Die Gartenlaube (1894)/Heft 35

[581]

Nr. 35.   1894.
      Die Gartenlaube.


Illustriertes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

Abonnements-Preis: In Wochennummern vierteljährlich 1 M. 75 Pf. In Halbheften, jährlich 28 Halbhefte, je 25 Pf. In Heften, jährlich 14 Hefte, je 50 Pf.


Die Brüder.

Roman von Klaus Zehren.
(Schluß.)

In einem öden kalten Gasthofzimmer verbrachte Hermann die Stunden der Nacht; den Schlitten hatte er mit dem Arzt zurückgeschickt nach Weßnitz; ihn selbst hielt die Pflicht, die quälende Sorge, wie er das Geld für seinen Bruder schaffen könnte.

So früh wie möglich suchte er seinen Bankier auf.

„Mein Gott! Wie sehen Sie aus, Herr von Weßnitz!“ redete ihn der alte Berater seines Vaters an. „Sie sind krank! Was treibt Sie so früh zu mir?“

Hermann ließ sich schwerfällig auf einen Stuhl nieder und machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung.

„Ich brauche dreißigtausend Mark, sofort, Herr Weber! Zahlbar an ein Brüsseler Haus für meinen Bruder.“

„Dreißigtausend Mark? Jetzt gleich? Das ist unmöglich!“

„Ich muß das Geld haben! Irgend woher! Schaffen Sie Rat! Vorwärts, Sie müssen es können!“

„Woher es nehmen, Herr von Weßnitz? Ich habe eine solche Summe jetzt nicht in der Kasse. Selbst wenn ich also helfen wollte – woher das Fehlende in der Eile nehmen und auf welche Garantie?“

„Eine neue Hypothek auf Weßnitz!“

Japanische Garde-Infanterie.
Nach einer Photographie gezeichnet von A. Wald.

[582] „Das geht nicht! Weßnitz hat an den früheren Hypotheken genug zu tragen.“

„Einerlei, es muß sein!“

Der alte Bankier sprang auf und rannte hastig im Zimmer auf und ab. „Ist eine Möglichkeit vorhanden, das Kapital innerhalb sechs Monaten zurückzugeben?“

Hermann lachte auf, schrill, trocken.

„Herr von Weßnitz, ich habe Ihrem Vater oft geholfen – er war ein Ehrenmann, und Sie sind sein Sohn! Aber ich bin ein Greis und habe Kinder. Das Gut trägt diese neue Last nicht mehr.“

„Schaffen Sie das Geld, Weber!“

Der alte Mann schaute eine Weile stumm in das verzweifelte blutleere Gesicht seines Besuchers. Es graute ihm fast vor diesem Ausdruck qualvollen Schmerzes. „Auf gute Zinsen, Herrn von Weßnitz?“

„Einerlei! Es geht in einem Bettel fort.“

Jener seufzte. „So will ich versuchen, das Geld zu schaffen.“ Hastig verließ er das Zimmer.

Als er nach einer Stunde zurückkehrte, saß Hermann noch auf demselben Fleck. „Haben Sie Vertrauen zu mir, Herr von Weßnitz! Es ist wieder für den Herrn Bruder? Ein Kavalier, aber sorglos, sehr sorglos! Das ganze schöne Geld also fort?“

„Ja.“

„Dann ist Weßnitz nicht zu halten!“

„Ich weiß es. Wenn kein Gott hilft!“

Der alte Geschäftsmann lachelte. „Ich will Ihnen etwas sagen, Herr von Weßnitz, nichts für ungut – es giebt noch ein Mittel. Machen Sie eine reiche Partie! Es wäre zu arrangieren.“

„Lieber betteln! Lieber Weßnitz verkaufen!“

„Nun, dann nicht! Ich habe das Geld flüssig gemacht; die gerichtliche Sache mit der Hypothek werde ich ordnen; aber eins versprechen Sie mir, Herr Baron, kommen Sie in acht Tagen noch einmal hierher, ehe Sie irgend welche Schritte zum Verkauf des Gutes thun.“

Hermann stand wortlos auf.

„Versprechen Sie es mir, Herr von Weßnitz!“ Des alten Mannes Hände zitterten, als er sie ihm entgegenstreckte. „Ich weiß, wie Sie gearbeitet haben seit einem Jahr; wie ein Lastpferd.“

„Hier!“ Hermann legte seine feuchtkalte Hand in die Rechte des Bankiers. „Ich danke Ihnen!“

„Das Geld wird sofort telegraphisch überwiesen werden.“

„Gut! Nochmals Dank!“ Dann schwankte er hinaus wie ein Trunkener, nachdem er dem Bruder ein lakonischeS Telegramm geschickt hatte, das ihm die Ankunft des Geldes mitteilte, wanderte er durch die Straßen der Stadt, hinaus aus dem Thore, bis zu den Knien im Schnee watend. Die Anstrengung that ihm wohl; er war ganz allein auf der Landstraße mit den schnurgerade sich ausdehnenden Baumreihen zu beiden Seiten. Könnte man doch immer so geradeaus gehen! Immer geradeaus ohne Winkel und Hemmung, denselben geraden Weg bis zum Ende! So hätte er gehen mögen sein Leben lang; er hatte es auch gewollt.

Sein Fuß zögerte; wenige Schritte vor ihm hatte der Sturm einen starken Baum quer über die Straße geworfen. Er blieb eine Weile sinnend davor stehen. „Ja, ja, so trifft es,“ murmelte er leise. Dann wollte er im Bogen um das Hindernis herum, allein er hatte nicht acht auf den verschneiten Straßengraben und sank bis unter die Arme ein. Ein müdes Lächeln ging über sein Gesicht. Er dehnte sich wohlig in dem weichen Schnee, der seinen Körper umschloß. Hier schlafen, nur wenige Stunden, und es ware alles aus! Alles, alles aus!

Von fernher sah er den Turm von Weßnitz winken; ihm fiel ein, wie oft auf dieser Straße sein Vater beim gewohnten Spaziergang einhergeschritten war, kraftig, selbstbewußt, ein alter Recke auf seinem eigenen Grund und Boden. Hermann stützte plötzlich die Hände auf den Grabenrand und richtete sich auf.

Von neuem verfolgte er seinen Weg. Der Gedanke an Lore zuckte ihm durch den Sinn. Was mochte diese lange bange Nacht aus ihr gemacht haben? Seine Schritte wurden hastig, der Schweiß trat ihm trotz der Kälte auf die Stirn. Vorwarts! Vorwärts!

Er traf den Arzt noch im Gutshaus an.

„Typhöses Fieber! Kein Wunder bei ihrer allgemeinen Schwäche und dieser unsinnigen Reise! Die Frauen werden doch nie klug!“

Hermann blickte den alten Doktor sonderbar an. „Nein, klug niemals! Was halten Sie von dem Zustand der Kranken?“

„Fast hoffnungslos!“

„Doktor!“ rief Hermann, während seine Finger den Arm des Arztes umklammerten, so daß dieser zusammenfuhr. „Sie glauben –“

„Ich glaube nichts, Herr von Weßnitz! Aber es müßte ein Wunder geschehen –“

Hermann wandte sich stumm ab.

„Ich komme heut’ abend wieder, um neun Uhr, früher bin ich nicht nötig – können Sie mir einen Wagen schicken?“

„Ja, gewiß!“

„Was ich noch sagen wollte, Herr von Weßnitz – was macht Ihr Herr Bruder?“

„O, dem“ – Hermann schluckte ein paarmal trocken hinunter – „dem geht es gut.“

„Nun, dann verständigen Sie ihn telegraphisch.“

„Ich werde es thun. Kann ich meine Schwägerin sehen? Ist sie bei Besinnung?“

„Sie ist jetzt ganz klar, das Fieber wird erst in einigen Stunden wieder einsetzen.“

„Dann entschuldigen Sie mich wohl. Ich habe mit ihr zu sprechen.“

„Bitte sehr – also heut’ abend neun Uhr!“

Vorsichtig auf den Zehenspitzen schlich Hermann in das Krankenzimmer. Die Vorhänge waren herabgelassen, ein stumpfes gedämpftes Licht brütete in dem Raum.

„Bist Du es, Hermann?“ Eine schmale Hand streckte sich ihm entgegen.

„Ja.“ Er drückte einen Kuß auf ihre Rechte.

„Nein, laß! Nicht die Hand – küsse mich auf den Mund, oder auf die Stirn, wie wir es als Kinder gethan!“

Er erfüllte ihren Wunsch.

Sie lächelte zufrieden. „Mir ist der Kopf so wirr, Hermann! Wie kam das alles? Sieh, wie meine Hände brennen, und in den Adern ein Kochen, als würde flüssiges Blei hineingegossen.“

„Du hast Fieber, Lore!“

„Ja, Fieber! Der Doktor sagte, ich sei schwer krank; so schlecht fühle ich mich jetzt gar nicht. Ist das Geld fort?“ fragte sie plötzlich mit stockendem Atem.

„Ja, es ist telegraphisch überwiesen worden.“

„Also ein ehrlicher Name!“ Sie schloß die Augen. Es war ihm, alS sähe er das Blut in den feingeäderten Schläfen pochen.

„Lore!“

„Ja?“

„Soll ich Bruno rufen? Du bist sehr krank.“

„Glaubst Du, daß ich sterbe?“

„Nein, nein – das nicht –“

Ein traurigeS Lächeln flog über ihre Züge. „Ich fürchte den Tod nicht – es wäre vielleicht am besten so.“

Dann zog sie die Stirne nachdenklich empor, so daß sich die scharf gezeichneten Brauen mit den krausen Löckchen berührten. Ein Zittern ging durch ihre Glieder. „Nein, nein, rufe ihn lieber nicht! Ich kann ihn nicht sehen, nie, nie wieder!“

Mit einmal fuhr sie empor, und die Arme mit zuckenden Fingern weit von sich streckend, schrie sie: „Hilfe, Hilfe! Da steht er! Blut, Blut! Rotes Blut gerade unter der Schläfe! Weßnitz, Weßnitz!“

Hermann preßte die Rasende mit Gewalt in die Kissen und rief die Wärterin. Dann ging er.

Qualvoll verrannen die Stunden. Lange Zeit stand er vor der alten Wanduhr in seinem Zimmer. Gedankenlos folgte er mit den Augen dem kaum merkbaren Vorrücken des Minutenzeigers. So ging die Zeit vorüber, unaufhaltsam, unbekümmert um unser Wohl oder Weh, um Sterben und Leben – wohin? Schritt um Schritt vom ersten Atemzug an, dem Tod entgegen! Und zwischen der ersten und letzten Minute ein Menschenleben, durchgekämpft, durchgearbeitet, durchlitten! Für was? Für Nichtigkeiten!

Am Sofatisch baute der kleine Edgar Kartenhäuser. Raschelnd fiel das große Haus zusammen, das der Knabe mühsam gebaut hatte. Stumm sah Hermann dem Spiele zu. Bruno fiel ihm ein. Sollte er ihn nicht dennoch telegraphisch herbeirufen? Aber weshalb? Lore sehnte sich wahrlich nicht nach seinem treulosen Gesicht. Und doch, wenigstens schreiben mußte er ihm.

Hermann setzte sich an den Schreibtisch. „An Bruno von Weßnitz!“ – absichtlich vermied er die Anrede.

„Lore liegt schwer krank am Nervenfieber.

Für Dich giebt es nur eins, reiche sofort deinen Abschied ein! Ich will es so und ich habe ein Recht, es zu wollen, und Du die [583] Pflicht, meinen Willen zu achten und zu erfüllen. Im Falle Deiner Weigerung werfe ich alle Rücksicht von mir und lasse Dich fallen. Wir haben nichts mehr miteinander gemein. Schicke mir das Eiserne Kreuz! Du wirst mich verstehen! Hermann.“     

Fest und klar standen die Buchstaben auf dem Papier.

Am Abend ließ Lore den Schwager noch einmal rufen. Sie war nur für kurze Augenblicke bei voller Besinnung.

„Was ist mit Edda? Weshalb ist alles vorbei? Sie ist so stark und klug, und meinem Edgar würde sie eine Mutter sein. Bringe das Kind zu ihr, wenn ich – –“

„Du darfst nicht sterben, Lore!“ Ein unsagbarer Jammer überkam ihn. So viel Jugend und Schönheit, so viel Liebe sollte sterben? Es konnte nicht sein!

Lore verlangte nach ihrem Knaben. Sie herzte ihn, als er gebracht wurde, und tastete dann nach Hermanns Hand, die sie dem Kind aufs Haupt legte. „Der da ist Dein Vater fortan! Schwöre mir, Hermann, Du giebst den Knaben nicht seinem Vater wieder – bring’ ihn zu Edda oder behalt’ ihn bei Dir!“

„Ja, das will ich,“ sagte Hermann mit schmerzlich zusammemgezogenen Brauen.

Der Arzt kam wieder. Höchstens noch einige Stunden Frist,“ lautete sein Ausspruch.

Lore hatte die Besinnung verloren, ihr Atem ging keuchend durch die blinkenden Zähne, von denen die Oberlippe krampfhaft zurückwich. Hermann saß neben ihr und starrte unverwandt in das vom Fieber entstellte Antlitz; Thränen standen in seinen Augen.

Mitternacht!

Da begann sie noch einmal zu sprechen, leise, kaum hörbar: „Auf dem Kirchhof unter der Linde neben Deiner Mutter – es wird alles – alles gut werden – ganz – ganz – gut –“

Ihr Körper streckte sich – sie war entschlummert.

