Die Gartenlaube (1870)/Heft 2
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| No. 2. | 1870. |
„Ich erinnere mich, den Herrn Lieutenant von Wallberg bei
seinem Onkel gesehen zu haben – am Tage vor seiner Erkrankung;
Sie verließen ihn, als ich kam,“ entgegnete der Doctor.
Die Worte waren allerdings kühl gesprochen, mußten aber doch völlig unverfänglich erscheinen und rechtfertigten in Eva’s Augen durchaus nicht den herben Ausdruck – sie hätte ihn fast feindlich nennen mögen – den sie auf Adalbert’s Gesicht hervorriefen.
„Ich bewundere Ihr Gedächtniß, Herr Doctor,“ sagte er, „während ich mich anklagen muß, daß derartige Zufälligkeiten und Daten meiner Erinnerung leicht entschwinden!“
„Die Ursache liegt wohl in Ihrer besonderen Lebensweise – auf bewegten Meeren; während wir, die wir an der Scholle haften, zugleich an allen darauf bezüglichen Erinnerungen willkürlich oder unwillkürlich festhalten,“ sagte der Doctor ruhig und wandte sich nach einigen mehr gleichgültigen und der gewöhnlichen Höflichkeit geltenden Fragen und Antworten zu der Räthin, um dem Zwecke seines Besuchs, ärztlicher Visite, zu genügen. Nach einigen Minuten verabschiedete er sich dann, ohne daß auch Eva etwas Anderes als einen flüchtigen Gruß von ihm erhalten hätte. Nur eine Secunde lang ruhte sein Blick mit einem besonderen Ausdruck auf ihr, den sie im Herzen empfand gleich einer Mahnung, nicht zu wanken und nicht zu zögern mit ihrer Entscheidung.
„Ist mir irgend ein Mensch in der Welt unangenehm, so ist es dieser Doctor Reinhard!“ rief Adalbert heftig, als sich die Thür hinter dem Genannten geschlossen hatte.
Erstaunt und verletzt blickte Eva auf und kämpfte noch mit sich, ob sie nach dem Grunde dieser ihr unerklärlichen Aeußerung fragen dürfe, als ihr die Tante mit der unwilligen Entgegnung zuvorkam:
„Das ist eine seltsame Abneigung, Adalbert, die ich im höchsten Grade ungerecht finden muß, denn sicher gab er Dir durch sein Benehmen keine Veranlassung dazu. Du solltest bedenken –“
„Ach nein, Mama, laß mich nicht bedenken!“ fiel er halb lachend ein, „dazu tauge ich nicht. Das Bedenken verwirrt mir allemal Kopf und Herz ... ich kann einfach nur fühlen, sei ’s sympathisch, sei ’s antipathisch, und hernach muß ich etwas thun ... mag’s nun gut, mag’s schlimm sein! Ich wette, Cousine Eva stimmt mit mir überein,“ wandte er sich an diese, den Scherz, der aber etwas gezwungen klang, fortsetzend, „daß wir das Nachdenken, von dem junge Mädchen ohnehin selten Freunde sind, bei Seite lassen und uns nur darum bekümmern wollen, wie wir fühlen!“
Eva antwortete nur mit einigen ausweichenden Worten, denn Adalbert’s Wesen war ihr wieder einmal unverständlich und außerdem zürnte sie ihm. Er bemerkte ihre Verstimmung sofort, wenn er auch nicht die eigentliche Ursache errieth, und änderte auf der Stelle den Ton wie die ganze Unterhaltung, indem er sich auf’s Neue von seiner liebenswürdigsten Seite zeigte und namentlich unerschöpflich in Aufmerksamkeiten gegen das junge Mädchen war, so daß Eva allmählich ihren Groll fahren ließ und jene gegen den Freund gerichtete Aeußerung zu vergessen oder sich doch mindestens einzureden suchte, daß sie nur in einer vorübergehenden Laune von Adalbert gethan sei. Auch hatte sie in den nächsten Tagen keine Veranlassung, ähnliche Kundgebungen einer solchen wahrzunehmen, denn wenn der Doctor auch noch einige Male in’s Haus kam, so war Adalbert – ob nun zufällig oder nicht – entweder gar nicht anwesend, oder es blieb bei einer flüchtigen Begegnung.
Adalbert’s eigentliches Wesen, den Grund seiner verschiedenen Stimmungen, vermochte sie nicht zu erkennen, so viel sie sich auch innerlich damit beschäftigte, und seltsam genug war es, daß sie sich immer und immer wieder die Frage vorlegen mußte, woher die leidenschaftlichen Wallungen seines Gemüths stammen möchten. Sie hätte kein Mädchen sein müssen, wenn sie dabei nicht auch an eine Regung seines Herzens gedacht hätte, und unwillkürlich brachte sie dieselbe mit Emilie Waldow, der er, wie sie wußte, vor einem Jahre so eifrig gehuldigt hatte, in Verbindung.
Es fügte sich, daß sie in den nächsten Tagen Zeuge des ersten Wiedersehens der Beiden war, da sie mit Adalbert und seiner Mutter zu einer kleinen Abendgesellschaft in einer befreundeten Familie geladen war, wo sie auch die erwähnte junge Dame trafen. – Mit gespannter Aufmerksamkeit achtete sie darauf, wie Adalbert derselben begegnen würde – und bis in die Seele that es dem schönen Mädchen weh, als sie die geflissentliche Nichtachtung bemerkte, mit der er Emilien aus dem Wege ging, die er jetzt kaum noch zu kennen schien, während diese selbst ersichtlich nur mit Mühe ihre Fassung über sein Benehmen zu behaupten vermochte. Sie selbst kannte nun schon den finsteren Zug zwischen seinen Augenbrauen, der auch heute darauf gelagert blieb, obgleich er sich zwischendurch einer ausgelassenen, fast wilden Fröhlichkeit hingab, und wieder mußte sie sich im Stillen fragen: ‚was mag es sein, das diese sein ganzes Wesen vernichtende Bitterkeit in sein Herz gelegt, so ertödtend auch auf seine Liebe gewirkt hat?‘
Das Grübeln über Adalbert’s Seelenzustand wirkte verwirrend und beklemmend auf ihren eigenen zurück, und in manchen [2] Stunden sehnte sie sich nach einer Unterredung mit dem Freunde, denn sie sagte sich, daß er sie von der seltsamen Unruhe, die sie mehr und mehr peinigte, befreien würde. Sie hätte dann viel darum gegeben, wenn sie auf der Stelle das bindende Ja hätte aussprechen können, welches sie völlig mit ihm verband, und zürnte ihm fast, daß er sie nicht um dasselbe drängte. Und in anderen Momenten, wenn sie seine ernsten Augen wie mit einer stummen Mahnung und Frage auf sich gerichtet glaubte, konnte es sie innerlich unwillig machen, daß er ihr nicht vollkommene Freiheit zu ihrer Entscheidung ließ, während sie selbst sich wiederum Vorwürfe darüber machte, daß sie ihm dieselbe immer noch vorenthielt, da sie doch ja längst getroffen war; – und entschlossen griff sie endlich zur Feder, um ihm in wenigen Worten zu sagen, daß sie seine Hand annähme und Gott bäte, den Schritt für ihn wie für sich selbst zu einem gesegneten werden zu lassen. Es war ihr auch, als empfände sie schon in diesem Augenblick etwas von dem erwarteten Glück, wenigstens fühlte sie sich freier und ruhiger, als der Brief abgeschickt war.
Der Doctor sei nicht daheim gewesen, lautete der Bescheid der zurückkehrenden Dienerin, doch würde er in wenigen Stunden wieder in seiner Wohnung sein, und der Brief ihm dann übergeben werden. – Eva malte sich den Moment aus, wo er ihn empfangen und lesen würde, sie berechnete die Zeit, wann er bei ihr sein könne, um sie als seine Verlobte zu begrüßen, und fühlte sich glücklich in dem Gedanken an den treuen, sicheren Schutz, dem sie sich übergeben hatte.
Während sie noch diesen Vorstellungen hingegeben war, öffnete sich plötzlich die Thür und Adalbert trat zu ihr in’s Zimmer. Sein Gesicht zeugte von mehr als gewöhnlicher Aufregung, und in seinen dunklen Augen leuchtete ein seltsames Feuer.
„Sind Sie allein, Cousine Eva?“ fragte er.
„Allein mit meinen Gedanken!“ versetzte sie mit dem Versuch, ihn unbefangen anzublicken, obgleich sie innerlich unruhig ward vor seinen Blicken.
„Und ich – ich möchte diese Gedanken kennen lernen, Eva!“ sagte er, indem er vor sie hintrat und sie forschend anblickte, „möchte wissen – – Eva, bin ich verwegen, wenn ich Sie frage: habe ich einen Theil an Ihren Gedanken?“
Die Worte, mehr noch sein Ton, verletzten sie und trieben ihr zugleich das Blut in die Wangen.
„Ich glaube nicht, Ihnen Rechenschaft schuldig zu sein von dem, was in meinem Herzen vorgeht, Adalbert!“
„O, ich wußte wohl, daß es sich doch um Ihr Herz handelte, Eva,“ rief er erregt aus, „denn bei den Frauen sind Gedanken immer nur Gefühle, und auch nur darum wagte ich jene Frage und wage sie jetzt wieder, denn ich muß wissen, Eva, ob ich hoffen darf, daß Ihr Herz dem meinen antwortet!“
„Adalbert!“ rief sie und starrte ihn fast entsetzt an.
Er faßte ihre beiden Hände und rief in leidenschaftlichem Tone: „Es ist nicht anders, Eva! Das Wort sucht mit Gewalt seinen Weg über die Lippe; sagen Sie mir, daß Sie mein sind, mein werden wollen!“
Sie strich sich mit der Hand über die Stirn, als suche sie einen Traum zu verscheuchen, und blickte ihn bang und verwirrt an.
„Reden Sie, Eva, reden Sie!“ drängte er. „Ich ertrage die Ungeduld nicht länger!“
„Adalbert – der Doctor Reinhard hat mein Wort – ich nenne mich seine Verlobte!“ sagte sie endlich mit zitternder Stimme.
Mit einem wilden Schrei fuhr er auf und preßte die geballten Hände vor die Stirn. „Reinhard? Es ist nicht möglich, nicht möglich, Eva, sage ich Ihnen! Gestehen Sie mir, daß Sie mich täuschen, daß Sie Ihr Spiel mit mir treiben, um mich zu strafen, zu peinigen! Er darf, er soll Sie nicht besitzen, er nicht, Eva!“
„Um Gotteswillen, was geht mit Ihnen vor, Adalbert?“ fragte sie tief erschrocken.
Er war in wilder Heftigkeit die Stube einigemale auf- und abgerannt; jetzt blieb er plötzlich vor ihr stehen, sah ihr durchdringend in’s Gesicht und sagte: „Eva, lieben Sie den Doctor Reinhard? Antworten Sie mir wahr und wahrhaftig, als hänge das Glück, die Ruhe eines Menschenlebens von Ihren Worten ab!“
„Er ist der beste, der edelste der Menschen, Adalbert!“
Er stampfte mit dem Fuße: „Ich will das nicht hören, nur ob Sie ihn lieben, Eva!“
Sie blickte in fast stehender Angst zu ihm auf. „Hätte ich ihm sonst meine Hand geschenkt, Adalbert?“
„O, die Hand kann man auch ohne Liebe verschenken!“ sagte er mit einem kurzen, bittern Auflachen, fuhr dann aber gleich in seinem früheren dringenden Ton fort: „Mir sagt’s das Herz, Eva, daß Sie diesen Mann nicht lieben, daß Sie ihn achten, ehren – was weiß ich! – aber nicht lieben, und daß Sie lieben müssen, um glücklich zu sein! Nein, sagen, betheuern Sie jetzt nichts: Sie kennen Ihr eignes Herz nicht, Eva! Gehört jeder Athemzug, jeder Schlag Ihres Herzens dem Manne, welchem Sie sich zu eigen geben wollen – haben Sie noch irgend eine Vorstellung von Glück, von Seligkeit, die nicht mit ihm zusammenhängt, vermögen Sie sich ein Leben auch nur zu denken, das er Ihnen nicht verschafft? Antworten Sie mir auf alles das, wenn Sie wollen, daß ich an Ihre Liebe glauben soll!“
„O Adalbert, was fragen Sie mich, was machen Sie aus mir?“ rief sie, in Thränen ausbrechend.
„Sie können nicht antworten, weil Sie sich selbst getäuscht, betrogen haben,“ sagte er mit einer Art Frohlocken, „weil Sie Reinhard nicht lieben! Und hier zu Ihren Füßen flehe ich zu Ihnen: werden Sie mein – mein Weib, Eva! Ich fordere mein Leben, meine Seligkeit von Ihnen, und schwöre Ihnen, daß ich untergehen muß, wenn Sie mich von sich weisen!“
„Ich kann nicht, o mein Gott – ich kann nicht!“ sagte sie händeringend.
„Sie können es, Eva, wenn Sie es wollen! Um Gottes Barmherzigkeit willen, üben auch Sie Barmherzigkeit! Meine Seele ist in einem Bann, aus dem nur Sie mich erlösen können, und Ihre Liebe gilt mir als eine Vergebung meiner Sünden. Werden Sie meine Erlöserin, mein Schutzgeist, Eva!“
„Sie fordern das Unmögliche von mir, Adalbert, was seit einer Stunde zu einer Unmöglichkeit geworden ist! Diesen Morgen sandte ich Reinhard meine schriftliche Einwilligung.“
Wieder entrang sich ein kurzer, wilder Schrei seiner Brust, aber er faßte sich gewaltsam und fragte hastig: „Und er? warum ist er nicht hier, nicht bei Ihnen?“
Sie gab ihm in kurzen Worten Aufklärung, und als er sie vernahm, überflog ein hellerer Schein seine düsteren Züge.
„Wenn Sie ihm Ihre Botschaft noch nicht gesandt, ihm Ihr Wort nicht gegeben hätten – welche Antwort würden Sie dann für mich haben? Ich kann, ich muß verlangen, daß Sie mir das sagen!“
„Dann, Adalbert – –“ die Erschütterung überwältigte sie – sie stockte.
„Dann Eva, dann? –“ drängte er.
„Martern Sie mich nicht, Adalbert – ich kann, ich darf Ihnen darauf nicht antworten!“ sagte sie und brach in Thränen aus.
„Eva, Du bist – Du wirst mein, mögen die Dinge kommen und gehen, wie sie wollen!“ jubelte er aus, riß sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit an sich, um sie eben so schnell wieder aus seinen Armen zu lassen, und war in der nächsten Secunde verschwunden.
Der Doctor Reinhard war heute früher als gewöhnlich mit seinen ärztlichen Visiten fertig geworden und in seine Wohnung zurückgekehrt, wo er auf seinem Schreibtisch unter anderen eingelaufenen Briefen Eva’s Schreiben vorfand, das sich ihm sofort durch seine zierlichen Züge verrieth. Er erbrach es hastig und ein heller Freudenschein breitete sich beim Lesen über seine ernsten Züge. „Gottlob,“ murmelte er, „Gottlob, daß meine Sorge keinen Grund hatte! Armes, kleines Herz – welches Vertrauen sie in mich setzt! Helfe mir Gott, daß sie sich nimmer getäuscht fühle! Gelte es das Opfer meines Herzbluts: ich will sie glücklich sehen!“
Er stützte den Kopf auf die Hand und blickte sinnend vor sich hin, während sein Gesicht einen immer heiterern Ausdruck gewann, denn vor ihm stiegen die Bilder einer freundlichen Zukunft auf und nahmen ihn so gefangen, daß er eine Weile fast die Gegenwart darüber vergaß. Endlich aber sprang er auf und rief „Thor, der ich bin, daß ich über dem Träumen von Glück das wirkliche Glück zu ergreifen zögere! zu ihr!“ Schnell griff er nach seinem Hut und war im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als sich noch ein Besucher meldete und auf Reinhard’s „Herein!“ Adalbert über die Schwelle trat.
Mit einem raschen Blick überflog dieser die Gestalt des Doctors, und als er den freudig-glücklichen Ausdruck seiner Züge wahrnahm, den selbst die etwas unangenehme Ueberraschung über den Eintritt [3] des jungen Officiers nicht ganz hatte verwischen können, biß er unwillkürlich die Lippen zusammen.
„Sie haben einen Brief von meiner Cousine Eva erhalten und – gelesen, Herr Doctor?“ fragte er nach der ersten stummen Verbeugung.
Reinhard sah ihn befremdet an, sagte aber dann ruhig: „Ich will Ihrer etwas seltsamen Frage die Antwort nicht weigern – ja, ich habe einen Brief von Fräulein Eva empfangen.“
„Ich weiß, was er enthält, rief Adalbert in kaum noch beherrschter Aufregung. „und komme, um Ihnen zu sagen – –“
„Nun?“ fragte der Doctor, dessen Gestalt sich höher vor dem jungen Manne aufrichtete.
