Die Gartenlaube (1886)/Heft 51

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No. 51.   1886.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich 2 bis 21/2 Bogen. – In Wochennummern vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig oder Halbheften à 30 Pfennig.


 Zu Weihnachten.

Wie um den Christbaum Alle sich vereinen,
Den festlich hellen, den die Liebe weiht!
Da tönt der laute Jubelruf der Kleinen,
Die Andern denken der vergang’nen Zeit.
Da griff die Hand so selig nach den Sternen,
Sie senkten sich als Lichter auf den Baum;
Jetzt muß das Herz sich stets bescheiden lernen;
Oft bleibt sein schönster Wunsch ein leerer Traum.

Herein, herein, ihr Alle. Wie die Kerzen
So hellen Glanz auf reiche Gaben streun!
Es strahlt ihr Wiederschein in allen Herzen,
Und selbst die Schwermuth lernt, sich mitzufreun.
Und von der Puppe und dem Wiegenpferde
Zum prächt’gen Ballkleid und Juwelenschrein:
Da leuchtet alles Hab und Gut der Erde,
Verklärt von inn’ger Liebe Glorienschein.

Ein Strom des Lichts ergießt sich durch die Lande,
Von ird’schen Sternen strahlt die heil’ge Nacht.
Geschmückt mit diesem festlichen Gewande
Beschämt der Winter selbst des Lenzes Pracht.
Das Christkind thront auf einer gold’nen Wolke,
In alle Herzen strahlt ihr Wiederschein.
O Geist der Liebe, zieh’ von Volk zu Volke,
Bescher’ der Menschheit Glück und Frieden ein!



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Unser Männe.

Von W. Heimburg.

Wir waren bereits sehr intim mit einander, als ich noch im lustigen Junggesellenstand lebte und keine Ahnung von einer gewissen „Grete“ hatte, die nunmehr meine bessere Hälfte ist. Er – aber gestatte mir zuvörderst, liebenswürdige Leserin, daß ich ihn dir vorstelle: Herr „Waldmann“, kosend „Männe“ genannt, aus dem vornehmen Stamme der Dachse, ein kleiner glänzend schwarzer Teckel mit vorschriftsmäßigen krummen Vorderbeinen von schöner brauner Farbe, schlank von Leib, mit langer Ruthe, ebenfalls vorschriftsmäßig getragen, und mit prachtvollen Behängen; und über den braunen treuen Hundegucken, die so ausdrucksvoll dich anschauen, ein paar kokette braune Fleckchen. Ein Prachtkerl!

Ich kaufte ihn für schweres Geld von einem Förster – es war an einem Weihnachtsheiligenabend um, wie ich die Ausgabe vor mir selber entschuldigte, doch etwas Lebendiges an diesem Freudenfest zu haben, das ich so ganz allein verleben mußte; denn ich hatte weder Eltern noch Geschwister, und an keinem Abend der Welt ist die „Kneipe“ so kalt, so ungemüthlich wie am 24. December. Ich war im Besitze dieses selbstgespendeten Weihnachtsgeschenkes glücklich wie ein Kind; ich streichelte und fütterte den kleinen Kerl, der sich freilich im Anfang etwas zurückhaltend zeigte; aber, wie gesagt, mit der Zeit wurden wir sehr intim. Des Morgens saß „Männe“ neben mir auf dem Sofa und half mir beim Frühstück; er saß, sagte ich, denn er lehnte aufrecht in den Polstern und zählte mir jeden Bissen in den Mund; und wenn ihrer gar zu viele an ihm vorbeigingen, gab er mir einen kleinen freundschaftlichen Stoß mit der Schnauze und setzte sich noch strammer in Positur. Ging ich in den Dienst, so begleitete er mich traurig bis zur Thür; und kam ich zurück, so hörte ich sein Freudengeheul schon auf der untersten Treppe; er hatte meine Schritte erkannt. War der Bursche so unvorsichtig, ihn herauszulassen, so fiel er mehr, als er lief, die Treppe hinunter und jauchzte und jankte, daß sich die Etagenbewohner über ihn beschwerten. Und nun wußte er, wir gingen aus. Wir spazierten ein paarmal um den Ring der Stadt, auf dem die Militärkapelle zur Parole-Ausgabe spielte; wir bewunderten dabei die jungen Damen, und wenn ich es gar unternahm, die Eine oder Andere anzureden, so setzte sich „Männe“ als Dritter im Bunde dazu und schaute so aufmerksam drein, als verstände er jedes Wort. Oder er zog es vor, auch seinerseits Bekanntschaften zu machen, denn auch die Hundewelt schien sich zur Mittagszeit ihr Rendez-vous auf dem schönen Platz zu geben. Waren wir genug gewandert, ging’s zum Frühschoppen; „Männe“ wußte das genau, er war gewöhnlich schon vor seinem Herrn in dem halbdunklen gewölbten Lokale; sein Herz zog ihn dahin. Er hatte ein zartes Verhältniß mit der feschen Kellnerin; sie bewahrte immer etwas für den „Männe“ auf, und er ließ sich dafür von ihr streicheln, was ich so leicht keinem andern menschlichen Wesen, meinen Burschen ausgenommen, hätte rathen mögen.

Mittags speiste er mit dem Philipp in einem Kellerrestaurant; Nachmittags mußte er sich auf eigene Faust amüsiren. Aber des Abends ward es wieder herrlich für uns Beide! Die Saison abgerechnet, wo der Lieutenant in Gesellschaft gehen muß, kamen viele einsame Abende für mich, der ich nie ein Kneipgenie war und mich auch gern einmal mit etwas Anderem beschäftigte als mit dienstlichen Angelegenheiten, die bekanntlich selbst beim Biere im Kreise der Kameraden verhandelt werden; und da war mir nun der „Männe“ ein wahrer Trost. Ich las; aber ich wußte, hier neben dir, die Schnauze in deine Hand gedrängt, liegt ein lebendes Geschöpf, eines, das dir treu ist, das dich auf seine Art schwärmerisch liebt. Ich wanderte im Zimmer auf und ab, er ging neben mir; es glaubt Keiner, wie klug ein solches Thier ist; er wußte sogar, wenn ich verstimmt war. Dann kam er ganz leise, wedelte, knurrte, um sich bemerkbar zu machen, und wenn Alles nicht half, sprang er auf meinen Schoß und sah mich an, als wollte er sagen: „Was drückt dich denn, du armer Kerl?“ oder: „Könnte ich dir doch helfen!“ Er trauerte mit mir und er freute sich mit mir.

Zu der Zeit, wo ich hangte und bangte in schwebender Pein, weil auf einem Balle Fräulein Grete im weißen Tüllkleide und Rosenkranz es mir angethan und ich nun ganz sicher wußte, daß ich nimmermehr ohne sie würde leben können, und in Folge dessen in weltschmerzlichster Stimmung zu Hause saß, vermeinend, daß dieser Engel sich nie zu mir herabneigen würde: da saß auch „Männe“ still mit hängenden Ohren neben mir, und wenn ich seufzte: „Diese Weiber, Männe, o, diese Weiber!“ dann sah er mich an, als wollte er sagen: „Auch ich, mein Bester!“ – Es war richtig, er hatte vor Kurzem eine grausame Tracht Prügel von der Besitzerin einer verführerischen kleinen Möpsin davon getragen. O Männe, wir können ein Lied davon singen!

Und wie ich eines Abends spät nach Hause kam, selig, wie der Mensch nur einmal in seinem Leben ist, da saß ich bis zum grauenden Morgen mit „Männe“ auf dem Sofa, schwatzend und lachend, und er hörte zu und gab mitunter einen kurzen Blaff mit hinein; den ersten Glückwunsch zu meiner Verlobung nahm ich von Männe entgegen! Ich konnte die Hundesprache verstehen, sein Schweifwedeln, sein Springen. „Nun werden wir nicht mehr lange so allein sitzen, alter Freund; nun wird nächstens eine reizende kleine Frau mit uns zu Abend essen; nun wirst Du nicht mehr in den Keller zu gehen brauchen und ich nicht in das Kasino, und wenn ich im Dienst bin, dann kannst Du vor ihrem Nähtisch auf dem weichen Fellchen liegen, und wenn sie in der Küche revidirt, dann schenkt sie Dir ein Knöchelchen, ein Knöchelchen aus der lieben reizenden Hand – Männe, es wird ein Herrenleben!“

Und Männe sagte: Jap! Jap! Das sollte heißen: „Ich kenne sie, Herrchen, ich kenne sie, die kleine Blonde, die Du immer auf der Straße trafst und grüßtest. Mir sieht sie gut und lieb aus – o Du glückliches Herrchen und ich beneidenswerthester aller Dachse!“

Eines Tages hatte die künftige Herrin ihrem künftigen Hunde sogar ein Halsband gestickt. Männe, als gebildeter Rassehund, fand es zwar nicht recht passend für Einen von seinem Geschlecht; er wedelte: es sei allenfalls für einen Damenhund geeignet, z. B. für die niedliche Möpsin. Aber aus Kourtoisie, und weil ich ihm erzählte, wie viele, viele Stiche die [887] zarten Fingerchen wohl an dem zierlichen Band gethan hatten, ging er so geschmückt in meiner Begleitung um Mittag aus; wir holten die Geberin zum Spazierengehen ab. Herr Gott, war das eine Pracht! Die himmelblaue Schleife flatterte an Männe’s Halse, und ebensolche Bänder waren zum Knoten unter dem weißen Kinn meiner blonden Braut verschlungen. Dazu schien die Sonne, und am Himmel stand keine Wolke, an Männe’s Himmel nicht, und nicht an meinem.

Zum Hochzeitstag hatte der Bursche dem Thiere einen Kranz um den Hals gebunden; so saß er vor dem Bette, als ich das letzte Mal in meiner Junggesellenstube erwachte.

„Der Tausend, Männe!“ rief ich. Da sprang er auf mein Lager. Aber, war es nun, daß ihn der Kranz belästigte, oder daß es auch für Hunde Ahnungen giebt – ich weiß es nicht, er war nicht so wie sonst.

„Na, alter Freund, wir werden uns nun vier Wochen lang nicht sehen, denn die Hochzeitsreise in die Schweiz wirst Du wohl nicht mitmachen können; aber nachher, Du frecher Kerl, dann kommt Deine gute Zeit.“

Ich hatte dem Burschen noch anbefohlen, den „Männe“ gut zu halten; dann habe ich wirklich so an die vier Wochen nicht an ihn gedacht. Nun, es wird mich Jeder entschuldigen. Erst als wir wieder durch die Kiefernadelwälder und das flache Land der Heimath zu fuhren, sagte ich zu meiner Frau: „Wie sich der Hund wohl freuen wird!“ Ich sah ihn ordentlich vor mir, wie er sich wand, wie er an mir hinaufsprang, leckte und schmeichelte und heulte in der Hundesprache: „Gottlob, Herrchen, daß Du wieder da bist; ich habe gedacht, Du kämst nimmer wieder – Gottlob! Gottlob!“

Es kam auch so. Der Bursche hatte ihn auf den Bahnhof mitgebracht; an der Leine zwar, aber was hilft eine Leine bei solch rasender Freude! Es ward ein ordentlicher Auftritt auf dem Perron, die Leute um uns herum lachten und freuten sich, und ich freute mich auch. Im Wagen kletterte er mir auf den Schoß und saß da, rasch athmend mit hängender Zunge, nur dann und wann ein erneutes Freudengewinsel ausstoßend.

„Es ist rührend, nicht, Gretel?“ fragte ich; „solche Anhänglichkeit?“

„Ja! Aber das machen alle Hunde so, Rudolf.“

„Freilich! Freilich! Aber es freut Einen doch.“

„Es scheint so,“ klang es zurück. „Aber halte ihn, er ist schmutzig. Pfui, du Köter! Sieh nur, Rudolf, mein Kleid!“

„Aber Gretchen, wo hast Du das häßliche Wort her? Und zudem, es ist ein Bissel chemisch reiner Schmutz, der abzubürsten geht. Ach, schlag’ ihn doch nicht, das Thier freut sich ja so!“

Meine kleine Frau hatte dem überseligen „Männe“ eine Ohrfeige verabreicht, die, so niedlich auch die strafende Hand war, ihm dennoch wehgethan haben mußte; denn er sprang aufschreiend hinunter vom Schoß und flüchtete sich zu meinen Füßen, wobei er mich verwundert anschaute. Ich konnte nicht anders, ich mußte ihn streicheln: „Alter Kerl, es war nicht bös gemeint.“

„Rudolf,“ sagte die kleine Uebelthäterin und hüpfte ungeduldig an meiner Seite auf, „nun sind wir in der B.-Straße; o Gott, wie freue ich mich!“ Und ihre Augen sahen mich an, so vertrauend, so selig, daß mir das Herz weit wurde. In der B.-Straße lag unser neues Heim.

Sie bog den Kopf aus dem Wagen, während ihre Hand die meine hielt.

„Mama und Mieze sehen aus dem Fenster!“ jauchzte sie, und winkte und nickte, und als der Wagen hielt, war sie wie der Wind hinaus und die Treppen hinauf; ich holte sie erst ein an der blumenbekränzten Flurthür, die zu unserer Wohnung führt. Da lag sie in den Armen der stattlichen Frau, deren ernstes Auge jetzt von Thränen überfloß.

„Mama! Mama – und ich bin so glücklich!“

In Begrüßungsworten, Rührungsthränen und Freudenrufen gingen die nächsten Minuten vorüber, und dann waren wir in unserem Heim, in den molligsten vier Pfählen, die es geben kann. Begreiflicherweise schwammen wir Beide in einem Meer von Seligkeit; Arm in Arm zogen wir aus einem Zimmer in das andere, gefolgt von Mutter und Schwägerin. Von den Lippen der kleinen Frau kamen immer wieder die Worte: „Himmlisch! Rudolf, reizend! O Du gute Mutter!“

Und nun saßen wir bei Tische in dem Eßzimmer; Zwiebelmuster auf der Tafel, Majolikaschüsseln an den Wänden und auf dem stilvollen Kredenztische, vor meinem Platz das silberne Tranchirbesteck, vor Gretchens Platz die Suppenkelle, und mein alter Bursche in brauner Livree mit Silberknöpfen trug schmunzelnd und lächelnd den ersten Gang auf. Es war eine Pracht!

Zwischen mir und meinem Frauchen aber saß kerzengerade auf den Hinterbeinen mein oder vielmehr unser Männe, und seine klugen Augen sahen bittend zu mir empor, als wollte er sagen: „Herrchen, früher, als Du allein aßest und manchmal nur Wurst und Butterbrot hattest, gabst Du mir immer etwas ab. Bekomme ich heute nichts?“ Da nahm ich in meinem Herzensjubel einen Flügelknochen von der Poularde: „Da, alter Schelm; gelt, das gefällt Dir?“

„Aber, Rudolf,“ rief mein Gretchen mit einer Hausfrauenwürde, die ihr allerliebst stand, „weißt Du auch, das ist verschwenderisch!“

„Und der neue Teppich!“ sagte die Schwiegermama, und ihre Augen trafen mich durchbohrend.

„Ja, Rudolf,“ eiferte die junge Schwägerin, „das Thier wird Gretchen alle ihre hübschen Sachen verderben!“

Sie hatten vielleicht Recht – aber es that mir weh, es störte meine Freude. Meine Frau merkte es mir an; sie griff nach meiner Hand: „Sei nicht böse, Rudolf.“

„Nein! nein!“ – Aber ich mußte mich doch wieder umsehen nach dem kleinen Kerl, wie er den Knochen zerbiß. Er bemerkte, daß ich mich zu ihm wandte, und er hob den Kopf und wedelte.

„Nimm Männe mit hinaus,“ befahl ich dem Burschen, „gebt ihm in der Küche zu fressen.“

„Aber keine Poularde!“ schallte die Stimme der alten Dame hinterdrein.

„Zu Befehl!“ sagte Philipp, faßte Männe am Kragen und verschwand mit ihm.

