Abendphantasie (Friederike Brun)

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[26]
          Abendphantasie.

Süsses Bild,
Schwebst mir vor mit leisem Sehnen!
Klagst mit wehmutsvollen Thränen,
Tief in Trauerflor verhüllt.

5
     Wonnezeit!

Ach! Umstralt von Frühlingsmilde,
Froh in Tempe’s[1] Lichtgefilde,
Lebt’ ich Dir, o Zärtlichkeit!

     Thränen fließt!

10
Thauend, wie die kleine Quelle

Rieselnd, perlend, Well’ an Welle
Ueber Blumen sich ergießt.

     [27] Alles schweigt!
Kaum, daß in des Westes Flüstern,

15
Unterm Schattendach des düstern

Tannenhains, der Halm sich beugt.

     Holder Traum!
Fliehe nicht auf Rosenflügeln;
Weile an des Baches Spiegeln,

20
Suche nicht des Aethers Raum.


     Es entschwand! …
So entfloh vor Psyches Kusse
Amor, da mit holdem Gruße
Sie; Geliebter! ihn genannt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Tempe: Tal in Griechenland, das in der antiken Dichtung als bevorzugter Aufenthaltsort des Gottes Apollo und der Musen beschreiben wird