„Daß Sie dennoch keine Rechte auf Eva’s Hand darauf gründen dürfen! Ich – ich selbst werde mit Ihnen darum ringen – wenn es sein muß, bis aufs Aeußerste. Eva muß – hören Sie: sie muß mein werden – und sollte ich mit Himmel und Hölle um sie kämpfen!“
Der Doctor betrachtete seinen Gegner mit einem ruhig kalten Blick.
„Ich will nicht untersuchen, ob Fieber oder Wahnsinn in diesem Augenblick aus Ihnen spricht, Herr Lieutenant, bin aber glücklich, daß ich Eva frei von Ihrem Einfluß weiß, und es ist darum unnütz, weiter auf Ihre Forderung einzugehen.“
„O, Sie kennen Eva’s Herz wenig,“ rief Adalbert in steigender Heftigkeit, „sonst würde Ihnen diese stolze Zuversicht fehlen. Wissen Sie, daß ich jetzt, in dieser Stunde mit ihr geredet habe und daß ich nicht sicherer von Gottes Barmherzigkeit überzeugt bin als davon, daß Eva’s Herz mir gehört?“
Des Doctors Wangen waren unwillkürlich etwas bleich geworden, dennoch aber sagte er mit vollkommener Festigkeit: „Ich habe ihr Wort in Händen; – ein Mädchen wie Eva lügt nicht.“
„Nein, aber sie kann sich täuschen – blind gegen sich selbst sein, bis ihr die Binde von den Augen fiel!“
„Sagen Sie dann lieber“ – fiel der Doctor mit Bitterkeit ein – „bis sie ihr mit frevelnder Hand von den Augen gerissen wurde, um sie mit Trug und Arglist zu blenden!“
„Herr Doctor!“ fuhr Adalbert mit wilder Heftigkeit auf, bezwang sich aber sofort und setzte in ruhigerem Tone hinzu: „Ich bin bereit, Ihnen jede Genugthuung zu geben, erbötig, daß wir mit den Waffen in der Hand unsere Ansprüche an Eva’s Hand ausgleichen. Bestimmen Sie – –“
Reinhard maß ihn mit einem finster verächtlichen Blick und sagte kalt: „Zu einem Thoren- und Narrenstreiche verleiten Sie mich nicht, mein Herr Lieutenant ebenso wenig, wie Sie bis jetzt den Glauben an Eva in mir zu erschüttern vermochten. Was hinter meinem Rücken vorgegangen ist, will ich nicht beurtheilen und nicht richten, bis ich es aus ihrem Munde erfahren habe – und bis dahin mag auch alles Weitere aufgeschoben bleiben!“
„Wohl es sei so!“ entgegnete Adalbert. „Sprechen Sie mit Eva; auch ich habe die Ueberzeugung, daß sich dann alles Andere von selbst fügen wird, und verlasse Sie jetzt, um einer raschen Entscheidung nicht im Wege zu stehen.“
„Ich bitte Sie noch um einen Augenblick,“ sagte Reinhard. „Wie auch Eva’s Erklärung ausfallen mag: wir Beide – das fühle und hoffe ich! – werden jetzt die letzte Unterredung mit einander gehabt haben, und da bleibt mir noch eins übrig – Ihnen einen Theil Ihres Eigenthums zurückzugeben, das vor einem Jahre zufällig“ – er betonte das Wort in eigenthümlicher Weise – „in meine Hände gerathen ist und das ich aufbewahrt habe, um es Ihnen dereinst so oder so wieder zuzustellen.“
Er ging nach seinem Schreibtisch, drückte auf die Feder eines verborgenen Fachs und nahm einen kleinen, in Papier gewickelten Gegenstand heraus, der sich beim Zurückschlagen der Umhüllung als ein weißer Herrenhandschuh erwies, wie ihn die Seeofficiere zu tragen pflegen. Er reichte ihn Adalbert[1] hin, indem er dabei leicht auf den umgeschlagenen Rand deutete, der mit einem Anker und den gestempelten Buchstaben A. v. W. gezeichnet war, und bemerkte: „Ich fand ihn in dem Geschäftszimmer Ihres Onkels, als ich wegen seiner Erkrankung zu ihm geeilt war, und nahm ihn an mich, um ihn vor unberufenen Blicken und Händen zu bewahren.“
Durch Adalbert’s Züge zuckte es wie ein Krampf und unter seinen zusammengezogenen Brauen weg schoß ein Blick auf den Doctor, wie ihn ein Tiger für die Beute haben mag, auf die er sich im nächsten Augenblick stürzen will. Mit Blitzesschnelle ging aber alles dies vorüber und sein Gesicht war so ruhig wie seine Stimme, als er antwortete: „Ich danke Ihnen für die gewissenhafte Aufbewahrung dieser unbedeutenden Kleinigkeit, und wenn ich auch kein Gewicht auf die Wiedererlangung lege, weiß ich doch Ihre gute Absicht zu schätzen!“
Dann verbeugte er sich mit der vollkommenen Haltung eines Weltmanns und verließ das Zimmer. Der Doctor sah ihm mit finsteren Blicken nach und murmelte mit einer Art bitteren Humors: „Auch dies Mittel, ihn zu bannen, ist fehlgeschlagen – er hat den Handschuh aufgenommen – wohl, so sei der Kampf gewagt!“ Dann ging er zu Eva.
Das junge Mädchen war in der peinvollsten Gemüthsstimmung zurückgeblieben, als Adalbert von ihr fortgestürzt war. Was konnte, was sollte aus alle dem werden, was war aus ihr selbst, aus dem kaum empfundenen Frieden in dieser einen Stunde geworden? Wie ein wirrer, wüster Traum war Alles über sie gekommen, hatte sich mit Felsenlast auf ihr Herz gewälzt; und doch – so seltsam es war – sehnte sie sich kaum nach Befreiung, denn durch allen Schmerz, alle Sorge drang immer wieder ein Gefühl von Seligkeit: die Gewißheit, daß Adalbert sie liebte. Ob sie selbst ihn liebte, war ihr nicht klar – sie wagte auch nicht, ihr Herz darum zu fragen, denn die Neigung desselben für den Doctor erschien ihr immer noch als eine heilige Pflicht, der sie treu bleiben mußte und wollte. Dennoch aber erbarmte es sie unsäglich, daß Adalbert unglücklich war, daß er es ihrethalben war, und sie hätte ihr Leben hingeben mögen, um ihm die Ruhe zurückzuerkaufen. – Und in dieser Stimmung sollte sie nun Reinhard wiedersehen, der ja kommen mußte, um sie als seine Braut zu begrüßen. Mit zitternder Angst wartete sie auf sein Erscheinen und bebte zusammen, als sie endlich seinen Schritt auf der Treppe hörte. Die Thür ging auf und seine hohe Gestalt erschien auf der Schwelle. Statt aber auf sie zuzueilen, sie in die erste bräutliche Umarmung zu ziehen, ließ er erst einige Secunden lang seine Blicke prüfend auf ihr ruhen; dann trat er näher, ergriff ihre Hand und sagte:
„Eva, ich habe Ihren Brief empfangen, aber auch Ihren Vetter Adalbert gesprochen; sagen Sie mir, daß alles das nicht wahr ist, was er mir gesagt hat, daß Sie sich selbst treu geblieben sind, mich nicht betrogen haben mit dem Worte, das Sie mir gaben!“
Seine Stimme, die anfangs fest gewesen war, bebte bei den letzten Worten in tiefer Bewegung, und jeder Ton derselben drang ihr in’s Herz.
„O Reinhard, ich wußte es ja nicht, als ich Ihnen schrieb!“ sagte sie, indem sie bange ihre Hände faltete.
„Was wußten Sie nicht, Eva?“ fragte er mild.
„Daß Adalbert mich liebte, daß er ohne mich verzweifeln müsse, wie er mir nun gesagt hat!“
„Und Sie, Eva – was haben Sie ihm darauf erwidert? Antworten Sie mir, als ob Sie in diesem Augenblicke vor Gott ständen –: haben auch Sie ihm Ihre Liebe gestanden?“
Sie fuhr wie in jähem Schrecken mit der Hand nach dem Herzen und rief: „Nein, o nein, Reinhard. Ich war nur namenlos traurig, keine Hülfe für ihn zu wissen!“
Er athmete wie erleichtert hoch auf und sagte dann weich: „Gott hat Ihnen beigestanden, Eva, daß Ihr Herz fest geblieben ist bei der Stimme des Versuchers! Er helfe auch mir, daß ich Ihnen lohnen darf durch die treue Liebe meines Herzens, die Sie durch’s Leben leiten soll! Der Kummer, den Sie jetzt empfinden, wird vergehen, und mit ihm werden Sie bald vergessen, an Ihren Vetter selbst zu denken!“
Fast erstaunt blickte sie zu ihm auf und sagte fest: „Vergessen? Adalbert vergessen? Das ist nicht möglich, Reinhard! Von jener Stunde an nicht mehr: das weiß, das fühle ich!“
„Und wie werden Sie an ihn denken?“ fragte er in athemloser Spannung.
„Mit viel tausend Thränen, Reinhard,“ sagte sie, „und mit heißen Gebeten, daß Gott ihn bewahren und behüten möge, und forderte er dafür auch mein Glück und mein Leben!“
„Eva, Sie lieben ihn!“ stieß der Doctor verzweiflungsvoll heraus.
Sie strich sich mit der Hand über die Stirn und sagte tonlos: „Ja, ich glaube, daß das Liebe ist. Möge Gott, mögen auch Sie mir vergeben, Reinhard!“
[4] „Unglückliche; Sie kennen den Mann nicht, den Sie lieben!“ rief der Doctor im furchtbarsten Seelenschmerz.
„Doch, Reinhard!“ sagte sie einfach und legte die Hand auf’s Herz.
„Denken Sie an Ihren Vater,“ beschwor er sie, „und fragen Sie sich, ob er Ihre Wahl segnen würde! Ich, als der jüngere, aber vertraute Freund Ihres Vaters, glaube zu wissen, daß er Ihrem Vetter die Hand seiner Tochter nimmer gewährt haben würde!“
„O, er!“ sagte Eva, und ein verklärter Ausdruck durchleuchtete ihre Züge, „wenn ich nicht gewußt hätte, daß er Adalbert als seinen eigenen Sohn betrachtete, so würde mir die tiefe Trauer, mit der dieser von dem Gestorbenen spricht, gesagt haben, daß auch er seinen Vater in ihm verloren hat.“
„Vielleicht war das Verhältniß früher so – aber später, Eva, bei Adalbert’s letztem Hiersein waren Sie abwesend, und Sie haben mir selbst gesagt, daß Ihnen keine günstige Meinung von ihm beigebracht ist; müssen Sie sich nicht fragen, ob nicht auch Ihr Vater ihm damals abgeneigt wurde?“
Sie lächelte fast im Gefühl ihrer Sicherheit, als sie erwiderte: „Mein Vater hatte ihm eine Zuneigung bewahrt, von der er selbst sagte, daß sie bis zur Schwäche ginge. O, ich habe den Brief noch und habe ihn in dieser Zeit oft wieder gelesen;“ fuhr sie erröthend fort, „in welchem er mir von dem Vetter erzählt, seine Geradheit und sein edles, warmes Herz preist, das sich bei allen tollen Streichen nicht verleugne und ihm Bürgschaft sei, daß das Leben noch einen ganzen Mann aus ihm machen werde. O, der Vater hat ihn besser gekannt als alle Anderen, die ihn nachher verlästerten und denen ich anfangs mehr glaubte als der Meinung des Todten!“
„Wie wissen Sie aber, daß er selbst seine Meinung nicht nachher noch geändert hat?“ fragte Reinhard erregt.
„Der Brief war am Tage vor seiner Erkrankung geschrieben,“ sagte Eva, als wenn sie damit jeden weiteren Einwurf abschneiden müsse.
„Aber es lagen Stunden, es lag ein ganzer Tag dazwischen,“ sagte er finster; „ein Augenblick zeigt oft das Wesen und den Charakter eines Menschen in seinem wahren Lichte, den wir jahrelang verkannt haben!“
Eine dunkle Röthe übergoß in diesem Augenblicke Eva’s Gesicht, und sie blickte den Doctor fest und zürnend an. „Reinhard,“ sagte sie, „Sie wissen nicht, wie wehe Sie mir thun, denn Sie zeigen sich von einer Seite, die ich bisher nicht an Ihnen kannte. Ich habe Sie für edler und großmüthiger gehalten!“
Er hatte sich in heftigster Bewegung abgewandt und kämpfte augenscheinlich mit sich; dann trat er zu ihr, ergriff ihre beiden Hände und sagte traurig: „Eva, auf Ihren Besitz muß ich verzichten, ich fühle es; aber gönnen Sie mir den Trost, daß Sie sich keinem Unwürdigen zuwenden. Ich kann, ich darf nicht mehr sagen – aber ich beschwöre Sie, nur das eine Mal noch: schenken Sie mir Vertrauen!“
„Reinhard,“ sagte sie fast stolz, „ich verzeihe Ihnen, was Sie in diesem Augenblicke sprechen, um des Leides willen, was auch ich Ihnen zufügen muß; und auch deshalb,“ fuhr sie mit einer wunderbaren Freudigkeit fort, „weil ich durch Sie erst inne geworden bin, wie tief und heiß ich Adalbert liebe. Was mir selbst vor einer Stunde noch dunkel und unklar war, ist nun in ein helles, goldenes Licht getreten, und darum sage ich Ihnen: wäre Adalbert auch mit einer schweren Schuld beladen, wäre er von der ganzen Welt angefeindet und verleumdet – dennoch würde ich mich an seine Seite stellen, würde mein Herz mir sagen: das ist der Mann, dem Du eigen bist und sein mußt, er und kein anderer!“
„Eva,“ rief er außer sich, „der Augenblick bethört Sie, reißt Sie hin – es kann nicht so sein!“
„Es ist so und bleibt so,“ entgegnete sie fest, indem sie die Hand auf’s Herz legte, „so wahr mir Gott helfe!“
„Nun, dann scheiden sich unsere Wege!“ sagte er düster. „Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen, Eva!“
„Ich Ihnen aber noch ein Wort,“ sagte sie und die frühere Weichheit, welche einem gänzlich veränderten Wesen Platz gemacht hatte, das sie plötzlich um Jahre hinaus älter und reifer hatte erscheinen lassen, kehrte zurück. „Bleiben Sie mir, was Sie waren, Reinhard – mein Freund!“
Sie hatte ihm bittend die Hand hingereicht, er aber wandte sich ab und sagte, während sich ein Zug eigenthümlicher Härte über sein Gesicht legte: „Ich bin keines halben Gefühls fähig, Eva, vermag auch nicht, es von Anderen anzunehmen, darum ist es besser, wir lösen jetzt jedes bestehende Band und gewöhnen uns, als Fremde an einander zu denken.“
„Sie zürnen mir!“ sagte sie traurig.
Er schwieg einige Augenblicke und sagte dann: „Ich zürne vielmehr mir selbst, Eva, daß ich glauben konnte, ein Wesen wie Sie, jung, schön, mit vollem Anspruch an das Leben, könne sich in ruhiger Neigung glücklich fühlen. Nun, ich habe den Irrthum gebüßt und will zu vergessen suchen!“
Sie griff weinend nach seiner Hand, die er ihr nicht entzog; doch erwiderte er den Druck der ihrigen nicht und sie fühlte nur, daß dieselbe eiskalt zwischen ihren glühenden Fingern lag. In der nächsten Minute sah Eva sich allein und nun machte sich ihr Gefühl durch heiße Thränen Luft, die in diesem Augenblicke mehr dem Schmerz um den verlorenen Freund als der Seligkeit des vor ihr auftauchenden Glückes galten. Erst Adalbert’s Eintritt, der den Doctor hatte fortgehen sehen, rief dieselbe auf’s Neue in ihrem Herzen wach, und als er in fast athemloser Spannung fragte: „Nun, Eva, ist mein Loos entschieden?“ da warf sie sich in seine Arme und rief:
„Ja, Adalbert, ich habe Allem, Allem entsagt, um nur Dir anzugehören!“
Aus seinen Augen drangen Thränen, als er sie fest an seine Brust drückte und mit vor tiefer Rührung zitternder Stimme erwiderte: „Möge Gott mich nicht selig werden lassen, wenn ich Dich nicht auf meinen Händen durch’s Leben trage!“
Das junge Paar war nach seiner rasch auf die Verlobung folgenden Hochzeit von dem früheren Wohnort nach einer größeren Hafenstadt gezogen, wohin Adalbert durch seinen Dienst berufen war. Eva hatte gern die alte Heimath verlassen, weil sie damit peinigenden Erinnerungen, die immer noch wie Vorwürfe auf ihrem Gewissen lasteten, zu entgehen hoffte, und mehr noch hatte Adalbert geeilt, aus dem „verwünschten Nest“ – wie er es nannte – und all’ seiner „philisterhaften Misère“ fortzukommen. Seine Mutter hatte sich von ihrem Sohne, durch dessen Verheirathung mit Eva sie den höchsten Wunsch ihres Lebens erfüllt sah, nicht zu trennen vermocht und war ihm nach dem neuen Wohnorte gefolgt, hatte sich dort aber nur kurze Zeit in dem jungen Hausstande wohl fühlen können, denn ein rascher Tod raffte sie nach kurzer Krankheit unerwartet hinweg. Sie schied in dem festen Glauben an das ungetrübte Glück ihrer Kinder; denn auch von dem, was früher zwischen Eva und dem Doctor vorgegangen, war sie ohne Ahnung geblieben.