Als die Damen uns verlassen hatten, blieben wir noch Hand in Hand am Tische sitzen. In den Gläsern perlte der Champagner; der Lampenschein blitzte in den neuen Geräthen und lag glänzend auf dem goldigen Haar der kleinen Frau; leise behaglich tickte die Uhr, die Blumen vor uns in der Schale dufteten süß. Daheim! Wie schön, wie schön! Und ich dachte der Abende im verräucherten bierdunstigen Kneipzimmer, der Abende in der kalten Stube meiner Junggesellenwohnung, und dankbar zog ich die zierliche Frauenhand an meine Lippen. Es war mir zu Muthe wie dem Schiffer, der im sicheren Hafen ruht, weit hinter sich das einsame stürmische Meer. Ja, es fehlte nichts zur allerdenkbarsten irdischen Glückseligkeit! Aber Männe, der kleine brave Kerl! Die gestrenge Schwiegermutter war jetzt fort, er mußte her. Im nämlichen Augenblick war ich empor und an der Thür.

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Kinderball.
Originalzeichnung von E. Ravel.

[889] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [890] „Wo willst Du hin?“ fragte Gretchen.

„Nach dem Hunde sehen.“

„Ach, laß doch das dumme Thier!“

„Es ist vielleicht eine Schwäche von mir, Gretchen, aber ich hänge nun so sehr an dem Hunde,“ entschuldigte ich mich. Sie verzog zum ersten Male den kleinen Mund zum Schmollen, erhob sich und ging in das anstoßende Schlafzimmer; ich, etwas ungeduldig, in die Küche.

„Der Hund?“ fragte die Köchin. „Sie wüßte nicht, sie hätte nicht auf ihn geachtet.“

„Haben Sie ihm nicht zu fressen gegeben?“

„Sie hätte ihm einen Knochen hingeworfen. Aber das müßte sie nun sagen von vorn herein, der Herr Lieutenant möge verzeihen: sie liebe Hunde nicht in der Küche; es sei nicht reinlich, und vom Herrn Major von Z. sei sie deßhalb auch fortgegangen.“

„Wo ist der Hund?“ fragte ich den Burschen, indem ich der Person den Rücken wandte.

„Er hätte ihn nicht gesehen; vorhin sei er noch da gewesen.“

Auf einmal drang ein Schrei der Entrüstung in meine Ohren; zu gleicher Zeit ward die Schlafstubenthür geöffnet, und „Männe“ flüchtete erschreckt in einen Winkel, den zwei riesige Kleiderschränke im Flur bildeten.

„Das ist zu arg, Rudolf,“ schluchzte meine Frau, die auf der Schwelle hinter ihm erschien, und zog mich in das Schlafzimmer.

„Da sieh! Sieh! Dieses gräuliche Thier!“ Und sie zeigte auf den Boden, wo eine Menge blauer und weißer Fetzen verstreut lagen.

„Mieze hat mir die reizenden Pantöffelchen vor das Bett gesetzt, und nun hat dieses Gräuel den Einen gefressen!“ Sie hielt mir den unversehrten Pantoffel unter die Augen, das zierlichste Wunderwerk aus hellblauem Atlas und weißem Pelz. Es war in der That zu arg!

„Ich werde ihn strafen, liebes Kind,“ sagte ich zärtlich und nahm sie in den Arm.

„O, aber mein Pantoffel wird davon nicht wieder ganz!“ weinte sie.

„Aber beruhige Dich doch, Gretchen! Sieh,“ scherzte ich, „das ist Kaninchenpelz. Teckel gehen allemal auf das Zeug los, und zudem, er wird hungerig gewesen sein, Herzchen, die Köchin hat ihm nichts gegeben.“

„Lächerlich!“ erwiderte sie und machte sich los von mir.

„Oder,“ fuhr ich fort, noch immer in scherzendem Tone, „er hatte Mitleid mit seinem armen Herrn und wollte nicht, daß er unter diesen süßen kleinen Pantoffel kommen sollte. Was?“

Sie zuckte die Schultern nnü trocknete die Thränen. „Auf solch dumme Scherze habe ich nicht gerechnet,“ erwiderte sie.

„Aber Liebchen!“

„Nein, ich wünsche nicht, daß die Sache ins Lächerliche gezogen wird, der Hund muß aus dem Hause!“

„Das halte ich wirklich nicht für nöthig, Grete; er wird sicher nicht wieder so etwas thun, wenn er tüchtig Prügel bekommen hat.“

„Du willst ihn behalten, nachdem er – gegen meinen Wunsch, Rudolf?“

„Ja, mein Herzchen; ich sagte Dir vorhin schon, ich hänge an dem Hunde.“

„Wahrscheinlich mehr als an mir!“

„Das sind Redensarten, die eine verständige Frau nicht machen sollte, Grete. Du weißt, das Thierchen habe ich drei Jahre; Du bist da an einen ganz sentimentalen Kerl gekommen; ich könnte es nicht ertragen, den Hund in fremden Händen zu wissen, zu denken, daß er vielleicht schlecht behandelt wird.“ Und da sie trotzig schwieg und mich schier verächtlich mit den thränenfunkelnden Augen anschaute, setzte ich erregt hinzu: „Lieber schieße ich ihn todt!“

„Das ist mir auch recht,“ kam es aus dem rothen Munde, den ich bis jetzt nur liebe gute Worte hatte sprechen hören.

„Nun gut! Dann aber auch sofort!“ rief ich, mich auf dem Fuße umwendend.

„Jawohl, dann wird man ruhig schlafen können!“ scholl es hinter mir, als ich das Schlafzimmer verließ, um meinen Revolver zu holen.

Es kochte in mir. Welche Herzlosigkeit, welche Rücksichtslosigkeit kann so ein Weiberherz bergen! Und um solch lumpigen Pantoffel! „Philipp!“ schrie ich dem Burschen zu, „nimm den Hund auf den Hof, ich komme nach!“

Leichenblaß kam der Mensch herbei und starrte auf die Waffe, die ich eben lud.

„Den Männe? Unsern Männe?“ stotterte er.

Ich antwortete nicht.

„Herr Lieutenant –“

„Marsch! Hinunter mit ihm!“

„Herr Lieutenant, schenken Sie mir den Hund,“ bat der Mann, „er soll auch nie hier herauf kommen; ich werde ihn gut halten,“ und dabei bückte er sich und nahm den kleinen schwarzen Sünder auf den Arm, der eben wieder im Begriff war auf mich loszurasen in einem erneuten Freudenausbruch und keine Ahnung hatte, daß er schuld war an einer bösen, bösen Scene.

„Meinetwegen – aber geh!“

„Danke vielmal, Herr Lieutenant!“

Ich setzte mich vor meinem Schreibtisch nieder; die Waffe lag vor mir, und bitter weh war mir zu Muthe; nicht um den Hund allein, gewiß nicht. Und auf dem Korridor hörte ich die Thür gehen und des Burschen Ruf: „Komm, Männe, komm!“

Zu gleicher Zeit ein Kratzen an meiner Stubenthür, ein Freudengewinsel und ein unterdrückter Fluch des neuen Eigenthümers: „Zum Donnerwetter, Männe, komm!“ Nun hob er ihn wahrscheinlich auf den Arm; dann kurze schwere Tritte, und der kleine vierbeinige Freund war fort. Abscheulich!

Ja, und wenn ich ihr nicht in einem fort gesagt hätte, daß ich das Thier gern habe! Aber freilich, sie ist ein Weib, sie ist eifersüchtig. Ach was, schlimmer als das – ich hatte mich getäuscht in ihrem Charakter! Ich fühlte etwas wie ohnmächtigen Zorn. Was sollte ich thun? Sollte ich unser Glück von vorn herein trüben, indem ich meinen Willen durchsetzte? Vier Wochen nach der Hochzeit den Tyrannen spielen? Gegen die Macht kämpfen, die eine reizende Frau ausübt, mit der man eben verheirathet ist und die jeden Augenblick Hilfstruppen in Gestalt einer sehr stattlichen Schwiegermutter herbeizuführen vermag? Unmöglich! Ich bin ein viel zu rücksichtsvoller Mensch den Frauen gegenüber, und nun gar meiner eigenen! Zudem war die Frage – Friede oder Hund? – ja so leicht beantwortet.

Vielleicht sieht sie ihr Unrecht auch noch ein. Vielleicht gehört sie zu Denen, welche Hunde nicht mögen, wie die Baronin X., die im Stande ist, Krämpfe zu bekommen, wenn sie einen Hund in der Nähe weiß. – Vielleicht!

Aber Eins! Sie war sehr unartig; ich bin wahrhaft gekränkt. Wenn sie nicht zu mir kommt – ich betrete ihr Zimmer nicht, ich muß ihr doch ein für allemal zeigen, wer der Herr ist.

Und siehe – da kam es zierlich über die Schwelle gehuscht, schlang zwei weiche Arme um meinen Hals und legte eine kühle Wange an die meine.

„Rudolf, bist Du mir wieder gut? Sei nicht böse, Rudolf! – Hast Dn ihn todt gemacht, Rudolf?“

„Nein! Der Bursche bat mich, ihm das Thier zu schenken; er hat es mitgenommen.“

Sie sah mir ernsthaft in die Augen. „Wird es Dir wirklich so schwer, den Hund wegzugeben? Wie ist’s nur möglich, Rudolf?“ fragte sie im Tone ehrlichster Entrüstung. „Es ist sündhaft, sein Herz an ein Thier zu hängen, weißt Du, das sagt Mama immer.“

„Ich kann diese Ansicht nicht theilen; Du hast keine Ahnung, was in solch einer armen stummen Kreatur für eine Fülle von guten Eigenschaften wohnt, Eigenschaften, die jeder Mensch sich zum Vorbilde nehmen könnte,“ antwortete ich nicht ohne Schärfe.

Die kleine Frau schlug lachend beide Hände zusammen. „Nun, und was hatte denn dieser Pantoffelfresser zum Beispiel für Tugenden?“

„Er war so anhänglich an mich, Grete.“

„Das bin ich auch,“ versicherte sie schelmisch und küßte mich. „Und sonst?“

„Er ist klug und treu.“

[891] „Das bin ich auch.“

„Ach, Du bist närrisch, Grete!“

„Ja freilich, denn ich habe Dich lieb, Du – Du Hunde-Anwalt; Du solltest Direktor werden in einem englischen Hunde-Asyl.“ Und sie lachte und küßte mich und lachte, bis ich mit einstimmte, und dennoch –

Fahr’ wohl, Männe! Ich hatte es mir anders gedacht.


Der Friede blieb im Hause, der Hund im Pferdestall und in der Burschenstube. Anfänglich lief er noch zuweilen dem Philipp nach und blieb stundenlang vor unserer Flurthür sitzen, geduldig wartend, ob ihm Jemand öffnen werde. Hier traf ich ihn einmal; das glänzend schwarze Fellchen sah verstaubt aus; er hatte ein thränendes böses Auge und sein energisches Kratzen bewies, daß er Einquartierung besaß. Mir drehte sich das Herz um, als das verstoßene Thier sich schier zerriß vor Freude, wie es seinen treulosen Herrn erblickte, „Kerl!“ fuhr ich den Burschen an, „wie hältst Du den Hund! Er sieht ja jammervoll aus!“

„Herr Lieutenant, er liegt den ganzen Tag im Heu; ich habe so wenig Zeit; Sonntags bürste ich ihn zuweilen.“

„Er hat ein schlimmes Auge – geh’ zum Roßarzt mit ihm. Du giebst ihm doch ordentlich zu fressen?“

„Jawohl, Herr Lieutenant. Aber die Anna rückt nicht den kleinsten Knochen heraus, sie verkauft sie; und was sie sonst hat, stellt sie für die Gemüsefrau zurück, es ist eine Verwandte von ihr.“

„So!“

„Es sind immer nur Kartoffeln, Herr Lieutenant, er frißt sie nicht gern.“

„Du wirst dem Hunde jeden Tag Pferdefleisch kaufen, von heute ab!“

„Zu Befehl, Herr Lieutenant! Es wäre aber besser, er thäte sich gleich an die Kartoffeln gewöhnen; bei mir zu Hause –“ er stockte – „ich kann ihm doch kein Pferdefleisch nicht kaufen.“

Ach richtig, ich hatte ihn ja verschenkt! Hätte ich ihn doch lieber todtgeschossen – armer Kerl!

Ob ich noch einmal eine Attake auf Gretchens Herz wage? Ich trat in ihr kleines lauschiges Zimmer; sie saß am Fenster und nähte, die Wangen glühend vor Eifer. Draußen an die Scheiben klopfte der Frühlingsregen; die Linden auf unserer Straße schimmerten im allerersten Grün; im Zimmer roch es süß nach Veilchen.

Sie hatte kaum Zeit, mir die Hand zu geben, so eifrig beschäftigte sie ein winzig kleines Jäckchen; sie sah mich nur an mit glücklichen Augen.

„Grete, wenn es ein richtiger Junge ist, wird er einen Hund haben wollen – meinst Du nicht auch?“ fragte ich forschend.

„O bewahre, Rudolf! Wenn Du etwa denkst, daß er Alles bekommen wird, was er haben will, so irrst Du Dich; ich sehe schon, ich werde ihn allein erziehen müssen.“

„Wild darf er sein, Grete, und seine Passionen soll er haben; ein Duckmäuser darf er nicht werden.“

„Dazu braucht er noch keinen Hund, Rudolf! Meine Brüder sind auch keine Duckmäuser und haben doch nie einen Hund besessen. Und wenn er so darauf erpicht ist, dann doch höchstens einen ganz großen Neufoundländer; das giebt immer ein hübsches Bild – ein blondes Kind und ein schwarzer recht großer Hund.“

„Aber, Gretchen, das sind nicht die treuesten –“

„Ach, Rudolf, ich weiß ja, was Du willst. Du denkst an das kleine Scheusal, das Du früher hattest und um deßwillen wir uns zum ersten Male in unserem Leben zankten; ich kann ihn nun einmal nicht leiden, ihn nicht und alle anderen Hunde nicht und auch keine Neufoundländer.“

Einen Augenblick dachte ich daran, einfach den Befehl zu geben: „Der Hund wird von jetzt ab im Hause bleiben, ohne Weiteres!“ Dann fiel mir die Ermahnung meiner Schwiegermutter ein, meine Frau augenblicklich so schonend als möglich zu behandeln, und fürs Zweite – dem armen Thiere geschah kein Gefallen; er hatte die zarte Weiblichkeit der ganzen Familie gegen sich, die Köchin mit eingeschlossen. Dem war er doch nicht gewachsen; also, der Klügere giebt nach!

„Gut, gut, Gretchen, es wird nie mehr von dem Hunde die Rede sein,“ sagte ich möglichst ruhig und ging aus dem Zimmer.


Es war wirklich nie mehr die Rede von „Männe“; ich sah ihn auch nur selten, und kam er mir einmal in den Weg, so biß ich die Zähne zusammen und hieb ihm Eins mit der Reitpeitsche über, damit er begreifen sollte, daß er nicht mehr zu mir gehöre, und dann sah ich nach der andern Seite. In die Augen hätte ich dem Thiere nicht sehen können: es kann so menschlich vorwurfsvoll blicken.

Oben angelangt vergaß ich gewöhnlich das bittere Gefühl, denn da stand meine Frau und hielt ein blondes Kind auf dem Arme und ihre helle klingende Stimme rief jubelnd: „Wer kommt da, mein Mäuschen? Der Papa! Der Papa!“ Es war ein Bild, so voll strahlenden Scheines, daß es im Herzen keine Spur von Schatten duldete. Vor einem Paar süßer frommer Kinderaugen verfliegt jeder Groll; Gretchens Eigensinn, Männe’s Verbannung – Alles war vergessen.

Unser Fräulein Tochter wuchs allmählich aus dem Stechkissen, trug weiße Kleidchen und gab ganz entschieden Zeichen von sich, daß sie Charakter besaß, d. h. Eigensinn. Sie war kaum ein Jahr alt, da fing sie an hinter dem Rücken ihrer ahnungslosen Eltern zu intriguiren. Ich ertappte sie nämlich bei einem Rendezvous mit – Männe!