Der Morgen dämmerte. Mit müden übernächtigen Augen blickte Hermann hinein in die schwankende Helle des neuen Tages. Dann verließ er die Tote. „Lebe wohl, Lore!“ – 0000000000

Man hatte die Dahingeschiedene hinausgetragen unter die alte Linde und eingesenkt in die kalte erstarrte Erde. Bruno war nicht gekommen. „Adressat gestern abgereist, ohne seinen Aufenthaltsort anzugeben“ hatte man aus Brüssel auf Hermanns Telegramm geantwortet, das die Todesnachricht enthielt.

Als Hermann einige Tage nach der Beerdigung in sein Zimmer trat, fiel sein Vlick auf den Kalender. Der erste Dezember!

Heute also, heute durfte er den Brief lesen, dessen Siegel der Wille des toten Vaters bis dahin verschlossen gehalten! Er holte das große Couvert mit den kräftigen Schriftzügen hervor und drehte es nachdenklich in den Händen, dann öffnete er es langsam.

„An meinen Sohn Hermann, Erbherrn auf Weßnitz.

Es muß Dir sonderbar erschienen sein, mein lieber Sohn, daß ich das Oeffnen dieses Briefes erst so lange nach meinem Tode gestattete, aber ich wollte erst die Erde fest wissen auf meinem Grab, wollte Dir Zeit lassen, alles zu ordnen, ich wollte in menschlicher Schwäche die Gewißheit haben, daß Du ein Jahr lang Deines Vaters Andenken fleckenlos in der Brust trügest. In den Schmerz um meinen Tod sollte sich nichts Häßliches eindrängen.“

Hermann hielt inne. Ein Frösteln überkam ihn, die Ahnung vor etwas Schrecklichem.

„Um alles zu verstehen, Hermann, mußt Du ein gutes Stück Weges mit mir zurückgehen. Ich hatte einen Freund, einen jungen Mediziner, auf der Universität zu Berlin, wo ich nach dem Willen Deines Großvaters einige Semester studierte. Er war einer der edelsten besten Menschen, der größte Idealist, der je den Fuß auf die Erde gesetzt hat, mir ein lieber lustiger Freund. Ich hing mit allen Fasern meiner jungen Seele an ihm – trotzdem habe ich ehrlos gegen ihn gehandelt.

Eines Abends, wir saßen zusammen in einem Restaurant, trat ein Losverkäufer an unseren Tisch. Es wurden verschiedene Lose genommen und Helm, so hieß mein Freund, kaufte eines mit mir zusammen. ,Ich will die Nummer nicht wissen,‘ rief er mir dabei zu. ,sonst bringt es kein Glück, und ich armer Schlucker hätte gern einmal einige Thaler! Behalte Du das Los und studiere die Ziehungslisten!‘ Lachend schob ich das Papier in die Tasche und dachte kaum wieder daran. Kurz darauf starb Dein Großvater und ich mußte Weßnitz übernehmen. Den Freund sah ich nicht wieder.

Dann kam das Unglück! Weßnitz war nicht schuldenfrei, die letzten Jahre waren schlecht gewesen – ich liebte Deine Mutter und wollte ihr ein Heim gründen.

Das Los gewann, zwanzigtausend Thaler, und ich – – hebe nicht den Stein auf, Hermann! – ich sagte dem Freund nichts davon, sondern behielt das Geld, vorläufig in dem Glauben, ihm in kurzer Zeit seinen Anteil auszahlen zu können. Ich steckte die ganze Summe in unser Gut, ich sparte wie ein Geizhals. Es ging langsam aufwärts in zwanzigjähriger Arbeit. Da machte Bruno Schulden und ich mußte dafür einstehen; es war vor dem Feldzug. Nun gingen unsere Verhältnisse rasch zurück, weil ich immer wieder schwach gegen Bruno war. Ich konnte die Schuld nicht mehr sühnen. Thu’ Du es, Hermann, ich beschwöre Dich! Jener Freund lebt als Arzt in Berlin, ich hörte durch Lore von ihm.

Glaube mir, diese Stunde, in der ich für Dich, gerade für Dich, meine Schuld niederschreibe, diese Stunde hat Höllenqualen für mich. Ich that jenen ehrlosen Schritt um Deiner Mutter, um des von den Vätern ererbten Gutes willen! Gott wolle es mir verzeihen!“

Aschgrau, die Zähne aufeinander gepreßt, die Augen geschlossen, saß Hermann da; in seinen Zügen arbeitete es, als zöge der Tod mit kaltem Griffel Furche um Furche darüber. Was hatte sein Vater ihm angethan! Ihm war, als falle die letzte Stütze, die ihn noch aufrecht erhalten. Er, er hatte Edda verlassen, sie in ihren heiligsten Gefühlen tödlich verletzt – und nun war sein eigener Vater schuld an jenem Verhängnis, das über ihrer Herkunft schwebte! Stumm blickte er um sich, als befände er sich in einer fremden Welt; kalte Schauer rieselten ihm durch den Körper. Im Halbdunkel schien es ihm, als huschten unheimliche Gestalten um ihn her, als stürmten sie heran gegen ihn, ertötend, erstickend.

Er sprang auf und riß an der Klingel. „Licht, Licht! Schnell!“

Der alte Diener warf einen besorgten Blick auf seinen Herrn. „Wollen der gnädige Herr denn gar nichts essen?“

„Essen, Johann? Ach ja, bringe mir etwas! – Natürlich, man muß essen,“ murmelte er dem abgehenden Diener nach.

Dieser stellte nach wenigen Minuten kalte Küche und eine Flasche Portwein auf den Tisch.

„Es ist kalt hier, Johann mich friert! Zünden Sie Feuer im Kamin an!“

Als dies geschehen und Johann das Zimmer wieder verlassen hatte, setzte er sich an den Tisch und genoß etwas von den Speisen. Rasch stürzte er einige Gläser Wein hinunter; eine wohlige Wärme ergoß sich in seine Adern, er begann freier zu atmen.

Was sollte er thun? Zum erstenmal seit Tagen fragte er sich wieder danach. Dort lag noch der Brief seines Vaters. Er faltete ihn zusammen und schrieb einige Worte dazu: „Ich habe nichts weiter hinzuzusetzen. Das Geld kann ich zu meinem Bedauern nicht sofort zurückerstatten; es wird meine einzige Lebensaufgabe sein, die Erledigung dieser Schuld in kürzester Zeit möglich zu machen.“

Dann fiel ihm ein, daß er vergaß, jenen eine Anzeige von Lores Hinscheiden zu senden; er fügte daher noch hinzu: „Lore ist vor vier Tagen hier gestorben. Es ist alles aus! Seien Sie zum letztenmal von einem gegrüßt, der wie ein Schwächling an Ihnen gehandelt hat, getreu dem Vorbilde seiner Familie!
Hermann von Weßnitz.“ 

Tief aufatmend erhob er sich und trat ans Fenster; heller Mondschein glitt in bläulichen Lichtern durch die Bäume auf den Schnee herab. Ein zwingendes Verlangen nach der schweigenden Natur, nach winterlicher Nacht, nach Bewegung erfaßte ihn. Schnell entschlossen drückte er seinen Jagdhut auf den Kopf und eilte hinaus.

Wie lange er durch den Schnee gestürmt war, durch den Wald, über die öde trostlose Heide, er wußte es nicht. Wie im Traum langte er wieder vor der Hausthür an.

„Der junge Herr ist da,“ flüsterte ihm Johann schon im Hausflur zu.

„Welcher junge Herr?“

„Der Herr Legationsrat!“

„Es ist gut! Ist er in meinem Zimmer?“

„Jawohl, gnädiger Herr.“

Wie Blei lag es ihm in den Gliedern, als er die Treppe hinaufstieg. Aber es mußte sein! Zum letztenmal!

Vom Sofa löste sich bei seinem Eintritt eine Männergestalt.

„Guten Tag, Hermann. Hu, die Kälte – sie geht durch Mark und Bein!“

Hermann starrte wortlos in Brunos Gesicht. War das sein [584] Bruder – dieser gebeugte Mann mit den vorhängenden Schultern, dem glanzlosen Blick?

„Du willst mir nicht die Hand geben, Hermann?“

„Nein.“

„Nie wieder?“

„Nein.“

Bruno lachte leise, unheimlich in sich hinein. „Ja, ja, Du hast recht! Ich hätte mich nie an Dich gewendet, lieber tot als das. Aber die Lore wollte es durchaus. – Hier,“ er zerrte einen Koffer heran und versuchte lange vergeblich, mit den von der Kälte starren Fingern den Schlüssel ins Schloß zu bringen. Endlich gelang es. „Da, da! Sieh hier!“ Es raschelte im Koffer unter seinen Händen. Goldstücke rollten heraus. „Hier, hier, gute Staatspapiere! Mehr, viel mehr als meine Schuld betrug!“ Er riß ein Bündel Papiere heraus und warf sie auf den Tisch.

„Wo hast Du das Geld her?“ schrie Hermann auf und krampfte seine Hand um die Schulter des Bruders, so daß dieser scheu zurückwich.

„Ja, ja, Hermann – heute mir, morgen Dir! Ich komme von Monaco, die dreißigtausend Mark haben schnell Zinsen getragen – alles ehrlich erworben!“

„Ehrlich erworben!“ stöhnte Hermann. Ein unsagbarer Ekel stieg in ihm auf.

„Ich hatte gerade noch eine Woche Zeit, als das Geld. von Dir ankam. Meine Ehre war zwar gerettet – –“

Deine Ehre, Bruno?“

„Ja – nein . . . doch einerlei! Meinetwegen die Deine und die der Familie! Aber was half das mir? Wir wollten doch nicht hungern, Du, die Lore und der Junge. Da blitzte mir der rettende Gedanke durch den Kopf: nach Monaco!“ Seine Augen begannen fieberhaft zu glänzen, seine Finger krümmten sich unwillkürlich. „O – und ich gewann, gewann immerfort, ohne Aufhören!“

„Und wenn Du verloren hättest?“

„Dann hätte ich mich totgeschossen!“

Ein Lachen gellte durch das Zimmer, grauenhaft, gespenstisch. „Dann schossest Du Dich wirklich tot? Ha, ha, ha!“

Bruno nickte nur stumpf mit dem Kopfe. Eine Weile blieb es still.

„Und das Sündengeld soll uns retten?“ Mit raschem Griff riß Hermann die Papiere an sich und trat vor den Kamin. Bruno folgte mit den Blicken den Bewegungen des Bruders. Schon hob dieser den Arm den züngelnden knisternden Flammen entgegen.

„Bist Du wahnsinnig?“ Mit einem Sprung hatte Bruno den Bruder erreicht und umklammerte mit wilder Energie dessen Handgelenk. Hermann blickte ihn eigentümlich von der Seite an. „Ja Du hast recht! Du willst weiterleben! Warte.“ Er öffnete die Päckchen und begann die Papiere zu zählen. „So, hier – dreißigtausend Mark! Da – das andere magst Du behalten! Dies hier ist nur die Deckung für eine häßliche Schuld unseres Vaters.“

„Was redest Du?“ fragte der jüngere Bruder unsicher.

„Nun ja, um diese Summe hat er jemand gebracht, als er noch jung war. Nur eine Schwäche, eine kleine Schwäche – Du weißt, das liegt bei uns so in der Familie –“

„Das verstehe ich nicht.“

„Ist auch nicht nötig.“

Im Gang ertönte des kleinen Edgar helle Kinderstimme. „Laßt mich – ich will zu Papa! Papa! Papa!“

Bruno sprang zur Thür, aber des Bruders Rechte fiel ihm hart auf die Schulter. „Laß!“ Hermann ging selbst zur Thür und rief hinaus: „Geh zu Bett, Edgar! Dein Vater kann Dich heute nicht sehen, er ist schon schlafen gegangen.“

„Wie die Mama?“ fragte das Kind von außen. Hermann zog, ohne Antwort zu geben, die Thür zu.

„Wo ist Lore?“ fragte Bruno, sich willenlos fügend.

Mit einem Ruck fuhr Hermann herum und starrte entsetzt zum Bruder hinüber. „Warst Du nicht wieder in Brüssel? Hast Du meinen Brief nicht erhalten?“

„Nein, ich fuhr geradeswegs von Monaco hierher, habe nur in Paris das Geld in Papiere umgesetzt. Aber, was blickst Du mich so an – ist sie nicht wohl?“

„O ja, ihr ist sehr wohl!“ kam es dumpf zurück. „Wenn Du sie suchen willst – sie ruht neben der Mutter!“

Ein gurgelnder Laut, ein qualvolles Stöhnen tönte durch das Zimmer. Kraftlos ließ sich Bruno auf einen Sessel sinken. „Wie starb sie?“ fragte er endlich heiser.

„Ruhig und friedlich.“

„Hab’ ich sie gemordet?“

Keine Antwort.

„Sprach sie von mir? Wünschte sie nicht, mich noch zu sehen?“

„Nein. Sie hat mir Euren Knaben anvertraut, mir – nicht Dir!“

„Hermann!“ schrie Bruno und sprang auf. „Das Kind gehört mir! Kein anderer hat ein Recht darauf!“

„Dir gehört es, dem Spieler und Fälscher?“ klang es erbarmungslos zurück. Da knickte Bruno zusammen, als träfe ihn ein Dolchstoß mitten ins Herz. Fast wollte Hermann ein Mitleid überkommen beim Anblick der gebrochenen Gestalt da vor ihm.