Ob Adalbert während des Jahres, das Eva nun als Gattin an seiner Seite gelebt hatte, stets des Schwurs jener Minute eingedenk gewesen war – wer mochte es entscheiden? Sah man die leidenschaftliche Zärtlichkeit, die er ihr zwischendurch bewies, war man Zeuge der weichen Hingebung, mit welcher er ihr sein ganzes Wesen und Leben gewissermaßen zu Füßen breiten konnte, so durfte Einem kaum ein Zweifel kommen, daß seine Gefühle noch ganz so waren wie in der Stunde, als er so verzweiflungsvoll um ihre Hand gefleht hatte. Und doch wieder wagte man nicht recht all das Glück dieser Ehe zu glauben, wenn man die etwas bleiche junge Frau ansah, in deren Zügen die frühere kindliche Heiterkeit längst einem ernsten Ausdruck, der nicht selten geradezu kummervoll war, Platz gemacht hatte. Zwar verrieth ihr Mund nie den Zustand ihres Herzens, ließ keine Klage über den Gatten laut werden, aber zu leugnen blieb nicht, und Eva selbst konnte es sich am wenigsten verhehlen, daß es ihr nicht gelungen war, seine leidenschaftliche Natur zu besänftigen, ihn zur Harmonie mit sich und der Welt zurückzuführen. Hatte sie einst in dem Vertrauen auf seine und ihre Liebe gehofft, den finstern Geist, welcher ihn zu Zeiten beherrschte, bannen zu dürfen, hatte sie sich begeistert und hingerissen gefühlt durch den Gedanken, daß sie berufen sei, sein Schutz- und Friedensengel zu werden – wie er selbst ihr gesagt –: so hatte sie längst mit heißem und tiefem Schmerz einsehen müssen, daß sie zu schwach war, den Dämon in seiner Brust zu besiegen, daß es ihr versagt blieb, einen dauernden Einfluß auf sein zerfahrenes Gemüth zu gewinnen. Nur langsam, nur allmählich war sie von all’ jenen Hoffnungen geschieden und immer wieder hatte [5] sie sich in den Momenten, wo ihr sein ganzes Sein zu gehören schien, zu neuer Geduld, zu neuen Bestrebungen gekräftigt gefühlt. Endlich aber war sie müde geworden und immer mehr und mehr verlor sie die Waffen aus den Händen, mit denen sie Adalbert’s ungleiche Stimmungen zu bekämpfen gesucht hatte.
Aber nur dem tiefer dringenden Blick verrieth sich alles das; vor der Welt erschien Adalbert als der glückliche Gatte einer schönen, angebeteten jungen Frau, und Eva wiederum ward fast beneidet um seinen Besitz, denn überall wußte Adalbert durch seinen sprudelnden Geist, seine persönliche Liebenswürdigkeit, die durch sein schönes Aeußere gehoben ward, die Menschen zu fesseln und hinzureißen, während ihm daneben – hauptsächlich von seinen Cameraden – der Ruhm eines biederherzigen, streng ehrenhaften Charakters zuerkannt wurde. Ueberall geliebt und ausgezeichnet, wurde das junge Paar vielfach in die geselligen Kreise der Stadt gezogen, und obgleich Eva von vornherein ein stilles Daheimleben gewünscht und gewählt haben würde, mußte sie doch um ihres Gatten willen, der die Zerstreuungen nicht selten mit einer gewissen Hast suchte, nachgeben und häufiger, als ihr lieb war, an den Vergnügungen des Orts theilnehmen.
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Wilhelm Harkort.
Wie viele Jahre noch und wir haben den letzten Helden jener Tage in die Gruft gelegt, aus denen die eisernen Lieder eines Arndt und Körner, eines Schenkendorf und Rückert wie Geisterstimmen zu uns herüberklingen! Immer mehr und mehr lichten sich die Reihen der Veteranen aus den Freiheitskriegen, und an denen, die uns aus jenen Jahren noch übrig geblieben, hat nur zu oft die Zeit ihr Recht so sehr geltend gemacht, daß wir in ihnen eher wandelnde Schatten als frische, lebendige Menschen zu erblicken glauben. Und selbst dann, wenn jene Kämpfer aus den Freiheitskriegen sich noch körperlich rüstig erhalten haben, so hat sich doch
[6] durchweg der Kreis ihrer Ideen nicht mit der Zeit erweitert; unwillig wenden sich die alten Grauköpfe von den Bestrebungen unserer Tage, für die ihnen das Verständniß fehlt, und wiederholen in allen Tonarten das Lied von der guten alten Zeit. Um so erhebender, um so bedeutungsvoller wirkt es, wenn ein muthiger Streiter aus jenen heiligen Kriegen wider den fremden Unterdrücker noch heute bei der Schaar jener steht, die für die hohen Ziele der Freiheit, der Volksbildung, der Aufklärung und des Fortschrittes mit Muth und Eifer eintreten. Den Lorbeerzweig für jede Stirn, die sich dreist den fränkischen Kugeln zum Ziele bot, als es galt, Blut und Leben für die Befreiung der Heimath vom corsischen Joche in die Wagschale zu werfen; aber einen doppelten Kranz dem Manne, der zum Ruhme des Kriegers sich den Ruhm eines echten Volksvertreters und Volksmannes erworben, der mit silbergrauem Haupte sich ein jugendfrisches Herz bewahrt; den doppelten Kranz dem westphälischen „alten Fritz“, dem Stolze der Markaner, Friedrich Wilhelm Harkort!
Wer an jenem regnerischen, stürmischen Herbsttage im verflossenen Jahre, als das Steindenkmal auf dem Kaiserberge bei Herdecke eingeweiht wurde, die hohe Gestalt Harkort’s auf der Tribüne am Fuße des mächtigen Thurmes sah, der glaubte nicht einen Mann vor sich zu sehen, der schon nahe bei den Achtzigen steht, der schon 1815 bei Liguy sich zwei Schußwunden geholt und das eiserne Kreuz verdient. Jugendliches Feuer sprühte aus den klaren, blauen Augen des wackeren Sohnes der Mark, der nicht geruht und gerastet hatte, bis das erste Denkmal für Stein fertig war, der kein Opfer an Geld und Zeit scheute, um den mächtigen Thurmbau zu vollenden, der nun Zeugniß davon ablegt, daß das Andenken an Stein, den großen Reformator, im Volkesherzen noch nicht erloschen ist. Langsam und bedächtig, allen Flitter der Phrase verschmähend, sprach Fritz Harkort von jenem gewaltigen Reichsfreiherrn, dessen Name für alle Zeiten leuchten wird, von Stein, der während seines Aufenthaltes in Wetter einst Hausfreund bei der Familie Harkort gewesen.
Vor dem Redner aber standen die Kinder des Landes, die breitschultrigen Söhne der Mark mit den trotzigen Stirnen. Männer aus allen Ständen und von den verschiedensten Jahren, aber eins in dem einen Gedanken der Verehrung für Stein und für den Mann, der, ein echter Jünger Stein’s, im Geiste der Freiheit wirkt und schafft, in der Verehrung für Friedrich Harkort. Da konnte man in jedem Auge lesen, was jener Jüngling mit silbernen Locken seinen Landsleuten gilt, die in ihm einen ihrer Edelsten und Besten verehren. Die moderne Zeit schafft Charaktere, die man mit künstlichen Mosaikarbeiten vergleichen möchte, und immer seltener werden die Männer aus einem Gusse, aus ganzem Holze gehauen. Unsere raschlebige Zeit bringt das so mit sich! Wenigen Menschen ist es vergönnt, sich naturgemäß auf der Scholle, die sie geboren, zu entwickeln, die Luft ihrer engeren Heimath zu trinken, bis der Geist Kraft und Selbstständigkeit gewonnen und der Charakter Festigkeit errang: der junge Baum wird verpflanzt, ehe er kräftig Wurzeln geschlagen, der frische Trieb wird kunstreich zugestutzt und beschnitten, ehe er sein volles Grün entfaltet, und so haben wir am Ende eine recht niedliche Zierpflanze vor uns, aber keinen naturwüchsigen, markigen Baum! Anders war es bei Friedrich Harkort. Unter den Eichen, Buchen und Tannen seiner Heimath wuchs der Knabe empor.
Auf Harkotten, dem Gute seines Vaters Johann Caspar Harkort, welches seit Jahrhunderten Eigenthum der Familie Harkort ist, wurde Friedrich Wilhelm am 22. Februar 1793 geboren. Kein Erzieher moderner Art leitete den Jugendunterricht; der kräftig aufblühende Junge wurde einfach in die Elementarschule geschickt und nahm so, mitten unter dem Volke lebend die ersten Elemente der Bildung in sich auf, die durch den Besuch der Handelsschule in Hagen weiter vervollkommnet wurde. Die Grafschaft Mark zählt zu jenen deutschen Gauen, wo Industrie und Landwirthschaft friedlich nebeneinander bestehen; die hohen Dampfschornsteine der Fabriken, die Obelisken unserer Tage, recken sich überall empor und dicht daneben lebt noch in patriarchalischer Einfachheit der Bauersmann.
Der Vater unseres märkischen „alten Fritz“ war Fabrik- und Gutsbesitzer zugleich und sein Haus war der Sammelpunkt mancher Männer von Bedeutung, wie zum Beispiel, außer Stein, Benzenberg, Natorp, Möller von Elseg und Andere. Der Einfluß des Verkehrs mit solchen Persönlichkeiten auf Geist und Gemüth des Kindes blieb nicht aus; manches gute Samenkorn senkte sich in die Seele des Knaben und das Herz schlug warm für das Volk und das Vaterland.
Fünfzehn Jahre alt trat der junge Westphale in ein Handlungshaus in Barmen als Lehrling ein, doch nicht lange sollte es dauern, bis die Hand die Feder mit dem Schwerte vertauschte. Mit zwanzig Jahren stand Harkort als Lieutenant im Füsilier-Bataillon des ersten westphälischen Landwehr-Regimentes, bei jenen braven Landwehrleuten, die der Volksmund die „Hacketäuer“ nennt, nach dem Ausspruche eines tapferen westphälischen Soldaten, der einst, als man mit Kolben dreinschlug, seinem Nachbar zurief: „Hacke tau, Brauer – et geit för et Vaterland!“ Wie ehrenvoll und muthig der junge Krieger gefochten, haben wir schon zu Anfang dieses Artikels gesagt; in Holland und Belgien bewährte sich die Tapferkeit des jungen Officiers. Napoleon war geschlagen, Deutschland von der Fremdherrschaft befreit und wieder kehrte der Landwehrmann zurück zu seinem bürgerlichen Berufe.
Harkort hat das Verdienst, die gewaltige Bedeutung der Anwendung der Dampfkraft schon sehr früh erkannt zu haben, und machte bereits den Minister von Stein auf die Wichtigkeit des Eisenbahnbaues aufmerksam. Dies ist um so höher anzuerkennen, wenn wir bedenken, daß die ersten Männer der Wissenschaft, wie z. B. Arago, zur Benutzung des Dampfes als Bewegungsmittel gar wenig Vertrauen hatten. Beim Bau von Dampfschiffen und Eisenbahnen griff der unermüdlich thätige Mann rastlos ein, wie er denn überhaupt zu den verschiedensten industriellen Unternehmungen den Anlaß gab. Unmittelbar nach dem Kriege war er mit Herstellung und Verwaltung eines Kupferwalzwerks beschäftigt; wenige Jahre darauf machte er sich durch die Errichtung einer Maschinenfabrik und einer Lederfabrik zu Wetter verdient und im Jahre 1827 wurde das Puddlingswerk für Stabeisen in demselben Orte gegründet. Noch 1857 betheiligte sich der alte Herr am Bau einer Eisenhütte zu Kaltenbach.
Sollte man nicht glauben, eine so vielseitige Thätigkeit hätte die ganze Kraft des Mannes vollständig in Anspruch genommen? eine Natur gewöhnlichen Schlages hätte sich mit den erworbenen Lorbeeren begnügt, sich behaglich in den vier Pfählen des eigenen Hauses eingerichtet und im Uebrigen die Dinge gehen lassen, wie es Gott gefällt; nicht so unser trefflicher Sohn der rothen Erde! Ihm diente die Feder nicht ausschließlich dazu, um Posten in’s Soll und Haben seiner Bücher einzutragen; sie war ihm gleichzeitig eine Waffe, mit der er für Erreichung seines Strebens kämpfte. Außer einer schlichten, einfachen Geschichte des ersten westphälischen Landwehr-Regimentes, in der wir indessen manche flammende Stelle finden, die Ernst Moritz Arndt geschrieben haben könnte, müssen wir viele volksthümliche Artikel und Aufsätze, manche bemerkenswerthe Broschüren mit allen Ehren erwähnen, vor allen Dingen den im Jahre 1851 erschienenen „Bürger- und Bauernbrief“, der den Ritter des eisernen Kreuzes auf die Anklagebank brachte. Wie in der Rede, so auch im geschriebenen Worte tritt uns Harkort als echter Westphale entgegen. Wuchtig, knapp, ohne Zierrath, aber voll Wahrheit und Kraft, so spricht Harkort zum Volke! Da ist nichts von gelehrten Citaten, nichts von diplomatischem Verschleiern, nichts von Schielen nach dem Effecte – es ist die Sprache der rückhaltlosen Ueberzeugung, die von Herzen kommt und zu Herzen geht! Er verschmäht die Kunst, mit Floskeln den Kern der Sache zu umgehen, und sucht nicht mit schönen Redensarten zu blenden; wie Kolbenschläge fallen die gewichtigen Worte auf das Haupt der Gegner; es ist noch der alte „Hacketäuer“ von Anno 1815, der alte, aber noch jugendfrische Kämpfer auf einem anderen Schlachtfelde! Er hat in diesem Bürger- und Bauernbriefe eine Partei von Junkern bezichtigt, sich in damaligen Tagen abermals zwischen Thron und Staat, König und Volk zu stellen, um alle Errungenschaften einer drangsalschweren Zeit, allen Ausgleich zwischen Fürsten und Nation, alle Zusagen der bürgerlichen Freiheit wieder zu vernichten. Er nannte in seiner Vertheidigung diejenigen Junker, deren plumper Egoismus das Königthum ausbeuten möchte für Sonderinteressen.
Seit dem Jahre 1830, wo Harkort Abgeordneter zum Provinziallandtage Westphalens wurden, datirt seine Wirksamkeit als Volksvertreter. In richtiger Erkenntniß, daß nur auf Grundlage einer guten Jugendbildung wie einer tüchtigen Volksbildung überhaupt sich ein freies, gedeihliches Staatsleben entfalten kann, hat Harkort vor allen Dingen sich die Verbesserung der materiellen [7] Lage der Elementarlehrer und Hebung des Volksunterrichtes als eine seiner Hauptaufgaben gestellt, doch vergißt er auch nicht, mit aller Energie zum Besten des Ackerbaues, der Industrie und des Handels in die Schranken zu treten. Eine Masse fliegender Blätter, deren Ton, Styl, Gesinnung und Haltung vortrefflich sind, sprechen für seine Thätigkeit und Liebe für die Volksinteressen.
Vom Wirbel bis zur Sohle ist Harkort ein echter Volksmann ein treuer, unerschrockener Kämpe der Freiheit und des Rechtes. Je höher die Wogen der Reaction gingen, um so lauter hat seine Stimme das Evangelium des Rechtes und der Freiheit verkündet; das wüste Schreien einer von utopistischen Ideen berauschten Menge hat ihn ebensowenig beirrt wie das Hosiannarufen der Machtanbeter; ein Demokrat in des Wortes reinster Bedeutung steht der Jüngling mit dem weißen Haupte vor uns, ein würdiger Kampfgenosse seines Landsmanns Waldeck. Möge es dem theuren Manne noch manches Jahr vergönnt sein, zu wirken zum Heil und Segen des Vaterlandes, möge noch lange das goldene Herz unter dem eisernen Kreuze schlagen!