Meine Frau war ausgegangen, und zwar zu einem Damenkaffee, der Geburtstagsfeier ihrer Schwester. Vom Dienste heimkehrend hörte ich in der Kinderstube einen ungewöhnlichen Jubel, Lachen, Jauchzen und Bellen, und als ich die Thür aufmachte, erblickte ich mein hoffnungsvolles Töchterchen auf dem Teppiche umherkriechend, das junge Kindermädchen daneben und Männe mit fliegenden Ohren einem Balle nachjagend; er apportirte just die hingeworfene Kugel und rannte im ungestümen Eifer die Kleine über den Haufen.

Ich sprang erschreckt hinzu, aber das Kind jauchzte von Neuem, und die Wärterin erklärte: „Der thut der Kleinen nichts; die spielen gar oft mit einander, Elschen hat den Hund so lieb.“

„Wo hat sich denn die Bekanntschaft angesponnen?“ forschte ich.

„O, drunten auf dem Hofe. Die Kleine schrie einmal so sehr, da brachte ihr der Philipp den Hund; sie war gleich still, und er ließ sich anfassen von ihr, und seitdem habe ich ihn zuweilen heraufgeholt, wenn Elschen schrie.“

„Weiß das meine Frau?“ examinirte ich und setzte mich zu Kind und Hund auf den Teppich.

Ein kleinlautes „Nein!“ war die Antwort. Die gnädige Frau hatte nur einmal den „Männe“ im Flur draußen erblickt und ihn gleich wieder auf den Hof gejagt.

Ich mußte innerlich lachen, indem ich mich mit den beiden kleinen Spielkameraden beschäftigte; es war etwas Schadenfreude. „Das Kind hat viel von seinem Vater,“ dachte ich stolz. „Warte, Du blonde Haustyrannin, wenn wir Zwei uns verbünden, dann sollst Du doch den Kürzeren ziehen!“ – Das ward nun eine Lust; das Baby jauchzte, der Männe bellte – sie konnten Beide nicht mit Worten sagen, wie schön es war, aber ihr Jubel bewies es zu Genüge. Und plötzlich saß der alte treue Kerl aufrecht neben klein Elschen, als wollte er sprechen: „Siehst Du, Herrchen, [892] ich bin Dir nicht böse; ich habe Dein Kind lieb, wenn Du mich auch schlecht behandelst.“ Indeß, das Unglück schläft nicht, sagt ein Sprichwort. Die Thür öffnete sich weit, und auf der Schwelle stand mit großen verwunderten Augen – Mama Gretchen.

„Ich dachte es mir schon,“ sagte meine Frau; „wenn ich nicht im Hause bin, passirt immer etwas. Fort!“ rief sie zornig, und der kleine vierbeinige Eindringling fuhr scheu mit eingezogener Ruthe an ihr vorüber und hinaus.

Aber siehe da! Das Fräulein Tochter brach im nämlichen Augenblicke in ein ohrenzerreißendes Geschrei aus und rutschte zur Thür hin. Mama hob sie vom Boden auf, aber sie brüllte weiter; zuletzt drohte sie gar auszubleiben und wurde blau im Gesichte. Mama und Wärterin klopften sie auf den Rücken.

„Elschen! Elschen! Ei, ei – sieh’ mal hier!“ – Das Schreikindchen wurde ans Fenster getragen; es wurde an die Scheiben geklopft, daß ich glaubte, sie würden zerspringen, die Puppe wurde ihr vorgehalten – umsonst, umsonst.

Ich flüchtete eilends hinaus, öffnete Männe, der wie ein armer Sünder im Entrée saß, die Treppenthür, und wie ein Pfeil schoß er hinunter. Armer Kerl!

Mama und Tochter blieben verstimmt den Rest des Tages; die Wärterin ging mit rothgeweinten Augen umher; sie war als eine unzuverlässige Person bezeichnet worden.

„Warum kamst Du denn so früh zurück, Grete?“ fragte ich beim Abendessen.

„Mich hatte eine sonderbare Unruhe erfaßt,“ erwiderte sie und sah an mir vorüber.

„Du ahnungsvoller Engel, Du!“

„Spotte nur, ich habe nicht Lust, das Kind an Hundewürmern zu Grunde gehen zu sehen.“

„Wie viel tausend Kinder spielen mit Hunden, übertreibe doch nicht,“ sagte ich ärgerlich. „Mit demselben Rechte darfst Du das Kind niemals spazieren tragen lassen aus Furcht, es fällt ihm ein Dachziegel auf den Kopf.“

„Vorläufig liegt der Mutter die Pflege des Kindes ob, und Du verstehst davon nichts,“ erwiderte sie hoheitsvoll. „Ich weiß noch sehr wohl, wie Du den Doktor fragtest, als nicht gleich eine Amme da war, ob wir das Kind nicht mit altem gutem Rheinwein einstweilen aufziehen könnten? Wenn ich es Dir überließe, wäre es in acht Tagen unglücklich oder todt.“

„Bum!“ sagte ich, als sie mit dem letzten grausigen Ausspruche aus der Thür rauschte, und aß allein weiter, und dabei fiel mir ein Vers ein, den ich kürzlich irgendwo gelesen hatte:

„Wer die zarte Myrtenblüthe an dem schwanken Zweige schaut,
Wie sie sanft zum Kranz sich windet um das Haupt der sanften Braut,
Sollte der es möglich glauben, daß sie reift zu harter Frucht,
Als Pantoffel, ungenießbar, bitter, herb und schwer an Wucht?“

Ach, Grete, wo sind die Zeiten geblieben, als Du Männe „ein allerliebstes Thierchen“ nanntest und ihm Halsbänder sticktest?

Und die Zeit ging dahin, es wollte Weihnacht werden. Im Hause war es noch nie so lebendig, so geheimnißvoll, so traut gewesen.

(Schluß folgt.) 


Erfrieren.

Von Geheimrath von Nußbaum in München.

Recht häßliche und unangenehme Zustände, ja sogar schwere Schäden mancher Art entstehen nur deßhalb nach Erfrierungen, weil viele Menschen nicht wissen, wie sie sich davor schützen können. Zarte, weiße Gesichtchen werden jährlich ein paar Mal, gewöhnlich beim ersten Schneefall und vielleicht auch im Hochsommer von einer rothen, glänzenden Nase verunstaltet; manche nette Hand weist zu diesen Zeiten blaurothe geschwollene Finger auf – Alles nur, weil man sich in frühester Jugend bei Erfrierungen recht unzweckmäßig benommen hat und Niemand bessere Rathschläge zu geben wußte. Bei falscher Behandlung werden Frostbeulen sehr unangenehm und führen zum Verlust einer oder mehrerer Zehen durch Brand, und ein solcher Vorgang kann sogar das Leben in Gefahr bringen, wie wohl mancher Jagdfreund weiß.

Wenn uns bei großer Kälte schwächende Einflüsse treffen, so können wir auch scheintodt einschlummern, um vielleicht nie mehr zu erwachen.

Kein Mensch weiß, in welche Verhältnisse er kommen kann. Die muthigen Soldaten, welche mit Napoleon I. das brennende Moskau verließen, hatten wohl, so lange sie in dem sonnigen Frankreich waren, nie daran gedacht, daß sie auf russischen Schneebänken ausruhen und in einen Schlaf verfallen würden, der nie mehr endet. Gar Mancher von ihnen hätte vielleicht sein Leben gerettet, wenn er jemals von einigen nützlichen Vorsichtsmaßregeln für solche Zufälle gehört hätte.

Viele meinen, wenn sie recht kräftige Spirituosen trinken würden, könnten sie der Kälte leichter Widerstand leisten; allein dieser Rath ist nicht sehr vertrauenerweckend. Erhöhen wir auch durch einen erhitzenden Trunk die Thätigkeit mancher Organe, so ist nicht zu vergessen, daß das Trinken der Spirituosen Blutandrang nach dem Gehirn verursacht und daß auch die Kälte das Blut von der Haut nach den inneren Organen und vorzüglich nach dem Gehirn hintreibt. Starkes Trinken muß also die Hirnkongestionen, welche in großer Kälte entstehen, erst recht begünstigen.

Gute Ernährung, eine gewisse Abhärtung, ein energischer Charakter und ein gesundes Herz sind die besten Schutzmittel gegen das Unglück des Erfrierens.

Enge anschließende Kleider, welche den Kreislauf des Blutes beeinträchtigen, und naßkaltes, windiges Wetter soll man, wenn möglich, ängstlich vermeiden.

Es existirt bei vielen Menschen und sogar bei einigen Aerzten der Glaube, daß man sich nur dann die Glieder erfriert und nur dann in Lebensgefahr kommt, wenn man zu rasch vom Kalten in die Wärme gebracht wird. Die Meisten meinen, wenn man mit dem Erwärmen recht vorsichtig und langsam zu Werke geht, ließe die Kälte nie einen bleibenden Schaden für unsern Körper zurück.

Es ist auch ganz zweifellos, daß das rasche Erwärmen recht gefährlich und daß an der richtigen Pflege der Erfrorenen sehr viel gelegen ist; denn die Erfahrung zeigt, daß die Einen ihre erfrorenen Glieder bald zur Heilung bringen und nie wieder davon geplagt werden, während Andere alle Jahre ein paar Mal daran zu leiden haben. Allein man muß doch zugeben, daß sehr große Kälte schon allein, ohne nachfolgende verderbliche rasche Erwärmung, auch genügt, um schwere Leiden hervorzurufen.

Einen großen Einfluß übt hierbei die Individualität aus. Werden grelle, rasche Uebergänge vom Warmen ins Kalte und vom Kalten ins Warme vermieden, so kann ein gesunder Mensch allerdings sehr hohe Kältegrade ohne Schaden aushalten, namentlich wenn er geistig erregt, energisch, thätig, muskelkräftig ist und einen gesunden Herzmuskel, das heißt einen regelmäßigen, kräftigen Puls, hat.

Temperaturen, bei welchen Weingeist und Quecksilber gefrieren, erträgt noch der gesunde Mensch. So ist es z. B. bekannt, daß Theilnehmer einer Nordpolexpedition 50 Grad unter Null schadlos ertrugen. Bei noch höheren Kältegraden würde aber wohl jeder Mensch Schaden erleiden.

Hingegen kommt es oft vor, daß schon bei ganz mäßiger Kälte, wenn der Thermometer nur einige Grade unter dem

[893]

Weihnachtsidyll.
Originalzeichnung von C. Rickelt.

[894] Gefrierpunkt steht, bedeutende Uebel, sogar mit tödlichem Ausgang zu Stande kommen, wenn die Menschen blutarm, schlecht genährt, verweichlicht oder geistig niedergedrückt sind. Greise, Kinder, bleichsüchtige Mädchen, Säufer, namentlich Branntweintrinker, Leute, welche einen schlechten Herzmuskel haben, bekommen leicht Frostbeulen und erfrieren sogar sehr schnell, wenn sie bei starker Kälte müde und schläfrig werden. Es tritt alsbald ein Zustand von Betäubung ein, und sobald sie sich dann niedersetzen, um auszuruhen, schlafen sie ein und erwachen meist nicht mehr. Lange Zeit hindurch verbleiben sie in scheintodtem Zustande, athmen noch ein ganz klein wenig, und auch ihr Herz macht noch leise Anstrengungen, etwas Blut hin und her zu treiben.

Gerade diese Herzbewegung ist es auch, welche den Scheintod so lange erhält. Sie übt auf die Lungen einen leisen Druck aus und bewirkt dadurch eine Art künstliche Athmung, welche aber so gering ist, daß Laien und selbst Aerzte Erfrorene oftmals für todt halten.

Als Napoleon I. von Rußland nach Frankreich zurückgekehrt war, wurde es ihm zur Gewißheit, daß viele seiner Soldaten scheintodt begraben worden waren, und er setzte einen großen Preis aus für das sicherste Mittel, den Scheintod von dem wirklichen Tod zu unterscheiden. Den Preis erhielt Professor Andral, welcher behauptete, das Behorchen der Herztöne mit dem Stethoskop (Hörrohr) sei das sicherste Mittel, um Scheintod von wahrem Tod zu unterscheiden, weil man hiermit das Auspannen der Herzklappen noch zu einer Zeit hören könne, wo alle anderen Üntersuchungsmethoden kein Lebenszeichen mehr nachweisen würden. Napoleon’s Preis würde aber eigentlich dem deutschen Professor Middeldorpf in Breslau gebührt haben, der mit seiner Akidopeirastik (Nadeluntersuchung) noch Lebenszeichen nachwies, nachdem man mit Andral’s Stethoskop schon lange keinen Herzklappenton mehr gehört hatte.

Auch heut zu Tage ist Middeldorpf’s Akidopeirastik noch die sicherste Methode, den Scheintod zu erkennen; sicherer als der Fußsohlenschnitt und das Brennen mit Siegellack und alles Andere. Man stößt eine lange Stecknadel zwischen fünfter und sechster Rippe in das Herzfleisch, was bis zu einer gewissen Tiefe ganz ungefährlich geschehen kann. Die Nadel ist so lang, daß ungefähr die Hälfte derselben außerhalb der Brust sichtbar ist.

Die leiseste Bewegung des Herzens erzeugt ein Zittern jener Nadelhälfte, die außerhalb der Brust sichtbar ist.

Doch darf Niemand glauben, daß die scheintodt beerdigten Napoleon’schen Soldaten etwa im Grabe erwacht seien. So sicher es ist, daß man durch sorgfältige Pflege eine große Anzahl derselben hätte retten können, eben so sicher kann man behaupten, daß ihre Erstarrung, wenn keine sorgfältigen Belebungsversuche gemacht wurden, ununterbrochen in den wahren Tod überging.

Leider weiß man heute noch nicht, wie lange bei Erfrorenen dieser Scheintod dauern kann, ob fünf bis sechs Tage, wovon viele Beispiele existiren, oder ob noch viel länger.

Wir haben schon im Eingang auf den verderblichen Einfluß einer unvorsichtigen Erwärmung bei Erfrorenen hingewiesen. Wird dieselbe zu rasch bewerkstelligt, so tritt eine so heftige Reaktion ein, daß die Behandelten daran sicher zu Grunde gehen.

Gefrorenes und wieder aufgethautes Blut ist zwar noch roth, aber lackfarben. Der Blutfarbstoff hat sich von den Blutzellen getrennt. Solches aufgethaute Blut erzeugt im normalen Blute Gerinnungen, und man kann sogar ein gesundes Thier tödten, wenn man aufgethautes Blut in seine Gefäße spritzt. Anders aber gestaltet sich der Vorgang bei Erfrorenen, welche sehr langsam erwärmt und belebt werden.

Wird eine ganz kleine Menge des erfrorenen Blutes wieder aufgelöst und dem Organismus zugeschwemmt, so wird derselbe diese kleine Menge Gift überwinden.

Aus diesem Grunde darf auch, wenn man bei Erfrorenen Wiederbelebungsversuche anstellt, die Erwärmung und Flüssigmachung der Säfte nur langsam vor sich gehen. Am besten legt man Erfrorene in Schnee und reibt sie mit Schnee, nimmt sogar öfters wieder frischen Schnee, und ersetzt dann diesen durch recht kaltes Wasser. Endlich giebt man in einem ungeheizten Zimmer ein kaltes Bad, reibt Brust und Herzgrube recht mit frischem Wasser; dann erst kann man den Erfrorenen in ein kaltes Bett legen, mit kalten Decken einhüllen und ihm ein kaltes Wasserklystier geben.

Einige blasen mit einem Blasbalge frische Luft in ein Nasenloch, während sie das andere Nasenloch und den Mund gut zuhalten. Allein nach meiner Erfahrung kommt hierbei die Luft weit mehr in den Magen als in die Lungen. Will man eine künstliche Athmung einleiten, so ist es viel besser, abwechselnd des Kranken Arme fest an seine Brust hin zu drücken und dann wieder über seinen Rumpf hinauf zu heben, oder noch einfacher, mit unseren beiden Händen langsam (alle zwei bis drei Sekunden) Brust und Bauch des Erfrorenen zusammenzupressen.

