Allerlei moderne Drachen

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Allerlei moderne Drachen.

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Die Verwendung des Flugdrachens im Dienste der Wetterforschung hat, seitdem wir in der „Gartenlaube“ (vgl. Jahrg. 1897, S. 738) darüber berichteten, sowohl an Umfang als auch an Vollkommenheit der dabei benutzten Hilfsmittel weiter zugenommen. Unter den früheren Erfolgen in dieser Richtung sind besonders die des amerikanischen Meteorologen A. L. Rotch, seines Landsmannes Leutnants Wise und Dr. Hergesells vom Meteorologischen Landesinstitut in Elsaß-Lothringen zu nennen. Viele Meteorologen indessen trugen noch immer Bedenken, ihre feineren und kostbaren Meßinstrumente einem immerhin nicht bei jedem Wechsel in der Aenderung und Stärke des Windes zuverlässigen Beförderungsmittel, wie es der Flugdrache ist, anzuvertrauen. Andererseits sind die Kosten der Wolken- und Luftbeobachtung mit Hilfe des Flugdrachens so viel geringer und ist die Handhabung desselben so viel einfacher als die mittels des Fesselballons, daß man sich über die immer erneuerten Versuche, den ersteren zu vervollkommnen, nicht wundern kann.

Zu den besten neueren Erfolgen in dieser Richtung zählen die- jenigen des österreichischen Flugtechnikers H. L. Nikel, dessen neuer Drache von der österreichischen Luftschifferabteilung bei Krakau erprobt worden ist. Der Drache ist nach dem auch für Flugmaschinen schon oft in Anwendung gebrachten System eines mehrfach durchbrochenen „Aeroplans“ aus einer Reihe von schmalen Stoffflächen gebildet, die hintereinander auf einem leichten Rahmen befestigt sind, und von denen jede einzelne einem elastischen Flügelpaar entspricht. Der Drache besitzt ein Gewicht von nur 8 bis 8½ kg bei einer sehr ansehnlichen Größe, denn seine Gesamtlänge beträgt etwa 8, seine Breite, über die größte Fläche hinweggemessen, etwa 4 m. Die gesamte dem Winde gebotene Oberfläche ist fast 13 qm groß. Der Drache, der zur Erzielung einer sicheren Stellung in der Luft mit einem Horizontal- und einem Vertikalsteuer versehen ist, erhebt sich selbst bei dem leichtesten Luftzuge sicher und schnell; bei einem mäßigen Winde von 6 m Sekundengeschwindigkeit war er imstande, ein Gewicht von etwa 30 kg zu tragen, weit mehr, als ihm beim Heben einer ganzen Reihe gegen Sturz etc. wohlversicherter Instrumente je aufgebürdet werden dürfte. Plötzliche Aenderungen der Windstärke bewirkten nur ein ruhiges Fallen oder Steigen des Drachens um einen geringen Betrag. Ein interessantes Experiment, das gelegentlich dieser Versuche vorgenommen wurde, war das Abschießen von Dynamitpatronen, die vom Drachen mit Hilfe eines langen Schleppseiles mit emporgetragen und in der Höhe zur Detonation gebracht wurden. Dieselben explodieren, ohne den Drachen in Mitleidenschaft zu ziehen, so daß mit diesem und ähnlichen neueren Drachen eine Fortsetzung der interessanten früheren Versuche über die Auslösung von Regen durch heftige Erschütterungen der Wolken gemacht werden kann.

Während der Nikelsche Drache an der älteren Form des einflächigen Aeroplans festhält, schreiten einige amerikanische Erfindungen desselben Faches auf der anscheinend zukunftsreicheren Bahn des mehrflächigen Kasten oder Zellendrachens fort. Das wesentlichste Element derselben ist die Anordnung mehrerer übereinander liegender Flächen, die man früher zu beiden Seiten eines leichten mittleren Rahmens flügelartig befestigte, während sie neuerdings nach den Konstruktionen von Eddy und Hargrave auch an den Außenkanten durch senkrechte Papier und Stoffwände verbunden werden, so daß ein viereckiger leichter Kasten mit Boden, Decke und zwei Seitenwänden aus Papier oder leichtem Stoff entsteht, dem nur die Vorder- und Hinterwand fehlen, um dem Winde den unbeschränkten Durchzug und Angriff auf die Drachenflächen zu gestatten. Schon Hargrave hat diese Zellen zu den verschiedensten Kombinationen vereinigt und eine sehr große Tragkraft [252] und Windbeständigkeit erzielt; aber noch bessere Erfolge scheint neuerdings der Amerikaner W. H. Shmith mit seinem rautenförmigen Zellendrachen gezeitigt zu haben. Die Shmithschen Zellendrachen bestehen zumeist aus einem leichten, vierkantigen Rahmengestell, dessen Längsseiten gegen beide Enden hin kastenartig mit leichten Papier- oder Stoffbändern überspannt sind, das aber in der Mitte und an den Stirnwänden für den Durchgang des Windes offen ist. An der unteren Kante des Rahmens ist die Drachenschnur befestigt, die übrigens bei den größten Exemplaren dieses Drachens schon aus einem 5 mm starken Seil besteht. An den beiden Seitenkanten ist die Drachenfläche durch den Ansatz schwachgewölbter, dreieckiger Flossen oder Flügel noch vergrößert, und die ganze Konstruktion soll ohne besonderes Steuer eine Sicherheit der Bewegung, vereint mit einer Tragkraft, besitzen wie keine andere Drachenform.