Von Carl Vogt.
Nr. 1. A. v. Humboldt.
(Schluß.)Valenciennes gegenüber trat Dujardin als Candidat auf. Der wissenschaftliche Werth Beider konnte nicht gegen einander abgewogen werden. Dujardin war ein selbstständiger Forscher, scharfer Beobachter, in allen Fächern der Wissenschaft zu Hause, Mikroskopiker ersten Ranges, aber, wie man sagte (denn ich habe ihn nie anders, als sehr zuvorkommend und mittheilsam kennen gelernt), ein unverträglicher Charakter, der mit aller Welt im Streit lag. Die Anhänger von Valenciennes konnten für diesen nur in das Feld führen, daß Cuvier ihn an der Spitze eines großen Werkes über die Naturgeschichte der Fische zurückgelassen und auf seinem Todbette die Verwaltung des Pflanzengartens gebeten habe, Valenciennes von der Verpflichtung, der Bibliothek entnommene Bücher allmonatlich zurückzugeben, in Bezug auf die Bücher über Fische so lange zu entbinden, bis das Werk fertig sei. Aber Valenciennes war, wie gesagt, ein guter Trampel, er hatte mit Dumas, der mit ihm dasselbe Haus bewohnte, nie Streit gehabt; er war schon Professor am Planzengarten – die Bronguiartisten traten also mit Macht für ihn ein. Blainville freilich wüthete in dem Garten herum wie ein angeschossener Eber und schwor, daß er niemals mehr die Akademie betreten werde, wenn sie einem solchen Nilpferd, wie Valenciennes, die Thore öffnete. Er hielt später in der That Wort.
Nun war der Name Humboldt’s in Aller Munde. Valenciennes colportirte täglich Haufen von Briefen – im Pflanzengarten, in der Sorbonne, dem Collège de France, dem Institut, fragte man nicht mehr: „wie geht es?“ sondern: „Haben Sie auch einen Brief von Humboldt erhalten?“ A. de Jussieu, der beim Gruße stets schon die Antwort: „Bien – et vous?“ anticipierte, ehe man noch gefragt hatte: „Comment vous portez-vous?“ hatte jetzt seinen Gruß geändert; er lüftete den Hut im Vorbeigehn und sagte: „Moi aussi!“ (Ich auch) – als Antwort auf die präsumierte Frage wegen eines Briefes. Natürlich wurde auch Humboldt selbst hin und her besprochen, und ich muß gestehen, nicht in vortheilhafter Weise, weder von Freunden, noch von Feinden.
„Unsere Actien stehen nicht gut,“ sagte ein Anhänger Valenciennes zum andern, in meinem Beisein.
„Leider,“ antwortete dieser, „aber wenn sich der alte Intrigant von Berlin gehörig in’s Zeug legt, bringen wir ihn doch durch!“
„Meinen Sie?“ fragte Jener.
„Das glaube ich – er hat Fäden in der Hand, von denen Sie keine Ahnung haben, und wenn’s nöthig ist, setzt er Himmel und Hölle in Bewegung und ruht nicht eher bis er reüssirt hat“–
„Humboldt soll ja kommen, um Valenciennes persönlich zu unterstützen,“ sagte ich eines Tages zu Lemercier, als wir gemüthlich in seinem kleinen Bibliothekzimmer schwatzten – „ich bin sehr begierig, ihn kennen zu lernen.“
„Dann lernen Sie das böseste Maul von Frankreich und Navarra kennen,“ antwortete Lemercier, indem er die Augenbrauen in die Höhe zog.
„Streichen Sie so leicht die Flagge, lieber Freund?“ fragte ich lachend.
„Vor dem zehnmal,“ antwortete er über die Brille hinüber schielend, „der hat in Südamerika die Giftschlangen studirt und viel von ihnen gelernt. Gegen den sind wir Beide nur kleine Kinder, voll Unschuld, Tugend und – Naivetät.“
Es wollte nicht ziehen mit Valenciennes. Arago stand auf den Hinterfüßen, Observatorium und Planzengarten waren in offener Fehde gegen einander, Sorbonne, Collège de France, Polytechnicum und Ecole des Mines schwankten hin und her, die einen mehr auf diese, die anderen auf jene Seite neigend – da öffnete sich ein Ausblick auf Verständigung. Ein Platz in irgend einer der mathematisch-physikalischen Sectionen wurde frei – Arago hatte seinen Candidaten, Brongniart ging für dessen Gegner in das Zeug. Man warf sich in den geheimen Sitzungen fast die Stühle an den Kopf und bediente sich in den öffentlichen wenigstens anzüglicher Redensarten. Jetzt war die höchste Zeit. Humboldt riß sich endlich von Berlin los und kam, wenn ich mich nicht irre, schon im December 1844 nach Paris. Jedenfalls war er im Januar 1845 da. In ein paar Tagen hatte er sein Netz gewoben und alle akademischen Fliegen gefangen. „Was liegt Euch Astronomen, Mathematikern und Physikern daran,“ sagte er zu den Anhängern Arago’s, „ob ein Esel mehr in der Section für Zoologie sitzt? Ihr versteht ja doch nichts davon. Wollt Ihr mir den Gefallen thun, mir persönlich, für Valenciennes zu stimmen, wenn ich Euch die Stimmen der Coterie Brongniart für Euren Candidaten bringe?“ Diesen hielt er dieselben oder ähnliche Reden und es ging nach dem alten Sprüchworte: Gieb mir den Rhabarber, so reiche ich dir die Sennesblätter (Passe-moi la rhabarbe, je te passerai le çéné) – Valenciennes ging durch.
Während der Wahl-Campagne war es unmöglich, Humboldt zu sehen. Als sie in oben bemeldeter Weise für Valenciennes glücklich beendet war, erkundigte ich mich, wie es wohl geschehen könne.
„Haben Sie irgend eine neue Untersuchung vor, können Sie Etwas vorzeigen, was noch kein Mensch gesehen hat?“ fragte man mich.
„Warum?“
„Dann brauchen Sie es nur Valenciennes oder einem andern seiner Freunde zu sagen – er kommt dann selbst Morgens früh zu Ihnen!“
„Warum nicht gar!“
„Freilich! Morgens von acht bis elf sind seine Dachstuben-Stunden. Da kriecht er in allen Winkeln von Paris herum, klettert in alle Dachstuben des Quartier latin, wo etwa ein junger Forscher oder einer jener verkommenen Gelehrten haust, die sich mit einer Specialität beschäftigen, und zieht diesen die Würmer aus der Nase. Was er so ergattert, weiß er dann trefflich zu benutzen – entweder in seinen Schriften, oder noch mehr in seinen Gesprächen. Mit den Morgens geliehenen Federn prunkt er Abends in den Salons.“
„Sie sind doch wohl zu hart in Ihren Ausdrücken. Humboldt citirt doch immer gewissenhaft einen Jeden, dem er nur Schnitzelchen Papier verdankt.“
„Ja, das thut er schon – er ist auch dankbar für das Mitgetheilte, und wenn ihn einer dieser Dachstuben-Gelehrten interessirt, so unterstützt er ihn auch wohl, wenn nicht mit Geld, so doch jedenfalls mit seinem Einfluß. Schon Mancher hat ihm seine Stellung verdankt.“
„Dann sehe ich darin nichts Arges und würde ihm gerne das Meinige zeigen, wenn ich nur Etwas zu zeigen hätte.“
„Nun, so gehen Sie Morgens elf Uhr in das Café Procope, in der Nähe des Odéon, da pflegt er zu frühstücken. Links in der
[8] Ecke am Fenster. Oder nein, gehen Sie nicht hin. Es drängt sich da immer ein solcher Schwarm von Menschen um ihn herum, daß man gar nicht an ihn kommen kann. So wissenschaftliches Kleinzeug, das gerne einen Kratzfuß anbringen möchte. Es ist besser, wenn Sie sich nicht darunter mischen. Wenn Sie ihm etwas Wichtiges zu sagen haben, so schreiben Sie ihm – er wird Sie dann im Laufe des Nachmittags in das Cabinet von G. Mignet in der Bibliotheque Richelieu bestellen. Da Mignet nie arbeitet, Humboldt aber viel, so tritt ihm Ersterer sein Cabinet während seines Hierseins ab. Er hat dort Bibliothek und Diener zu seiner Verfügung. Unangemeldet kommen indessen nur Akademiker hinein – sonst nur Solche, die bestellt sind.“
„Ich habe aber nur einen Gruß von Agassiz auszurichten und finde, es hieße dem Manne die Zeit stehlen, wenn ich ihn damit behelligen wollte während seiner Arbeitsstunden.“
„Sie haben Recht, wenn es auch mit der Arbeit nicht allzu genau zu nehmen ist. Denn oft sitzt das ganze Stübchen voll von Mitgliedern aller fünf Akademien, und man spricht nicht immer von Wissenschaft und Kunst. Aber das hängt sehr vom Zufall ab, und da die Herren dann meist nur von ihren Sachen und den im Schoße der Akademie vorgehenden Scandalen reden, so kommt man in eine solche Gesellschaft wie der Hund in das Kegelspiel. Ist aber Niemand da, so stören Sie ihn jedenfalls in der Arbeit. Dann bleibt Ihnen nichts übrig, als ihn Abends in irgend einem Salon zu haschen. Wo sind Sie eingeführt?“
Ich nannte einige Kreise.
„Gut – ich werde mich erkundigen. Aber ich sage Ihnen, auch da werden Sie nicht lange mit ihm sprechen können.“
„Warum nicht?“
„Weil er die Zeit nicht hat. Er speist täglich wo anders, immer bei Freunden, niemals in einem Hôtel oder einem Restaurant. Unter uns gesagt, er plaudert außerordentlich gern. Wenn er einmal den Spucknapf gefaßt hat, läßt er ihn nicht wieder los. Niemand anders kann zum Worte kommen. Da er aber geistreich, witzig und schön erzählt, so hört man ihm gern zu.“
„Sie übertreiben wohl!“
„Nein, wahrhaftig nicht – er ist boshaft wie ein Affe, und Niemand ist vor seinen Malicen sicher. Kein Franzose hat mehr Esprit als er. Darüber sind Alle einig. Da er aber ein seltener Gast hier geworden ist, so hält es schwer, mit ihm bei einem Diner zusammenzukommen. Sind Sie irgendwo für die nächste Zeit zu einem großen Essen eingeladen?“
„Nicht, daß ich wüßte.“
„Dann ist das auch Nichts. Nun, ich werde sehen. – Aber halt! Empfängt Brongniart nicht nächsten Montag?“
„Das ist sein Tag.“
„Gehen Sie hin?“
„Fast regelmäßig –“
„Nun, dann ist die Sache im Blei. Ich will wetten, Humboldt speist mit dem neuen Akademiker nächsten Montag bei Brongniart. Gehen Sie aber ja sehr früh hin, denn er bleibt nicht lange nach dem Essen. Eine halbe Stunde höchstens – dann geht er fort!“
„Wohin denn?“
„O heilige Einfalt,“ spottete mein Freund, „naive Pflanze des helvetischen Urwaldes! Wissen Sie denn noch nicht, Sie Beduine der Gletscherwüsten, daß Humboldt jeden Abend wenigstens fünf Salons besucht und in jedem dieselbe Geschichte mit Varianten erzählt? Sobald er die Dame des Hauses begrüßt und seinen Platz am Kamin eingenommen hat, entsteht ehrfurchtsvolle Stille. Die Dame des Hauses fragt unabänderlich: ‚Nun, Excellenz (oder Herr von Humboldt oder lieber Herr von Humboldt, lieber Herr oder lieber Freund! je nach dem Grade der Bekanntschaft), was bringen Sie uns Neues?‘ Und dann zieht er die Schleußen seiner Beredsamkeit auf und läßt die Wasser fließen. Hat er eine halbe Stunde lang gesprochen, so steht er auf, macht eine Verbeugung, zieht allenfalls noch Einen oder den Andern in eine Fensterbrüstung, um ihm etwas in’s Ohr zu plauschen, und huscht dann geräuschlos aus der Thür. Unten erwartet ihn sein Wagen, der ihn in einen andern Salon bringt, wo sich dieselbe Scene wiederholt, und so fort mit Grazie in infinitum! bis er nach Mitternacht nach Hause fährt. Also gehen Sie früh, wenn Sie ihn noch bei Brongniart treffen wollen!“
Ich ging sehr früh. Die Damen im Hause hatten sich kaum im Salon installiert mit einigen Getreuen und einigen Frühgästen, die offenbar in gleicher Absicht gekommen waren wie ich. Mein einziger Bekannter, der Physiker Babinet, schlief in einer Fensterecke. Das war seine Specialität. Wenn er in der Akademie sein ungeheures Cachenez abgewickelt hatte, struwwelte er sich mit beiden Händen das Haar unter einander, legte sich auf beide Ellenbogen und schlief, zuweilen mit lautem Schnarchen.
„Ich würde Ihnen gern den Inhalt dieses Briefes mittheilen,“ sagte einmal Arago, als er die Correspondenz vorlegte, „wenn nicht Herr Babinet ...“
Der Nachbar gab diesem einen Rippenstoß, der ein Rhinoceros in den Abgrund hätte schleudern können.
„Was ist?“ fuhr Babinet auf.
„Sie sind doch einverstanden?“ sagte Arago lächelnd.
„Ja wohl, ja wohl,“ sagte dieser.
Die ganze Akademie brach in homerisches Lachen aus.
Babinet schlief in einer Fensterecke. In einer geschlossenen Nebenstube hörte man eine halblaute Stimme, dann ein allgemeines Gelächter. Nach einiger Zeit ging die Thür auf und ein Strom von Naturforschern und Akademikern quoll heraus, in ihrer Mitte zwei kleine Männer mit weißen Haaren, Brongniart, einer der zierlichsten Gestalten, die man sehen konnte, lebendig wie Quecksilber bis in sein höchstes Alter, neben ihm Humboldt, von weit massiverem Typus, in gebeugter Haltung. Ehe ich Diesen und Jenen begrüßt und dem Hausherrn auf einige freundliche Worte geantwortet hatte, war Humboldt an das Kamin geglitten, nicht ohne im Vorbeigehen Babinet auf die Schulter geklopft zu haben, und der Kreis war geschlossen. Humboldt erzählte, ich weiß nicht mehr was, irgend eine Tagesgeschichte, eine Stadtneuigkeit. Der Salon füllte sich unterdessen mit Menschheit. Ich manövrirte, wenn auch mit einiger Mühe, gegen die Thür hin. Nach Beendigung seiner Erzählung machte Humboldt eine nach der Seite etwas überkippende Verbeugung. Es öffnete sich eine Gasse. Ich stellte mich ihm breit in den Weg.
„Excellenz,“ sagte ich, „ich habe Ihnen einen Gruß von Agassiz zu bringen.“
„Wie heißen Sie? Wo wohnen Sie?“
Ich gab meine Karte.
„Es soll mich sehr freuen, etwas Näheres von meinem Freunde zu hören. Ich werde Ihnen schreiben. Auf Wiedersehen!“
Damit glitt er hinaus. Im Salon wogte es wie in einem Bienenschwarm. Babinet erhob sich.
„Ist er fort?“ sagte er umschauend. „Er ist immer derselbe Farceur!“
Als ich in das Vorzimmer trat, um nach Hause zu gehen, gab mir der Diener meine Karte.
„Sie haben sie wohl verloren?“ sagte er; „ich fand sie vorhin am Boden.“
Das Kabel war abgeschnitten.
Nr. 1.
Europamüde und Europascheue. – Deutsche Officiere. – General Blenker. – Prinz Salm und seine Jugendgeschichte. – Die Prinzessin und ihr Portrait. – Prinzessin Salm auf der Reise.Als ich Jahre 1861 als Specialcorrespondent der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“ und der „London Times“ nach Amerika kam, setzte mich nichts so sehr in Erstaunen als die Menge von Bekannten, die ich dort antraf. Nicht nur in den großen Städten, sondern häufig in abgelegenen Gegenden ferner Staaten begegnete es mir, daß ich ganz unerwartet mit meinem Namen und einem „Ei, kennen Sie mich denn nicht mehr?“ von irgend einem Menschen angeredet wurde, der mit mir während der Revolutionszeit in Deutschland zusammengetroffen war. Die Zahl der Einwanderer, welche Amerika den Revolutionen in Europa verdankt, muß ganz außerordentlich groß sein; allein ohne allen Zweifel lieferte Deutschland den größten Theil derselben.