Bemerkt man leise Lebenszeichen, etwa zuckende Bewegung der Augen oder Veränderung der Lippenfarbe oder einen leisen Athmungsversuch, so kitzelt man mit einer Feder die Nase, träufelt belebende Flüssigkeiten in Mund und Schlund: Wein, Kognak, Hirschhorngeist etc. Kommen deutlichere Lebenszeichen, so gießt man von den ebengenannten Belebungsmitteln ein paar Kaffeelöffel voll in den Mund und läßt auch ein Klystier mit einem Löffel Wein oder Kognak geben, während man die Haut mit Spirituosen reiben läßt und den Kranken in ein erwärmtes Bett bringt. Eine Tasse warme Suppe oder schwarzer Kaffee, auch ein gutes Glas Bier ist jetzt das Geeignetste. Sollte aber die Aufregung zu stark werden, so gebe man ein laues Bad und beruhigende Mittel, etwa ein Glas Mandelmilch oder eine kleine Dosis Morphium.

In den gewöhnlichen Verhältnissen unseres Lebens werden jedoch derartige Unglücksfälle nur selten zur Beobachtung kommen; desto zahlreicher sind aber die Klagen über erfrorene Finger und Zehen, Ohren und Nasen, über quälende Frostbeulen, auf die wir am Schluß dieses Artikels eingehen werden.

(Schluß folgt.)

Sankt Michael.

Roman von E. Werner.
(Fortsetzung.)

Auf der süddeutschen Eisenbahnstation E. herrschte jetzt ein unglaublich gesteigerter Verkehr; denn das an sich ziemlich unbedeutende Städtchen war Knotenpunkt dreier Bahnlinien und lag auf dem direkten Wege zum Rhein. Tag und Nacht rollten die Militärzüge, welche die Armee nach den Westgrenzen beförderten, und die Stadt selbst war überfüllt mit Truppen.

Einige hundert Schritt vom Bahnhofe entfernt lag ein Gasthaus niederen Ranges, das sonst nur von der Landbevölkerung besucht wurde und jedenfalls nicht für die Fremden paßte, die vor einer Stunde hier angelangt waren: eine junge, anscheinend sehr vornehme Dame, in Begleitung eines alten Geistlichen und eines Dieners. Das kleine niedrige Gemach, welches man ihnen eingeräumt hatte, war sehr dürftig und unsauber, und doch war es das einzige Unterkommen, das sie hatten finden können.

Die Dame, die, das Haupt in die Hand gestützt, am Tische saß, trug Trauerkleiduug und sah bleich und ernst aus, aber das vermochte nicht die Schönheit des Gesichtes zu beeinträchtigen, welches sich aus dem schwarzen Kreppschleier hob. Ihr gegenüber hatte der Geistliche Platz genommen, der soeben sagte:

„Ich fürchte, wir werden einstweilen hier bleiben müssen. Der Diener ist vergebens durch die ganze Stadt gelaufen, die Hôtels sind überfüllt und auch sämmtliche Privatzimmer besetzt. Für die Nacht mag das noch angehen; aber länger können Sie doch unmöglich in solchen Umgebungen verweilen, Gräfin Hertha.“

„Weßhalb nicht?“ fragte Hertha gelassen. „Wir werden auch morgen keine Wahl haben, und in einer Zeit wie der jetzigen muß man sich der Nothwendigkeit fügen.“

Der Begleiter, es war der Pfarrer von Sankt Michael, blickte mit einiger Verwunderung auf die verwöhnte junge Gräfin, [895] die unter anderen Umständen sehr ungeduldig und empört gewesen wäre, wenn man ihr auch nur für eine Nacht derartige Umgebungen zugemuthet hätte, die sie jetzt ohne ein Wort der Unzufriedenheit hinnahm.

„Es wäre aber gar nicht nothwendig gewesen,“ wandte er ein. „Michael schrieb Ihnen ja ausdrücklich, daß er erst übermorgen mit seinem Regimente die Stadt passiren und Ihnen jedenfalls vorher noch ein Telegramm senden würde. Bis dahin hätten wir ruhig in Berkheim bleiben können.“

Hertha schüttelte verneinend das Haupt.

„Berkheim ist volle vier Stunden entfernt; jene Bestimmung kann geändert werden, das Telegramm sich verzögern und ich könnte zu spät eintreffen. Nur hier erfahre ich mit voller Gewißheit, wann das Regiment wirklich eintrifft. Schelten Sie nicht, Hochwürden! Ich muß Michael Lebewohl sagen, mit dem Gedanken, daß er vielleicht in den Tod geht – da ist selbst die bloße Möglichkeit des Verfehlens schrecklich.“

Valentin sah nicht aus, als ob er schelten wolle; aber im Stillen bewunderte er doch die Macht, die Michael über das stolze eigenwillige Mädchen gewonnen hatte.

„Ich danke dem Himmel, daß es mir wenigstens vergönnt war, Sie zu geleiten,“ sagte er. „Der Pfarrer von Tannheim war auf meine Bitte sofort bereit, mir seinen Kaplan zu senden, der mich einstweilen vertritt. Ich bringe Sie jedenfalls noch nach Berkheim zurück.“

Die junge Gräfin reichte ihm mit inniger Dankbarkeit die Hand.

„Ich habe ja auch Niemand als Sie allein! Mein Vormund zürnt mir, wie ich es freilich voraussah. Er hat meinen Brief nicht einmal beantwortet, und Tante Hortense war so außer sich, als sie die ganze Wahrheit und meine Verlobung mit Michael erfuhr, daß ich nach dieser Scene um keinen Preis länger in Steinrück geblieben wäre, wie wehe es mir auch that, so schnell von der Gruft meiner Mutter zu scheiden. – Ich bedauere nur, daß ich auch Ihnen so viel Anstrengungen und Unannehmlichkeiten zumuthen muß, Hochwürden. Ich fürchte, man hat Sie noch weit schlechter einquartiert als mich.“

„Für den Augenblick habe ich ein Kämmerchen im Erdgeschoß, das allerdings nicht sehr einladend ist,“ sagte Valentin lächelnd. „Der Wirth hat mir aber das Giebelzimmer im oberen Stock für die Nacht zugesagt, da die Fremden, welche es augenblicklich inne haben, schon mit dem Abendzuge abreisen. Die Zeit dürfte nun wohl herangekommen sein, und ich werde jetzt bei ihm anfragen.“

Er erhob sich und ging hinaus; auch Hertha stand auf und trat an das Fenster, das sie öffnete. Der Tag war glühend heiß gewesen, und auch der Abend brachte keine Kühlung. Es lagerte dumpf und gewitterschwül über der Erde. Kein Stern funkelte an dem dichtbewölkten Himmel, aber am Horizont blitzte von Zeit zu Zeit ein Wetterleuchten auf, das ferne, dunkle Bergzüge entschleierte. Von drüben her blinkten die Lichter des Bahnhofes, und dicht am Hause vorüber zog der Fluß, der aus dem Dunkel zu kommen und sich wieder in die Nacht zu verlieren schien. Nur das Rauschen und Strudeln der Wellen gab Kunde von seinem Dasein.

Die junge Gräfin lehnte die heiße Stirn an die Mauer; sie wollte standhaft sein. Michael sollte keine Verzweiflung sehen, die ihm den Abschied noch schwerer machte; aber jetzt war sie ja allein und durfte weinen. Der Tod der Mutter, der Kampf mit ihrer Familie: das Alles ging unter in der bebenden Angst um den Geliebten, den sie vielleicht nur gewonnen hatte, um ihn wieder zu verlieren.

Da ertönten Stimmen dicht unter dem Fenster. Vor der Hausthür stand der Wirth mit einem Fremden, und Hertha vernahm, daß von dem versprochenen Zimmer die Rede war. Der Wirth erkundigte sich höflich, wann die Herrschaften abzureisen gedächten; es warte schon Jemand auf ihr Zimmer, und der Fremde entgegnete, er habe soeben auf dem Bahnhofe erfahren, daß der Abendzug zwei Stunden später abgehe; so lange werde er noch mit seiner Dame bleiben. Die Stimme machte die junge Gräfin aufmerksam. Sie kannte dies ziemlich geläufige, aber mit einer fremdartigen Betonung gesprochene Deutsch, und jetzt erkannte, sie auch, beim Scheine der vor dem Eingange brennenden Laterne, den Sprechenden, Henri Clermont, der jedenfalls mit seiner Schwester auf dem Rückwege nach Frankreich war, da er von seiner Dame sprach.

Mit einer peinlichen Empfindung trat Hertha vom Fenster zurück. Bis vor Kurzem waren ihr die Beiden nur oberflächliche Bekannte gewesen, mit denen sie hier und da flüchtig zusammentraf. Erst in der letzten Zeit hatte sie von den Beziehungen der Frau von Nérac zu ihrem früheren Verlobten erfahren. Wenigstens ließ sich jetzt eine zufällige Begegnung vermeiden, und die junge Gräfin beschloß, in den nächsten zwei Stunden ihr Zimmer nicht zu verlassen.

Drüben auf dem Bahnhofe herrschte inzwischen noch Lärm und Leben, trotz der späten Stunde. Züge kamen und gingen: Signale wurden gegeben, und der Perron war dicht gefüllt mit Reisenden und Nichtreisenden, die da fragten, warteten oder zu einem unfreiwilligen Aufenthalte verurtheilt waren.

Dies letzte Schicksal hatte auch die Insassen des Personenzuges getroffen, der vor einer halben Stunde angelangt war, allerdings auch schon mit mehrstündiger Verspätung. Man hatte ihnen eröffnet, daß es vorläufig nicht weiter ginge, da außer dem Militärzuge, der soeben heranbrauste, noch andere Truppen erwartet würden, und daß sie warten müßten, bis die Bahn wieder frei sei. Sie hatten sich denn auch geduldig in die Nothwendigkeit gefunden, bis auf einen einzigen Passagier, der die Verzögerung sehr schwer zu empfinden und große Eile zu haben schien. Er hatte eine einsame, halbdunkle Stelle des Bahnhofes aufgesucht und ging nun hier mit allen Zeichen einer brennenden Ungeduld auf und ab, während er alle fünf Minuten die Uhr hervorzog. Plötzlich jedoch blieb er stehen und trat noch weiter in den Schatten zurück; denn ein Officier, der mit jenem Militärzuge gekommen war, schritt im Gespräch mit dem Inspektor des Bahnhofes gerade nach jener Stelle.

„Also der Kurierzug ist ohne besonderen Aufenthalt passirt?“ fragte er. „Aber der Personenzug, der heute Mittag abging, mußte liegen bleiben? Sind die Reisenden noch sämmtlich hier?“

„Gewiß, Herr Hauptmann,“ versetzte der Beamte. „Sie warten auf die Weiterbeförderung, aber damit hat es noch gute Wege.“

Der einzelne Reisende schien die Stimme zu kennen und eine Begegnung vermeiden zu wollen, denn er wandte sich hastig nach einer anderen Richtung. Aber gerade diese Bewegung verrieth ihn dem Officier, dessen scharfe Augen das Halbdunkel durchdrangen. Er rief dem Beamten einen flüchtigen Dank zu und holte mit wenigen Schritten den Fremden ein, dem er geradezu den Weg vertrat.

„Graf Raoul Steinrück!“

Dem jungen Grafen war das Zusammentreffen sehr unerwünscht; das sah man, aber er hielt es für ein rein zufälliges – der Officier war mit seinem Regimente jedenfalls auf dem Wege nach dem Kriegsschauplatze. So blieb er denn stehen und fragte schroff: „Sie wünschen, Hauptmann Rodenberg?“

„Ich wünsche zunächst, Sie unter vier Augen zu sprechen.“

„Ich bedaure, ich habe Eile.“

„Ich auch! Aber ich hoffe, wir können die betreffende Sache in der Kürze abmachen.“

Raoul zögerte noch einen Augenblick, dann rief er dem Beamten, der noch in der Nähe stand, zu:

„Wie lange wird der Aufenthalt des Personenzuges dauern?“

„Mindestens noch eine Stunde,“ versetzte der Inspektor achselzuckend, indem er weiter ging. Raoul wandte sich zu Rodenberg:

„Gut, ich bin bereit, aber hier auf dem Bahnhofe, wo jedes Wort gehört wird, können wir doch nicht –“

„Nein, aber dort drüben liegt ein kleines Gasthaus, das wir aufsuchen können; es ist in unmittelbarer Nähe.“

„Wenn die Sache sich nicht aufschieben läßt – meinetwegen! Ich bitte aber kurz zu sein, da ich, wie Sie sehen, weiter will,“ sagte der junge Graf hochmüthig, indem er sich nach der bezeichneten Richtung wandte. Michael folgte ihm auf dem Fuße, ohne ihn einen Moment aus den Augen zu lassen; er schien jedoch etwas überrascht durch diese Fügsamkeit.

Sie traten in das Haus und in die öde, halbdunkle Gaststube, wo sich Niemand mehr befand. Der Wirth führte sie in das anstoßende kleine Gemach, das für vornehmere Gäste bestimmt zu sein schien. Er brachte ein Licht, erkundigte sich nach dem Begehr der Herren und verschwand dann. Die Beiden waren allein.

Raoul stand in der Mitte des Zimmers. Er war todtenbleich; seine Augen brannten wie im Fieber, und so sehr er sich

[896]

Der Trompeter von Säckingen.
Von Robert Aßmus.
Oelgemälde im Besitz von Wimmer u. Co., Photographie im Verlag von Franz Hanfstängl in München.

[897] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [898] auch Mühe gab, die furchtbare Aufregung seines ganzen Wesens zu beherrschen – sie verrieth sich nur zu sehr.

„Ich glaube, Zeit und Ort sind schlecht gewählt zu einer Aussprache,“ sagte er. „Aber sei es darum! Wir haben allerdings noch abzurechnen wegen der Eröffnungen, die Sie im Namen der Gräfin Hertha meinem Großvater machten. Ich hätte Sie jedenfalls später deßwegen zur Rede gestellt.“

„Darum handelt es sich jetzt nicht,“ unterbrach ihn Michael kalt. „Ich habe eine andere Frage an Sie zu richten. Sie sind auf dem Wege nach Straßburg – was wollten Sie dort?“

„Was soll der Ton?“ rief Raoul empört. „Sie vergessen, daß Sie mit dem Grafen Steinrück sprechen.“

„Ich spreche im Namen des Generals Steinrück, der mich gesandt hat, um die Papiere zurückzufordern, welche Sie bei sich tragen, und deren Werth Sie eben so gut kennen wie ich.“

Der junge Graf zuckte zusammen, als habe ihn ein Schlag getroffen.

„Die Papiere? Mein Großvater glaubt –?“

„Er und ich! Und ich denke, wir haben ein Recht dazu. Bitte, keine Weitläufigkeiten! Ich habe nicht viel Zeit zu verlieren und bin entschlossen, nöthigenfalls Gewalt anzuwenden. Wollen Sie es darauf ankommen lassen?“

Raoul starrte ihn noch immer wie geistesabwesend an; plötzlich aber schlug er die Hände vor das Gesicht und stöhnte auf:

„Ah – das ist furchtbar!“

„Sparen Sie die Komödie!“ sagte Rodenberg herb. „Mich täuschen Sie nicht damit. Der Schreibtisch des Generals ist erbrochen, das Schriftstück gestohlen, und der Diener, der unvermuthet das Arbeitszimmer betrat, fand den Dieb –“

Ein wilder Aufschrei Raoul’s unterbrach ihn; und Raoul machte eine Bewegung, als wolle er sich auf ihn stürzen. Michael trat zurück und legte die Hand an seinen Degen.

„Mäßigen Sse sich, Graf Steinrück! Sie haben das Recht auf schonendere Behandlung verloren.“

„Es ist aber eine Lüge!“ brach Raoul jetzt mit furchtbarer Heftigkeit aus. „Nicht ich – Henri Clermont war es!“

„Ich habe niemals daran gezweifelt, daß Clermont der Anstifter war, sah ich ihn doch selbst zu jener Stunde in den Park schleichen. Die Hand zu dem schmachvollen Werke lieh ein Anderer; der Fremde, der Franzose hatte schwerlich Zutritt zu den Zimmern des Generals.“

„Aber zu den meinigen! – Er hatte den Schlüssel zur Gartenpforte und zu meinem Schlafzimmer. Mein Großvater war stets gegen ihn eingenommen; meine Mutter war es zuletzt auch; wir wollten uns der ewigen Kontrolle, den ewigen Vorwürfen bei Henri’s Besuchen entziehen. Ich ahnte ja nicht, zu welchem Zwecke er den Schlüssel von mir forderte!“

Michael lehnte mit gekreuzten Armen am Tische und verwandte kein Auge von dem Sprechenden; aber man sah es, daß er der Erzählung nicht glaubte.