„Laß genug sein, Bruno, geh – Du hast keine Heimstätte mehr hier! Nimm das Geld! Hast Du den Abschied eingereicht?“

„Nein, noch nicht.“

„So thu’ es hier, gleich, sofort!“

Etwas wie Trotz flog über Brunos Gesicht, aber rasch verschwand dieser Ausdruck unter dem kalten Blick Hermanns. Willenlos setzte er sich an den Schreibtisch. „Was soll ich schreiben? Ich weiß nicht, welchen Grund ich anführen soll.“

„Schreibe!“ Im Zimmer auf und abgehend, diktierte ihm Hermann das Gesuch. „So, das wäre fertig, ich werde alles Weitere selbst besorgen – ich reise morgen nach Berlin. Nimm Dein Geld, vielleicht hilft es Dir irgendwo ein anderes Leben beginnen!“

Brunos Wille war wie gebrochen. Er packte die Papiere hastig in den kleinen Handkoffer und setzte den Hut auf.

„Leb’ wohl, Hermann!“

Dieser übersah die zitternde Bruderhand, die sich ihm entgegenstreckte; Bruno schauderte zusammen, dann trat ein Zug wilden Trotzes in sein Gesicht. Eine rasche Wendung – er war hinaus.

„Bruno!“ stöhnte Hermann auf, die alte Liebe zu dem Bruder erwachte noch einmal. Er sprang ans Fenster, dort unter den Bäumeu verschwand in der Ferne eine dunkle Gestalt. Er wollte das Fenster aufreißen, rufen – nein, nein, wozu? Seine Hand sank schlaff herab.

Am andern Tage reiste Hermann nach Berlin, er reichte den Abschied des Bruders ein und beauftragte ein Bankgeschäft, in seinem Namen dreißigtausend Mark an den Doktor Helm auszuzahlen.

*               *
*

Es war still geworden in Weßnitz. Selbst Edgar schlich sich aus dem öden Hause zu dem Kutscher und den Knechten in den Stall. Dort wurde doch noch hier und da ein Lied gepfiffen, wenn auch nur gedämpft. Es war, als lagere ein Alp über allem.

Den Gutsherrn hatte keiner der Dienstboten wieder gesehen, seit er von Berlin zurückgekehrt war. Nur der alte Johann war um ihn und dieser schwieg auf alle neugierigen Fragen.

Vor drei Tagen war der Bankier dagewesen und vorgelassen worden.

„Also, Herr von Weßnitz, Sie verzichten auf jegliche Hilfe? Sie wollen das Gut fallen lassen? Es ist schade drum; es wäre zu retten gewesen – mit Arbeit, mit schwerer Arbeit.“

„Ja, ich verzichte auf alles, auch auf Ihre edle Hilfe, Herr Weber! Hier dieser Händedruck muß mein Dank sein; mehr kann ich nicht geben. Den Verkauf des Gutes, die Versteigerung des Inventars lege ich in Ihre Hände. Vielleicht bleibt soviel, daß ich mit dem Rest die Erziehung meines Neffen sicherstellen kann.“

„Wollen Sie nicht wieder in die Armee eintreten?“

„Nein!“ Hermann lächelte grausam. „Mein König braucht andere Leute, als ich es sein kann.“

Der Bankier blickte ihn besorgt an. „Ich will die Zinsen auf die letzte Anleihe drei Jahre lang stunden, Herr von Weßnitz.“

„Nein, nein – weg! Ich will nicht!“ fuhr Hermann auf, als wollte er eine Versuchung von sich abwehren.

Kopfschüttelnd war der alte Herr gegangen. –

Hermann hielt die Vorhänge geschlossen; in dieser künstlich geschaffenen Dämmerung ruhelos umherwandernd oder brütend im lederbezogenen Lehnstuhl, verbrachte er seine Tage. Dumpf grübelte er über die Zukunft, eine unbezwingliche Apathie schien seine Nerven gelähmt und ihm selbst die Kraft genommen zu haben, überhaupt irgend einen Entschluß zu fassen.

Gutskäufer, die von dem bevorstehenden Verkauf von Weßnitz gehört hatten, kamen, den Besitzer selbst zu fragen, er wies jeden ab. So war eine Woche seit Brunos Abschied vergangen. Es war

[585]

Ameise und Grille.
Nach einem Gemälde von R. Beyschlag.

[586] Sonntag; das Gesinde hatte sich zum Besuch der Kirche in das Nachbardorf begeben, nur der alte Johann befand sich im Hause.

Es herrschte bittere Kälte. Neugierig lugte der Alte aus der Hausthür, als er Schellengeläut und Peitschenknall vernahm. An der Sandsteintreppe fuhr ein Schlitten vor, eine Dame in schwarzem Kleid stieg aus und ging langsam die Treppe hinan.

„Ist Herr von Weßnitz zu Hause?“ fragte sie kurz.

„Der Herr nimmt keinen Besuch an, schon seit einer Woche.“

„Wo ist er?“

„In seinem Zimmer.“

„So führen Sie mich zu ihm!“ Es klang wie ein Befehl.

„Ich darf nicht. Mein Herr ist –“

„Ich will es. Zeigen Sie mir das Zimmer; er muß mich annehmen.“ Widerwillig gehorchte der Diener und öffnete, oben angelangt, behutsam die Thüre. Entschlossen trat die Dame hinter ihm in den dämmerigen Raum und zog die Thür zu.

„Was willst Du, Johann?“ sagte Hermann mit müder Stimme.

„Ich bin es – Edda!“ Ihre Stimme zitterte doch etwas.

Eine Weile war es still. Dann klang es wie ein Seufzer zurück: „Edda!“ Kurz entschlossen schritt diese zum Fenster und riß den Vorhang zurück. Klares Sonnenlicht flutete herein. Hermann starrte mit geblendeten Augen in die Helle und auf die schwarze Gestalt mitten in den flimmernden Sonnenstrahlen. Ein Grauen überkam Edda bei seinem Anblick. Dies bleiche Antlitz, die gebrochen im Stuhle lehnende Gestalt, diese tödliche Müdigkeit auf den gramdurchfurchten Zügen! Sie stützte die Rechte auf das Fensterbrett.

„Ja, ich, Hermann, ich bin hier, weil ich kommen, weil ich sehen mußte, was aus Dir geworden.“

Er lachte schrill auf. „Mich willst Du hier sehen, mich? Fürwahr, das war die Reise nicht wert! Schickte Dich Dein Vater?“

„Ich komme auch in seinem Namen. Ich wäre sofort nach dem Eintreffen Deines Briefes hierher geeilt, aber mich hielt eine höhere Pflicht – ich mußte erst meinem kranken Vater die Augen zudrücken.“

„Auch er ist tot?“ Hermann schauerte zusammen.

„Ja, er ist tot, und der Tote schickt mich zu Dir.“

„Als Anklägerin?“

„Nein, um Dir zu sagen, daß er Deinem Vater verziehen.“

„Woran starb er?“ preßte Hermann hervor.

„An Blutvergiftung nach einer Operation.“

„Wie gut er es hat! O, so stumm und still in endloser Ruhe zu schlafen unter der Erde!“

„Willst Du mir zuhören?“ fragte Edda.

Er antwortete nicht, aber ohne darauf zu achten, begann sie zu sprechen. „Als ich damals Deinen Brief an meinen Vater las, sieh, da habe ich Dich verabscheut, habe Dich unfrei, ungerecht, feige genannt, habe die Liebe zu Dir aus meinem Herzen reißen wollen. Ich glaubte, alles, was ich für Dich gefühlt, sei nun für immer erstickt, gestorben –“ sie schwieg eine Weile, dann, mit der Hand sich langsam über die Augen streichend, fuhr sie fort: „Da kam Dein letzter Brief, Hermann! Mein Vater lag schon krank, hoffnungslos danieder. Hätte mich nicht die Kindesliebe an des Vaters Lager gehalten, ich hätte schon hier gestanden vor acht Tagen. Nenne es Mangel an Selbstbewußtsein, an Stolz … nenne es, wie Du willst – aber nach jenem Brief hatte ich nur einen Wunsch, hörte ich nur eine Stimme: jetzt braucht er dich, ihm thut ein Herz not, das ihn lieb hat – dein Platz ist neben ihm!“

Leise hatte sie die letzten Worte gesprochen.

„Und jetzt, wo ich den Vater begraben, jetzt bin ich hier – und sehe, daß ich beinahe zu spät gekommen wäre!“

In Hermanns Antlitz arbeitete es; es zuckte um seinen herb geschlossenen Mund, seine Augen erweiterten sich, als zöge in sie ein strahlend helles Licht ein. Plötzlich aber wandte er den Blick ab, der alte vergrämte Ausdruck trat wieder in seine Züge.

„Was willst Du von mir? Von dem Bettler, der in wenigen Tagen von der Scholle seiner Väter weichen wird, der froh ist, eine Stätte zu verlassen, die ihm alles geraubt hat. Was kommst Du und mahnst mich an das Unrecht, das ich Dir angethan, an die Schuld, die der Sohn zu der des Vaters fügte? Die Wunde blutet frisch genug! Was willst Du? Geh!“

„Nein, nein, ich gehe nicht; wir gehören zusammen – ich gehöre zu Dir! Hier ist mein Platz! Was frage ich noch danach, daß Du mich einmal von Dir gestoßen! Ich liebe Dich und will nicht dulden, daß der Mann, der mein war, der mein ist, einem thörichten Wahn zu lieb untergeht!“

Er entgegnete nichts; seine Gestalt kauerte sich nur noch tiefer zusammen in dem hochlehnigen Stuhl.

„Hermann liebst Du mich wirklich nicht mehr?“ fuhr sie leise fort. „Willst Du mich fortstoßen? Wir sind beide nun so allein, so verlassen – sollte uns das Schicksal nicht fester finden, wenn wir nebeneinander stehen?“ Unwillkürlich die Hände ausstreckend, war sie näher getreten. Ein wimmernder Laut kam aus seiner Brust – der starke Mann schluchzte.

„Hermann!“

„Edda!“ schrie er auf und umfaßte ihre Knie. „Ist es denn wahr? Du stehst zu mir, Du, der einzige Mensch in der Welt, den ich noch lieb habe? Du kommst zu mir, der Dich schnöde verlassen? Du, das Weib, mahnst mich, ein Mann zu sein?“

„Ja, weil ich Dich liebe, Hermann!“

Leise strich sie ihm mit der Hand über die Haare, über einen breiten silbernen Streifen darin, den die Sorge gezogen hatte.

Da sprang er auf und zog sie mit sich zum Fenster, hinein in das volle flutende Sonnenlicht. Sein Antlitz flammte.

„Ich grüße Dich, meine Sonne! Klar und hell wird es nun werden in mir, weil ich Dich habe, Edda, Dich, Du Starke, Edle.“

Edda lehnte sich an ihn, das Gesicht von einer ernsten seligen Freude verklärt.

„So wollte ich Dich sehen, Hermann! Stark und frei!“

Er blickte mit weit offenen Augen in das Sonnenlicht und legte den Arm fest um sie. Ueber den Bäumen des Parkes zog ein Vogel seine ruhigen Kreise aufwärts, dem Lichte zu. Er deutete mit fester Hand hinüber. „So laß uns aufwärts streben, Edda – der Sonne, dem Glücke zu!“


Gletscher und Eisberge.

Von W. Berdrow.

Es war im März des Jahres 1893, als ich in der Nachbarschaft von Neufundland, auf einem deutschen Schnelldampfer den Atlantischen Ocean durchquerend, zum erstenmal einen Schwarm von Eisbergen beobachtete. Aus dem heiteren warmen Wetter der vorangehenden Tage hatte sich über Nacht eine empfindliche Kühle entwickelt, der Himmel blieb bedeckt und die Passagiere zogen sich in die Kajüten und Salons zurück. Gegen Mittag endlich ward es bei mäßigem Winde schneidend kalt, das Wasser erhielt sich auf dem Nullpunkt, die Lufttemperatur sank noch erheblich darunter. Plötzlich ward Eis gemeldet, und im nächsten Augenblick richteten sich, wie es bei derartigen Unterbrechungen der gewöhnlichen Oede des Meeres stets der Fall ist, hundert Fernrohre den Sendboten des Nordens entgegen, welche vor uns am westlichen Horizonte des Meeres auftauchten und unserem Dampfer entgegenzuschwimmen schienen. In Wirklichkeit hatten sie, von der eisigen, den grönländischen Küsten entspringenden Labradorströmung getragen, fast genau die Fahrtrichtung unseres Dampfers, der sie im Laufe einer knappen halben Stunde durch seine größere Geschwindigkeit überholte, wobei wir einen gewaltigen Berg aus verhältnismäßig naher Entfernung betrachten konnten. Waren die meisten Stücke, deren wir im ganzen acht bis zehn zu Gesicht bekamen, von mäßiger, in der Regel als „Kalbeis“ bezeichneter Größe, so reckten sich hier die schroffen, glatten Wände zu gewaltiger Höhe empor, die nach den Schätzungen der Seeleute mindestens 60 bis 70 Meter betragen mußte; schroff wie die Ufer einer felsigen Steilküste, stiegen die wellenumbrandeten, schneeweiß erglänzenden Flächen, von feinen Rissen unterbrochen, auf, um oben in ein dreieckiges Plateau ohne Spitzen und Zacken auszulaufen. Nur eine einzige, scheinbar völlig von diesem Block getrennte und doch aus derselben Eisscholle aufsteigende Spitze erhob sich schlank und steil wie ein gotischer Turm daneben und schien mit dem feinen Gipfel das Plateau noch um einige Meter zu überragen. Im ganzen mochten es, nach einer mäßig gegriffenen Schätzung, sechs bis sieben Millionen Kubikmeter Eis sein, welche in diesem Berge an

[587] uns vorübertrieben, und wenn auch in nördlicheren Breiten nicht selten Eisberge von drei- bis vierfacher Größe angetroffen werden, so gehörte doch dieser Koloß bereits zu den selbst in Seemannskreisen als „groß“ bezeichneten.