[9] Neben diesen deutschen politischen Flüchtlingen machte sich noch eine andere Classe Europamüder – oder vielmehr Europascheuer – bemerkbar, denen der Blick eines Sachverständigen auf der Stelle ansah, daß sie in Deutschland irgend einem Officierscorps angehört hatten. Ihre Zahl war, besonders in den großen Städten, auffallend groß und unter ihnen wieder der unverkennbare preußische Typus vorherrschend.
Das Leben dieser Flüchtlinge würde für einen geschickten Schriftsteller eine unerschöpfliche Quelle der wunderbarsten Romane sein, denn was eine große Menge von ihnen, besonders während der Kriegsjahre, erlebte, könnte schwerlich romantischer erfunden werden. Obwohl das, was ich sage, sich auf beide oben bezeichnete Classen von Flüchtlingen bezieht, so möchte ich doch behaupten, daß in Bezug auf Seltsamkeit und Romantik die Schicksale der lebensschiffbrüchigen Officiere den Vorzug verdienen. Das ist sehr begreiflich. Die meisten von ihnen mußten ihr Vaterland fliehen, um ihren Gläubigern zu entgehen, wenn es auch nicht an solchen fehlte, die sich durch ihren Leichtsinn zu Schwindeleien und Verbrechen hatten hinreißen lassen. Unter ihnen gab es eine auffallende Menge von Grafen und Edelleuten mit wohl bekannten Namen, welche einst in gewissen Kreisen eine Rolle gespielt hatten und denen dann sämmtlich jede Art von Arbeit erniedrigend schien.
Mit den politischen Flüchtlingen war das anders; die meisten hatten nicht nur irgend ein nützliches Geschäft oder Handwerk gelernt, sondern waren auch an die Arbeit gewöhnt und freuten sich, in einem Lande zu sein, wo die Arbeit nicht schändet und wo Jeder, der arbeiten will, seinen reichlichen Lohn findet. Sie ergriffen daher frischweg die erste sich darbietende Gelegenheit – obwohl es auch unter ihnen an bummelnden Lumpen wahrhaftig nicht fehlte – kamen leicht über die Nahrungssorgen hinweg und viele gelangten in verhältnißmäßig kurzer Zeit zu einflußreichen und geachteten Stellungen.
Die Officiere waren schlimmer daran; sie hatten neben dem Soldatenhandwerk wenig Anderes und besonders nichts gelernt, was sich in Amerika praktisch verwerthen ließ, und hatten außerdem das Vorurtheil gegen die Arbeit zu überwinden. Viele versuchten gewisse adlige Künste zu verwerthen; allein auch in diesen fanden sie sich von den amerikanischen Schwindlern überflügelt, besonders da diese das Terrain besser kannten, auf dem sie zu arbeiten hatten. Da aber der Gleichmacher Hunger seine zwingenden Wirkungen auch auf adlige Magen nicht verfehlte, so mußten deren arbeitsscheue Besitzer ihren adligen Gefühlen Zwang anthun und – nach welchen harten Kämpfen und Schicksalen! – nicht selten zu den wunderlichsten und niedrigsten Beschäftigungen greifen, um nur nothdürftig das Leben zu fristen. Ich habe Größen gekannt, die einst eine große Rolle in der eleganten Welt spielten, und froh waren, wenn sie einen Kohlenwagen fahren durften, oder wenn es ihnen gestattet war, in einem Bierhause als Aufwärter zu dienen.
Man kann sich daher vorstellen, welche Aufregung und Veränderung der im Jahre 1861 ausbrechende Bürgerkrieg besonders unter dieser Classe von Flüchtlingen hervorbrachte. Von allen Wissenschaften und Handwerken, die es gab, war das Soldatenhandwerk bis dahin das unprofitlichste in Amerika gewesen, und wenn auch hin und wieder ein Officier dazu getrieben wurde, als Gemeiner in die kleine stehende Armee einzutreten, so war dies in der That der letzte Verzweiflungsschritt. Nun plötzlich gelangte die Kriegskunst an die Spitze aller Künste und Handwerke, denn es mußte eine Armee von beinahe einer Million Soldaten aus dem Nichts in kürzester Zeit geschaffen werden. Wer in Europa Lieutenant gewesen war, konnte nun leicht eine Anstellung als Major oder Oberst bekommen und vor ihm lag, wenn er nur einiges Geschick und Muth besaß, eine ehrenvolle Laufbahn.
Die natürliche Folge dieses Zustandes war, daß ein jeder, der nur jemals als Officier oder Gemeiner den Parademarsch geübt hatte, seine Ansprüche geltend machte. Die Preußen waren am besten daran, da jeder von ihnen einige Jahre Soldat gewesen war, und sie strömten von allen Seiten herbei, um ihren Platz an der reich besetzten Tafel einzunehmen, die ihnen Onkel Sam mit freigebigen Händen bereitet hatte.
Es war eine wunderliche Zeit. Diese militärische Unwissenheit und Naivetät der höchsten Beamten der amerikanischen Regierung überstieg jeden Glauben und die lächerlichsten Maßregeln und Mißgriffe waren die Folge; allein praktisch wie die Amerikaner sind und voll Vertrauen in ihre Lernfähigkeit besannen sie sich nicht lange; sie sahen die Notwendigkeit ein, rasch und energisch zu handeln, und in wunderbarer Schnelligkeit entstand eine Armee, die zuerst das Lächeln und Achselzucken, aber gar bald die Bewunderung Europas erregte.
Die Kunde von diesen Zuständen verfehlte seine Wirkung in Europa nicht. Alle Officierskorps geriethen in Aufregung und alle diejenigen, die bis dahin geschwankt hatten, ob sie ihre unbehaglichen Stellungen aufgeben und den Ocean überschreiten sollten, entschlossen sich nun schnell. Ganze Schaaren europäischer Officiere kamen in New-York an, und wenn sie keine guten Stellen fanden und nicht ihr Glück machten, so lag es nur an ihnen.
Da die meisten dieser Officiere nicht Englisch verstanden, so war es natürlich, daß sie ein Unterkommen in den deutschen Regimentern suchten, und namentlich war die von General Blenker befehligte, zwölftausend Mann starke deutsche Division reichlich mit ihnen versehen. Der Stab des ehemaligen Freischaaren-Obersten, welcher von den ihm einst in Europa gegenüberstehenden fürstlichen Officieren verlacht und verhöhnt worden war, zählte so viele vornehme Namen, als kaum der Stab irgend eines preußischen oder österreichischen Generals.
Blenker, mein alter Bekannter von Baden her, hatte mich sofort nach meiner Ankunft auf die liebenswürdigste Weise eingeladen, und bei dieser Gelegenheit wurde ich mit dem Prinzen Salm bekannt, welcher Oberst und Chef des Blenker’schen Generalstabes war.
Der Prinz war damals ein Mann von einigen dreißig Jahren. Er hatte als ganz junger Officier in der preußischen Cavallerie gedient und sich im holsteinischen Kriege durch seine tollkühne Tapferkeit ausgezeichnet, wofür er vom Könige einen Ehrensäbel erhielt, was eine in Preußen seltene militärische Belohnung ist. Er war der jüngste Sohn des regierenden Fürsten Salm, dessen mediatisirtes Fürstenthum mit seiner Hauptstadt Anholt in Westphalen liegt. Die Familie ist katholisch, und gleich anderen westphälischen adeligen Familien hatte sie die Gewohnheit, ihre Söhne zum Theil in österreichische, zum Theil in preußische Dienste zu senden, eine Praxis, welche von der preußischen Herrscherfamilie mit nicht besonders günstigen Augen angesehen wird. Auch der junge Prinz Felix ließ sich durch verschiedene Umstände – ich glaube, der Hauptumstand war ein schönes Mädchen und nicht die katholische Religion – bewegen, den preußischen Dienst zu verlassen und in österreichische Dienste zu treten.
Jedermann weiß, daß in früheren Zeiten der Adel einen anderen Ehrencodex hatte, als er im Bürgerstande in Geltung war. Wie es in alten Zeiten unter dem Adel nicht für entehrend betrachtet wurde, den Pfeffersäcken am Kreuzwege aufzupassen und ihnen ihr Geld und ihre Waaren abzunehmen, so galt es bei deren Nachkommen auch als keineswegs unehrenhaft, dem Bürgerpack Geld abzuschwindeln, und es lachend zu verjubeln und an Bezahlung nicht zu denken. Andererseits rächte sich aber das Bürgerpack, und man konnte darauf rechnen, daß beschnittene und unbeschnittene Juden einem leichtsinnigen jungen Prinzen oder sonstigen vornehmen Edelmann auf all’ seinen Kreuzwegen auflauerten und ihn auf raffinirte Weise mit Hülfe des Gesetzes plünderten.
Prinz Felix Salm war besser als viele seiner Standesgenossen. Jung, leichtsinnig und gutherzig wie er war, fiel ihm nicht ein, irgend Jemand zu plündern; aber er war eben als Prinz erzogen worden und dachte nicht daran, seinen kostspieligen Neigungen Zwang aufzulegen. Er lebte in den Tag hinein, und als seine reichen Hülfsquellen anfingen sparsam zu fließen, fiel er in die Hände von Berliner und Wiener Wucherern, die nur zu bereit waren, ihm, was er brauchte, gegen ein Paar hundert Procent vorzuschießen. Das Wechselnetz, welches die Geldspinnen um den jungen, leichtsinnigen Prinzen woben, zog sich immer mehr und mehr über seinem Haupte zusammen, und endlich konnte ihn nichts als Abwesenheit retten. Der Krieg in Amerika bot einen anständigen Vorwand, und so erschien denn Prinz Salm eines Tages in Washington, versehen mit sehr gewichtigen Empfehlungsbriefen von allerhöchsten Personen.
Ein Prinz, der in den Dienst der Republik treten wollte, war eine Seltenheit, und da dieser Prinz sich bereits als braver Cavallerieofficier in der Schlacht ausgezeichnet hatte und überdies mit Empfehlungen versehen war, die Herr Seward, der Staatsminister, besonders hoch schätzte, so wurde denn dem Prinzen Salm – eine Oberstenstelle und das Commando einer amerikanischen Cavallerie-Brigade angeboten.
[10] Der Prinz hatte aber eine an Prinzen sehr seltene, deshalb doppelt schätzbare Eigenschaft: er war sehr bescheiden; hätte man einem amerikanischen Ladendiener das Commando der deutschen Division angeboten, er würde es nicht ausgeschlagen haben; der Prinz jedoch lehnte das Commando der Brigade ab, da er nicht Englisch genug sprach, sie zu commandiren, und wurde daher als Chef des Stabes der deutschen Division zugetheilt.
Da ich sehr viel mit Blenker verkehrte und nicht selten wochenlang mit ihm in demselben Zimmer schlief, so lernte ich auch die Officiere seiner Division genauer kennen und gewann den bescheidenen, höflichen Prinzen lieb, der sich vertrauensvoll, freundschaftlich an mich anschloß.
Das Regiment, dessen Commando der Prinz erhielt, besaß ein Officiercorps, welches vorzugsweise aus Leuten zusammengesetzt war, die mehr republikanische als taktische Kenntnisse besaßen, und an deren Spitze, als interimistischer Befehlshaber, ein Oberstlieutenant stand, dem man weder Geburts- noch sonstigen Adel vorwerfen konnte, und der außerdem den Vorzug hatte, daß er selten nüchtern war. Die Soldaten machten sich über ihn lustig, und wenn er durch die Gassen des Lagers schwankte, rief es aus allen Zelten lachend hinter ihm her: „Er hat!“ – Er war kein schlechter Soldat, und war, glaub’ ich, einmal irgend wo Unterofficier gewesen; außerdem aber ein Radicaler von reinem Wasser, obgleich dieses stark mit Whisky versetzt war. Ein solcher Oberst paßte dem zu ihm passenden Officiercorps vortrefflich und Alle hofften, daß er das Commando des Regiments erhalten werde. Ihre Unzufriedenheit war daher groß, als der Prinz Oberst ihres Regiments wurde.
Da nun dieser allerlei Unannehmlichkeiten voraussah und großes Zutrauen zu mir hatte, so bat er mich, ihn in seinem Lager zu besuchen und ihm in seiner schwierigen Lage mit Rath und That an die Hand zu gehen, zugleich auch seine Frau zu ihm zu begleiten, die es sich nicht nehmen ließ, die Beschwerden des Feldzugs mit ihm theilen zu wollen.
Prinzen sind bei uns „as plenty as blackberries“ und die Zeit ist längst vorüber, in welcher sich die Bevölkerung eines ganzen Städtchens an einem Gasthofe versammelte, um irgendwelche dort abgestiegene Durchlaucht zu sehen. In Amerika sind Prinzen jedoch eine Curiosität, und über ihre Stellung und Macht herrschen dort die wunderlichsten Ideen. Wenn nun auch den Amerikanern das Gefühl durchaus fremd ist, welches den Rücken unserer Väter beim Anblick eines Prinzen krümmte, so ist doch sicher, daß nur wenige Damen widerstehen würden, wenn die Versuchung an sie heranträte, eine „Highneß“ zu werden. – Einem liebenswürdigen und hübschen Manne wie Prinz Felix Salm würde es leicht geworden sein, irgend eine mit Millionen von Dollars beschwerte Amerikanerin zu heirathen, und er hätte sich vielleicht auch entschlossen, eine solche glückliche Schöne durch seinen Titel noch glücklicher zu machen, wenn sich nicht der Confusionsrath Amor in’s Mittel gelegt hätte, der, wie man mir sagt, in dem fürstlichen Hause Salm stets eine größere Rolle spielte, als der olympische Commercienrath Mercur.
Zur Zeit, als Blenker’s Division noch in der Nähe von Washington lag, erschien in dieser Stadt eine junge Dame, welche dazu ausersehen war, die Hoffnungen mancher Amerikanerin zu zerstören. Sie war eine Canadierin, die Tochter eines Obersten Leclerq[WS 1], welche die Vermittelung der dortigen englischen Gesandtschaft in Bezug auf ein streitiges Besitzthum in Cuba suchte, wo sie einen Theil ihrer Jugend verlebt hatte.
Der Prinz sah sie, und es passirte die ewig neue alte Geschichte. Obwohl der Prinz damals kaum ein Wort Englisch verstand und sie kein Wort Deutsch, so redeten doch ihre Augen die bekannte Universalsprache, und Beide verstanden sich vollkommen. Die junge Dame – das kann ich verbürgen – hatte damals auch nicht die geringste Idee von der socialen Stellung eines Prinzen in Europa und verliebte sich bona fide in den jungen hübschen Obersten.
Eines Morgens stand ein Wagen vor meiner Thür, und zu meinem Erstaunen sah ich aus demselben den Prinzen mit einer jungen Dame steigen. Beide kamen, mich einzuladen, Zeuge bei ihrer Trauung zu sein, welche in der St. Patrikskirche von einem katholischen Geistlichen vollzogen wurde.
Die zweiundzwanzigjährige Prinzessin war damals eine Erscheinung, bei deren erstem Anblicke es mir augenblicklich klar wurde, daß irgend welche weise Vorstellungen und Warnungen bei dem Prinzen vollständig nutzlos sein würden. Er war denn auch so verliebt, wie man es von irgend welchem Prinzen in irgend welchem Feenmärchen nur immer verlangen kann und wie ich und Jeder, der sie sah, außerordentlich begreiflich fand.
Sie war von mittlerer Größe und sehr zierlich und elegant gewachsen. Obwohl jede ihrer Bewegungen rasch und elastisch war, würde doch Niemand auch nur entfernt diesem schlanken Körper eine solche Kraft und eiserne Ausdauer zugetraut haben, wie ich dieselbe häufig zu bewundern Gelegenheit hatte. Von der Kraft ihres Armes will ich nicht reden, da sie sich immer darüber ärgert; allein von ihrem Fuße muß ich ganz nothwendig sprechen, da er viel von sich reden machte und noch immer macht, und ich selbst in Amerika, wo die Damen im Durchschnitt reizende Füßchen haben, keinen so kleinen und zierlichen entdeckte. Ich sah sogar Schuhmacher, die darüber in Kunstekstase geriethen, und Damen werden deren Begeisterung begreifen, wenn ich ihnen sage, daß die Prinzessin Schuhe Nummer Eins trägt.