„Also der Sohn des Hauses öffnete dem Spion die Thüren? Und wie gelangte dieser zu dem Geheimfach, das jedem Fremden verborgen war? Wie fand er die Feder, deren Druck es allein zu öffnen vermochte?“

„Er kannte meinen Schreibtisch, der die gleiche Vorrichtung enthält; es ist ein Geschenk meines Großvaters, nach dem Muster des seinigen angefertigt.“

„Ah so – nun weiter!“

Raoul ballte krampfhaft die Hände.

„Rodenberg, treiben Sie mich nicht zum Schlimmsten! Sie haben einen Verzweifelnden vor sich, der nichts mehr schont. Sie müssen mir glauben, müssen meinem Großvater den furchtbaren Verdacht nehmen; sonst würde ich diesem Ton und dieser Miene nicht Rede stehen. – Ich kam gestern spät nach Hause und fand die stets verschlossene Thür offen, die meine Zimmer mit denen des Generals verbindet und zu der nur wir Beide den Schlüssel haben. Das weckte meinen Verdacht; ich trat in das Arbeitszimmer und fand den Mann, den ich bisher Freund genannt hatte –“

„Bei seinem Geschäft!“ ergänzte Michael, „Sie scheinen ihn nicht darin gestört zu haben, da er Zeit fand, den Raub zu vollbringen.“

„Er hatte ihn bereits vollbracht! Während ich noch fassungslos dastand, niedergeschmettert von der schrecklichen Entdeckung, hörten wir die Thür des Vorzimmers öffnen, hörten nahende Schritte. Henri faßte in Todesangst meinen Arm und beschwor mich, ihn zu retten. Er war verloren bei der Entdeckung; das wußte ich, und da stürzte ich nach der Thür und verhinderte dem Diener einzutreten mit der Erklärung, daß ich hier sei. Als der Mann sich zurückgezogen hatte und ich mich umwandte, war Clermont – entflohen.“

„Und Sie eilten ihm nicht nach, jagten ihm seinen Raub nicht ab? Sie theilten dem General nicht mit, was geschehen war?“

Raoul’s Auge sank scheu zu Boden, und kaum hörbar entgegnete er:

„Es war mein nächster, bester Freund, der Bruder einer Frau, die ich bis zum Wahnsinn liebte und die ich damals noch für schuldlos hielt. Am nächsten Morgen eilte ich zu ihnen; sie waren abgereist, und eine Stunde später wurde mir eine andere furchtbare Enthüllung – da setzte ich jede Rücksicht bei Seite und jagte ihnen nach.“

Er schwieg wie erschöpft und lehnte sich auf den Stuhl. Michael hatte anscheinend ruhig zugehört, aber es zuckte verächtlich um seine Lippen, und jetzt richtete er sich empor.

„Sind Sie zu Ende? Meine Geduld ist es auch; ich kam nicht hierher, um Märchen zu hören. Her die Papiere, oder Sie zwingen mich, Gewalt zu brauchen!“

„Sie glauben mir nicht?“ fuhr Raoul auf. „Noch immer nicht?“

„Nein, ich glaube kein Wort von dem ganzen Lügengewebe! Zum letzten Male, liefern Sie mir die Papiere aus, oder, beim ewigen Gott, ich mache das Wort wahr, das mein Großvater mir beim Abschiede zurief: entreiße sie dem Lebenden oder – dem Todten!“

Ein Schauer flog durch den Körper des jungen Grafen – da war sie wieder, die seltsame Aehnlichkeit! Er kannte diese flammenden Augen, diese Stimme mit ihrem ehernen Klang; war es ihm doch, als stehe sein Großvater selbst vor ihm und spreche ihm das Todesurtheil.

„So vollziehen Sie Ihren Auftrag!“ sagte er dumpf. „Und dann überzeugen Sie sich, daß der – Todte nicht gelogen hat.“

Es lag etwas in dieser dumpfen Ergebung, was mächtiger wirkte als die leidenschaftlichsten Betheuerungen. Auch Michael verschloß sich diesem Eindrucke nicht. Er wußte, daß Raoul genug persönlichen Muth besaß, um etwas, das er sich nicht entreißen lassen wollte, auf Leben und Tod zu vertheidigen, und zu ihm tretend legte er die Hand schwer auf seinen Arm.

„Graf Raoul Steinrück, im Namen des Mannes, von dem wir Beide stammen, fordere ich die Wahrheit. Sie haben die Papiere nicht, an denen die Sicherheit unserer Armee hängt?“

„Nein!“ sagte Raoul tonlos, aber fest, und zum ersten Male begegnete sein scheues Auge wieder dem des Fragenden.

„Dann hat sie also Clermont?“

„Zweifellos – sie müssen in seinen Händen sein.“

„So verliere ich hier nutzlos die Zeit; dann heißt es ihm nachjagen und ihn einholen! Der Zug, der mich gebracht hat, geht in einer halben Stunde weiter – ich muß nach dem Bahnhofe!“

Er wandte sich zum Gehen, aber der junge Graf hielt ihn zurück.

„Nehmen Sie mich mit! Verschaffen Sie mir einen Platz in dem Militärzuge! Wir haben den gleichen Weg –“

„Nein, den haben wir nicht!“ unterbrach ihn Michael eisig. „Bleiben Sie zurück, Graf Steinrück! Ich werde wahrscheinlich in den Fall kommen, Herrn von Clermont mit der Pistole in der Hand die Papiere abzuzwingen, und Sie könnten sich im entscheidenden Augenblick doch wieder erinnern, daß es Ihr ‚nächster, bester Freund‘ ist und daß Sie seine Schwester ,bis zum Wahnsinn lieben‘.“

„Rodenberg, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort –“

Ihr Ehrenwort?

Es war nur eine kurze Frage, aber sie klang so vernichtend, daß Raoul verstummte. Der Hauptmann fuhr in demselben mitleidslosen Tone fort:

„Wenn Sie das Schlimmste nicht thaten, so haben Sie das Schlimmste doch zugelassen und mit Ihrer Person gedeckt. Hochverrath ist Eins wie das Andere; der Hehler ist so schlimm wie der Dieb – das ist meine Meinung von der Sache.“

Er ging, ohne einen Blick zurück zu werfen. Als er den Hausflur durchschritt, wurde eine der Thüren geöffnet, und Valentin erschien auf der Schwelle. Er stand einen Augenblick wie erstarrt vor Ueberraschung und trat dann rasch vor.

[899] „Michael! Du bist es?“

„Hochwürden!“ klang es in der gleichen Ueberraschung zurück. „Sie hier?“

„Die Frage gebe ich Dir zurück. Du bestimmtest uns ja erst übermorgen, und hätte Hertha nicht, wie von einer Ahnung getrieben, die Abreise beschleunigt –“

„Hertha ist hier? Mit Ihnen? Wo ist sie?“ fiel Michael stürmisch ein, und als der Pfarrer auf die Thür im oberen Stock deutete, die auf die Treppe mündete, hörte Michael nichts weiter, sondern war in drei Sprüngen die Treppe hinauf, riß die Thür auf, und in der nächsten Minute lag Hertha in seinen Armen.

So leidenschaftlich und zärtlich dies Wiedersehen war, so kurz war es auch. Rodenberg hielt seine Braut noch umfaßt; aber das erste Wort, das er zu ihr sprach, war ein Abschiedswort.

„Ich kann nicht bleiben! Nur sehen wollte ich Dich, nur im Fluge einen Augenblick des Glückes erhaschen – ich muß fort!“

„Fort?“ wiederholte Hertha, die sich noch halb betäubt von Schreck und Freude an ihn schmiegte. „Jetzt, in der Minute des Wiedersehens? Das kann nicht Dein Ernst sein.“

„Ich muß,“ beharrte er. „Vielleicht ist uns übermorgen noch ein Wiedersehen gegönnt.“

„Vielleicht nur! Und wenn es nun nicht geschieht? Hast Du zum Lebewohl nicht einmal eine Viertelstunde für mich übrig?“

„Meine Hertha, Du ahnst nicht, was es mich kostet, Dich jetzt zu verlassen; aber die Pflicht ruft – ich muß gehorchen!“

Die Pflicht! Hertha hatte dies eiserne Wort oft genug von dem General gehört und kannte seine Bedeutung. Ein paar beiße Thränen rollten aus ihren Angen, aber sie machte keinen Versuch mehr, den Geliebten zu halten. Er preßte seine Lippen noch einmal auf die ihrigen.

„Lebewohl! Und noch Eins – Raoul ist hier. Er könnte trotz alledem einen Versuch machen, sich Dir zu nahen, wenn er Dein Hiersein erfährt. Versprich mir, ihn nicht zu sehen oder zu sprechen.“

Ein verächtlicher Ausdruck flog über die Züge der jungen Gräfin.

„Er wird es nicht wagen, das verbietet ihm schon ihre Nähe.“

„Wessen Nähe? Wen meinst Du?“ fragte Michael, der in höchster Spannung aufhorchte.

„Heloise von Nérac!“

„Sie ist hier? Und Clermont –?“

„Auch er.“

„Gott sei gelobt! Wo – wo sind sie?“

„Hier im Hause, in dem Giebelzimmer – aber so erkläre mir doch –“

„Ich darf nicht! Frage mich nicht, folge mir nicht! Es hängt Alles davon ab, daß ich sie finde, und dann – dann darf ich auch bei Dir bleiben.“

Er stürmte hinaus, an dem Pfarrer vorüber, der ihm gefolgt war und nun erstaunt und bestürzt dastand; auch Hertha begriff diese Scene nicht, aber sie klammerte sich an das letzte Wort des Forteilenden: „Dann darf ich bei Dir bleiben!“

Das Giebelzimmer, wo ein einsames Licht brannte, war noch dürftiger ausgestattet als die anderen Räume; aber die Fremden, die heute Mittag angelangt waren, hatten ohne viel Wahl und Besinnen genommen, was man ihnen anbot, da sie nur bis zum Abend zu bleiben dachten. Sie waren Beide in Reisekleidung und augenscheinlich jede Minute zur Abfahrt bereit. Henri Clermont ging unruhig im Zimmer auf und nieder, während Heloise in dem alten Lehnstuhl saß, der hier die Stelle eines Sofas vertrat.

„Wieder ein Aufschub von zwei Stunden!“ sagte sie in einem Tone, der fast verzweifelt klang. „Es scheint, als sollten wir niemals vorwärts kommen. Wir hofften morgen früh schon die Grenze zu erreichen, aber daran ist jetzt nicht mehr zu denken.“

„Und das ist einzig und allein Deine Schuld!“ fiel Henri gereizt ein. „Welche grenzenlose Unvorsichtigkeit, französisch zu sprechen, als wir nach dem Wagenwechsel wieder einsteigen wollten! Du mußtest doch wissen, daß die aufgeregte Menge auf dem Bahnhofe das für eine Herausforderung nehmen und uns insultiren würde.“

„Konnte ich denn wissen, daß der deutsche Pöbel so empfindlich ist? Uebrigens waren es nur einzelne Schreier; das Publikum legte sich selbst ins Mittel und nahm uns in Schutz; das spätere Einschreiten der Beamten war gar nicht mehr nothwendig.“

„Ganz recht, aber über diesem Einschreiten und Beschwichtigen ging der Zug ab, während wir, von allen Seiten umdrängt, nicht an den Wagen gelangen konnten. Wir haben einen halben Tag verloren, jetzt, wo an jeder Minute unsere Sicherheit hängt! Ueberdies haben wir die allgemeine Aufmerksamkeit auf uns gezogen und müssen froh sein, daß wir in diesem elenden Gasthofe unbemerkt verschwinden konnten. Wir dürfen uns erst kurz vor der Abfahrt wieder auf dem Bahnhofe zeigen; man könnte trotz alledem auf unserer Spur sein.“

„Unmöglich! Selbst wenn die Sache schon entdeckt sein sollte, Raoul wird jedenfalls schweigen.“

„Raoul hat sich wie ein Unsinniger benommen!“ sagte Clermont heftig. „Es fehlte nicht viel, daß er Lärm machte und mich verrieth. Hätte ich ihm nicht zugeraunt: ‚Denke an Heloise! Sie ist mit mir verloren!‘ er hätte mich preisgegeben.“

„Und jetzt wird der ganze Sturm auf ihn hereinbrechen – wenn wir in Sicherheit sind!“

Heloisens Stimme bebte doch etwas bei den Worten, aber Clermont zuckte ungeduldig die Achseln.

„Das läßt sich nun einmal nicht ändern. Ich oder Raoul! Es gab keine andere Wahl, nachdem die Sache so weit gekommen war.“

Die Unterredung war selbstverständlich französisch, aber in so leisem Tone geführt worden, daß man außerhalb des Zimmers kein Wort vernehmen konnte. Jetzt aber sank die Stimme Henri’s vollends zum Flüstern herab, als er zu seiner Schwester trat:

„Du hast ihn nicht leicht aufgegeben, ich weiß es; aber der Preis ist das Opfer werth. Was ich hier bei mir trage, sichert unsere ganze Zukunft. Daraufhin können wir jede Bedingung stellen, man wird sie uns –“

Er brach plötzlich ab und wandte sich nach der Thür, die geöffnet wurde, und Heloise fuhr mit einem Ausruf des Schreckens empor. In dem Augenblick, wo sie den Mann erblickte, der dort auf der Schwelle stand, wußte sie auch, daß es aus war mit allen Plänen und Berechnungen. Sie hatte diese „kalten, stahlharten Augen“ nicht umsonst gefürchtet; sie brachten ihr und dem Bruder jetzt das Verderben.

Rodenberg schloß die Thür und näherte sich den Beiden.

„Herr von Clermont, ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, weßhalb ich hier bin. Ich hoffe, Sie ersparen mir alle Umstände; dann können wir in fünf Minuten mit einander fertig sein.“

Clermont war leichenblaß geworden, aber er machte doch einen Versuch, seine Fassung zu behaupten.

„Wovon sprechen Sie, Herr Hauptmann? Ich verstehe Sie nicht.“

„So muß ich wohl deutlicher reden. Ich wünsche die Papiere, die aus dem Schreibtische des General Steinrück gestohlen sind. – Bitte, lassen Sie die Finger von Ihrer Brusttasche, Sie sehen, ich habe auch eine Pistole zur Hand, und ich schieße vermuthlich besser als Sie. Uebrigens dürfte es für Sie sehr unangenehm sein, wenn hier Schüsse gewechselt werden; der Bahnhof ist in unmittelbarer Nähe und von Truppen überfüllt, da dürfte eine Flucht unmöglich sein. Also fügen Sie sich!“

Clermont hatte in der That die Hand sinken lassen, die sich vorhin an der Brusttasche zu schaffen machte.

„Und wenn ich mich weigere?“ fragte er mit zusammengebissenen Zähnen.

„So haben Sie die Folgen zu tragen! Der Krieg ist erklärt, und das Standrecht kennt ein sehr abgekürztes Verfahren für Spione. Ich lasse Ihnen die Wahl; ein Wort von mir, und Sie sind verloren.“

„Sie werden aber dies Wort nicht sprechen,“ sagte Clermont höhnisch. „Denn alsdann würde auch ich reden, und was ich zu sagen habe, dürfte einem der kommandirenden Generale Ihrer Armee mehr als unangenehm sein.“

Die Drohung traf einen wunden Punkt, aber Michael brach ihr mit schneller Geistesgegenwart die Spitze ab.