Lawinensturz.

Woher kommen nun diese riesenhaften eisigen Boten des Nordens? Wohin tragen sie ihre erstarrten Wassermassen, die einzigen, winzigen Süßwasser-Oasen inmitten der unendlichen Salzflut des Oceans? Wie lösen sie sich von der heimischen Scholle los und welchen Gesetzen sind sie vom Entstehen bis zur Auflösung unterworfen?

Wenn der Alpentourist auf seinen Streifereien im Hochgebirge auf die mächtigen Firnfelder und Eiszungen der Montblanc-, der Bernina- oder der Finsteraargletscher stößt, so sieht er es diesen schweigenden und scheinbar ruhenden Eiswüsten nicht an, welche Veränderungen ihnen die Erdrinde verdankt und welche Kämpfe um ihretwillen in der Wissenschaft bereits ausgefochten worden sind. Diese aus den Gebieten des ewigen Schnees meilenweit in die Zone grünenden Lebens hinabreichenden Eisströme erschienen vor hundert Jahren dem Geologen ebenso harmlos und unauffällig wie heute wohl noch den meisten Touristen, welche ohne geologische Vorkenntnisse die Alpen besuchen; erst in den zwanziger und dreißiger Jahren begann man über diesen Gegenstand, veranlaßt durch die zahlreichen über ganz Europa zerstreuten Funde sogenannten „erratischen“ Gesteins, anders zu denken. Früher hatte man es vorgezogen, diese oft riesenhaften, im platten Lande ohne jedweden Zusammenhang mit den nächsten Gebirgen lagernden Gesteine aus gewaltigen, von Erdbeben, Feuerausbrüchen oder Wasserfluten begleiteten Revolutionen der Erdrinde herzuleiten, statt aus jenen langsam aber stetig wirkenden Kräften, welche in Wahrheit den weitaus größten Anteil an der Bodengestaltung der Erde haben: Wasser und Eis, Hitze und Kälte, langsame Hebungen und ähnliche Faktoren. Hatte doch selbst ein Leopold von Buch, den Humboldt für den größten Geologen seiner Zeit erklärte, sich bei der Enträtselung der kolossalen Steinfunde im nördlichen Deutschland, deren Natur unabweisbar auf die skandinavischen Gebirge als Ursprung hinwies, keinen besseren Rat gewußt als die Annahme so gewaltiger Revolutionen in den nordischen Gebirgen, daß durch deren Gewalt die oft über tausend Centner schweren Steinblöcke 1000 Kilometer weit über das Baltische Meer geschleudert worden wären, eine, wie L. v. Buch selbst in einiger Verlegenheit zugesteht, ziemlich erschreckliche Vorstellung. Und doch war die Zeit bereits gekommen, in der die Kenntnis von der gewichtigen Rolle der Gletscher und des Eises für die geologischen Vorgänge sich Bahn zu brechen begann.

In den Jahren 1815 und 1817, dann aber häufiger finden sich in geologischen Werken des Auslandes vereinzelte Andeutungen davon, daß die Frage der erratischen Funde nur durch die Annahme früherer gewaltiger Gletscher gelöst werden könne, von denen die Gesteinsmassen, sei es unmittelbar, sei es mittels schwimmender Eisberge, vom Orte ihrer einstigen Lagerung an ihre heutigen Fundorte befördert worden seien. Von da an beginnt überhaupt erst die Wertschätzung und die genauere Untersuchung der Gletscher. Merkwürdigerweise sind es für Deutschland nicht die Werke eines Geologen, in denen wir der Gletscher- und Eiszeittheorie zum erstenmal Erwähnung gethan finden; ein Roman, Goethes „Wilhelm Meisters Wanderjahre“, ist es, in welchem (2. Buch, Kapitel 10) unter längerem Hin- und Widerreden über allerlei Erdentstehungstheorien auch des Eises und der Kälte als mitwirkender Kräfte gedacht wird. Gelegentlich eines Bergfestes streitet man hin und her über die Bildung der Erdrinde; Wasser, Feuer, Gase und Meteorstürze werden zum Aufbau herangezogen, und zuletzt „wollten zwei oder drei stille Gäste sogar einen Zeitraum grimmiger Kälte zu Hilfe rufen und aus den höchsten Gebirgszügen auf weit ins Land hingesenkten Gletschern gleichsam Rutschwege für schwere Ursteinmassen bereitet und diese auf glatter Bahn fern und ferner hinausgeschoben im Geiste sehen. Sie sollten sich bei eintretender Epoche des Auftauens niedersenken und für ewig in fremdem Boden liegen bleiben. Auch sollte sodann durch schwimmendes Treibeis der Transport ungeheurer Felsblöcke von Norden her möglich werden“. Mit feinem Spott auf die damals noch allgemein herrschenden Revolutionstheorien in geologischer Hinsicht setzt dann der Dichter hinzu: „Diese guten Leute konnten jedoch mit ihrer etwas kühlen Betrachtung nicht durchdringen. Man hielt es ungleich naturgemäßer, die Erschaffung einer Welt mit kolossalem Krachen und Heben, mit wildem Toben und feurigem Schleudern vorgehen zu lassen.“ Der französische Alpenforscher Charpentier hat auf Grund dieser ersten Vertretung der Gletscherwirksamkeit sein 1841 erschienenes Werk über die Gletscher, in welchem die Wichtigkeit derselben für die Erdgestaltung zum erstenmal ausführlich und unwiderleglich dargethan worden ist, dem damals bereits verstorbenen Dichter gewidmet.

Wie wohl jedermann bekannt, ist seit mehreren geologischen Epochen das wichtigste Umbildungsmittel der Erdoberfläche der Kreislauf des Wassers, der, durch die Antriebskraft der Sonnenwärme unterhalten, ohne Unterlaß das feuchte Element aus den Meerestiefen auf die Höhen der Länder und Gebirge hebt und von dort in gewissen vorbezeichneten Wegen zum Meere zurückführt. [588] Welche Einwirkungen auf die Erdoberfläche dabei stattfinden, erkennen wir, wenn wir unsere deutschen Ströme auf ihrem Durchbruch durch die Mittelgebirge begleiten, wenn wir bedenken, daß der Ganges und Brahmaputra in ihrem Delta ein Land größer als Bayern aufgehäuft haben, während das Delta des Niger das Königreich Württemberg, das des Mississippi Holland, das des Nils Westfalen an Ausdehnung hinter sich läßt; selbst die Donau hat sich ein Delta geschaffen, welches das Herzogtum Sachsen-Meiningen an Umfang übertrifft; um aber solche Länder, deren aufgeschwemmter Boden 10 bis 100 Meter stark ist, zu schaffen, mußten buchstäblich Berge abgetragen werden. Liegt doch beispielsweise in dem 18 Meter hohen Schwemmlande der Zwillingsflüsse Ganges-Brahmaputra eine Bodenmasse aufgehäuft, aus dem sich ein Gebirge von der Größe des Harzes und von wahrscheinlich noch bedeutenderer Höhe errichten ließe!

Sturz und Zunge des Rhonegletschers.

Unteraargletscher mit Moräne.

Wir wissen, daß die atmosphärischen Niederschläge den Boden in zweierlei Gestalt erreichen: als Regen im Flachlande und in warmen Gegenden, als Schnee im Hochgebirge, in den kalten Zonen und im Winter auch unter den gemäßigten Breiten. Lediglich der letztere Teil wird im Frühling und Sommer von der höher steigenden Sonne geschmolzen und reiht sich unmittelbar dem Gefälle der Bäche und Ströme ein, für Gebirge aber und Polarländer giebt es eine Grenze, jenseit deren der gefallene Schnee nicht mehr schmilzt, sondern sich aufhäuft, eine Grenze, welche in den Tropen auf die gewaltigsten Bergesgipfel, bis 5000 Meter und höher steigt, in den gemäßigten Zonen auf 3000 bis 4000 Meter, im Umkreis der Pole aber bis zum Meeresniveau hinabreicht. Sämtliche oberhalb dieser Grenze gefallenen Niederschläge müssen nun, da sie als Wasser nicht abfließen können, in fester Form zu Thale gelangen, denn wenn dies nicht geschähe, hätten sich z. B. die Alpen nach einer Berechnung des jüngst verstorbenen englischen Forschers John Tyndall allein in christlicher Zeit schon um 1600 Meter erhöhen müssen, und die Eisfelder Norwegens, Grönlands, Islands müßten längst ins Ungeheure gewachsen sein. In Wirklichkeit entledigen sie sich ihrer Schneelast genau so sicher und regelmäßig, wie niedere Gebirge ihre Regenmengen zu Thale senden, und die Alpen belehren uns, daß der Sturz in Lawinenform und das langsame Gleiten in Eisgestalt die beiden Wege sind, auf denen es geschieht. Von den Lawinen sei hier nur soviel mitgeteilt, daß sie allerdings nur in Gebirgen mit steilen Hängen, also z. B. nicht in dem eine einzige rundliche Kuppe bildenden Grönland, zur Schneeabfuhr beitragen können, daß ihre Rolle aber in den Alpen und in allen ähnlichen Gebirgen mit hoher Niederschlagsmenge durchaus nicht so gering ist, als man wohl meinen möchte. Im St. Gotthardgebiete allein sollen nach Oberinspektor Coaz die Lawinen, welche dort 500 von der Natur vorgezeichnete Bahnen haben, jährlich 300 Millionen Kubikmeter Schnee über die Eisgrenze ins Thal tragen.

Kommen wir indes zu den Gletschern zurück, welche für die Entwässerung des Hochgebirges doch die wichtigsten Kanäle bleiben. Wir wissen heute, daß wir in diesen langgestreckten Eiszungen buchstäblich gefrorene Ströme vor uns haben, welche ihre erstarrten Fluten zwar langsam, aber ebenso sicher wie die Ströme der Ebene, ins Thal wälzen. Was bei dieser Bewegung starrer, häufig riesig breiter und dicker Eisströme das Wunderbarste bleibt, ist der Umstand, daß weder enge Schluchten noch große Plateaus, weder Felsenriffe noch hohe Absätze sie im geringsten aufzuhalten vermögen. Bei der leichtesten Biegung seines Bettes bricht zwar der Gletscher mit donnerartigem Krachen auseinander und es öffnen sich jene steilen, gähnenden Spalten, welche schon so manchem Gletscherforscher gefährlich geworden sind, aber gleich hinter der Biegung wächst der Strom wieder zur starren Masse zusammen. Der gewaltige Rhonegletscher hat vor Trelaporte eine Breite von 2240 Metern und ein tägliches Vorrücken von 15 bis 18 Centimetern, dann schließen sich plötzlich (vergl. das obenstehende Bild) die Felsen zu einem granitenen Schraubstock von kaum 840 Metern Breite zusammen, und wie sich ein Strom unter schäumenden Wirbeln durch diese Felsenenge stürzen würde, so preßt sich auch der Gletscher unter Brechen und Reißen mit verdreifachter Geschwindigkeit hindurch, um dann wieder zu demselben gewaltigen Eisstrom sich auszudehnen, der er vorher war. Ja, ein Nebengletscher dieses Stromes wird von 770 auf 82 Meter Breite zusammengepreßt und selbst eine solche Felsenenge vermag ihn nicht [589] aufzuhalten. An anderen Stellen wirft sich die ganze Masse des Gletschers in wilden Trümmern, sogenannte „Gletscherkaskaden“ bildend, über hohe Abhänge hinab, unten aber setzt sich der Lauf der unzerstörbaren Eiszunge mit der alten Regelmäßigkeit wieder fort bis an den Endpunkt des Gletschers, wo die Sonnenstrahlen alljährlich ebensoviel von seiner Fläche hinwegschmelzen, als der Nachschub herbeiträgt.

Schwimmende Eisberge im Atlantischen Ocean.

Fragen wir nach der Kraft, welche die meilenlangen, gewaltigen Eisströme über ihr oft beinahe wagerechtes Bett unablässig in die Tiefe treibt, so ist es, genau wie im fließenden Wasser, lediglich die Schwere. Wenn auf den eisigen Hochflächen, auf den Abhängen und in den menschenverlassenen Kesseln der Hochalpen im Winter der meterhohe Schnee sich lagert und die Decke Jahr für Jahr dicker wird, so lastet schließlich der Druck der oberen Schichten so stark auf den unteren, daß diese allmählich aus dem weichen Zustande des Schnees in den körnigen, harten, eisähnlichen des Firns verwandelt werden. Von den steileren Gipfeln fegt der Sturm die Schneedecke hinweg oder sie gleitet herab, und der Vorrat langer Jahrhunderte sammelt sich schließlich in den Mulden zwischen den Graten des Gebirgs. Das sind die meilenweiten Firnfelder, welche den Schnee der Hochgebirge in lautloser Arbeit zu hartem Eise umwandeln und dabei wohl auf den sechsten bis achten Teil seines Volumens verdichten. Endlich sucht sich die ungeheure Last einen Ausweg; durch eine Lücke in der Umwallung oder über den Rand der Firnmulde hinweg wird sie langsam ins Thal hinabgepreßt, durch den von oben wirkenden Druck immer mehr zusammengedrückt und schließlich in hartes, klingendes, sprödes Eis verwandelt. „Spröde“ sagen wir, obwohl sich dieser Ausdruck mit der durch meilenweite Thäler sich schlängelnden Gletscherzunge schlecht zu vereinigen scheint. Aber durch eingehende, schon 1858 von Tyndall abgeschlossene Beobachtungen und Versuche ist es erwiesen, daß das Eis der Gletscher in der That, obwohl es sich durch enge Spalten zwängt und über lange Thalbetten fast buchstäblich hin„fließt“, doch so spröde ist wie Glas. Lediglich seine Eigenschaft, unter der gewaltigen Pressung nach jeder Trennung sofort wieder zusammenzufrieren, sobald sich neue Berührungsflächen bieten, ermöglicht es, daß der Gletscher trotz aller Brüche, aller Stürze und Querschnittsänderungen dem Auge immer wieder die gleiche zusammenhängende Eismasse darbietet; sonst müßte er auf seinem Wege zu Staub und Trümmern zerrieben werden.