Der Nikelsche Registrierdrache.

Der kleinste von dem Erfinder hergestellte Drache dieser Art maß 75 cm in der Länge und 95 cm zwischen den Flügelspitzen, das Gewicht des Rahmens betrug nicht mehr als 150 g und die Bespannung bestand aus leichtem Papier. Mit zwei gewöhnlichen Zellendrachen älterer Konstruktion angeordnet, stieg dieses kleine und leichte Instrument bei einem ganz mäßigen Winde bis zu einer Höhe von 450 m, und der Winkel der Drachenschnur mit der Erdoberfläche betrug 45, ja einigemal 70°. Die Größe dieses Winkels ist für die Brauchbarkeit eines Flugdrachens in erster Linie maßgebend, da der Drache unter einem Steigwinkel von 70° bei gleichbleibender Flughöhe bedeutend weniger durch die entsprechend verkürzte Schnur belastet wird als unter einem Winkel von 35°. Um noch einige Ergebnisse mit großen Shmithschen Drachen mitzuteilen, so entwickelte ein solcher von 2 m Höhe und 3 kg Gewicht bei mittleren Winden eine Tragkraft von 10 bis 15 kg. Der größte nach diesem System bis jetzt hergestellte Drache besaß eine Höhe von etwa 4 m. Er bestand nicht wie die übrigen aus 2, sondern aus 3 Zellen, d. h. sein Rahmengestell trug nicht nur an beiden Enden, sondern auch in der Mitte einen herumlaufenden 2 Fuß breiten Stoffstreifen, und die gesamte dem Winde gebotene Oberfläche belief sich auf etwa 15½ qm. Man erreichte mit diesem Drachen, der während eines Versuches 6 Stunden lang in der Luft blieb, eine Höhe von reichlich 600 m, und nur die große Zugkraft desselben, je nach der Windstärke 50 bis 75 kg betragend, verursachte bei der Handhabung einige Schwierigkeiten. Man braucht zum Entsenden oder Einziehen solcher Flugdrachen schon kleine gut am Boden befestigte Winden, um nicht Gefahr zu laufen, beim Halten des Drachens mit der Hand von einem gelegentlichen starken Windstoß selber entführt zu werden. Zu der großen Steige-, bezw. Hebekraft der Shmithschen Drachen trägt wohl auch der Umstand bei, daß die beiden an den äußeren Kanten des Rahmens sitzenden Schwingen oder Flossen nicht eine ebene, sondern eine leicht nach oben gewölbte Fläche nach den Grundsätzen Lilienthals besitzen.

Gleitflugdrache von Chanute. 

Als Flugdrachen größter Konstruktion, bei denen die tragende Kraft des Windes zur Hebung eines menschlichen Körpers benutzt wird, sind die sogenannten Flugmaschinen des bekannten deutschen Aviatikers Lilienthal und seiner Nachfolger anzusehen. Lilienthal verunglückte, wie unseren Lesern erinnerlich sein wird, bei der Ausführung seiner Versuche, während er gerade damit beschäftigt war, seinen für bloße Gleitflüge sehr gut geeigneten doppelflächigen Apparat durch Hinzufügung eines Antriebsmechanismus zu vervollständigen. Seine allerdings spärlichen Nachfolger in der praktischen Ausübung des Gleitfluges haben demnach auf diesen Fortschritt vorläufig noch Verzicht geleistet und sich lediglich der Vervollkommnung der drachenartigen Schwebeapparate gewidmet. Von den für meteorologische Zwecke angewandten Drachen unterscheiden sich diese Apparate, abgesehen von ihrer bedeutenderen Größe, hauptsächlich dadurch, daß bei ihnen der Zug der Schnur, welche den schwebenden Drachen im Winde festhält, durch das Gewicht des am Apparate hängenden Mannes ersetzt wird, welches den Schwebeapparat allmählich zu Boden zieht und dabei auf der bewegten Luft, wie auf einer schiefen Ebene, vorwärts gleiten läßt. Unter den Anhängern Lilienthals sind besonders der Amerikaner O. Chanute, sowie der „Kunstflieger“ A. M. Herring zu nennen, denen in den letzten Jahren erhebliche Verbesserungen der Gleitdrachen gelungen sind. Chanute versuchte das Schweben direkt mit einer Kombination von gewöhnlichen Hargravezellen, die er auf die verschiedenste Weise miteinander verband, um die geeignetste Form zum Auffangen des Windes herauszufinden.

Doppelflächenflugmaschine von Herring.

Die Herringsche Doppelflächenmaschine besteht noch einfacher aus nur 2 gewölbten übereinander liegenden Drachenflächen, welche unten eine Vorrichtung zum Festhalten des damit Experimentierenden und hinten ein großes Kreuzsteuer besitzen. Der neueste Erfolg Herrings ist eine selbstthätige Vorrichtung zur Herstellung des Gleichgewichts bei plötzlich veränderten Windstärken oder unerwarteten Luftstößen, durch welche, wie wir im Jahrgang 1896, S. 632 berichtet haben, die vielversprechenden Versuche Lilienthals ein so jähes Ende fanden. W. Berdrow.