„Sie irren,“ entgegnete er kühl. „Graf Raoul Steinrück ist hier, mit mir auf Ihrer Spur, und um dieser Entdeckung willen wird man ihm wohl die Bestürzung und Kopflosigkeit eines Augenblickes verzeihen. Jetzt aber genug der unnützen [900] Worte! Soll ich Gewalt brauchen? Mein Schuß ruft das ganze Haus herbei.“

Er stand da, die Pistole in der erhobenen Rechten, ohne einen Blick von dem Gegner zu verwenden, der nun wohl einsah, daß sein Spiel verloren sei. Clermont war kein Feigling im gewöhnlichen Sinne des Wortes; aber er wußte, daß er den Kampf mit diesem Manne nicht aufnehmen konnte, und seine letzte Waffe, die Betheiliguug Raoul’s an dem Verrathe, wurde ihm aus der Hand gewunden. Er glaubte in der That, Raoul selbst habe die Entdeckung herbeigeführt. Nach einem Augenblick des Zögerns zog er langsam die Papiere hervor, die er auf der Brust verborgen hatte, und reichte sie dem Hauptmanne, der sie in Empfang nahm, ohne seine drohende Stellung aufzugeben.

„Ziehen Sie sich an das Fenster zurück,“ befahl er. „Ich werde prüfen, ob das Packet unversehrt ist.“

Clermont gehorchte und trat an das Fenster, wohin sich Heloise längst geflüchtet hatte. Michael riß den Umschlag ab, der die Adresse des Generals trug und augenscheinlich geöffnet worden war. Die Aufschrift der Papiere verrieth deren Inhalt; aber die Siegel selbst waren unverletzt, und nach einer kurzen, aber scharfen Prüfung steckte er sie zu sich.

Henri hatte inzwischen seiner Schwester etwas zugeflüstert, die sich jetzt scheu und zögernd dem jungen Officier näherte.

„Herr Hauptmann – wir sind in Ihren Händen.“

Die Worte klangen flehend, angstvoll, aber als sie vor dem Hauptmann stand und das Auge zu ihm emporhob, da traf auch ihn jenes seltsame, blitzartige Aufsprühen, das den Männern so gefährlich war und das Raoul ins Verderben gezogen hatte, aber hier traf es auf einen Eisesblick.

„Der Weg zum Bahnhofe steht Ihnen und Ihrem Bruder frei,“ sagte Michael kalt. „Ich lege Ihrer Abreise kein Hinderniß mehr in den Weg, aber ich hoffe, Sie werden in Zukunft ein anderes Land als das deutsche mit Ihrer Thätigkeit beglücken, gnädige Frau.“

Heloise zuckte zusammen; eine Drohung hätte sie nicht so verletzt wie dieser grenzenlos verächtliche Ton.

Als Rodenberg die Treppe wieder herunter kam, trat ihm sein alter Lehrer entgegen, der ihn hier erwartet hatte.

„Michael, um Gotteswillen, was geht droben vor? Gräfin Hertha ist in Todesangst, und ich bin es mit ihr; aber wir wagten nicht, Dir zu folgen.“

„Beruhigen Sie Hertha, sagen Sie ihr, ich käme sogleich! Ich habe nur noch Eins zu erledigen und bin in fünf Minuten bei ihr.“

Er warf dem Pfarrer die Worte nur im Vorbeieilen zu und schritt dann durch das Gastzimmer nach dem kleinen Gemach, wo er Raoul noch fand.

Der junge Graf saß am Tische, den Kopf auf die Arme gelegt, in der Stellung eines völlig Gebrochenen. Er sah wohl auf, als der Hauptmann eintrat; aber es lag eine seltsame Starrheit und Leblosigkeit in seinen Zügen.

„Die drohende Gefahr ist beseitigt!“ sagte Michael. „Clermont und seine Schwester waren, durch irgend einen Zufall zurückgehalten, noch hier im Hause. Ich habe die Herausgabe des Raubes von ihnen erzwungen und glaube für ihr Schweigen bürgen zu können. Man giebt der Welt nicht gescheiterte Pläne preis, bei denen man eine so schmachvolle Rolle spielt, und von unserer Seite werden sie unbehelligt bleiben. Wir haben leider Grund, sie zu schonen, um der Ehre des Namens Steinrück willen. Der Name ist jetzt gerettet und Ihrer Rückkehr nach Hause steht nichts im Wege, Graf Raoul; man wird überhaupt nie erfahren, daß die Papiere in anderen Händen gewesen sind. Ich gebe noch in dieser Stunde meinem Großvater telegraphisch Nachricht, und morgen früh reise ich ab, um ihm selbst das Vermißte zu bringen – das war es, was ich Ihnen mittheilen wollte.“

Raoul hörte wie betäubt den Worten zu, die eine so furchtbare Last von seiner Seele nahmen; doch die unheimliche Starrheit wich nicht aus seinen Zügen. Er schien reden, vielleicht einen Dank aussprechen zu wollen; aber die eisige, tödliche Verachtung in dem Blick und der Haltung seines Vetters schloß ihm die Lippen. „Mein Großvater!“ das klang so selbstverständlich, so siegesgewiß. Freilich, Graf Michael hatte ja jetzt den Enkel gefunden, der Blut von seinem Blute war. Die Beiden gehörten zusammen und nach dieser That würde er ihm vollends die Arme öffnen.

Als Rodenberg gegangen war, erhob sich auch der junge Graf und verließ langsam mit wankenden Schritten das Gemach. Draußen vor der Thür legte er, wie sich besinnend, die Hand an die Stirn, trat aber scheu zurück in den Schatten der Mauer, als Leute aus dem Hause kamen. Er erkannte die beiden Gestalten, die an ihm vorüberhuschten und den Weg nach dem Bahnhofe einschlugen; aber er gab durch keinen Laut, keine Bewegung seine Anwesenheit kund. Die Nähe der Frau, die noch vor Kurzem sein ganzes Wesen in Flammen zu setzen wußte, machte jetzt kaum noch einen Eindruck auf ihn. Er wußte, daß sie ihm auf immer entschwand, und fühlte nicht einmal Schmerz dabei. In ihm war Alles so leer und todt, als sei jede Empfindung erstorben.

Da klang aus dem geöffneten Fenster über ihm eine Stimme nieder, die er erst vor wenigen Minuten gehört hatte; jetzt freilich klang sie in glühender Zärtlichkeit:

„Meine Hertha, vergieb, daß ich Dich so stürmisch verließ, ich mußte mir die Abschiedsstunde ja erst erkämpfen. Jetzt darf ich bei Dir bleiben, ohne eine Pflicht zu verletzen, aber keine Abschiedsthränen – noch sind wir ja beisammen!“

Und nun tönte eine andere Stimme, die der Lauschende gleichfalls kannte, und die ihm doch fremd erschien in dem weichen süßen Klange der hingebendsten Liebe, den er freilich nie vernommen hatte:

„Nein, Michael, Du sollst keine Thräne sehen! Ich will jetzt nur daran denken, daß Du da bist – das ist ja schon ein Glück!“

War das wirklich noch die frühere Hertha? Freilich, sie hatte ja lieben gelernt, und der Mann, der einst ihr Verlobter hieß, fühlte jetzt doch, was er hingeopfert hatte. Es zog ihn gewaltsam fort aus der Nähe der Glücklichen; er ging vorwärts, planlos und ziellos, immer weiter hinein in die Dunkelheit, immer an dem brausenden Flusse entlang, bis eine Mauer seinen Weg hemmte. Es waren die Pfeiler der Brücke, auf deren Bogen die Eisenbahn dahinging hoch über dem Flusse; hier unten rauschten die Wellen, und eine alte Weide tauchte ihre Zweige tief hinein.

Die Luft lastete noch immer schwer und schwül, aber das Wetter war näher gekommen; es leuchtete immer häufiger auf und immer greller zuckten die Blitze. Raoul lehnte sich an den Stamm der Weide und starrte unverwandt in das dunkle, strudelnde Wasser; er hatte Mühe, sich zum klaren Denken zu zwingen.

Was nun? Nach Hause zurückkehren? Er konnte morgen wieder dort sein, und es fand sich auch wohl ein Vorwand für seine kurze Abwesenheit. Niemand wußte, was geschehen war, außer Zweien, und die schwiegen um der Ehre des Namens Steinrück willen; aber der letzte Steinrück fühlte es doch, daß er seinem Großvater nun und nimmer mehr wieder unter die Augen treten könne. Dem Landesverräther hatte der eiserne Greis das Urtheil bereits gesprochen; der Schwächling, der den Verrath zuließ, der ihn verschwieg und deckte um eines Weibes willen, durfte ihm nicht wieder nahen. Raoul hatte ihn ja schon heute gesehen, diesen Blick voll eisiger, tödlicher Verachtung, und den würde er wiedersehen in dem Antlitz seines Großvaters Tag für Tag – lieber den Tod, als das ertragen!

Vom Bahnhofe herüber scholl Hurrahrufen, dem lauter Jubel antwortete. Die Menge grüßte die Truppen, die sich jetzt wohl zur Abfahrt rüsteten, und dort, hinter den matt erhellten Fenstern, nahm auch ein junger Krieger Abschied von seiner Braut, vielleicht auf Nimmerwiedersehen. Aber hier unten stand Einer, der Alles verloren hatte, Braut und Ehre und sogar – das Vaterland!

Der Militärzug brauste heran, und gerade als er die Brücke erreichte, flammte es wieder auf am Himmel. Einen Augenblick lang stand Alles im zuckenden, blendenden Lichte, die schweren, drohenden Wolkenmassen, die fernen, dunklen Berge und der schäumende Fluß; aber der Platz unter der alten Weide war leer und die Wellen spritzten hoch auf. Es war nur ein Moment, dann versank Alles wieder in Nacht, der Zug donnerte über die Brücke und im Westen blitzte es noch einmal auf mit leuchtenden, Strahle – das Flammenschwert Sankt Michael’s!

(Schluß folgt.)

[901]

An der Heimathsstätte des „Trompeters von Säckingen“.

„Grüner Bergsee, Tannendunkel
Seid viel tausendmal gegrüßt!“
Weihnachtsmorgen am Bergsee bei Säckingen. 
Originalzeichnung von R. Aßmus. 

Unter den altehrwürdigen vier Waldstädten des Badenlandes, die Jahrhunderte lang zur Habsburgischen Krone gehörten, ist Säckingen die meistgenannte. Aber dieses Städtlein würde heute kaum erwähnt werden, hätte nicht Scheffel’s „Trompeter“ seinen Ruhm in alle Welt geblasen.

Das Alter der Stadt reicht bis zur Zeit der Glaubensboten, bis zum heiligen Fridolin zurück, der im sechsten Jahrhundert, von Irland kommend, hier die rauhen Bewohner zum Christenthum bekehrte und eine Niederlassung gründete.

„Fridoline! Fridoline!
Leih’ auch fürder deinen Schutz uns,
Wolle gnädig vor Gefahren,
Krieg und Pestilenz uns wahren.“

Von der alten Stadt und deren Gebäuden ist wenig auf unsere Tage gekommen. Aber die denkwürdigen Bauten, von welchen Scheffel singt, schmücken noch die Stadt: der plumpe runde St. Gallus-Thurm, das Frauenstift und der von einem Thürmepaar gekrönte Fridolinsdom. Auch die Wirthschaft „Zum güldenen Knopf“ am Marktplatz erinnert uns an die „Herberg“ gleichen Namens, von der Scheffel erzählt.

Ein wohlgepflegter Park umgiebt das mit flankirenden Thürmen geschmückte Schlößchen Schönau, das in alter Zeit „Schönauer Hof“ genannt wurde. In dem dunkeln Grün alter Bäume liegt dasselbe mit seinen hellen, nach der Wetterseite schindelgedeckten Wänden wie ein sauberes Schmuckkästchen. Eine in der Nische stehende bronzene Statue des „Trompeters“ ist vom Besitzer des Schlosses „dem Andenken Viktor von Scheffel’s“ gewidmet. Uralte Kastanien beschatten den hart über dem Rheinufer gelegenen „Gartenpavillon“, in welchem Scheffel das Geburtstagskoncert durch Werner Kirchhofer dirigiren läßt. Farbengebung fehlt dem Inneren noch bis heute; nur gemalte Epheuzweige schmücken die leeren Wände.

Der Leser sieht daraus, wie genau Scheffel sich in seinem „Sang vom Oberrhein“ an die Wahrheit gehalten hat.

Zur Dichtung selbst mag Scheffel wohl in erster Linie der an einer Seitenkapelle des Friedhofs eingemauerte alte Grabstein veranlaßt haben, dessen Inschrift die daselbst ruhenden Edelleute den „Herrn Franz Werner Kirchhofer und dessen Frau Maria Ursula von Schönau“ nennt; darüber befinden sich die Wappen beider. Kirchhofer starb „am letzten Mai 1690“; seine „am 1. März 1691“ gestorbene Gattin überlebte ihn nur um ein Jahr. Beide haben nach den Archiven von Säckingen ein hohes Alter erreicht.

In zweiter Linie mögen gerade die Archive, in denen Scheffel bekanntlich ein nie rastender Forscher war, ihm die Anregung gegeben haben. Aus denselben geht hervor, daß um jene Zeit, in welcher die Dichtung spielte, wirklich ein Musiker Namens Werner Kirchhofer in Säckingen gelebt hat. Später wanderte derselbe nach Wien, wo er am Stephansmünster als Chordirektor wirkte und wahrscheinlich vom Kaiser geadelt wurde. Scheffel verlegt bekanntlich den späteren Aufenthalt Kirchhofer’s nach Rom. Einige Jahre darauf kehrte Werner Kirchhofer nach Säckingen zurück, übernahm daselbst ein gleiches Amt am Münster und heirathete das Fräulein von Schönau. Von ihm liegen noch heute in den Säckinger Rathsarchiven Quittungen mit seiner Unterschrift über so und so viele „Pfund Heller“, die er als Gehalt für die Chordirektorsstelle am Fridolinsmünster ausgezahlt erhalten[1].

Vom Bahnhof erreichen wir in nördlicher Richtung auf der Fahrstraße nach Herrischried in dreiviertel Stunden den schönsten, von Scheffel gleichfalls verherrlichten Punkt der Umgebung Säckingens, den romantisch gelegenen einsamen Bergsee, der von ernsten Tannen eingerahmt wird, unter denen dunkelgrüne Stechpalmen ihre Wurzeln treiben.

Der See hat eine Viertelstunde im Umfang; riesige Karpfen leben in seiner Tiefe. Die Säckinger haben in einen Felsen eine dem Andenken Scheffel’s gewidmete Inschrift einmeißeln lassen. Gern würden dieselben ein Denkmal des „Trompeters“ errichten; allein die Mittel des Städtchens reichen dazu nicht aus, und nur durch eine Sammlung in Deutschlands Gauen könnte dieser Herzenswunsch erfüllt werden.

Noch vor wenigen Jahren erhoben sich unmittelbar aus dem dunklen Wasserspiegel des Bergsees alte Tannen, welche der Gegend ein besonderes urwaldartiges Aussehen gaben. Leider hat man dieselben, weil sie abzusterben begannen, abgeholzt. Der kleine im Sommer in Gebrauch befindliche Dampfer paßt nicht zum einsamen wildschönen Bergsee. Unsere Abbildung desselben ist vom Pavillon aus gezeichnet, welcher gegenüber der auf unserem Bilde sichtbaren Waldrestauration mit kleinem Wildgarten liegt.

Das Bild des „Trompeters von Säckingen“, welches wir in der heutigen Nummer (S. 896 und 897) in Holzschnitt bringen, ist nach einem im Besitz der Kunsthandlung Wimmer u. Komp. in München befindlichen [902] Oelgemälde, geschnitten. Das Original ist von dem langjährigen Mitarbeiter der „Gartenlaube“ Robert Aßmus gemalt. Der Künstler führt uns in seinem Bilde, dem eine genaue Naturaufnahme der Stadt zu Grunde liegt, auf das Schweizer Ufer bei Stein, von dem aus wir zunächst die Friedhofskapelle erblicken, an deren Mauer sich der Grabstein des Werner Kirchhofer und seiner Gattin befindet; alsdann sehen wir das thurmgeschmückte Schlößchen Schönau, vorn an der Gartenmauer den Pavillon, darüber das Fridolinsmünster, den Trompeterthurm, das Edelfrauenstift mit dem Katzenstiegengiebel, die alte bedeckte Rheinbrücke und den plumpen St. Gallusthurm. Im Hintergrunde erhebt sich der Eggberg, an dessen Fuße der Bergsee liegt, während den Mittelgrund der Rhein einnimmt. Die Landschaft prangt im Winterschmucke. Das Originalgemülde, dem ein feiner Ton und schöne Feststimmung nachgerühmt werden, fand während seiner Ausstellung in München allgemeinen Befall. Dem Künstler schwebte beim Schaffen seines Werkes folgende Stelle des Scheffel’schen Liedes vor:

„Grüßend klang es nach dem Rheine,
Grüßend klang es nach den Alpen,
Heiter bald und bald beweglich,
Ernst als wie ein frommes Beten,
Bald auch wieder scherzend schalkhaft.
Und trari-trara – so hallte
Beifallspendend ihm das Echo
Aus dem Waldesgrund herüber.“


Vom Nordpol bis zum Aequator.

