Der Nachruhm


[62]

   
               Der Nachruhm.


     Mich reizet nicht des Ruhmes Schall,
Der aus Posaunen tönt,
Den jeder leise Wiederhall
Im stillen Thal verhöhnt.

5
Ein Ruhm, der wie der Sturmwind braust,

Ist auch ein Sturm, der bald versaust.

     Mich reizet nur der Silberton,
Der unbelauschet klingt
Und meiner Muse schönsten Lohn,

10
Den Dank des Herzens singt,

Die Thräne, die dem Aug’ entfließt
Und mich mit Bruderliebe grüßt.

[63]

     Offnen Ohres, offnen Mundes hingen
Am Gesange der Göttinnen alle,

15
Wurden Amatoren, Virtuosen,

Famuli und Famulä der Musen.

     Wenig Tage währete die Freude:
Und das Chor der horchenden Entzückten
Stand von Hunger, Durst und von Gesängen

20
Matt und welk und eingeschrumpft und sterbend.


     Doch die Musen halfen ihren treuen
Märtyrern noch in den letzten Nöthen;
Süßen Todes führten sie die armen
Singend-sterbenden ins Land der Dichter.

25
     Wo sie jetzt auf allen grünen Bäumen

Wie die Könige der Erde thronen,
Ohne Sorgen, ohne Müh und Arbeit,
Ohne Fleisch und Blut, den Göttern ähnlich.

[64]

     Wenn dann auch in der Zeiten Bau
Mich bald ihr Schutt begräbt;
Und nur mein Saft auf Gottes Au
In andern Blumen lebt

35
Und mein Gedanke mit zum Geist

Vollendender Gedanken fleußt.

     Schön ists, von allen anerkannt,
Sich allgeliebt zu sehn,
Doch schöner noch, auch ungenannt,

40
Wohlthätig fest zu stehn.

Verdienst ist meines Stolzes Neid
Und bei Verdienst Unsichtbarkeit.

     So nennet Gottes Kreatur
Nur schweigend seinen Ruhm;

45
Sie blüht in wirkender Natur,

Ihr selbst ein Eigenthum.
Der Schöpfer zeigt sich nicht, und kühn
Verkennt der Thor und läugnet ihn.