Haben wir so den Gletscher als einen thatsächlichen Strom von Eis kennengelernt, so ist dabei nicht zu vergessen, daß er anderseits auch gewaltige Unterschiede von gewöhnlichen Strömen zeigt. So vor allem in der Langsamkeit seines Laufes. Schon wurde erwähnt, daß der Rhonegletscher je nach seiner Breite ein tägliches Vorrücken von 15 bis 50 Centimetern aufweist. Größere, von einem stärkeren Druck getriebene Gletscher schreiten aber auch schneller fort, wie diejenigen Norwegens und des Himalaya beweisen, und wie weite Grenzen der Eisgeschwindigkeit gesteckt sind, beweisen die Riesengletscher Grönlands, die es bis auf 20 Meter [590] im Tage bringen. Immerhin sind das unbeträchtliche Geschwindigkeiten. Wie lange ein Teil des Gletschers braucht, um das ganze Bett zu durchmessen, das haben mehrere Vorfälle veranschaulicht. Am unteren Ende des Bossonsgletschers in der Montblanc-Gruppe kamen seinerzeit die Kleiderreste dreier Alpenforscher zum Vorschein, welche 41 Jahre zuvor unweit des Gipfels in einer Eisspalte verunglückt waren, und im Jahre 1892 erschien auf dieselbe Weise am Ende des Parrotgletschers ein unversehrter Rock, welcher sich alsbald als derjenige des italienischen Alpenklubmitgliedes und späteren Finanzministers Pelazzi erwies, der ihn 16 Jahre zuvor in einer Gletscherspalte, kaum 900 Meter höher, verloren hatte. Um die ganze Ausdehnung der 14 Kilometer langen Gletscherreihe am Montblanc zu durchmessen, braucht ein einzelnes Eisstückchen nach Helmholtz 120 Jahre, ist es aber dann als Wassertropfen in die den Gletscherbach aufnehmende Rhone gesprungen, so bedarf es nur noch der kurzen Frist von 10 Tagen und der Tropfen hat seinen Kreislauf in den Schoß des Meeres zurückgelegt. Angesichts dessen könnte auch die geologische Thätigkeit der Gletscher geringfügig erscheinen, aber man muß bedenken, daß ihr Querschnitt, also auch ihre Masse, eine ganz andere ist als diejenige selbst großer Ströme, daß sie oft Hunderte von Metern tief die Felsenthäler ausfüllen und ihr Bett mit einem Druck und einer Gewalt angreifen, gegen welche das Nagen des Wassers belanglos ist. Wie gewaltig die nagenden, stürzenden und fortschaffenden Wirkungen dieser wandernden Eiszungen sind, läßt sich schwer beschreiben. Welche Ausdehnung schon die Moränen, diese langgestreckten Stein- und Schutthalden auf dem Gletscherrücken, annehmen können, zeigt die Mittelmoräne des Unteraargletschers, welche, bei einer Breite bis zu 200 Metern, nicht weniger als 42 Meter hoch ist (s. S. 588). Es sind mitunter Blöcke von 1000, ja von 2000 bis 3000 Kubikmetern Gehalt, welche von den heutigen Alpengletschern meilenweit fortgetragen werden, und oft bildet sich dabei die Form eines sogenannten „Gletschertischs“, indem das Eis unter dem Blocke zum Teil wegschmilzt. So sind die Wirkungen nach oben hin, an den vom Gletscher gestreiften Thalwänden; ungleich gewaltiger werden sie an der Thalsohle sein, wo die ganze Wucht der Gletscherlast sich langsam über den Boden hinschiebt. Da werden die Felszacken zerbrochen und widerstandslos mitgenommen, die härtesten Steine gleich Spiegeln geschliffen, und wie auf dem Rücken, so wälzt sich auch am Grunde des Gletschers eine Moräne hinab, die später, wenn das Eis zurückweicht, ganze Thäler füllen und Alpenseen aufstauen kann. Wieviel Anteil die Gletscherthätigkeit an der Bildung der tiefen Alpenthäler hat, läßt sich noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Doch ist es nicht unmöglich, daß die heute von donnernden Sturzbächen durchrauschten Schründe ihre Entstehung zum größten Teile der wühlenden Kraft ehemaliger Gletscher verdanken. Denn einst haben sich ja die Eisströme der Alpen, wie hundert Zeugnisse beweisen, bis über den Jura hinaus ins deutsche Land erstreckt, und nur 300 bis 400 Kilometer grünenden oder doch wenigstens von der Eisdecke frei gebliebenen Bodens trennten ihre Ausläufer von denen des ungleich riesigeren Eisstromes, der sich wahrscheinlich zur gleichen Zeit von Skandinavien aus durchs Baltische Meer über die norddeutsche Tiefebene ergoß. Das war vielleicht die Zeit, wo an der norwegischen Küste jene tief in das Felsufer schneidenden Fjorde ausgeschliffen wurden, deren Entstehung ohne die Eisthätigkeit unerklärlich wäre, und zu denen die noch jetzt von Gletschern erfüllten Fjorde der Grönlandküste ein lebendiges Gegenstück bilden.

Gletscherschliffe.

Gletschertisch.

Und damit wären wir bei den Grönlandsgletschern, den Geburtsstätten der atlantischen Treibeismassen, wieder angelangt. Hier sehen wir alles, was die Alpen in dieser Hinsicht noch bieten, ins Ungeheure gesteigert. Der Große Aletschgletscher, der Riese unter den Alpengletschern, bildet mit seiner Länge von 24 Kilometern bei fast 2 Kilometern Breite und mit seinen beinahe 100 Quadratkilometer umfassenden Firnmulden schon eine ganz achtungswerte Eiswüste. Was aber bedeutet das gegen die Eisströme Grönlands, welche sich, meilenbreit und bis zu 500 Meter dick, mit 60- bis 80facher Geschwindigkeit fortwälzen und von Firnmeeren gespeist werden, die einen Erdteil bedecken! Seit Nansens Durchquerung Grönlands im Jahre 1888 wissen wir, daß das gesamte Binnenland dieses ungeheuren Polargebietes eine einzige, schwach ansteigende, durchweg mit 300 bis 1000 Meter dickem Firneise bedeckte Wüste ist, um welche sich lediglich an der Meeresküste ein schmaler, oft durch Eishänge und Gletscherströme unterbrochener Streifen kahlen oder teilweise grünen Bodens windet. Diese ganze Firnmasse, welche ihre eigene ungeheure Schwere über den geneigten Boden der Küste zutreibt, findet nun, wenn man den neueren Forschungen folgt, ihr Ende hauptsächlich in 25 bis 30 gewaltigen Gletschern, die sich nicht wie diejenigen anderer Länder in Bächen fortsetzen, sondern unmittelbar ins Meer münden und hier teils abschmelzen, teils, wohl zum größten Teil, als Eisberge abbrechen. Der Gletscher, welcher sich im Eisfjord von Jacobshavn, an der Westküste Grönlands, ins Meer senkt und wohl der gründlichst untersuchte des ganzen Gebietes ist, schreitet, 5 Kilometer breit und 200 bis 300 Meter dick, täglich mit 15 Meter Geschwindigkeit vor und wälzt in derselben Zeit genug Eis ins Meer, um zwei solcher Berge zu entsenden, wie ich sie oben nach eigener Anschauung geschildert habe. Das Losbrechen dieser riesigen Eisschollen vom Gletscherende und der Kampf der einzelnen Eisberge untereinander in dem vom Sturze aufgewühlten Wasser des Fjordes ist von Augenzeugen als eines der gewaltigsten Naturschauspiele geschildert worden, welche die Erde bietet. Nach Dr. H. Rink in Christiania, einem der neueren Besucher Grönlands, dürften etwa 7 oder 8 Gletscher sich demjenigen des Jacobshavn-Fjordes an Mächtigkeit zur Seite stellen lassen, aber das würde auch schon genügen, um dem Eismeere jährlich das Material zu Tausenden der riesigsten Eisberge und zu Treibeisschollen von unermeßlicher Ausdehnung zu geben.

Verfolgen wir nun den weiteren Lauf des vom Gletscher abgestoßenen Eises, so lagert dasselbe vorläufig in und vor der die Eiszunge aufnehmenden Bucht, um alsdann von der an Grönland vorüberstreichenden Strömung, der „Polar-“ oder „Labradortrift“, ergriffen und in südlichere Regionen entführt zu werden. Dort, in der warmen Golfströmung, finden auch die Eisberge, nachdem sie wohl oft einen Weg von 6000 bis 8000 Kilometern aus dem Innern Grönlands bis zum Breitengrade Roms zurückgelegt haben, ihr Ende, um als Wasserdunst, von den Strahlen der Sonne emporgehoben, den alten Kreislauf wieder zu beginnen.



[591]
Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.

Noch einmal die Kindermilch im Hause.

Ich saß in einem Wagen der Eisenbahn auf meiner sommerlichen Ferienreise. Mit mir dampfte eine erholungsbedürftige Familie mit einem Säugling von vier Monaten. Ich war nun Zeuge, wie die junge Mutter „rationell“, nach den neuesten Vorschriften der Wissenschaft ihr Kind künstlich ernährte, sie führte eine Flasche sterilisierter Milch aus einer gut empfohlenen Fabrik mit und tränkte mit dem Inhalt den durstigen Erdenbürger. Ein weiterer Vorrat dieser unfehlbar gesunden Milch befand sich in Korb und Koffer. Die junge Frau war felsenfest überzeugt, ihrem Kinde ein mustergültiges Präparat darzureichen. Nun wollte es der Zufall, daß sich in meinem Reisekoffer unter andern, auch das neueste Heft der „Zeitschrift für Hygieine und Infektionskrankheiten“ befand, und darin stand eine wichtige Abhandlung von Professor C. Flügge über „Die Aufgaben und Leistungen der Milchsterilisierung gegenüber den Darmkrankheiten der Säuglinge“. Wie wunderbar kam es der Mutter vor, als sie kurz über den Inhalt jener Abhandlung belehrt wurde und erfuhr, daß in jener allerneuesten wissenschaftlichen Arbeit über die fabrikmäßig hergestellte Dauermilch, sofern sie als Nährmittel für Säuglinge dienen soll, geradezu der Stab gebrochen wurde!

So hat sich also die ehrwürdige medizinische Wissenschaft am Leitbande der Bakteriologie wieder einmal geirrt? Die sterilisierte Milch, die von den Aerzten als frei von allen Krankheitserregern gepriesen wurde, sie soll nichts taugen? Ganz so schlimm ist es nicht. Aber zum Besten der jungen Mütter wollen wir hier das Wichtigste aus den Enthüllungen Professor Flügges über die Milchsterilisierung mitteilen.

Lange bevor man Bakterien kannte, wußte man, daß die unschuldige Kuhmilch mitunter recht gefährlich werden kann. Man gab darum den Rat, die Milch niemals roh, sondern nur in abgekochtem Zustande zu genießen, und in der That sichert diese einfache Vorsichtsmaßregel die Erwachsenen völlig vor jenen Gefahren, welche durch den Milchgenuß heraufbeschworen werden können. Eine besondere Behandlung erheischte jedoch, wie man sich bald überzeugte, die Kuhmilch, welche zur künstlichen Ernährung der Säuglinge dienen sollte. Der Säugling vermag die Kuhmilch nicht so leicht zu verdauen; außerdem wird sie selbst in dem reinlichsten Stalle beim Melken, Zusammengießen, Durchseihen etc. mit zahllosen unsichtbaren Keimen verunreinigt, wodurch sie leicht zersetzbar wird. Diese Keime sind in der Regel an sich keine Krankheitserreger, sie schaden wenigstens den Erwachsenen nicht; wohl aber vermögen sie die Milch derart zu verändern, daß sie für die überaus zarten Säuglinge schädlich, ja lebensgefährlich wird.

Man empfahl darum, auch die Säuglingsmilch durch Abkochen vor dem Verderben zu schützen, erfuhr aber bald, daß viele der gewöhnlich in der Milch vorkommenden Bakterien sich durch Siedehitze nicht so leicht abtöten lassen, sie bilden Keime oder Sporen, die gegen Hitze ungemein widerstandsfähig sind. Kocht man z. B. die Kuhmilch eine halbe Stunde lang und läßt sie in einem wohlverschlossenen Gefäße stehen, so bemerkt man, daß sie nach längerer oder kürzerer Zeit doch verdirbt. Ein Teil der Bakteriensporen hat der Hitze zu trotzen vermocht, er keimte später aus, vermehrte sich und verdarb die Milch.