Der reizende Kopf paßt zu dem reizenden Körper; obwohl ihr Gesicht keineswegs regelmäßig schön genannt werden kann, so möchte man es durchaus nicht anders wünschen, als es ist. Das beinahe ganz schwarze, leicht gelockte Haar fällt auf eine glatte, regelmäßige, ein wenig zu sehr kugelförmig gewölbte Stirn. Das schön geformte Gesicht ist durch ein Paar großer, hellbrauner, von schön geschweiften Brauen überwölbter Augen belebt, deren eigenthümlichem Zauber selten Jemand widerstanden hat. Die zierlich geschnittene gerade Nase erinnert mit ihren beweglichen Nasenflügeln an ein freies, feuriges Racepferd; ein Vergleich, den Pferdeliebhaber verstehen und gewiß nicht unpassend finden werden. Der Mund mit seinen frischen, vollen Lippen ist eher groß als klein, aber unendlich reizend wegen der ihn umgebenden Grübchen, in denen Frohsinn und Schalkheit wenigstens zu jener Zeit beständig spielten. Ihr naives, munteres Wesen war wirklich unwiderstehlich, und wenn sie in ein Zimmer trat, klärte sich das finsterste Gesicht. Ich gab ihr daher den Beinamen „sunbeam“ (Sonnenstrahl) und war erstaunt, daß ein Indianerstamm, der in der Nähe von ihres Vaters Hause campirte, sie ebenso, nämlich „Crainona“, getauft hatte. – Was ich als die größte Schönheit der Prinzessin betrachtete, war ihr beständiger Kummer, nämlich ihr leicht olivenfarbener Teint, den sie gar zu gern mit den weißen und rothen Farben der Amerikanerinnen vertauscht hätte.
Bei aller Liebenswürdigkeit, naiven Heiterkeit und Gutmüthigkeit war die Prinzessin jedoch eine sehr energische und verständige Frau, die, wenn sie ein Ziel erreichen wollte, mit eiserner Beharrlichkeit darauf los ging und nicht leicht vor einem anwendbaren Mittel zurückschreckte. Obwohl sie außerordentlich lebhaft und impulsiv schien, so handelte sie doch stets mit großer Ueberlegung, – es sei denn, daß das Herz mit in’s Spiel kam, welches wohl hin und wieder mit dem Kopfe davon lief.
Der Prinz war, wie ich schon bemerkt, ein hübscher Mann, mit einem angenehmen, gutmüthigen Gesicht und dunklen Augen, die er seiner italienischen Mutter verdankte, welche – ich weiß nicht in welcher Weise – mit der napoleonischen Familie verwandt war. Er war immer bescheiden und verbindlich gegen Jedermann und äußerst genügsam und anspruchslos in seinem Wesen. Obwohl ein Aristokrat von Geburt und Officier seit frühester Jugend, hatte er doch keineswegs den unangenehmen Gardeton angenommen, durch den sich, besonders früher, preußische Officiere so verhaßt und lächerlich machten. Um Politik bekümmerte er sich nicht; er war Soldat mit Leib und Seele und wollte nichts Anderes sein. Die Amerikaner mochten ihn sehr gern; allein wenn er auch einzelne Personen unter ihnen sehr hochschätzte, so konnte er sich doch in einem Lande nicht ganz behaglich fühlen, wo Alles so sehr von Dem abwich, was ihm durch die Erziehung zur andern Natur geworden war. Noch viel weniger aber als mit den Amerikanern konnte er sich mit der größern Classe der dort lebenden Deutschen befreunden, unter welchen sich denn auch viele bestrebten, sich ihm so unangenehm als nur immer möglich zu machen.
Das junge Paar bezog zwei Zimmer in einem Farmhause, welches in der Nähe von Blenker’s Lager war, wo ich sie häufig besuchte und sehr heitere Stunden verlebte. Wir waren oft sehr ausgelassen und nichts amüsirte mich mehr, als wenn ich die Prinzessin dazu bringen konnte, mit vor Lachen thränenden Augen zu sagen „make him stop Salem!“ – Das freundschaftliche [11] Verhältniß, welches sich auf diese Weise entspann, ist niemals getrübt worden und gewann später noch an Festigkeit, als meine Frau mir nach Amerika nachkam und die Prinzessin sich mit großem Vertrauen an sie anschloß.
An einem unangenehm kalten Novembermorgen 1862 standen vor dem National-Hôtel in der Pennsylvania Avenue in Washington zwei sehr schöne Pferde, ein muthiger, kräftiger Grauschimmel und ein aalglatter, sehr feiner Rappe, ersterer für einen Herrn und letzterer für eine Dame gesattelt. Während der Negerbursche, der die Pferde hielt, um welche sich einige Kenner versammelt hatten, sich fröstelnd in die schwarzen Hände blies, saßen die Prinzessin und ich beim Frühstück.
„Wir haben einen weiten Weg vor uns,“ sagte ich, nach der Uhr sehend, zur Prinzessin, die sich noch mit einigen gebackenen Austern beschäftigte, welche ein Kellner eben, dampfend heiß, vor sie hingestellt hatte.
„Da,“ antwortete sie, indem sie ein paar Austern auf meinen Teller legte, „stopfen Sie Ihren Mund und treiben Sie mich nicht! wir traben dafür ein Bischen schneller.“ –
„Wir müssen noch unsere Pässe von General Heintzelmann holen,“ erwiderte ich; „sind Sie denn endlich fertig!“
„Ja, Sie unangenehmer alter Mensch, ich bin fertig,“ rief sie und wir brachen auf, doch an der Thür rief sie: „ich habe meine Glycerine vergessen,“ und kehrte wieder nach dem Frühstückstische zurück. „Da, stecken Sie das in Ihre Tasche, der Wind ist scharf und ich brauche das für meinen kleinen großen Mund.“
„Werfen Sie mich nicht wieder über den Sattel wie neulich,“ sagte sie, als sie ihren kleinen Fuß in meine Hand setzte und ich ihr auf’s Pferd half.
Die Prinzessin ist eine der besten und entschlossensten Reiterinnen, die ich kenne. Das wildeste Pferd bringt sie nicht außer Fassung. Was dasselbe auch thun möge, sie bleibt so unbefangen und graciös im Sattel, als sitze sie am Clavier. – Einst in Nashville, der Hauptstadt von Tennessee, ritt sie ein Vollblutpferd des Generals Rousseau. Das Thier, welches nicht gewohnt war, von Damen geritten zu werden, ging mit ihr durch. In rasendem Galopp rannte es das felsige zerklüftete Ufer hinab und setzte in den Fluß. Es gelang der Prinzessin, die fest im Sattel blieb, den Kopf des Pferdes zu wenden. Es kletterte wieder das Ufer hinan und jagte wie toll durch die Straßen. Die Prinzessin blieb im Sattel, bis endlich der Gurt desselben riß und sie hinunterstürzte. Trotzdem ließ sie den Zügel nicht fahren an welchem sie eine Strecke geschleift wurde, ehe endlich das Pferd zum Stehen gebracht wurde und Leute ihr zu Hülfe kamen. Obwohl sie durchnäßt und am Knie verletzt war, gab sie den Kampf mit dem Pferde nicht auf. Nachdem sie es mit der Reitpeitsche nachdrücklich gestraft hatte, stieg sie wieder auf und ritt das gebändigte Thier ruhig nach Hause. – Der Rappe, den sie nun ritt, hatte fast sämmtliche Officiere der deutschen Division abgeworfen. In ihrem eleganten, knappen schwarzen Reitkleide und dem Hut mit langer scharlachrother Straußfeder sah sie wunderschön auf dem Thiere aus.
Nach einem scharfen Trab die vierzehnte Straße hinunter, gelangten wir an die schmale Potomac-Brücke, die gerade eine englische Meile lang und nicht nur unangenehm, sondern auch gefährlich zu passiren war, da man trotz ihrer geringen Breite ein Eisenbahngleise darüber gelegt hatte. Nicht selten traf es sich, daß Pferde, welche auf der Brücke der schnaubenden Locomotive begegneten, dadurch wild gemacht, über das Geländer in den Strom setzten oder auch von der Locomotive getödtet wurden. Passirten Schiffe durch den Durchlaß, so hatte man oft stundenlang zu warten, was bei dem beständig dort wehenden Wind im Winter keineswegs angenehm war.
Wir kamen indessen ohne Fährlichkeiten hinüber und erreichten bald Arlington Heights, das Hauptquartier des Generals Heintzelmann. Arlington Heights war vor dem Kriege der Wohnsitz des Generals der Conföderirten Lee gewesen und ist eine sehr schöne Besitzung. Von dem Hause aus hat man eine wundervolle Aussicht auf Georgetown und Washington, die indessen nicht entfernt mit derjenigen zu vergleichen ist, welche sich von der andern Seite, von den Höhen von Georgetown darbietet und die eine der schönsten Landschaften zeigt, die man sehen kann.
Nachdem wir die nöthigen Pässe erhalten hatten, ritten wir auf die Landstraße zurück und bei Hunters Chapel vorbei, wo am Anfange des Krieges Blenker’s Lager gewesen war. Die Prinzessin stieg trotz meiner Mahnungen zur Eile an dem Hause ab, in welchem sie früher gewohnt hatte, und ohne mir etwas davon zu sagen, bewog sie den Neffen der Dame des Hauses, Warren Perkins, uns zu begleiten.
Als ich bemerkte, daß dieser junge Mann uns folgte, sah mich die Prinzessin mit einem unterdrückten Lachen von der Seite an und rief: „Ei, lieber Corvin, warum sehen Sie denn so böse aus?“
„Ich will wieder umkehren,“ antwortete ich, „da Sie ja nun einen Begleiter haben, in dessen Schutz Sie mehr Zutrauen zu haben scheinen.“
„Armer Corvin!“ lachte sie. „Seien Sie doch vernünftig. Sie wissen, er ist einer unserer Kundschafter und kennt jeden Zoll in Virginien, was Sie doch nicht von sich behaupten können. Und dann,“ fügte sie mit spaßhafter Miene hinzu, „sind Sie ein so schauderhaft hübscher Mann, daß ich wahrhaftig nicht so allein mit Ihnen durch’s Land reiten kann.“
Wir passirten Fairfax Court-House und Centreville, Plätze, die ich von früher her kannte. Das ganze Land sah unbeschreiblich wüst und verkommen aus. Die Felder lagen unbebaut, Obstbäume waren abgehauen, die Fenzen niedergerissen, die Häuser zerstört und verlassen. Man sah kaum irgendwo ein lebendes Wesen und auf den wenigen verkümmerten Farmen, die wir antrafen, war ein Huhn eine große Seltenheit. Geier gab es jedoch überall in Menge, besonders auf den Schlachtfeldern, die wir passirten.
Vom Wippthal, an dessen steil abfallenden Lehnen sich nun
die großartige Brennerbahn hinwindet, zweigt wenige Stunden von
Innsbruck gegen Südwest ein Querthal ab, das wegen seines
landschaftlichen Reizes, wie wegen seiner Bewohner dem Touristen
und Culturhistoriker ein erhöhtes Interesse bietet. Es ist Stubai,
nächst dem Oetzthal wohl das schönste der nordtirolischen Seitenthäler.
Besonders der Einblick in dasselbe ist überraschend. Man
genießt ihn am besten unweit der Höhe des sog. alten Schönberges,
über dessen streng ansteigenden Rücken die frühere Brennerstraße
führte und so dem Reisenden Gelegenheit bot, neben den keuchenden
Postgäulen mit Muße das herrliche Bild zu betrachten. Denn
gerade hier beim aufgelassenen Zollhäuschen, wo die von Goethe
erwähnte majestätische Zirbel steht, sieht man das Thal wie eine
natürliche Schaubühne offen ausgebreitet. Zwei gewaltige Felsenthürme,
der Sonnenstein und die hohe Säule, bewachen den Eingang
desselben. An sie schließen sich als Fortsetzung beiderseits
mächtige, unten bewachsene, oben kahle Bergkolosse, die sich wie
riesige Coulissen, das Thal allmählich verengend, hintereinanderschieben.
Den Hintergrund bildet über duftigen Vorbergen die
Eiswelt der Stubaier und Ridnauner Gletscher mit ihren scharfgeschliffenen Hörnern und blendenden Schneefeldern, ein prachtvoller
Gegensatz zu der untenliegenden grünen Thalsohle voll blühender
Wiesen und Felder, heller und dunkler Waldpartien, freundlicher
Weiler und niedlich zerstreuter Einzelhöfe.
Mitten in dieser Idylle hat sich der wilde Rutzbach in tiefer Schlucht sein Bett ausgegraben und theilt Stubai in zwei ziemlich breite Mittelgebirge, die sich erst weiter innen zum eigentlichen Thalgrunde verflachen. Auf dieser Mittelebene zu beiden Seiten des Bachbettes liegen die Dörfer Schönberg, Mieders, Telfes, Vulpmes und Neustift; dieses blickt noch mit seiner großen Kirche wie ein weißer Punkt aus dem innersten Thalwinkel heraus. Dahinter beginnt die Enge des Bergthales. Doch ist diese innere Hälfte durchaus nicht unbewohnt; zahlreiche Weiler mit seltsam klingenden Namen, Mühlen und Hammerwerke beleben die wilde Bergeinsamkeit bis zur letzten Häusergruppe Ranalt. Von dort erst tritt man über Bergwiesen und saftige Almen in die Region des ewigen Eises mit allen ihren Schrecken und Schönheiten.
Unser Weg führt heute blos bis Vulpmes, dem Hauptorte
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Schmiede in Vulpmes.
Nach der Natur aufgenommen von R. Püttner.
des Thales, berühmt durch seine Eisengeschmeidefabrikation. Da es etwas vertieft an das Bett des wilden Schlickbaches hingebaut ist, der seine Hammerwerke treiben muß, so kann man es von unserm Standpunkte beim Zollhäuschen, von dem wir gerade den Ueberblick des Thales genossen haben, nicht erschauen. Nur der rothe Kuppelthurm guckt vorwitzig über den vorliegenden Hügelrand. Vulpmes ist der Mittelpunkt des geselligen und gewerbthätigen Lebens in Stubai, und es verlohnt sich schon der Mühe, ihm einen Besuch abzustatten; zugleich giebt uns der Weg dahin Gelegenheit, Land und Leute etwas mehr anzuschauen. Wir steigen also noch die hundert Schritte bis zum Plateau des Schönberges; von dort gelangt man dann auf bequemer Straße in das Thal.
Auf der Höhe steht außerordentlich schön gelegen das alte Wirthshaus „Zum Domanig“ mit prachtvoller Aussicht in’s Wipp- und Innthal. Es hat einst bessere Tage gesehen, als noch der Verkehr diese Route einhielt und Tausende von Postchaisen und schweren Frachtwagen, die dem Brenner zufuhren, hier Halt machten, dem guten Tropfen des bewährten Gasthauses zu Ehren, und wir nehmen es auch dem wackeren Herrn Wirth nicht übel, wenn er etwas scheelsüchtig auf die Eisenbahn hinabschaut, die sich tief unten an der jenseitigen Berglehne des Sillthales hinwendet und ihn täglich drei- bis viermal an die gute alte Zeit mahnt. Auch von trüben Tagen weiß der gesprächige Wirth zu erzählen, als hier der Sandwirth Quartier hielt, und er erinnert sich noch ganz gut, wie dieser Bauernführer im „Herrenstübele“ mit seinen
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Dorf Vulpmes im Stubaithale. Nach der Natur aufgenommen von R. Püttner.
[14] Leuten zu Mittag speiste und ihm zurief. „Geh’ herein, Büebel, und iß a an Knödel, daß d’ stark wirst!“
Das war am 11. April 1809, ehe es zum Sturm auf Innsbruck ging, das die Baiern besetzt hielten. Da waren die Stubaier auch nicht die Letzten, sondern stellten ihr Kontingent, dreihundertundfünfzig verwegene Schützen; die der alte Pfurtscheller Michele von Vulpmes anführte. Stubaier Waghälse waren es auch, die – ihrer Sechs – Tags darauf vom Berg Isel herab in’s Dorf Wilten drangen und die bairischen Dragoner angriffen; sie büßten ihre Tollkühnheit mit dem Leben. Doch weg von diesem traurigen Bilde, wo Tirol auf seine deutschen Brüder feuerte, eine Zeit, von der unser Hermann von Gilm singt:
„Mit dem Eisen eurer Pflüge,
Wo der Grund am tiefsten ist,
Grabt sie ein die alte Lüge
Von dem deutschen Bruderzwist.“
Wir drücken also dem wackern Wirth die Hand und wenden uns thaleinwärts gegen das nächste Dorf Mieders. Kühl und prickelnd weht uns die herrliche Gletscherluft entgegen, Nerven und Lunge stärkend, aber nicht so günstig der Vegetation, die unter diesem scharfen Anhauch leidet; daher kommt auch nur an sonnigen gesicherten Stellen des äußeren Thalgrundes Weizen und sparsamer Mais zur Reife und der übrige Getreidebau besteht in Roggen, Gerste, Hafer und Erdäpfeln, ohne den Bedarf der Thalbewohner zu decken. Bei Gasteig hört er ganz auf und macht den Heimwiesen Platz. Desto reicher und ausgedehnter sind die Alpen Stubais, die Elemente einer blühenden Viehzucht. Die Zahl der jährlich veräußerten Rinder steigt auf zweihundert; nicht minder steht die Zucht der Schweine und Schafe in Blüthe, die durch ihre Ausfuhr dem Thale manchen Gulden eintragen, wozu noch der „Grasvergelt“ kommt, den fremdes Vieh den Weidenbesitzern abwirft. Daher trübt kein grelles Bild der Armuth den ländlichen Frieden dieses reizenden Thales, das besonders in Mieders, in das wir jetzt treten, den Eindruck des Wohlstandes und der ländlichen Behäbigkeit macht. Die Häuser sind größentheils aus Stein gebaut, die Gassen sauber und freundlich. Es ist einer der beliebtesten Sommerfrischorte, zu dem es die reine Luft, das frische Quellwasser und die entzückende Lage wie geschaffen haben. Dahinter erhebt sich die gewaltige Dolomitpyramide des Sonnensteins. Gegenüber, jenseits des Rutzbaches, leitet von Kreith aus ein lachendes Gelände den Berg entlang zum höchst malerisch gelegenen Pfarrdorfe Telfes. Es liegt hoch oben am Sonnenhange des Thales mitten in schönen Aeckern und Wiesen, höher hinauf ziehen sich grüne von Lärchstämmen unterbrochene Bergmähder.
