. Im reellen Fall können die Betragsstriche auch weggelassen werden. Mit der euklidischen Norm kann die Länge eines Vektors bestimmt werden.
Metrik
Von der euklidischen Norm wird wiederum der euklidische Abstand zweier Vektoren

abgeleitet. Auch hier können im reellen Fall die Betragsstriche weggelassen werden. Mit diesem Abstandsbegriff erhält man eine Metrik und von dieser Metrik eine Topologie, die Standardtopologie auf dem
bzw.
.
Verallgemeinerungen
Endlichdimensionale Vektorräume
Die bisherigen Überlegungen lassen sich von den Standardräumen
bzw.
auch auf allgemeine reelle oder komplexe Vektorräume
endlicher Dimension
übertragen.[2] Ist
eine Orthonormalbasis von
bezüglich eines (beliebigen) Skalarprodukts
, dann hat jeder Vektor
die Komponentendarstellung
mit
für
,
wobei
die Komponenten des Vektors zu dieser Basis und die Faktoren
die Koordinaten des Vektors sind. Die Koordinaten sind dabei die Längen der Orthogonalprojektionen des Vektors auf die jeweiligen Basisvektoren. Das Skalarprodukt zweier Vektoren
kann dann über das Standardskalarprodukt der Koordinatenvektoren durch

berechnet werden, wobei entsprechende Darstellungen auch in der anderen komplexen Variante und im reellen Fall gelten. Interpretiert man reelle oder komplexe Matrizen als entsprechend lange (Spalten-)Vektoren, dann entspricht das Standardskalarprodukt solcher Vektoren gerade dem Frobenius-Skalarprodukt der zugehörigen Matrizen.
Folgenräume
Das Standardskalarprodukt kann auch auf Folgen und damit auf unendlichdimensionale Vektorräume verallgemeinert werden. Allerdings muss dabei der zugrundeliegende Folgenraum eingeschränkt werden, damit das Skalarprodukt endlich bleibt. Hierzu betrachtet man den Raum
der reell- oder komplexwertigen Folgen
, für die

gilt. Das
-Skalarprodukt zweier solcher quadratisch summierbarer Folgen
ist dann durch

definiert. Allgemeiner kann man auch statt der natürlichen Zahlen eine beliebige Indexmenge
wählen und betrachtet dann den Raum
der quadratisch in
summierbaren Folgen mit dem Skalarprodukt
.
In beiden Fällen erhält man wiederum durch Weglassen der Konjugation den reellen Fall und durch Verlagerung der Konjugation auf die zweite Komponente die andere komplexe Variante.
Siehe auch
Literatur
- Steffen Goebbels, Stefan Ritter: Mathematik verstehen und anwenden. Von den Grundlagen bis zu Fourier-Reihen und Laplace-Transformation. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-8274-2761-8.
- Jörg Liesen, Volker Mehrmann: Lineare Algebra. 3. Auflage. Springer, Berlin, Heidelberg 2021, ISBN 978-3-662-62741-9, doi:10.1007/978-3-662-62742-6.
Einzelnachweise
- ↑ Klaus Scharnhorst: Angles in complex vector spaces. In: Acta Applicandae Mathematicae. Band 69, 2001, S. 95–103, doi:10.1023/A:1012692601098.
- ↑ Goebbels, Ritter: Mathematik verstehen und anwenden. 2001, S. 445.
Weblinks