Es ist darum ungemein schwierig, die Milch völlig keimfrei zu machen. Wollte man dieses Ziel durch die einfache Siedehitze von lOO° C. erreichen, so müßte man die Milch sechs bis sieben Stunden lang kochen. Dabei wird aber die Milch dunkelbraun von Farbe, unangenehm im Geschmack, die Eiweißstoffe werden zum Teil ausgeschieden, kurz, die Milch wird so verändert, daß sie nicht mehr verkaufsfähig ist und sich auch als Nahrungsmittel für Säuglinge nicht mehr eignet.

Völlig keimfrei kann die Milch ferner gemacht werden, wenn man sie in gespanntem Dampfe auf 120° C. erhitzt, wozu besondere Apparate nötig sind. Ein dritter Weg, der gleichfalls zum Ziele führt, ist die „diskontinuierliche Sterilisierung“, ein höchst umständliches Verfahren, bei dem die Milch fünf bis sechs mal erhitzt und dann wieder an mäßig warmem Orte stehen gelassen wird.

Dr. Barons Apparat zum Sterilisieren der Milch.

Apparat zum Sterilisieren der Milch: Der innere Topf.

Es ist klar, daß durch solche Behandlung der Preis der wirklich sterilisierten Milch bedeutend verteuert wird und daß nur die wenigsten Familien in der Lage sein würden, eine solche keimfreie Milch für ihre Säuglinge zu kaufen. Man hat darum einen Mittelweg eingeschlagen, indem man die Milch nur eine verhältnismäßig kurze Zeit, etwa 3/4 Stunden lang erhitzte; die so behandelte Milch nannte man gleichfalls „sterilisierte“ Milch und empfahl sie für Säuglinge in der Annahme, daß die in der Milch noch am Leben gebliebenen Bakterienarten der Gesundheit nicht schädlich seien. Die praktische Erfahrung schien auch für die Richtigkeit dieser Annahme zu sprechen und Aerzte und Mütter waren des Lobes der sterilisierten Milch voll.

Erst in der neuesten Zeit wurden gegenteilige Ansichten laut. Flügge untersuchte diejenigen Milchbakterien, welche der Hitze trotzen, und fand, daß viele von ihnen durchaus nicht harmlos waren, sondern bei der Zersetzung der Kuhmilch Stoffe erzeugten, welche auf Versuchstiere giftig einwirkten und wohl geeignet waren, auch Säuglinge krank zu machen. Diese Stoffe bildeten sich namentlich dann, wenn die sogenannte sterilisierte Milch, auch in wohlverschlosscnen Gefäßen oder Flaschen, längere Zeit an einem warmen Orte aufbewahrt wurde. Auch aus ärztlichen Kreisen wurden Stimmen vernehmbar, daß die käufliche sterilisierte Milch unter Umständen im Hochsommer bei der Ernährung von Säuglingen sich nicht bewährt habe.

Da nun gegenwärtig die Milch vielfach in Fabriken, Molkereien und mit Hilfe verschiedener Apparate auch im Hause „sterilisiert“ wird, ist eine nähere Besprechung der verschiedenen Verfahren von allgemeinstem Interesse.

Eine völlig keimfreie Milch ist, wie gesagt, im Handel äußerst selten und teuer. Sie wird ausschließlich für die Ausfuhr und die Versorgung der Seeschiffe hergestellt. Für unsere Angelegenheit, für das Haus ist sie ihres Preises wegen ohne Belang.

Was wir für gewöhnlich unter dem Namen „sterilisierte Milch“, „keimfreie Dauermilch“ etc. kaufen, verdient diesen Namen im eigentlichen Sinne nicht. Flügge äußert sich darüber: „Ich selbst habe im Laufe der letzten drei Jahre von allen mir bekannt gewordenen Firmen, welche sterilisierte Milch in Flaschen oder Blechdosen herstellen, Proben kommen lassen, dieselben uneröffnet in den Brutofen gebracht und nach Abiauf von einigen Tagen oder Wochen bakteriologisch untersucht. Ich habe 30 bis 100 Procent aller dieser Proben mit Massen von Bakterien durchsetzt gefunden.“ Er hält darum diese partiell, d. h. nur unvollständig sterilisierte Flaschenmilch des Handels für ein völlig unsicheres und gefährliches Präparat, gefährlich namentlich dann, wenn die Flaschen längere Zeit hindurch an einem warmen Orte aufbewahrt wurden.

Aus diesen Gründen befürwortet Flügge die Sterilisierung der frisch bezogenen Milch im Haushalte selbst. Natürlich kann diese Sterilisierung nicht vollständig sein, durch eine Reihe von Vorsichtsmaßregeln läßt sich aber die Gefahr beseitigen, welche die übrig bleibenden Keime verursachen könnten.

Die Grundsätze, nach weichen man verfahren soll, sind folgende: es genügt, die Milch von dem Augenblick an, in dem sie ins Wallen gerät, zehn Minuten lang zu kochen. Die abgekochte Milch muß hierauf möglichst rasch abgekühlt werden, indem man sie samt dem Kochtopf in ein Gefäß mit kaltem Wasser setzt, an besonders heißen Tagen das Kühlwasser auch wohl noch einmai erneuert. Die abgekühlte Milch soll darauf in einem Raum aufbewahrt werden, dessen Temperatur weniger als + 18° C. beträgt; unter diesen Umständen bleibt die Milch 24 Stunden lang zur Ernährung der Säuglinge tauglich. Steht ein entsprechend kühler Raum nicht zur Verfügung, und dies ist in den Wohnungen der Städter und der weniger Bemittelten im Hochsommer gar oft der Fall, dann ist die Milch nur 12 Stunden lang brauchbar und soll nach dieser Zeit für Säuglinge nicht mehr verwendet oder vorher noch einmal abgekocht werden. Diese Grundsätze sind nach Flügge auch für die Benutzung des Soxhletschen Apparates maßgebend. Bei Spaziergängen darf die vorher gewärmte Milch höchstens 1 bis 2 Stunden durch Umhüllen mit wollenen Tüchern auf höherer Temperatur gehalten werden.

Im übrigen weist Flügge darauf hin, daß bei sorgfältiger Behandlung durch einfache Milchkocher, wie sie im Handel vielfach vorkommen, die Milch ebenso gut „sterilisiert“ werden kann wie im Soxhletschen Apparat. Durch eine möglichste Verbreitung dieser Milchkocher unter der armen Bevölkerung unter Beifügung leicht verständlicher „Vorschriften“ könnte, wie Flügge meint, am wirksamsten der noch immer übergroßen Sterblichkeit der Kinder im Säuglingsalter entgegengearbeitet werden. Beispielshalber möchten wir einen dieser Milchkocher beschreiben, der von Dr. Baron eingeführt wurde und den unsere Vignetten zeigen.

Er besteht in einem verzinnten mit passendem Deckel versehenen Kochtopfe und in einem zweiten größeren Topf, in welchen der erste hineingestellt werden kann. Der Gebrauch gestaltet sich nach Angaben Dr. Barons wie folgt: Man füllt den sauber gereinigten 2 Liter fassenden kieineren Topf mit der für einen Tag reichenden, wenn nötig entsprechend verdünnten und versüßten Milchmenge und schließt ihn mit dem Deckel. Darauf setzt man den Milchtopf in den großen Topf und füllt zwischen beide Töpfe so viel Wasser, daß es knapp bis zur halben Höhe reicht, schließt den großen Topf ebenfalls und stellt das Ganze aufs Feuer. Von dem Augenblicke an, wo das Wasser siedet, läßt man es noch eine reichliche halbe Stunde kochen. (Nach Professor Flügge würden, wie gesagt, schon zehn Minuten genügen.) Will man eine Mahlzeit bereiten, so dreht man den Deckel des Milchtopfes, ohne ihn zu lüften, mittels des Griffes soweit nach rechts, bis die Nase des Deckels an dem Holmgriffe anstößt, es deckt sich dann der Ausschnitt in der Deckelzarge mit dem Ausguß und man kann bequem abgießen. Zum Schluß bringt man den Deckel wieder in seine frühere Lage zurück, der Topf ist wieder verschlossen und die Milch vor Verunreinigung durch Keime geschützt. Die Milch kann abgekühlt werden, indem man den Topf in ein Gefäß mit kaltem Wasser setzt.

Noch vor dem Erscheinen der lehrreichen Abhandlung des berühmten Breslauer Hygieinikers haben wir in dem Artikel „Die Kindermilch im Hause“ (Nr. 25 dieses Jahrgangs) ähnliche Ratschläge unseren Leserinnen erteilt, dabei aber auf die Zuhilfenahme aller, selbst der einfachsten Milchkocher verzichtet. Wir glaubten, im allgemeinen Interesse unsre früheren Mitteilungen durch die Ausführungen von Professor Flügge ergänzen zu sollen, unter gleichzeitigem Hinweis auf den Baronschen Milchkochapparat, der für die Zubereitung einer gesunden Kindermilch immerhin von Wert und dabei einfach und billig ist. *  


[592]

„Up ewig ungedeelt!!“

Novelle von Jassy Torrund.

  (Schluß.)

Stumm stand Genthin seiner Frau gegenüber; nur Sekunden dauerte dieses Schweigen und dennoch schien es beiden eine Ewigkeit. Dann seufzte er plötzlich auf, wie von schwerer Last befreit. Nein, diese reinen klaren Frauenaugen wußten nichts von Schuld noch Lüge. Was Hedwig auch gethan haben mochte – es war nichts, worüber sie hätte erröten müssen. Die anklagenden Worte, die ihm auf der Zunge schwebten, verstummten, ehe sie noch ausgesprochen wurden. So legte er den Arm um sie, führte sie langsam die Treppe hinauf und fragte in seinem alten ruhigen Ton: „Du hast Einquartierung, Kind?“

Dabei beobachtete er sie scharf. Sie hielt die Lider gesenkt – kein Erröten, nur ein Lächeln flog über ihre mädchenhaften Züge.

„Ja, Johannes. Drei Gemeine, einen Sergeant und einen Lieutenant,“ zählte sie an den Fingern her. „Und denke Dir, der Lieutenant ...“

Er unterbrach sie: „Du gehst nicht der Rangordnung nach; der Lieutenant hätte der erste sein müssen,“ sagte er herbe. „Jedenfalls hat er Dir die Zeit angenehm vertrieben. An Langerweile und Traurigkeit scheinst Du nicht gelitten zu haben.“

Sie betrachtete ihn mit wachsender Unruhe, antwortete aber nichts, sondern half ihm im Flur, seinen schweren Reisepelz abzulegen. Wie sonderbar er doch war – was konnte er nur meinen? Plötzlich flammte es wie ein Blitz des Verständnisses in ihren braunen Augen auf, mit heißem Erröten legte sie die Arme um seinen Hals. „Haben die Leute sehr viel Böses über Deine arme Frau geredet, Hansemann?“ fragte sie leise und schaute ihn an, schelmisch und traurig zugleich.

Ihm ward ganz unbehaglich zu Sinn bei diesem kindlich treuherzigen Blick, und ausweichend sagte er: „O – allerlei!“

„Und Du glaubtest es, Johannes?“ Sie ließ die Arme sinken, ein schmerzlicher Zug zeichnete sich tief ein um Mund und Augen.

Er schüttelte den Kopf. „Was sangst Du vorhin, Hedwig – ‚Das Roß ist des Königs, der Reiter ist mein?‘ Hieß es nicht so?“

Nun lachte sie hell auf. „Also darum? Ja, so heißt es, und ich lernte das Lied von Marie; an sie dachte ich, als ich vorhin so vergnügt die Treppe hinunterlief.“

„Marie Kattein, der kleine Preußenhasser? Ich meine, die kennt nur ‚Schleswig-Holstein meerumschlungen‘?“ fragte er erstaunt.

„Ja, ja, Preußenhasser! Komm und sieh selbst!“ rief sie fast übermütig und zog den Widerstrebenden durch das leere Eßzimmer an die halbgeöffnete Wohnstubenthür.

Wie sie sich schon im voraus auf ihres Mannes Ueberraschung freute, wenn sie ihm sagen würde, wer der Lieutenant war! O, er sollte ihr Abbitte thun für diesen ganz unglaublichen Verdacht, den er gegen sie gehabt! Warum hatte er sie vorhin so unfreundlich unterbrochen, als sie ihm gerade erzählen wollte, was für einen lieben Jugendfreund und treuherzigen Vetter sie in dem fremden Offizier wiedergefunden!

Drinnen im Wohnzimmer war es schon dämmerig; die Glut im Ofen warf einen schwachen roten Feuerschein über die beiden jungen Menschenkinder, die dort traulich beisammen saßen. Das Katteeker kauerte auf einem niedrigen Schemel, hatte beide Hände um die Knie geschlungen und schaute träumend ins Feuer. Gerhard erzählte ihr von seiner Heimat, und seine tiefe ruhige Stimme war der einzige Laut in dem stillen Gemach.

Doch plötzlich schraken sie beide auf wie aus tiefem Traum.

„Donner!“ rief halblaut, in grenzenlosem Staunen, der Lauscher an der Thür. „Sieh, sieh, das Katteeker ist ja mächtig zahm geworden!“ Und noch etwas anderes fuhr ihm durch den Sinn – er beugte sich nieder und wollte seine Frau küssen; die aber wich ihm blitzschnell aus, stieß die Thür vollends auf und sagte mit feierlichem Ernste „Darf ich vorstellen? Mein Mann – mein lieber Vetter Gerhard Wien, Oberförster und Lieutenant der Reserve ...“

Mit größerer Herzlichkeit ward noch nie ein fremder Vetter begrüßt wie dieser, dem der Hausherr mit kräftigem Händedruck fast die Finger zerbrach.