Populäre Vorträge aus dem Nachlaß von Alfred Edmund Brehm..
Christnacht im Urwalde.[2]

An einem der Regenseen des afrikanischen Urwaldes, zu welchem sich in der trockenen Zeit des Jahres das thierische Leben in ungeahnter Fülle drängt, hatten wir mehrere Tage gejagt, beobachtet, gesammelt, in Bewunderung der großartigen Pflanzen- und einer entsprechenden Thierwelt geschwelgt, mit Nilpferden uns geneckt, an Krokodilen unsere Feindschaft bethätigt, mit einem Worte Jagd- und Forschungsfreuden in reichstem Maße genossen und darüber alles Andere, selbst die Zeit vergessen, in welcher wir lebten. Als aber die Sonne sich neigte und Gold unter das so vielfach verschiedene Blattgrün des Waldes wob; als das Kreischen der Papageien verhallt war und nur noch der träumerische Gesang einer Drossel zu uns herüberklang; als der See-Adler drüben am anderen Ufer, welcher eben noch als wundervolle Blüthe seines grünen Ruhesitzes erschienen war, schlummermüde seinen weißen Kopf zwischen die Schultern zog; als selbst das Gegurgel einer im nächsten hohen Mimosenwipfel Schlafstätten suchenden Meerkatzenbande verstummt war; als die Nacht hereinbrach dämmerungshell und freundlich, kühl und milde, klangreich und duftig, wie immer in jetziger Zeit: da wollte aller Farbenreichthum, Glanz und Schimmer der heute und gestern in unsere Seelen aufgenommenen Bilder erbleichen. Unaufhaltsam flogen unsere Gedanken der theuren Heimath zu, und Heimweh ergriff unsere Herzen im Tiefinnersten; denn in der Heimath feierte man heute die Christnacht. Wir hatten uns Punsch bereitet und unsere Pfeifen mit dem köstlichsten Tabak der Erde gefüllt; unser albanesischer Begleiter sang seine weichen klangvollen Lieder; die Nacht umschmeichelte Herz und Sinne, aber die Gläser blieben ungeleert: „die Wolken des Rauches nahmen die Wolken der Schwermuth nicht mit sich hinweg“; die Lieder weckten keinen Widerhall in uns, und die Nacht schmeichelte vergebens. Sie mußte uns unser Christgeschenk bringen, und sie brachte es.

Die Nacht im Urwalde ist immer erhaben; mag der Himmel über diesem in flammenden Blitzen aufleuchten, der Donner in ihm wiederhallen und Sturm in ihm toben, oder mögen an dem auf weithin dunklen, sternlosen Gewölbe ferne Sonnen strahlen und weder Blatt noch Halm sich regen. Wenige Minuten nach Sonnenuntergang umhüllt sie den Wald. Was am Tage klar hervortrat, wird nunmehr vom Dunkel umschleiert; was im Sonnenlichte in erfaßlichen Maßen erschien, vergrößert sich zum Riesenhaften. Bekannte Bäume werden zu Trugbildern; die heckenartigen Gebüsche verdichten sich zu dunklen Mauern. Der tausendstimmige Lärm verstummt allmählich, und für Minuten tritt tiefe Stille ein. Dann beginnt es wiederum sich zu regen, wird es lebendig auf dem Strome wie im Walde; Hunderte von Cikaden heben ein Klingen an, vergleichbar dem Geläute kleiner, unrein gestimmter Glöckchen, welches aus weiter Ferne vernommen wird; Tausende erwachter Käfer, unter ihnen solche von ungewöhnlicher Größe, umschwirren die blühenden Bäume und rufen ein tönendes Summen hervor: die rechte Begleitung zu jenem Geläute. Frösche, welche nur einen einzigen, für ihre geringe Größe überraschend lauten Ruf ausstoßen, mischen sich darein, und ihre den Klängen eines langsam geschlagenen chinesischen Gong vergleichbaren Stimmlaute hallen auf weithin durch den Wald. Eine große Eule begrüßt die Nacht mit dumpfheulendem Geschrei; ein kleines Käuzchen antwortet mit gellendem Gelächter; ein Ziegenmelker spinnt eine und die andere Strophe seines schnurrend röchelnden Gesanges ab. Vom Strome her erklingt der klägliche Ruf des Nachtvogels der Mövenfamilie, eines Scheerenschnabels, welcher, hart über der Oberfläche des Wassers dahinstreichend, die Wellen zu durchpflügen begann; auf sandigen Inseln und Bänken ertönen der laute, etwas kreischende Schrei des Triel oder Dickfußes und tonreiche, klangvolle, gesangähnliche Triller eines Wasserläufers oder Regenpfeifers; über dem Röhricht und Geschilfe des unfernen Regensees krächzt ein Nachtreiher.

Im Dickichte der Gebüsche wie um die Baumkronen leuchten Hunderte von Glühwürmern auf; im Strome zieht eines der riesigen Krokodile, welches schon vor Sonnenuntergang die gegenüberliegende Sandbank verlassen und seinen sonnendurchglüheten Panzer in den lauen Fluthen gekühlt hat, hart unter, zum Theil über der Oberfläche schwimmend, lange, im Mondenscheine silbern glänzende, im Sterngeflimmer wenigstens glitzernde Streifen. Ueber die höchsten Baumkronen schweben lautlosen Fluges lichtgefärbte Uhus und Eulen; am Ufersaume entlang fliegen mit anmuthigen Schwenkungen langschwänzige Nachtschatten; zwischen den Kronen der Bäume beschreiben Fledermäuse ihre Flugbahnen; von einem Ufer zum anderen ziehen, manchmal in Scharen, Flughunde oder fruchtfressende Flatterthiere. Und nunmehr ist auch die Zeit gekommen, in welcher die übrigen Säugethiere des Waldes sich ermuntern oder doch vernehmen lassen. Ein Schakal beginnt seine wechselvollen, bald kläglich erscheinenden, bald erheiternden Weisen und trägt sie mit eben so viel Ausdruck wie Beharrlichkeit vor; ein Dutzend anderer seiner Art stimmt augenblicklich ein und ringt in edlem Wettstreite um des Siegers Kranz; einige Hyänen scheinen nur auf diese unerreichbaren Vorsänger gewartet zu haben, um als vielstimmiger Chor einzufallen, und heulen und lachen, jammern und jauchzen; ein Pardel grunzt; ein Löwe brüllt dazwischen; selbst das noch im Strome verweilende Nilpferd erhebt brummend seine armselige Stimme.

So redet und offenbart sich die Nacht im Urwalde, so beschäftigte sie Ohr und Auge auch an jenem mir unvergeßlichen Tage. Käfer und Cikaden, Eulen und Ziegenmelker hatten begonnen: da schmetterten grelle, kräftige, dröhnende Laute durch den Wald, als ob Trompeten von unkundigem Munde geblasen würden. Augenblicklich verstummten die Lieder unseres Albanesen, Geschwätz und Geplauder unserer Diener und Schiffer, und alle lauschten wie wir. Noch einmal schmetterte und dröhnte es vom anderen Ufer herüber: „el fiuhl, el fiuhl!“ riefen die Eingeborenen, „Elefanten, Elefanten!“ jubelten auch wir. Es war das erste Mal, daß wir die riesigen Dickhäuter, auf deren Pfaden wir bisher fast stets gewandelt, deren Spuren wir so oft verfolgt, vernahmen, belauschten. Vom jenseitigen Uferrande herab zum Wasser stiegen gemächlich und sicher riesige, im Dämmerlichte der Nacht mit genügender Deutlichkeit wahrnehmbare Gestalten, um im Strome zu trinken und zu baden. Einer nach dem andern tauchte seinen gelenkigen Rüssel in das Wasser, um ihn hier zu füllen und dann im weiten Maule oder über Schultern und Rücken zu entleeren, und einer nach dem anderen stieg zuletzt in den Strom hinab, um in dessen Fluthen sich zu erfrischen. Und als sei jenes schmetternde Getön nur ein Weckruf gewesen: so laut wurde es jetzt im Walde. Früher als je zuvor erhob der König der Wildniß seine Donnerstimme; ein zweiter und dritter Löwe erwiderten den Königsgruß. Entsetzt schrieen die [903] schlaftrunkenen Affen auf, angsterfüllt schreckten Antilopen. Dann reckte in unmittelbarer Nähe unseres Bootes ein Nilpferd sein ungeschlachtes Haupt über die Oberfläche des Stromes und brummte, als wolle es versuchen, mit dem Donnergebrüll des Löwen zu wetteifern; ein Leopard wagte ebenfalls sich hören zu lassen; Schakale stimmten das wechselvollste Lied an, welches wir je von ihnen vernommen; die gestreiften Hyänen heulten, die gefleckten erhoben ihr höllisches, Mark und Bein erschütterndes Gelächter; und unbekümmert um allen Aufruhr, welchen die Herolde und der König des Waldes heraufbeschworen hatten, fuhren die Frösche fort, ihren eintönigen Ruf, die Cikaden, ihr klingendes Geläute hören zu lassen.

Dies war das „Hosiannah in der Höh’“, welches uns der Urwald sang.


Blätter und Blüthen.

Für den Weihnachtstisch. Außer den Büchern, welche ihrem ganzen Charakter und ihrer äußeren Einkleidung nach für den Weihnachtstisch bestimmt sind, giebt es noch andere, welche mehr allgemeiner Bildung dienen und zu Christgeschenken sich vorzüglich eignen.

Eine Erb-Weltgeschichte des deutschen Volkes“ – so haben wir schon vor mehr als einem halben Menschenalter[3] ein Buch genannt, das ebenso seines bescheidenen Verfassers, wie seines hohen Werthes wegen ein Lieblingsbuch wie Hausschatz unserer Nation geworden ist: Die Becker’sche Weltgeschichte.

Die Erfahrung, daß der Geschichtsunterricht in der Schule in früherer Zeit eine Plage war wegen der trockenen Geschichtszahlen und des kalten Vortrags, hatte damals auch der Mann gemacht, der gerade dadurch auf das Bedürfniß der Jugend und des Hauses hingelenkt wurde und dem es gelang, dasselbe in vollendetster Weise zu befriedigen. Und wer war der Mann? Gewiß ein berühmter Professor oder hoher Staatsbeamter? – Nichts von alledem: Karl Friedrich Becker war ein einfacher Privatgelehrter in Berlin. Er war aus dem Volk, der Mann, der so trefflich für das Volk zu denken und zu fühlen verstanden. – Wer hätte unter dem einfachen, bescheidenen Titel: „Weltgeschichte für Kinder und Kinderlehrer“ eine solche Goldgrube einflußreichster Bildung gesucht? Aber sie ward sofort als solche erkannt; denn Becker hatte das Geheimniß entdeckt, das die Kinder so an die Erzählungen am Familientisch fesselt: „Geschichten“ wollten sie hören, und er hat mit seinem Buche dargethan, daß auch die Weltgeschichte aus „Geschichten“ bestehen muß, wenn sie Geist und Herz des Volkes packen, belehren und erheben soll.

So schön verändern sich die Moden mit der zeit,
dem Einen alles eng, dem andern alles weit.
0 Wie eine Herings Seel ist jene anzuschauen
0 Die andere brüstet sich als wie die stolzen Pfauen

Die nehmen die Natur von einem Windhund an,
daß man des Lachens sich oft nicht enthalten kan.
0 Die Andere schwellt sich auf wie eine Bayrsche Nudel,
0 und jener geht daher, als wie sein alter Budel.

Augsburger Spottblatt auf die Modethorheiten des 18. Jahrhunderts.

Daß Becker mit seinem Ideal der Geschichtschreibung das Richtige getroffen, zeigte der Erfolg seines Buchs: es ging rasch aus den Händen der Kinder und der Kinderlehrer in die Familien über; es wurde ein Hausbuch des deutschen Volks, ohne von Seiten der gelehrten Kritik besondere Beachtung und Förderung gefunden zu haben. Der Buchhandel war es, der auf das gute Unternehmen hinwies und für Fortführung und Neubearbeitung desselben entsprechende Kräfte heranzog. So erschienen nach und nach die Fortsetzungen von Joh. Gottfr. Woltmann und Karl Adolf Wenzel, von Joh. Wilh. Loebell, Max Duncker, Adolf Schmidt in Jena, mit den Beiträgen von Gustav Hertzberg und Vasemann in Halle, und endlich die Forsetzung von Eduard Arnd.

Dennoch ist es im Lauf der letzten Jahre fühlbar geworden, daß der ursprüngliche Zweck von Becker’s Buch nicht mehr erfüllt wurde. Dadurch, daß es von dem anfänglichen Umfang von neun Bänden auf zweiundzwanzig angewachsen war, überstieg der Preis desselben den für ein Volksbuch geeigneten in zu hohem Maße, – und unter den vielen Neubearbeitungen hatte das ursprüngliche Gepräge und der eigenthümliche Reiz von Becker’s eigener Darstellung gelitten.

Da mußte endlich ein Schritt zurück gethan, das heißt das alte Werk selbst wieder zur Grundlage einer Neubearbeitung und zwar mit der Aufgabe herangezogen werden, alle Vorzüge, die von Becker’s Geist herstammen, dem Buche zu erhalten und es inhaltlich bis zur jüngsten Zeit zu vervollständigen. Und ein solches Werk liegt vollendet vor uns in „Becker’s Weltgeschichte. Neu bearbeitet und bis auf die Gegenwart fortgeführt von Wilhelm Müller, Professor in Tübingen. Mit zahlreichen Illustrationen und Karten. (Verlag von Gebrüder Kröner in Stuttgart.)“ In dieser neuesten Auffrischung des alten Werks tritt uns auch der ursprüngliche Geist wieder entgegen, wie er zur deutschen Familie zu sprechen hat. Es ist wieder eine Lust, irgend einen Band des Werkes aufzuschlagen und sofort den Zug zu spüren, der zum Lesen und Weiterlesen hinreißt. Hell, klar und warm strömen die Geschichten dahin, für Kopf und Herz eine Erquickung. Auch die nunmehrige Ausdehnung dieser zwölf (gebunden nur sechs) Bände spricht dabei mit; denn der Aufwand für die (außerdem durch Heftlieferung noch erleichterte) Anschaffung dieses Hausschatzes wird dadurch dem Geldbeutel des Volkes angemessener. Einer ganz besonderen Empfehlung ist aber die künstlerische Ausschmückung dieses „Becker“ werth. Nicht bloß das Kind, sondern Jedermann fragt, wenn von Männern oder Frauen der Geschichte, von Bauwerken und Wohnungen, Trachten, Friedens- und Kriegsgeräthen der Altvordern und fremder Völker aller Zeiten erzählt wird: wie haben sie, wie hat das Alles wohl ausgesehen? Der Wunsch, der jener Frage zu Grunde liegt, wird in einfachster und doch möglichst vollkommener Weise in unserem Buche erfüllt. Wir finden die Bildnisse Aller aus den Millionen ihrer Zeitgenossen in der Geschichte hervorragender Menschen, die bildlichen Darstellungen aus der kulturgeschichtlichen Entwickelung der Völker vom Anbeginn bis heute, und daß auch Land- und Geschichtskarten nicht fehlen, ist bei solcher Sorgfalt für den Anschauungsunterricht auch in der Geschichte selbstverständlich. Wir dürfen daher mit guter Zuversicht die Hoffnung hegen, daß diesem neuen „Becker“ sich dieselbe Liebe wieder zuwenden werde, welche den alten Becker zur „Erb-Weltgeschichte des deutschen Volkes“ gemacht hat.

