An Agathe

An Agathe.
Nach einem Gespräch über ihre irdischen
Leiden und Aussichten in die Ewigkeit.
Im Sommer 1772.


     Mit dem nasgeweinten Schleier
Wisch’ ich meine Zären ab;
Und mein Auge schauet freier,
Durch das Leben, bis ans Grab.

5
     Geist erhabner Prophezeihung,

Gottes Geist erleuchtet mich!
Lebensodem zur Erneuung
Weht gewis auch über mich.

     Jedes Drangsal dieses Lebens,

10
So dein weiches Herz gedrükt,

Zeuget, daß du nicht vergebens
Oft nach Trost hinaus geblikt.

     Nein! Nicht schwelgenden Gewürmen
Ewig überlasner Raub,

15
Noch ein Spiel den Erdenstürmen

Bleibet guter Herzen Staub.

     Hier in diese Wüsteneien
Sind wir ewig nicht gebant.
Keine Zäre mag uns reuen;

20
Denn sie fiel in Gottes Hand.


     Was auf diese dürren Auen
Von der Unschuld Thränen fält,
Wird gesamlet, zu bethauen
Die Gefilde jener Welt;

25
     Die Gefilde, wo vom Schnitter

Nie der Schweis der Mühe ran,
Deren Aether kein Gewitter
Und kein Nebel trüben kan.

     Seufzer, deines Grames Zeugen,

30
Werden auf gen Himmel gehn,

Werden einst von Palmenzweigen
Kühlung dir herunter wehn.

     Von dem Schweisse deiner Mühen,
Der hier Undankbaren quilt,

35
Werden dort einst Blumen blühen,

Wie sie hier kein Lenz enthült.

     Wann Verfolgung ihren Köcher
Endlich auf dich ausgeleert;
Wann dein Gold sich, vor den Schwächer[1]

40
Seines Glanzes, rein bewährt;


     Und, zur Erntezeit der Saaten,
Da das Korn geworfelt wird,
Ausgestreuter Edelthaten
Reine Frucht im Siebe schwirt. –

45
     Heil der Schönsten schöner Stunden,

Die sich um dein Leben drehn,
Die, von Sklaverei entbunden,
Dich zur Freiheit wird erhöhn! –

     Zeuch mich dir, geliebte Fromme,

50
An der Liebe Banden nach!

Daß auch ich zu Engeln komme,
Zeuch, du Engel, dir mich nach!

     Mich begleite jede Warheit,
So du schmeichelnd mir vermält,

55
Zu dem Urquel aller Klarheit,

Wo kein Reiz sich mehr verhehlt!

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Schwächer = der Schwächende, Lästerer, Verleumder, falscher Ankläger (Grimm)