Dann aber, unbekümmert um die beiden jungen Menschenkinder, zog Genthin seine Frau zu sich heran. „Mit Verlaub, Herr Vetter – meine Frau ist mir noch den Willkommgruß schuldig,“ sagte er und küßte die Errötende herzlich. „Hättest Du mir das nicht gleich sagen können, Du Schelm?“ flüsterte er ihr ins Ohr.

Sie schob ihn lachend von sich. „Du geruhtest ja, mich zu unterbrechen – bist selber schuld, Hansemann!“ Dann schlug sie plötzlich die Hände zusammen und rief entrüstet: „Aber Mann, Du bist ja der reine Rabenvater geworden! Jetzt hole ich gleich die Kinder!“ Damit eilte sie hinaus.

„Und etwas zu essen, Frau!“ rief der Hausherr mit Stentorstimme hinter ihr her.

Dann lief er im Zimmer auf und ab und rieb sich die erstarrten Hände, blieb vor Marie stehen und kniff sie in die Wangen mit einem vielsagenden „So, so!“ und drückte dem Vetter wieder und immer wieder die Hand.

Eine Centnerlast war ihm von der Seele genommen. Mochten die Leute reden, was sie wollten! Alle patriotischen Sünden waren der kleinen Frau vergeben. Der Friede war geschlossen – Holstein und Preußeu hatten sich die Hände gereicht.


„Mächtig zahm geworden!“ hatte Onkel Genthin zu dem Katteeker gesagt – aber darin irrte er sich gewaltig. Es war immer noch nur ein Waffenstillstand, durchaus kein Friede zwischen den beiden feindlichen Mächten, so schnell ging es denn doch nicht. Ein wildes Eichkätzchen läßt sich nicht binnen so und so viel Tagen zähmen, und ein schleswig-holsteinisches Katteeker, das einem preußischen Jäger in die Hände fällt, erst recht nicht.

Das sollte auch Gerhard Wien erfahren, und daran war niemand anders schuld als Herr Genthin selber, denn als der nun anfing, von seinen Erlebnissen zu berichten, und mit wachsender Bitterkeit von dem unthätigen Zuschauen des Bundes sprach, von nutzlosen Mühen und zerstörtem Hoffen, da erwachte alsbald wieder der schlummernde Haß in Katteekers heißem Herzen. Und da ihr Groll weder den König von Preußen noch den Bundestag erreichen konnte, so richtete er sich naturgemäß gegen den einzigen Vertreter preußischer Nation der ihr zur Hand war – denn der Sergeant und die drei Gemeinen zählten nicht mit! Verschwunden war ihr übermütiger Frohsinn und von Stund’ an ward sie wieder, was sie zu Anfang gewesen, eine von Kopf bis zu Fuß gewappnete Jungfrau, die sich jeden Preußen auf zehn Schritt vom Leibe hielt. Da half kein Zureden von Onkel und Tante, kein bittender Blick aus Gerhards treuherzigen Augen, kalt und stumm ging sie ihrer Wege, und Gott mochte wissen, zu was für neuen Feindseligkeiten sie durch ihren alten Haß noch gebracht worden wäre, wenn nicht der König von Preußen ein Einsehen gehabt und sich glücklicherweise noch rechtzeitig ins Mittel gelegt hätte.

In der Stille ihres Kämmerleins hielt Marie eben Einkehr in sich selbst. Mit den bittersten Vorwürfen gegen ihr eigenes wankelmütiges Herz, das dem angestammten Herrscherhaus untreu geworden und nahezu ins feindliche Lager desertiert war, holte diese junge Patriotin ihr blau- und rotgestreiftes Kleid wieder aus dem Schrank hervor, wohin es verbannt gewesen war – dies Kleid, das Tante Hedwig gar zu gern verschenken wollte und das ihr selbst fast so ehrwürdig erschien wie die herrliche goldene Rüstung der Jungfrau von Orleans.

Gerade stand sie im Begriff, eine weiße Schürze umzubinden, um so wieder an ihrer eigenen kleinen Person die geliebten Landesfarben wie eine stumme Kriegserklärung auf das Schlachtfeld hinauszutragen – da erscholl draußen auf der Straße lautes Trommeln, ein gebieterisch kurzes Hornsignal – und sofort erhob sich in dem stillen Hause ein Rufen und Laufen, daß Katteeker bestürzt innehielt. Sie riß die Thür auf und rief nach dem Kindermädchen, nach Stine – aber niemand kam. So lief sie, mit ihrer Schürze in der Hand, hinaus und begegnete auf der Treppe der alten Köchin, die ganz verstört aussah und, ohne eine Frage abzuwarten ihr entgegenries: „’t geiht nu los, Frölen – se hebb Alarm blosen, se schüllt nu alle weg – un morn fröh[1] geiht de Krieg all los! Herrjeses, wenn se den Scherschanten man blot nich dotscheeten[2]!“

Die Hände zusammenschlagend, blieb die alte Person auf der

[593]

Sonntagstanz der Wäschermädchen in Wien.
Nach einer Originalzeichnung von J. M. Kupfer.

[594] Treppe stehen und schluchzte laut. Katteeker stürzte an ihr vorbei, wie eine Friedensfahne wehte die weiße Schürze hinter ihr her – und um ein Haar wäre sie dem Lieutenant, der von unten heraufkam, geradeswegs in die Arme gerannt.

Als er sie sah, rief er ihr zu: „Nein, kein Waffenstillstand, kein Friede, Fräulein Kattein – thun Sie die weiße Fahne weg! Es giebt nun Krieg – endlich hat das Nichtsthun ein Ende!“

Sie starrte ihn mit großen erschrockenen Kinderaugen wortlos an, aber er nahm ihr die weiße Schürze aus der Hand, „die Friedensfahne“, griff nach eben dieser kleinen Hand und fragte hastig und in tiefster Erregung: „Werden Sie an mich denken, Fräulein Marie, an den Preußen, der jetzt hinauszieht, um eine kleine Schleswig-Holsteinerin für ewige Zeiten von Dänemark loszureißen?“

Sie antwortete nicht, sondern nickte nur stumm; dann machte sie sich los und floh in ihr Zimmer zurück. Dort kauerte sie in einer Ecke nieder, schlug beide Hände vors Gesicht, und die Angst, der Schrecken, das heiß aufquellende Weh ihres jungen treulosen und doch treuen Herzens machten sich in bitterem Schluchzen Luft.

„Ich bin ein Preuße“ spielte draußen die Musik, und fort zogen die braven Soldaten, ob zum Siege, ob zum Tode – sie wußten es nicht. Sie dachten auch nicht daran. Diese tapferen jungen Herzen schlugen höher bei den Klängen der Musik. Und heute waren die Thüren und Fenster nicht geschlossen – jung und alt stand auf den Straßen und starrte ihnen nach. Mancher Blick aus braunen und blauen Mädchenaugen folgte der stattlichen Schar, den „verhaßten“ Preußen.

Im Giebel des Genthinschen Hauses klirrte leise ein Fenster, aber so leise es auch geschah, es gab doch ein Ohr, das diesen Ton auffing, ein Paar Augen, die hinaufspähten, und andere Augen grüßten – dunkle, traurige, die aus einem seltsam blassen Gesichtchen herniederschauten, lange, lange noch, den Fortziehenden nach, die Landstraße entlang, soweit sie nur sehen konnten.

Heute blaute kein klarer nordischer Winterhimmel über den fern und ferner Ziehenden. Lautlos rieselte es herab aus dichtgeballten grauen Wolken, die vom Wind gepeitscht gen Norden stürmten. Leise verhallten die Klänge des Preußenliedes, ein Ton, ein letzter, wehte herüber, dann war alles still.

Schweigen und Schneegeriesel hüllte das Städtchen ein wie ein Mantel, den Mutterhand sorglich über das schlafende Kind breitet, daß sein Schlummer nicht gestört werde durch bittere Winterkälte und fernen Kriegslärm.


Der erste Februar war vorbei. Die verbündeten Preußen und Oesterreicher hatten die Eider überschritten, und die ersten deutschen Truppen waren in Schleswig eingerückt. Der Druck, der so lange lähmend auf diesem unglücklichen Lande gelegen hatte, war wie durch Zaubermacht gehoben, neue Hoffnung regte sich in den geduldigen, oft enttäuschten Herzen der Schleswiger.

Schlag auf Schlag ging es vorwärts ohne Rast und Ruh’ – Schritt um Schritt drängte man den Feind in blutigem Ringen zurück.

Und allmählich, ganz allmählich schlug die Stimmung in den schleswig-holsteinischen Landen um. Die Sympathien, die man bisher nur den Sachsen und Hannoveranern entgegengebracht hatte, wandten sich nun endlich auch den Preußen zu. Reich und arm, vornehm und gering, Stadt und Land sandte Liebesgaben in das preußische Lager; Bürger und Bauern traten während des Marsches herzu und reichten den wackeren Soldaten die Hände. Alte Sünden, alte Vorurteile wurden vergessen. Ueberall regte sich in diesen zähen mißtrauischen Herzen das stammverwandte Deutschtum, der treue rechtliche Sinn.

Auch in dem kleinen P. schwand bei dem siegreichen Vordringen der Armee der Haß gegen die Preußen, und allmählich hob man auch den Bann auf, den man über Frau Hedwig Genthin verhängt hatte. Der alte Doktor kam und fragte: „Wissen Sie schon?“ und erzählte von den herrlichen Siegen und schüttelte ihr die Hände und sagten „Frau Hedwig, es kommt eine bessere Zeit, und wir – wir fangen an, sie zu begreifen!“

Aber noch ein anderes Ohr, ein anderes Herz hörte diese verheißungsvollen Worte, ein Herz, das angstvoll schlug, so oft von einem neuen Gefecht die Rede war, das die Preußen unter Prinz Friedrich Karl geliefert hatten. Marie Kattein stand oft und lauschte und glaubte in der Ferne Kanonendonner zu hören. Vor ihren Augen wehten preußische Fahnen, hin über die Ebene stürmten preußische Truppen den „tapperen Landsoldaten“ entgegen – jedes Dorf eine Festung, jedes Haus eine neue Schanze. Und deutsche Begeisterung flammte im Herzen der jungen Schleswig-Holsteinerin auf.

Dann, als es schon Frühling geworden war, am 18. April 1864, kam der glorreiche, der herrliche Tag von Düppel, jener Tag, wo banges Hoffen zu tröstlicher Gewißheit wurde, wo bei den Klängen des Hohenfriedberger Marsches schleswig-holsteinische Freiheit durch Ströme preußischen Blutes erkauft ward. Da war für ewige Zeiten das eine Wort zur Wahrheit geworden: „Los von Dänemark!“

Der Waffenstillstand folgte, und einige Kompagnien, die bei dem Düppeler Sturm am schwersten gelitten hatten, kehrten vom Kriegsschauplatz zurück, um in Holstein verpflegt zu werden.

Aber wie anders als vor einem Vierteljahre wurden diesmal die Preußen empfangen! Ihr Marsch durch das befreite Land war ein Triumphzug. Aller Hände streckten sich ihnen hilfsbereit entgegen, die Häuser und die Herzen waren ihnen aufgethan, man wetteiferte in dankerfüllter herzlicher Begrüßung der ruhmgekrönten Sieger von Düppel, als sie nun wiederkehrten zu kurzer Rast – verwundet und pflegebedürftig, mit zerschossenen Gliedern aber mit ungebeugtem Mut.

Auch der Reservelieutenant Gerhard Wien, den ein Streifschuß in den rechten Arm getroffen hatte, war bei den Zurückkehrenden. Seine Verwandten hatten ihn gebeten, sich in ihrem Hause von den Strapazen des Krieges zu erholen.

Herr und Frau Genthiu standen mit den Kindern unter der Thür, als der Wagen vorfuhr. Gerhard sprang herab, den Arm noch in der Binde, er drückte dem Ehepaar in herzlicher Wiedersehensfreude die Hände, küßte die kleinen Mädchen, die ihm in verlegener Scheu ihre Maiglöckchensträuße hinhielten, und – sah sich suchend um.

Genthin fing den Blick auf und sagte kaltblütig: „Sie suchen meine Nichte? Die ist nicht hier.“

„Aber Mann!“ flüsterte Frau Hedwig vorwurfsvoll, als sie sah, wie des Vetters freudestrahlendes Gesicht plötzlich so kalt und ruhig wurde. Doch Genthin hatte diese sichtliche Enttäuschung mit wahrer Genugthuung bemerkt. „Geschieht Ihnen ganz recht, guter Freund! Das ist nur die gerechte Strafe für die Heidenangst, die ich Ihretwegen einmal ausgestanden, mein Herr Vetter,“ sprach er bei sich selber und rieb sich stillvergnügt die Hände.

Dann führten sie den lieben Gast feierlich durch die bekränzte Thür ins Haus hinein. Auf der Treppe – Onkel Johannes schmunzelte, und Vetter Gerhard traute seinen Augen nicht – kam ihnen das Katteeker entgegen, das sich nur durch Zufall ein wenig verspätet hatte. Lächelnd und erglühend wie ein Mairöslein stand Marie in ihrem weißen Kleide dort auf der Treppe, und Gerhard Wien starrte sie an wie verzaubert.

War dies das wilde Katteeker mit den haßfunkelnden schwarzen Augen? Was hatte dieses eine Vierteljahr aus ihr gemacht!