An „Becker’s Weltgeschichte“ kann man die „Kulturgeschichte des deutschen Volkes“ von Otto Henne am-Rhyn (Berlin, Grote’sche Verlagsbuchhandlung) anreihen, ein vorzüglich ausgestattetes Werk des trefflichen Kulturgeschichtsschreibers, das uns das Leben deutscher Vorzeit in Krieg und Frieden, Kunst und Wissen, Trachten und Sitte in Wort und Bild anziehend erläutert. Wir entnehmen demselben das obenstehende Augsburger Spottbild auf die Modethorheiten des 18. Jahrhunderts, dem das 19. mit Fug und Recht nicht minder ergötzliche Spottbilder an die Seite setzen könnte.

Brockhaus’ Konversationslexikon“ ist, seitdem wir demselben einen eingehenden Artikel gewidmet, rüstig fortgeschritten bis über den Buchstaben V hinaus, und gerade auf jenem Gebiete, auf dem sich die neueste Auflage von den früheren so vortheilhaft unterscheidet, auf dem naturwissenschaftlichen, haben wir wieder eine große Zahl von Artikeln zu verzeichnen, bei denen der treffliche Text durch wohlgelungene Abbildungen unterstützt wird, wie diejenigen über Pilze, Rüsselthiere, Urthiere, Reptilien u. a. Auf dem Gebiete der Mechanik finden wir werthvolle, durch Illustrationen erläuterte Artikel über Pressen, Pumpen, Telegraphen, Torpedos u. s. w. Sehr zahlreich sind wiederum die Kartenbeilagen und Pläne. Die neue Zeitgeschichte ist eingehend behandelt: wir finden z. B. einen ausführlichen Artikel über den russisch-türkischen Krieg von 1877. Die Vorzüge der geschichtlichen und besonders biographischen Artikel sind schon bei den früheren Auflagen allgemein anerkannt worden. So darf das seinem Abschluß sich nähernde Werk als ein lehrreiches Volksbuch in des Wortes schönster Bedeutung empfohlen werden.

Leopold Kompert ist am 26. November in Wien gestorben, ein Novellist, der in einem allerdings beschränkten Kreise Treffliches geleistet hat. Dieser Kreis war das Leben des Judenthums in allen Schichten [904] der Gesellschaft, vor Allem in den untergeordneten: er suchte dasselbe auf in den engen Gassen, wo es in manchen Städten seit der Zeit mittelalterlicher Bedrückung noch seinen Wohnsitz aufgeschlagen. „Aus dem Ghetto“ war der Titel seiner ersten Novellensammlung. Ein dumpfer Druck lastet auf diesen Schilderungen einer Welt, die mit ihren alten Satzungen fremdartig in die Gegenwart hineinragt: doch die mumienhaften Sitten und Gebräuche sind mit lebendiger Anschaulichkeit geschildert, und das Lieblingsthema des Dichters ist der Kampf in der Seele seiner Helden und Heldinnen zwischen der Anhänglichkeit an die Ueberlieferung und das Gesetz der Väter und der Hingabe an die neue Zeit, die an die Pforten des alten Ghetto und an die Herzen seiner Bewohner und Bewohnerinnen klopft.

Leopold Kompert ist ein feiner Seelenmaler. Das wissen erprobte Kenner und Geschmacksrichter zu würdigen; aber das große Publikum, abgesehen von seinen Glaubensgenossen, wird sich durch diese Kulturbilder nicht leicht erwärmen lassen. Die Werke Leopold Kompert’s sind gesammelt in acht Bänden erschienen 1882 bis 1883. Er selbst war am 15. Mai 1822 zu Münchengrätz in Böhmen geboren, hatte in Prag studirt und, bis er sich der schriftstellerischen Laufbahn widmete, mehrfach Hauslehrerstellen bekleidet. Er war ein warmherziger und bescheidener Mann, in seinem Leben und in seinen Schriften frei von jeder Aufdringlichkeit, von allem Haschen nach äußerem Erfolg und von manchen litterarischen Unarten, welche vielen Jüngern Heine’s und Saphir’s eigen sind. Der Interessen der Schriftsteller hat er sich stets mit Eifer angenommen und war längere Zeit Vorsitzender der Wiener Schillerstiftung.†      

Kinderball. (Mit Illustration S. 888 u. 889.) Weihnacht war vorüber, aber noch einmal durfte im Hause des Herrn Geheimraths der Christbaum in vollem Glänze erstrahlen, ehe er an des Jahres Wende all seiner Pracht beraubt wurde. Zehn, zwanzig und noch mehr ihrer jungen Freunde, Freundinnen und Verwandten hatten der Sohn und die Tochter des Hauses im Einverständniß mit den Eltern eingeladen, als diese ihnen die Erlaubniß zu einem „Ball“ ertheilt hatten. Jetzt war der ersehnte Abend da: die Lichter des Christbaums erstrahlten; der Salon war glänzend hell erleuchtet; das Orchester – Piano, Geige und Baß – war vollständig, und schon erklang die erste Weise! Alles drängte in den Saal, und verlassen stand auf einmal der schöne Christbaum: Terpsichore hatte gerufen, und ihrem Rufe waren Alle gefolgt. * *      

Einnahmen der Jockeys. Die deutschen Dichter, welche das Musenroß besteigen zu einem Ritt ins romantische Land, der ihnen in der Regel sehr geringe Schätze abwirft, werden mit stillem Neid von den Einkünften der englischen Jockeys hören. Und was ist solch ein Jockey dort für ein gefeierter Mann! Die ganze Nation legt Trauer an bei dem Tode einer solchen Größe des Rennplatzes, während dies einem deutschen Dichter nur in den seltensten Fällen passirt. Es fehlte nicht viel, so wären die englischen Blätter mit Trauerrand erschienen, als jüngst der gefeiertste Held des „Turfs“ das Zeitliche segnete. Doch wenn die Pietät für die Todten in Deutschland bisweilen Ersatz bietet für die Gleichgültigkeit, mit der die Lebenden einem traurigen Lose überlassen wurden, so ist in England das Los der Berühmtheiten zu Pferde auch bei Lebzeiten keineswegs ein beklagenswerthes. Der Jockey Frederic Archer hatte sich mit einem Einkommen von 10000 Pfund Sterling (circa 200000 Mark) eingeschätzt, und ein anderer Jockey von New-Market blieb in seiner Selbsteinschätzung nicht weit hinter derjenigen Archer’s zurück. Woher beziehen aber die Jockeys solche Einkünfte, gegen welche diejenigen unserer ersten Tenoristen und Primadonnen, der gefeiertsten Künstler und Künstlerinnen zurückstehen, ganz abgesehen von den Ministergehältern großer Staaten, welche im Vergleiche damit nur einen bescheidenen Eindruck machen? Man wird zunächst an die Wetten denken, die ja auf den Rennplätzen eine große Rolle spielen; doch den Jockeys sind alle Wetten untersagt. Auch die immerhin sehr ansehnlichen Gebühren allein genügen nicht, ein so großes Einkommen zu Stande zu bringen. Die Gebühr für einen siegreichen Jockey beträgt 5 Pfund, die für einen besiegten 3 Pfund. Archer hat im letzten Jahr 421 Rennen ohne Erfolg mitgemacht, und ist in 246 Rennen Sieger geblieben: die ersteren trugen ihm 1282 Psuud ein, die letzteren 1292 Pfund. Viel Geld erwerben sie aber beim Trainiren der Pferde, bei Versuchsritten, durch Geschenke, die ihnen gemacht werden, besonders aber durch eine feste Summe, die ihnen als Haftgeld von einzelnen Pferdebesitzern ausgezahlt wird und die sich bis 2000, ja bis 5000 Pfund jährlich steigern kann! †      

'Nach der Bescherung. (Vergl. die Kunstbeilage.) Der Großvater wohnt in der Mitte des Dorfes; das Heim der Tochter dagegen, welche an den Dürhofbauern verheirathet ist, liegt schon außerhalb desselben. So galt es einen „tüchtigen Marsch“, als früh am ersten Weihnachtsfeiertage die Schwester der Dürhofbäuerin mit deren beiden Lieblingen nach der Bescherung beim Großvater wieder dem Dürhof zuschritt. Und recht bitter kalt war’s dazu; der Schnee wirbelte in großen Flocken, und wenn’s an einem Hause vorüberging, so blies ein tückischer Kobold wohl gar auch noch die feinen Krystalle vom Dache herab, und die braune Lise und ihre Schützlinge konnten froh sein, wenn sie das Beginnen des Schadenfrohen rechtzeitig bemerkten und schnell zur Seite zu weichen vermochten. Wurden sie indeß wirklich einmal überschüttet: „Huh!“ sagte dann die Lise, „wie arg!“ Aber aus ihren braunen Augen lachte es lustig, und die Schwesterkinder fuhren mit der Patschhand über Gesicht und freuten sich weiter. Das unruhige Annemareile auf dem Arme streckte begehrlich die Hände nach der buntbemalten hölzernen Puppe und dem Tannenbaum aus, und das blonde kleine Kätherle, welches tapfer an der Seite schritt, blickte vergnügt bald auf das Schwesterchen, bald auf die Tante Lise. „Fröhliche Weihnacht!“ hatte der Großvater gesagt, als sie gekommen waren, und das war auch sein Gruß gewesen, als sie wieder gingen. Ja, diese feierten sie in der That, und der Sturm von draußen vermochte den Jubel im Herzen nicht anzufechten, auch nicht das Wort des Großvaters: „Grüß’ Dei’ Schwester und den Bauern, und recht fröhliche Weihnacht Alle mitsammt!“ zu übertönen. . .

„Fröhliche Weihnacht!“ Aus unserem Bilde lacht es uns entgegen, und es ist der Gruß, den auch die „Gartenlaube“ allen ihren Lesern sendet! * *      

Das deutsche Theater in Moskau, dem wir als einem vorgeschobenen Posten deutscher Kultur im fernen Russenlande unseren Antheil nicht vorenthielten, hat leider! in dieser Saison nicht dasselbe Glück gehabt wie früher und seine Pforten schließen müssen. Wir hoffen, daß es sich nur um einen vorübergehenden Zwischenfall handelt, der vielleicht mit der jetzigen deutschfeindlichen Stimmung in Rußland zusammenhängt, und daß die deutsche Kunst in der alten Zarenstadt bald den verlorenen Boden wieder gewinnen wird.†      

Einbanddecke zur „Gartenlaube“. Auch zum laufenden Jahrgang der „Gartenlaube“ haben wir wieder neue, geschmackvolle Leinwanddecken nach einer Zeichnung von Prof. Fr. Wanderer anfertigen lassen. Die Decken sind in olivenbrauner Farbe in Gold- und Schwarzdruck sehr elegant hergestellt und zum Preise von 1 Mark 25 Pfennig durch alle Buchhandlungen, welche die „Gartenlaube“ liefern, zu beziehen. Mit Benutzung derselben ist jeder Buchbinder im Stande, zu verhältnißmäßig billigem Preise einen soliden und eleganten Einband herzustellen.


Kleiner Briefkasten.

(Anonyme Anfragen werden nicht beanwortet.)

L. N. in Breslau. Sie fragen: „Ob wir nicht auch für die ,Gartenlaube‘ zu dem kleinen Format greifen werden, welches jetzt Mode zu werden scheint?“ Nein, wir gedenken unser altes gutes Format, in welchem die „Gartenlaube“ nun seit über 30 Jahren erscheint, so leicht nicht aufzugeben. Die Mode wechselt ja auch auf diesem Gebiete sehr häufig, und die Zeit ist noch nicht fern, wo die Journale sich gegenseitig darin übertrafen, ihr Format größer und größer zu machen, bis schließlich ein Journal bei einem Riesenformat, einer Art von illustrirter Tischdecke angelangt war. Die „Gartenlaube“ ist damals unbeirrt bei ihrem mäßigen Format geblieben, welches ebensowohl ein bequemes Lesen als auch die Unterbringung großer Illustrationen ohne jene störenden und dem Zerreißen ausgesetzten, oft mehrfach zusammengefalteten Beilagen gestattet. Und dabei gedenkt sie auch für die Folge zu bleiben.

Es ist wahr, daß ein gebundener Jahrgang der „Gartenlaube“ etwas schwer zu handhaben ist; aber das trifft auch bei dem von Ihnen erwähnten Format zu. Ein gebundener vollständiger Jahrgang ist auch in diesem Format nicht sehr „handlich“. Dem von Ihnen erwähnten Uebelstand läßt sich am leichtesten dadurch abhelfen, daß man den Jahrgang in zwei Theilen (Nr. 1 bis 26 und Nr. 27 bis 52) einbinden läßt, was allerdings etwas größere Kosten verursacht, aber entschieden bequemer ist.

E. L. in Köln. 10 Mark „Für Ihre Armen“. A. Behr in Dresden. 10 Mark „Für die Armenbüchse der ‚Gartenlaube‘“. – Stallupönen. 5 Mark in Briefmarken „Für die Armen“. – Herzlichen Dank für Ihre Gaben, die manche Thräne versteckter und hilfloser Armuth gestillt haben. Möge Ihr edles Beispiel recht viele Nachahmer finden!

J. W. und A. F. in St. Paul. Der Beitrag über den Fürsten Lichnowsky erschien im Jahrgang 1873 der „Gartenlaube“, Nr, 40, 41 und 42. Diese Nummern stehen gegen Einsendung von 85 Pfennig zu Ihrer Verfügung.

E. M. in Leipzig. Wir haben unsern Standpnnkt in dieser Angelegenheit unter der Zustimmung aller unbefangenen und vernünftigen Leser bereits dargelegt. Angriffe, wie der, über welchen Sie so sehr in Entrüstung gerathen, verdienen nicht die Ehre einer Erwiderung.


Inhalt: Zu Weihnachten, Gedicht mit Illustration. S. 885. – Unser Männe. Von W. Heimburg. S. 886. Mit Illustratioinen S. 886, 887, 890, 891 und 892. – Erfrieren. Von Geheimrath von Nußbaum in München, S. 892. – Für die Enkel. Illustration. S. 893. – Sankt Michael. Roman von E. Werner (Fortsetzung). S. 894. – An der Heimathsstätte des Trompeters von Säckingen. Mit Illustrationen S. 896, 897 und 901. – Vom Nordpol bis zum Aequator. Populäre Vorträge aus dem Nachlaß von Alfred Edmund Brehm. Christnacht im Urwalde. S. 902. – Blätter und Blüthen: Für den Weihnachtstisch. Mit Illustration. S. 903. – Leopold Kompert. S. 903. – Kinderball. S. 904. Mit Illustration S. 888 u. 889. – Einnahmen der Jockeys. S. 904. – Nach der Bescherung. S. 904, – Das deutsche Theater in Moskau. S. 904. – Einbanddecken zur „Gartenlaube“. S. 904. – Kleiner Briefkasten. S. 904.


manicula Hierzu die Kunstbeilage: „Nach der Bescherung“, Weihnachtsgruß der „Gartenlaube“ an ihre Leser.


Nicht zu übersehen!

Mit nächster Nummer schließt das vierte Quartal dieses Jahrgangs unserer Zeitschrift, wir ersuchen daher die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das erste Quartal des neuen Jahrgangs schleunigst aufgeben zu wollen.


Die Postabonnenten machen wir noch besonders auf eine Verordnung des kaiserlichen General-Postamts aufmerksam, laut welcher der Preis bei Bestellungen, welche nach Beginn des Vierteljahres aufgegeben werden, sich pro Quartal um 10 Pfennig erhöht (das Exemplar kostet also in diesem Falle 1 Mark 70 Pfennig statt 1 Mark 60 Pfennig).

manicula Einzeln gewünschte Nummern liefern wir pro Nummer incl. Porto für 35 Pfennig (2 Nummern 60 Pf., 3 Nummern 85 Pf.). Den Betrag bitten wir bei der Bestellnng in Briefmarken einzusenden.
Die Verlagshandlung. 0



Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Kröner.0 Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig.0 Druck von A. Wiede in Leipzig.

  1. Der Verfasser verdankt diese durchaus neuen Mittheilungen Herrn Andreas Streicher in Säckingen.
  2. Aus dem Vortrage: „Der afrikanische Urwald“.
  3. Vgl. „Gartenlaube“ 1867, Nr. 23.