Eine grauenvolle Schlucht, durch die der Rutzbach sein wildes Wasser zwängt, trennt die beiden Ufer. Durch die wüste Tiefe gelangt man auf rauhem Weg hinüber zum genannten Orte, wenn nicht etwa die Fluthen, wie es öfter bei Regengüssen oder Hochgewittern geschieht, die Holzbrücke fortgerissen haben. Denn die entfesselten Elemente hausen hier furchtbar, wie zahlreiche Spuren der Zerstörung beweisen. Den Boden bedeckt hergeschwemmtes Gerölle, dazwischen liegen mächtige Felsblöcke, die die Gewalt des Wassers mit sich geführt, riesige Fichtenstämme, wie Halme geknickt, und Ruinen von Häusern, die einst hier gestanden, vollenden das schaurige Bild, das durch das Dunkel der es umgebenden Fichtenwaldungen nur noch mehr hervorgehoben wird.
Etwa eine Viertelstunde nach Mieders kommen wir durch das liebliche Mühlthal. Am rauschenden Waldraster Bache stehen einige Mühlen und Sägen, zwischen Obstbäumen und Gebüsch gar anmuthig gruppirt. Von hier aus geht es durch einen wunderschönen Lärchenwald. Allmählich steigt das Flußbett an und wird mit den beiden Mittelebenen zu einer ziemlich breiten Thalsohle vereinigt. Hart neben uns schäumt in breitem Bette die Rutz. Jetzt nahen wir uns der Holzbrücke, die uns auf das linke Ufer führt, an dem die ersten Vorposten von Vulpmes sichtbar werden. Schon von weitem kündet sich der Fabrikort durch die rauchenden Schlote und durch das dumpfe Gepolter der Hammerwerke an. Je näher wir kommen, desto geschäftiger wird das Treiben und der Lärm; das Wasser braust, die Räder knarren; aus siebenundsechszig Gewerken tönt der Hammer, der zweihundert rüstige Gesellen in Athem hält. Freilich gegen die Regsamkeit einer bevölkerten Fabrikstadt verschwindet das Getreibe dieser arbeitenden Schmiede, aber in unserem abgeschiedenen Thale ist dieser Anblick ungewohnt und contrastirt mit dem Frieden der Umgebung.
Vulpmes liegt eng am Bette des wildfluthenden Schlickbaches, der quer von den Kalkwänden des hohen Burgstall herabstürmt und die Gewerke dieses Ortes belebt. Die Häuser sind fast durchgängig von Stein und zeichnen sich durch viele Gewölbe und alterthümliche Bauart aus, besonders ist dies in der „Herrengasse“ der Fall, welche deutlich die Spuren einstiger Bergwerksgebäude verräth. Gewiß ist, daß vor Jahrhunderten die Eisengruben des Schlickthales in Betrieb waren, bis der Sage nach ein Elementarereigniß den Eisenbau plötzlich beendete. Diesem Umstande verdankt die Eisenindustrie von Vulpmes ihre Entstehung, die sich bis in’s sechszehnte Jahrhundert zurückführen läßt. Die Haupterzeugnisse sind Kunstpfannen, Stemmeisen, Bügeleisen, Hacken, kurz, alle Arten von Küchen- und Ackerbaugeräthschaften; besonders die Messer, Wein- und Raupenscheeren und Fußeisen erfreuen sich noch jetzt eines weit verbreiteten Rufes. Nur optische und musikalische Instrumente sind ausgeschlossen. Anfänglich bestimmt, die Bedürfnisse des Thales zu decken, überschritt bald der Handel mit Eisenwaaren die Grenzen Stubais und Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts wurden die Fabrikate schon durch kräftige Burschen auf Kraxen außerthals von Ort zu Ort getragen. Man zog nach Oesterreich, Ungarn, Böhmen, Polen, Baiern, Baden, Würtemberg, in die Lombardei, ja bis in die Levante. Dazu gehörten allerdings die eisenfesten Schultern eines Stubaier Bauern, um solche Lasten Land aus, Land ein zu schleppen. Die Volkssage spricht von drei baumstarken Brüdern Tanzer aus Neustift, von denen einer – der Georg – einmal mit acht Centnern Eisenwaaren auf dem Rücken beim Mauthhause von Schaffhausen angekommen sein soll. Bald sah man jedoch ein, daß der Waarentransport zu Wagen sich besser rentire als das Hausiren, und in den letzten zwei Decennien des siebenzehnten Jahrhunderts waren schon sechszehnhundertachtzig Fuhren jährlich in Bewegung.
Da sich der Handel durch wohlberechnete Speculation immer mehr erweiterte und in Folge der gesteigerten Anforderungen die Capitalien des Einzelnen nicht mehr hinreichten, so entstanden Handlungscompagnien und wurden Niederlagen im In- und Auslande etablirt, die von den Mitgliedern der Gesellschaft von Zeit zu Zeit besucht wurden. Diese trugen dann einen langen Rock von feinem blauen Tuche, Beinkleider aus feinem Manchester mit grünen Hosenträgern, schwarzseidene Halstücher und grüne Hüte. Kamen sie wieder in ihr Thal, so ward die Kleidung gleich wieder mit der schönen einheimischen Tracht vertauscht: violette Joppe, hochrothe Weste mit goldübersponnenen Knöpfen und Zwickeln, schwarze Lederhosen mit grünen Tragbändern, auf dem Kopfe der gelbe mit grüner Seide ausgeschlagene breitschattige Hut.
Den größten Aufschwung nahm Fabrikation und Geschäft der Stubaier, als das Jahr 1804 den Commissionshandel in’s Leben rief, und an die Stelle der Reisen die Correspondenz trat. Doch ging der Hausirhandel lebhaft nebenher. Der alljährlich consumirte Rohstoff von Eisen, Blech und Draht stieg gegen viertausend Centner, den neunundzwanzig Groß- und Hammermeister und gegen sechszig Kleinmeister mit ihren Gesellen verarbeiteten. Man bezieht den Bedarf fast nur aus Kärnthen und Steiermark, kaum ein Neuntel aus Tirol, da das Eisen aus letzterem einestheils zu grob, anderseits zu theuer ist. Messing, Kupfer und Tomback liefert Achenrain bei Rattenberg, die Kohlen Stubai selbst, Ebenholz, Elfenbein, Schildkrot, Perlmutter, Silber, Schmirgel etc. kommt von allen Seiten. Man kann die Gesammtauslage für das Rohmaterial auf fünfundsechszigtausend, den Gewinn zur Zeit der Blüthe auf hundertfünfzehntausend Gulden anschlagen, der immerhin ein erfreulicher und nennenswerther ist, wenn man bedenkt, daß dies Alles blos Handarbeit ist, und nicht gerade die Verhältnisse eines Krupp zum Maßstab machen will. Der Gewinn wanderte größtentheils wieder in’s Thal zurück und wurde nach dem Maßstabe des eingelegten Capitals an die Mitglieder der Gesellschaft vertheilt, die ihn meist zum Ankauf eines Grundstücks verwendeten, wo sie an der Seite eines einheimischen Weibes behaglich ihre alten Tage zubrachten. Im Verlaufe der Zeit ist allerdings Manches anders geworden; das Wandern hat fast ganz aufgehört und die meisten Händler haben sich, gleichgültiger gegen die Heimath, mit ihrem Vermögen im Auslande niedergelassen. Gegenwärtig weilen nur noch zwei bedeutende Handelsfamilien in Vulpmes, die geachteten Firmen Pfurtscheller und Hellrigl, wegen ihrer Solidität im In- und Auslande geschätzt. Letzterer, der unternehmende Peter Hellrigl gab in der jüngsten Zeit der Eisenindustrie Stubais einen neuen Schwung durch die Fabrikation [15] dauerhafter, aus einem Stück gepreßter und silberblank verzinnter Küchengeräthe, während diese früher nur durch Hammerwerke erzeugt werden konnten. Diese beiden Firmen repräsentiren den ganzen Eisenwaarenhandel Stubais. Ihre Niederlagen sind zugleich Ablagerungsstätten der übrigen Groß- und Kleinschmiede des Thales, von denen sich acht in Neustift, sieben in Telfes und Plöven, fünf in Mieders befinden.
Man kann sich nicht leicht einen malerischeren Anblick denken, als den einer solchen Kleinschmiede, die für das Landschaftsbild die wünschenswertheste Staffage bildet. Das Innere der Werkstätte ist tief geschwärzt, der Raum ungewöhnlich hoch, das Licht bricht von oben durch geöffnete Läden und glitzert auf dem blanken Ambos un den Hämmern. Ein rußiger Geselle drängt uns plötzlich auf die Seite, ein gewaltiges Stück durchglühten Eisens in der Hand – ein Ruck an einem eingehackten Strick – draußen rauscht das Wasser stärker – und der größte Hammer hebt sich und fällt mit donnernden Schlägen auf das untergeschobene Eisen; man meint, die Felsstücke müssen bersten, in dem die Ambose ruhen – der Boden zittert – und der ganze schwere Holzbau kracht in seinen Fugen; ruhig aber, seine Pfeife im Munde und von den Funken umsprüht, steht der markige Geselle; unter wohlberechneten Drehungen hat sein Eisen die bestimmte Form erhalten, er hängt den Strick wieder ein, und unbeweglich ruht der Hammer. In gleichmäßiger steter Bewegung bleibt nur das Rad, welches vermittelst einer Welle die Blasbälge hebt und drückt. Im hintersten und dunkelsten Theile der Werkstatt dreht sich langsam und wuchtig ein Schleifstein, so groß wie ein Mühlstein; vor ihm, über und über mit dem Schlamm des Steines beworfen, sitzen zwei Männer auf Schwungbretern, welche bis ziemlich zur Mitte des Steines reichen; das Eisen, welches sie unter dem Bret anlegen und mit allem Kraftaufwand mit diesem zugleich gegen den knirschenden Stein drücken, ist nur roh geschmiedet und trotz des reichlich zufließenden Wassers sprühen Funken umher; es ist eine harte Arbeit, vermittelst welcher die so zum Schneiden bestimmten Artikel, wie Pflugschaar, Sensen, Aexte und Werkzeuge der verschiedensten Handwerke, aus dem Gröbsten zugeschliffen werden. In einem andern, eine Stiege höher befindlichen Raume finden wir eine Reihe kleinerer, feiner, schnurrender Schleifsteine; hier bekommen die Artikel das glänzende Aussehen, und hier werden auch die Schneiden vollendet.
Neben der eigentlichen Werkstatt sind noch kleine abgeänderte Räume, in denen gefeilt und die nöthige Schlosserarbeit geliefert wird; seitwärts führt ein schmaler Gang in ein freundliches Zimmer, wo junge Mädchen und Kinder bei lustigen Liedern die letzte Hand an’s Werk legen; dort entsteht die glitzernde Politur der feinen Artikel, die einzelnen Theile werden durch Schräubchen zusammengesetzt, die fertigen Gegenstände verpackt u. dergl.
Noch einmal gehen wir zurück, um das hübsche anregende Bild der Werkstatt zu überschauen – da klingt ein helles Glöckchen durch das Hämmern und Prasseln hindurch – ein Ruck des Altgesellen an einer herabhängenden Schnur, die Räder draußen stehen still, das Wasser verläuft sich, die Feuer sinken auf dem Heerde zusammen – es ist Mittag.
Die Werkstatt ist verlassen; draußen im Dorfe läutet die Glocke den Mittagssegen – der alte Meister aber mit seinen Gesellen steht, die Hände gefalten, um den einfachen Tisch – die helle Stimme der Schaffnerin des Hauses betet vor und tiefen Tones fallen die Männer in den altherkömmlichen Segen ein ....
Der Hauptheerd der Fabrikation bleibt immer Vulpmes, dem die ergiebige Wasserkraft des Schlickbaches zur Verfügung steht. Leider hat dieser Brodvater oft schlimme Launen und bedroht bei heftigen Gewittern nur zu oft die gewerbthätigen Stätten mit arger Verwüstung. So riß er im Jahre 1807 einundzwanzig Wohnhäuser und Schmieden weg, und die Schreckensnächte des letzten Herbstes sind noch in frischem Gedächtnisse. Ueberhaupt ist Stubai gefährlichen Hochgewittern mit Wolkenbrüchen sehr ausgesetzt. Gegen die vernichtende Wuth des entfesselten Elementes hilft kein Wehren und Dämmen. Schauerlich wimmert dann die Sturmglocke von Ort zu Ort; wie losgerissene Ungethüme fluthen die hochgeschwellten Wasser mit donnerähnlichem Gebrause einher, Häuser, Ställe, Brücken mit sich fortreißend, während pechschwarze Nacht über dem Thale liegt. Und solche Unglücksfälle ereignen sich mehr oder minder fast jedes Jahr und sind besonders den tiefer drinnen liegenden Ansiedelungen verderblich, denen sie das gute Erdreich von Wiese und Acker wegschwemmen, so daß die Getroffenen dasselbe handvollweise sammeln und in Körben auf die verödete Stelle tragen müssen. Trotz dieser und anderer Drangsale, wie sie fast jedes tirolische Thal mit sich bringt, sind die Stubaier ein fröhliches, aufgewecktes Völkchen, das auf Zucht und Sitte hält, aber nach gethaner Arbeit gerne lebt, singt und einen lustigen Kirchtag feiert. Wer ein gesundes Volksleben sehen will, der komme nach Vulpmes, am besten an einem Feiertage, wenn die brausenden Räder und die polternden Hammerwerke schweigen und ein sonntäglicher Frieden über dem Dorfe ruht. Da sieht man sie dann stehen, die Ehrenmänner mit den schwieligen Händen, ihre kurzen Holzpfeifen im Munde, in Gruppen vergnügt plaudernd oder vorübereilende Dirnen neckend. Wer möchte in diesen schmucken Burschen mit den blutrothen Nelken und der Trutzfeder am Hute die rußigen Gesellen erkennen, die noch gestern an der prasselnden Esse die wuchtigen Hämmer schwangen! Aus dem Wirthshaus aber tönt heller Jubel, Tanz und Gesang:
„Lustig wir Schmiedler,
Müssen uns plagen,
Müssen die Guldenzettel
Aus dem Eisen außerschlagen.“
Der gellende Juchzer darauf beweist, daß die harte Arbeit den guten Humor nicht verdorben hat. –
Pauline Lucca. Die Veröffentlichung kleiner Charakterzüge aus dem Leben berühmter und hervorragender Persönlichkeiten hat immer einen gewissen Reiz, da sich aus vielen kleinen Zügen auf das Große und Ganze des Charakters schließen läßt. Ist die Person, von der erzählt wird, obendrein eine so beliebte und fast in der ganzen civilisirten Welt gefeierte, wie die Primadonna der Berliner Hof-Oper, Pauline Lucca, so gewinnt die Sache ein doppeltes Interesse und der Erzähler ist wohl entschuldigt, wenn er eine Episode mittheilt, über die bereits fünf Jahre hinweggegangen sind.
Pauline Lucca sprach schon damals auf dem Theater und in „conventionellen“ Kreisen ein gutes Hochdeutsch, das durch einen leichten Anklang an den Süden eine um so weichere und herzgewinnendere Modulation erhielt; wo sie sich aber frei von jedem Zwange wußte, wie bei der in Rede stehenden Visite, da liebte sie es, „a Bissel sans géne, auf gut Oesterreichisch“ sich gehen zu lassen, und der Wiener Dialekt klang von ihren Lippen so wunderherrlich wie die reizenden Lieder-Melodien Ferdinand Gumbert’s, ihres besonders bevorzugten Lieblings. – Deshalb möge die jetzige „Frau Baronin“ dem Erzähler verzeihen, wenn er – a Bissel indiscret – ihre Worte von damals in österreichischem Dialekt – den sie, nebenbei bemerkt, jetzt ganz überwunden hat und bei dessen Lauten sie heute „ein Grauen überkommt“ – möglichst treu wiederzugeben sich bemüht.
Es war am Vormittage des ersten Weihnachtsfeiertages 1864 – also zu einer Zeit, wo der Theaterzettel des königlichen Opernhauses zu Berlin vor dem gefeierten Namen Lucca noch nicht das doppelte Würde verleihende Fr. (Frau) trug. Um der heidnischen Kinder-Symphonie mit blechernen Weihnachtstrompeten, Knarren, Tambourins und Schreipuppen zu entgehen, hatte ich mich auf mein Arbeitszimmer zurückgezogen und war hier über dem Lesen des „Struwwelpeter“, den mir mein kleiner Albert zur Unterhaltung vorgelegt hatte, sanft eingenickt.
Da rollt ein Wagen vor die Thür und gleich darauf wird die Glocke gezogen. Schnell ermuntert öffne ich und vor mir steht ein herrschaftlicher Jäger in großer Livrée, der, eine Visitenkarte überreichend, die Frage stellt: ob der „Herr Doctor“ auf einige Minuten zu sprechen sei.
Die Karte enthielt den Namen Pauline Lucca.
„Wird mir eine besondere Ehre sein,“ sagte ich und der Jäger machte Kehrt.
Nun erst sah ich das Mißliche meiner Lage ein: ich war nämlich noch im Schlafrock. Durfte ich die berühmte Sängerin im Negligé empfangen? – Unmöglich! Ehe ich mich jedoch nur zweimal umgedreht hatte, klopfte es bereits und „Paulinchen“ in Lebensgröße trat herein.
„Brrr! – ’s ist kalt heut’! – Guten Morgen.“
„Verehrtes Fräulein –“
„Lassen Sie mich nur erst sitzen! – So – Nun reden Sie weiter!“
„Vor allen Dingen muß ich –“
„Wer ich bin, haben Sie wohl auf der Karte gelesen! – Ich heiße Pauline Lucca.“
„Und wenn ich blind wäre, würde ein einziger Ton dieser melodischen Stimme hinreichen, die liebenswürdige Primadonna daraus zu erkennen.“
„Das haben Sie sehr hübsch g’sagt. Aber wollen Sie denn nicht Platz nehmen?“
„Ich muß bei dem höchst schmeichelhaften, jedoch unerwarteten Besuche zuvor um Entschuldigung bitten, daß ich so im Negligé –“
[16] „Ei’ was! - Wollen S’ vielleicht weiße Glacéhandschuhe anziehen? Ich hab’ ein Paar ganz neue in der Tasche; mein’ aber, sie werden Ihnen zu klein sein. – Setzen Sie sich, wie Sie da sein, nur her zu mir. So ist’s recht! – Mir ist alles G’schniegelte in den Tod zuwider. – Da sollen Sie mich einmal in meiner Häuslichkeit sehn: i hab’ da so a Paar, in Böhmen nennt man’s Babuschen, damit schlurf’ i den ganzen Vormittag herum, und wann i beim Frühstücken sitz’, wird Niemand herein g’lassen und wann’s der Kaiser aller Reußen in höchsteigener Person wär’.“
Während dieser sehr lebendigen Expectoration hatte ich Muße gehabt, die Toilette meines liebenswürdigen Besuchs zu mustern.
Die kleine, zierliche Person hatte sich in eine weite apfelgrüne Atlasrobe gehüllt, um den Hals mit goldnem Schloß befestigt trug sie einen weit überfallenden Kragen von imitirtem Hermelin, in der Hand einen Muff von gleichem Stoffe, das reiche, glänzend schwarze Haar „à la Lucca“ frisirt, mit echten Spitzen und Blumen garnirt, stand dem rein ovalen und etwas blassen Gesichtchen vortrefflich.
„Sie schreiben so hübsche Sachen über mich, da muß ich doch auch einmal persönlich meinen Dank abstatten. Was spricht man denn so in den Kreisen der Kunstfreunde über mich?“ fragte sie dann plötzlich, mich mit schalkhaftem Lachen anblickend.
„Es wird erzählt, Fräulein Lucca solle ein Bischen heftiger Natur sein.“
„Ein Bischen? – Sein Sie so gut! – Wann ich in Rage komm’, da geh’ i mit dem Kopf durch die Wand und dann kriegen Alle, die mir zu nah kommen, ein Kreuzdividomini an den Hals.“
„Diese Erfahrung hat selbst Herr v. Hülsen machen müssen, als er Sie beim Frühstück überraschte, nachdem Sie sich heiser gemeldet hatten.“
„Ach, Sie reden von der Affair’? – Da war ich auch heiser. Soll ich deshalb keinen Caviar essen und keinen Champagner trinken? – Herr v. Hülsen war dieser Meinung – aber ich hab’ ihm den Standpunkt klar g’macht; das heißt, mit aller Achtung vor seiner Stellung und ohne den Respect aus den Augen zu verlieren – er ist ja doch immer mein Vorg’setzter.“
„Da diese Heiserkeits-Scherzchen aber öfter vorkamen, haben sich die Berliner kleine Lucca-Pfeifen angeschafft, von Zucker –“
„Hören Sie auf! – Sie sein ein boshafter Mensch! Haben selbst in Ihrem Theater-Witzblatt ‚Helmerding‘ g’sagt, es müßte für mich ein recht süßes G’fühl sein, mit so einem Zuckerpfeifchen ausg’pfiffen zu werden. Uebrigens haben das meine biedern Mitschwestern in der Kunst ang’stiftet – i weiß Alles. – Ja, i bin Mancher ein Dorn im Aug’; aber ’s hilft ihnen nix; i bin nun amal Primadonna, wer kann was dafür? – Das heißt, mein erster G’sanglehrer war doch ein schlechter Prophet; der sagte oftmals, wann i nit pariren wollt’: ‚Aus der kleinen schwarzen Ursel wird nix!‘ Nun ist aus der kleinen Ursel doch etwas g’worden, noch dazu a erste Säng’rin für die große Oper.“
„Sein Töchterchen so gefeiert zu sehen, muß doch auch eine besondere Freude für den Vater sein.“
„Für mein’n Vatter? – Ei ja. – Haben Sie mein’n Vatter schon gesehn?“
„Ich hatte einmal das Vergnügen, im Parquet des königlichen Opernhauses, wo ich das Glück hatte, Sie als Selika zu bewundern, neben Ihrem Herrn Vater zu sitzen.“
„So kennen Sie ihn vom Anschau’n? – Na, schön ist mein Vatter nicht.“
„Ah, Fräulein, da möcht’ ich doch –“
„Papperlapp! – Schwatzen S’ doch kein Kraut! – Mein Vatter ist ein sehr lieber und guter Mann, aber beim Wettrennen um die Schönheit ist er um drei Nasenlängen zurückgeblieben. – Da muß ich Ihnen gleich eine G’schichte erzähl’n, die mir mit meinem Vatter passirt ist. Ich wurde in einem Badeorte von einer sehr vornehmen Familie eingeladen auf einen Löffel Suppe und was dazu g’hört. Als Begleiter nahm i mein’n Vatter mit. Nach aufgehob’ner Tafel zerstreute sich die G’sellschaft, und mein Vatter stand in ziemlicher Entfernung von mir am Ofen. Da tritt ein Herr, der mir als Legations-Secretär vorg’stellt worden war, an mich heran und wispert: ‚Können S’ mir nit sag’n, Fräulein Lucca, was dös für ein Herr ist, dort am Ofen, mit der polizeiwidrigen Visage?‘ – ‚O,‘ sag’ i, ‚den kenn’ i sehr g’nau: ’s ist mein Vatter!‘ – Da ward der Herr auf einmal bis über die Ohren roth – was bei einem Diplomaten doch auch a Seltenheit ist – und wollt’ sich entschuld’gen; aber ich sagt’ ihm: ‚Geniren S’ Ihnen nit – es ist mir mit dem Erzeuger meiner Tage schon oft Aehnlich’s arrivirt.‘ – Aber was schauen S’ mir so scharf in’s Gesicht?“
„Verzeihung, Fräulein! Mich interessirt momentan die Farbe Ihrer schönen Augen ganz besonders. Gestern Abend war nämlich in einer Gesellschaft von Lucca-Enthusiasten ein Streit darüber, ob ‚Paulinchen‘ schwarze oder blaue Augen habe. Die Parteien befehdeten sich, wie einst in England die der weißen und rothen Rose. – Nun möcht’ ich gern als competenter Richter –“
„Wissen Sie,“ unterbrach mich die Sängerin, „ich hab’ einmal etwas g’lesen von einem Chamäleon, wo sich auch Zweie stritten, ob das Viech schwarz oder blau sei, und als sie es nachher bei Licht betrachteten, war es grau. – Hier sind meine Augen! Schauen ’s nur recht tief h’nein: I hab’ graue Augen, wie a Katz’! – Wer ist die in Oel gemalte Dame, die da über Ihrem Schreibbureau hängt?“
„Es soll eine Gräfin sein aus dem vorigen Jahrhundert.“
„Ah, was thut die alte Person da? – Die muß fort. – Da will ich hängen. Ich schicke Ihnen ein Bild – das heißt, wenn es Sie interessirt –“
„Fräulein Lucca! –“
„Schon gut; weiß schon, was Sie sagen wollen. Da soll mein Bild hängen, grad’ über Ihrem Schreibtisch, damit ich Sie immer scharf anschau’n kann, wenn S’ mir was Böses schreiben wollen. – Haben Sie den ‚Stern von Thuran‘ g’hört, von Wurst[WS 2]?“
„Ich wohnte der ersten Vorstellung dieser Oper bei.“
„Sehn Sie, der Herr von Hülsen unterstützt, so weit es ihm möglich ist, die deutsche Kunst, aber das Publicum unterstützt darin nicht den Herrn von Hülsen. Der ‚Stern von Thuran‘ ist doch g’wiß a recht melodiöse Oper, und ich hab’ mich auch ehrlich abg’müht mit der Titelrolle; und dennoch – bei der dritten Vorstellung war das Haus nur mäßig besetzt. Das ist unrecht vom Publicum. Wo soll ein deutscher Componist, ein Talent, wie Wurst, den Muth hernehmen, Neues zu schaffen, wenn man ihm so wenig Aufmunterung zu Theil werden läßt! – Ich hab’ die Berliner gewiß recht lieb, sie sein gute, mitunter aber auch recht komische Leute. – Apropos, kennen Sie meinen Bräutigam?“
„Den Herrn Baron Rhaden? Ich sah ihn häufig in den verschiedenen Theatern Berlins.“
„Na, wie sieht er aus?“
„Er ist ein großer und schöner Mann.“
„Das thut ihm nix.“
„Von echt aristokratischem Anstande.“
„Das ist auch kein Fehler. Aber wenn er auch nicht von Adel wär’, hätt’ ich ihn eben so gern. Wissen S’, das wird eben eine Heirath aus Liebe. Mich ärgert bei der Sache nur Eins. Der Herr von Hülsen und auch Seine Majestät haben schon einigemal scherzhaft zu mir geäußert: ‚Nun, Fräulein Lucca, jetzt werden Sie Frau Baronin!‘ Wenn Einer glaubt, ich werd’ aus Freude über diese Standeserhöhung an die Decke springen, der irrt sich g’waltig. Ich bin die Lucca und werd’ für die Kunst die Lucca bleiben und wenn i zehn Prinzen heirathen sollt’! (Diese Worte sprach die Sängerin mit flammenden Augen und in hoher Begeisterung.) – Daß es aber große Neidhammel giebt, hab’ i auch schon erfahren. – Da haben sie meinem Bräutigam Vorhaltungen g’macht, daß er eine ‚Dame vom Theater‘ heirathet. Nun, i bin eine Dame vom Theater. Kann irgend wer gegen meinen Wandel etwas mit Recht aussetzen? – Möcht’s wissen. Auswüchse giebt’s in allen Ständen, nicht blos beim Theater, und wir brauchen deshalb nit amal erst nach Spanien zu gehen. – Mögen Andere doch Damen heirathen vom chinesischen Kaiserhofe, wenn ihnen die Damen vom Theater nit anstehn. – Mein Bräutigam ist übrigens ein viel zu aufgeklärter Mann, um solche Wischiwaschi irgend wie zu beachten. Aber“ – unterbrach sie sich plötzlich, indem sie eine kleine, mit Diamanten reich besetzte Uhr vom Gürtel löste und nach der Zeit sah, „i bin ja beinah’ a halbe Stund’ bei Ihnen und die Leute von der Etiquette haben mir g’sagt, daß man sich nicht länger als fünf Minuten bei so einer Visit’ aufhalten dürfe. Da muß ich mich beeilen, mein Jäger draußen friert mir sonst auch zu Frappé. – Leben’s wohl! Hab’ mich g’freut! Wann’s nach der Victoriastraße kommen, besuchen’s mich – mein Haus kennen Sie ja, Nummer sechs, mit einem Balcon.“ Dabei reichte sie mir die kleine Hand; als ich diese jedoch zu küssen versuchte, entzog sie sie schnell und sagte lachend: „Machen S’ doch ka Dummheiten, alter Herr!“ Damit schoß sie zur Thür hinaus, hinein in den Wagen, der von Neugierigen dicht umstanden war, die Alle „die Lucca“ sehen wollten, und dahin rollte die Equipage mit der liebenswürdigsten aller deutschen Sängerinnen.
Das Bild des „Fräulein Pauline Lucca“ hängt heute noch über meinem Schreibtisch und blickt freundlich auf mich herab, wenn ich bei der Arbeit sitze.
Goethe und Bürger. Die kürzlich zu Osnabrück verstorbene Wittwe
des Justizkanzleiraths Althof war durch ihren Schwager, den Hofrath Althof in Dresden, welcher nach dem Tode des deutschen Volksdichters Gottfried Bürger Vormund der Bürger’schen Kinder geworden, in den Besitz des beträchtlichen literarischen Nachlasses dieses berühmten Dichters gekommen, und zwar von Autographen ausgezeichneter Männer, welche bis
jetzt noch nicht veröffentlicht worden sind.
Es befinden sich dabei eigenhändig geschriebene Briefe an Bürger von seinen ausgezeichneten Freunden und Freundinnen, nämlich von Goethe, Voß, Göckingk, Cramer, Stollberg, Kleist, Langbein, Lichtenberg, Iffland, Schlegel, Gleim, v. Münchhausen, Therese Forster, Boje, Althof, Knigge, Biester, Dietrich, Kielmannsegge, seiner gefeierten Molly, Christine Elise Hahn, und sonst noch ein Theil seiner nachher gedruckten Schriften als Manuscripte.
Ich will hier nur ein Gedicht, und zwar über Bürger’s Begegnung mit Goethe, mittheilen, welches bis jetzt wohl in weiteren Kreisen noch nicht bekannt geworden ist. – Wie Bürger nämlich bei seinem Aufenthalte in Weimar seinen Jugendfreund und Dutzbruder Goethe besuchte, nahm ihn derselbe wider Erwarten ganz ceremoniell auf, obgleich er vorher in den ungenirtesten Verhältnissen mit ihm gelebt hatte. Bürger fühlte sich dadurch im höchsten Grade verletzt und beleidigt, und schrieb, von diesem Besuche zurückgekehrt, der einen so unangenehmen Eindruck auf ihn gemacht hatte, folgende bis jetzt noch nicht veröffentlichte Verse nieder:
„Mich drängt es in ein Haus zu gehen,
Drin wohnt ein Künstler und Minister:
Den edlen Künstler wollt’ ich sehen
Und nicht das Alltagsstück Minister;
Doch steif und kalt blieb der Minister
Vor meinem trauten Künstler stehen,
Und vor dem hölzernen Minister
Kriegt’ ich den Künstler nicht zu sehen;
Hol’ ihn der Kuckuck und sein Küster!“
Inhalt: Doctor Reinhard. (Fortsetzung.) – Vom „alten Fritz“ in Westphalen. Von Emil Rs. Mit Portrait. – Begegnungen mit Zeitgenossen. Von Carl Vogt. Nr. 1. A. v. Humboldt. (Schluß.) – Ein deutscher Prinz in Amerika. Nr. 1. – Die Eisenschmieden im Stubaithale. Von Dr. Ludw. v. Hörmann. Mit Abbildungen. – Blätter und Blüthen: Pauline Lucca. – Goethe und Bürger.
- ↑ Vorlage: „Aldalbert“