O nein, Herr Gerhard Wien! Nicht dieses eine Vierteljahr und nicht Tante Hedwigs sanfte Hand hatten das wilde übermütige Katteeker gezähmt – der Krieg, der männermordende, war’s, der mit rauher Hand sein Erziehungswerk an diesem jungen Geschöpf gethan; die heimliche Angst um ein geliebtes Leben war’s, die das unbesonnene Kind zu einem anderen Wesen umschuf, zu einem Bilde hold aufblühender Weiblichkeit. Gerhard konnte sich gar nicht satt sehen an dem süßen Gesichtchen und den großen dunklen Augen, in denen die Liebe ihr altes und ewig neues Wunderwerk begonnen hatte.

Wie der verkörperte Genius der meerumschlungenen Schwesterlande, der die Hände ausbreiten möchte, seinem Erlöser aus Schmach und Knechtschaft zu danken – so stand die junge Schleswig-Holsteinerin vor dem verwundeten preußischen Offizier, und bis zu seiner Todesstunde wird er dieses Augenblicks gedenken! – –

In solcher aufgeregten sturmbewegten Zeit bedarf es keiner langen Präliminarien. Die Hände finden sich gar rasch, wenn die Herzen tage-, wochen- und monatelang in Sehnsucht oder in banger Furcht um einander geschlagen haben.

Gerhard Wien hatte auch nicht Zeit zu langem Liebeswerben; die leichte Schußwunde begann zu heilen, bald mußte er wieder gen Norden ziehen. Also warum zögern, wo es galt, sich das [595] Glück seines Lebens zu erringen? Hatten die Tage von Missunde und Düppel ihn nicht gelehrt, wie ein Held vorwärts zu gehen?

Aber wenn nun der Krieg aufs neue begann, wenn er nicht wiederkehrte? Daran dachte er nicht, das überlegte er gar nicht. Er wollte die Gewißheit seines Glücks mitnehmen, wenn er zum zweitenmal hinauszog in den Kampf – und dies junge Glück sollte ihn schützen, sollte ihm Trost und Talisman sein.

An einem warmen köstlichen Juniabend wanderten die beiden jungen Menschenkinder langsam in sinnendem Schweigen durch die ferner liegenden Gartenwege. Rings um sie her duftete und blühte es; die Schwarzdrossel sang im Gebüsch ihr süßes lockendes Liebeslied, und mit tausend Zungen redete die Natur ihre geheimnisvolle Sprache zu den lauschenden Herzen. Vor einem Rosenbäumchen, das seine frühzeitige schwere Blütenpracht fast bis zur Erde beugte, blieb Gerhard stehen und bat, was vor ihm schon Tausende baten und was nach ihm noch Tausende erbitten werden: „Schenken Sie mir eine Rose!“

Marie wandte den Kopf, ihr Erröten zu verbergen, und suchte mit großem Eifer nach einer Blüte, die nicht zu viel und nicht zu wenig sagte. Endlich war diese Auserwählte ihres Geschlechtes gefunden – keine vollerblühte dunkelrote, glühend wie die Liebe; keine farblose weiße, die von Entsagen und Sterben spricht; nein, eine jener zartgefärbten, mit weißen Blättern und rötlichem Kelch, die das Volk so sinnig „Mädchenerröten“ nennt.

Gerhard drückte die Rose an die Lippen, aber sie sah es nicht, ihre kleinen Hände pflückten angelegentlich ein paar welke Blüten von dem übervollen Strauch.

Gerhard zog sein Taschentuch hervor, die duftende Gabe hineinzulegen; da lag schon etwas zwischen den weißen Blättern, ein unansehnliches farbloses Sträußchen – die dürren Epheublätter raschelten in seiner Hand. Er nahm das Sträußchen, das mit einem arg zerdrückten blau-rot-weißen Seidenbande zusammengebunden war, und hielt es schweigend seiner Begleiterin vor Augen.

Verständnislos blickte Marie darauf nieder. Was sollte das ihr, was wollte er damit?

„Kennen Sie es nicht?“ fragte er mit verhaltener Erregung.

Sie schüttelte den Kopf. Wie lange, lange war es auch her, seit das Katteeker in Stines schweren Pantoffeln durch den beschneiten Garten gewandert, um Epheu und Buchs für die „Preußen“ zu schneiden, der Tante Hedwig zulieb – was war seitdem nicht alles geschehen!

„Kennen Sie auch die Schleife nicht, Fräulein Marie?“ fragte er dringender und zog das schmale Band sorgsam glättend durch die Finger.

Da kam ihr plötzlich die Erinnerung und verwirrt stammelte sie: „Das waren Sie ...?“

Er nickte. „Ja, ich war der Glückliche, der dies Sträußchen auffing, den Willkommgruß der Schleswig-Holsteinerin für den preußischen Eroberer.“

Sie schüttelte ernsthaft den Kopf. „Die Kinder haben’s hinuntergeworfen, nicht ich ...“

Ihr heißes Gesichtchen verriet ihm jedoch mehr, als sie eingestehen wollte.

„Sie haben’s aber gebunden, nicht wahr?“ forschte er siegessicher.

Ein stummes Nicken und dabei fielen dem Katteeker die Worte ein, die sie damals zu Tante Hedwig gesagt hatte: „Für einen Wink des Schicksals werde ich es halten, wenn ich dieses Epheusträußchen jemals wiedersehe!“

Und tiefere Glut überzog ihre Wangen, wie sie in stummer Befangenheit, mit gesenkten Blicken, vor ihm stand, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen.

„Ich trug es bei mir, immer, immer!“ sprach er in steigender Erregung. „Es war wie ein Talisman, der mich schützte. Ich nehme es auch jetzt mit, wenn wir abermals hinaus müssen. Und wenn ich wiederkehre, Marie, wenn der Krieg vorbei und Schleswig-Holstein frei geworden ist – darf ich dann kommen und die Schleswig-Holsteinerin mit mir nehmen in mein Preußenland?“

Er hatte ihre Hände ergriffen und schaute ihr bittend in das schöne junge Gesicht.

Keine Antwort; aber nach einer Sekunde des Schweigens hob sie die Augen, die von Thränen verdunkelt waren und ihm doch fast noch glänzender schienen als früher, und sah ihn schweigend an – es bedurfte keiner Worte, wo das Herz so laut und verständlich redete. Und Gerhard beugte sich herab und küßte die süßen Lippen seiner jungen Braut.

Holstein und Preußen hatten sich zum zweitenmal die Hände gereicht!

*               *
*

Und wieder Krieg und wieder Waffenstillstand, der endlich den Frieden bringen sollte.

Nicht alle kamen wieder, die einst so hoffnungsfroh fortzogen. Wie vordem die Väter für die Freiheit starben, so folgten ihnen auch die Söhne nach – treu bis zum Tode. Aber Gerhards junges Glück, das er mit hinausgenommen, hatte ihn behütet, daß er zum drittenmal jetzt wiederkehren durfte zu dem epheuumrankten Haus in der guten altmodischen kleinen Stadt.

Anfang August war’s, als sie ihn erwarteten. In Christinens blitzblanker Küche saß die junge Braut und fügte mit zitternden Händen Zweig an Zweig, Blume an Blume für den Kranz, der ihren Liebsten grüßen sollte, wenn er heimkehrte; und immer ungeschickter wurden die kleinen Hände, immer ruheloser das heiße junge Herz. Kopfschüttelnd betrachtete Stine den Kranz, der gar nicht fertig werden wollte und schon zweimal mitten durchgerissen war. „Wenn’t man nix Slimmes to bedüden hett,“ murmelte sie vor sich hin, und endlich ließ sie ihren halbfertig gespickten Kalbsbraten im Stich und ging und nahm ihre Zuflucht zu ihrer Hilfe in allen Bedrängnissen.

„Jette, Se sünd je so geschickt, wüllt Se nich’n beten nach mien Kaek kamen un dat oll lütt Katteeker helpen? Dat quält und quält sik un kämt nich ut de Stell mit dat oll Kränsewinden!“

Und das gute alte Hausgeistchen legte sogleich Nadel und Schere hin, folgte Stine hilfsbereit in die Küche, und ihre flinken geschickten Hände nahmen dem Katteeker die mühsame Arbeit ab. Wie erlöst lief Marie davon, die Treppe hinauf zu ihrem Giebelstübchen, um auszuschauen, ob sie denn noch nicht kamen, und wieder hinab in die Küche, um zu fragen, ob der Kranz nicht bald fertig wäre. Und als sie auf diesen ruhelosen Streifzügen wieder einmal die Treppe hinuntereilte, hörte sie nicht enden wollendes Gelächter, blieb an der Küchenthür stehen und mußte trotz ihrer Aufregung doch selber mitlachen über die beiden närrischen Alten.

„Neihersch“ hatte den ellenlangen Kranz um die dicke Stine herumgewickelt, daß sie die Arme nicht rühren konnte und nun hilflos und kläglich dastand. Und „Neihersch“ stellte sich vor sie hin, knixte einmal übers andere und versuchte mit ihrer feinen hohen Stimme Stines derben Baß nachzuahmen. „Jette, weeten’s wat de Lüd segg’n? De Lüd segg’n: Herr Wien un Fru Genthin ... Nanu, lütt Stine, wer hett nu rech?“

„Was ist denn hier los?“ fragte das Katteeker neugierig, und nun kam die ganze schöne Reimerei, die plattdeutsche und die hochdeutsche, ans Tageslicht.

Marie lachte, daß ihr die Thränen übers Gesicht liefen, nahm die alte Stine mitsamt ihrem Kranz und drehte sie wie toll im Kreise herum. „Ne, Stine, mien lütt Stine,“ rief sie atemlos, „Du hest je doch rech, un en plattdütschen Vers is dat doch, man de heet: Herr Wien – dat’s mien!“

„Se kamt, se kamt!“ schrie der Kutscher, den man zum Ausguck auf die Landstraße geschickt hatte. Und kaum war der Kranz über der Hausthür befestigt, kaum waren Herr und Frau Genthin herbeigerufen und hatten den Kindern ein Blumensträußchen in die Hand gedrückt – da kamen sie wirklich.

„Herrejeses, de Scherschant is ok wedder dor!“ war das einzige, was Marie in dem ganzen Trubel noch hörte. Dann sprang jemand vom Wagen – im nächsten Augenblick lag sie in den Armen ihres Liebsten.

„Mein Eichkatzel!“ rief er jubelnd, „mien lütt söt Katteeker!“ Er sagte es ganz falsch – aber das machte nichts, es klang doch süßer wie die schönste Musik in den Ohren der glücklichen jungen Braut.

Dann hielt er sie bei der Hand und schaute ihr tief und selig in die Augen. „Und nun, mein Lieb, gilt auch für uns beide der Wahlspruch Deines Vaterlandes, das uralte Wort – unser Losungswort fürs ganze Leben:
,Up ewig ungedeelt!‘“

[596] 0


Blätter und Blüten


Die deutsche Schule in Konstantinopel. Vor einigen Jahren[3] hat die „Gartenlaube“ ihren Lesern von der „deutschen und schweizer höheren Bürgerschule“ in Pera berichtet, die, dank dem einmütigen Zusammenwirken der deutschen und der schweizer Kolonie aus bescheidenen Anfängen allmählich zu einer kräftigen Blüte sich entwickelte und ein solches Ansehen sich errang, daß nicht bloß Deutsche und Schweizer, sondern Angehörige fast aller europäischen Nationen ihre Kinder dorthin zum Unterricht schickten. Nicht ohne schwere Opfer war dieses Ziel zu erreichen; aber sie wurden gebracht zur Ehre des deutschen Namens im fremden Lande.

Jetzt hat ein bitteres Schicksal die Schule heimgesucht. Die Erdbeben, die gegen die Mitte des Monats Juli den Boden Konstantinopels erschütterten, haben auch das Haus jener Schule so schwer beschädigt, daß bei seinem gegenwärtigen Zustande die Kinder nicht mehr ohne Gefahr hineingeschickt werden können. Es ist ein vollständiger Neubau mit einem auf etwa 100 000 Mark geschätzten Aufwand erforderlich, und dazu hat die zum großen Teil aus keineswegs vermöglichen Leuten bestehende Schulgemeinde die Mittel nicht. Soll nun der ganze Bestand der Schule gefährdet bleiben? Sollen alle Anstrengungen, die frühere Generationen gemacht haben, vergeblich, soll eine blühende Pflegestätte deutscher Bildung im Auslande dem Untergange geweiht sein? Wir wissen, daß wir diese Frage nur zu stellen brauchen, um bei unsern Lesern die einzig mögliche, die einzig des deutschen Volkes würdige Antwort darauf zu erhalten: Hilfe, thatkräftige und rasche Hilfe zur Wiedererrichtung des zerstörten Heims! Jeder, dem die Erhaltung deutschen Geistes und deutscher Sitte unter unsern Landsleuten draußen in der Fremde am Herzen liegt, der säume nicht, sein Scherflein beizutragen für den Wiederaufbau der deutschen und schweizer Bürgerschule in Konstantinopel! Beiträge nehmen entgegen in Konstantinopel der Geh. Legationsrat Gillet, kaiserlich deutscher Generalkonsul; in Berlin die Deutsche Bank und in Zürich die Schweizerische Kreditanstalt.

Ameise und Grille. (Zu dem Bilde S. 585.) Wie die Ameise als Verkörperung des Fleißes gilt seit uralten Zeiten, so geläufig ist unseren Vorstellungen die unermüdliche Musikantin Grille, und wer die beiden Mädchen auf unserem Bild betrachtet, der wird sofort verstehen, wie der Künstler zu seiner Bezeichnung kam. Hier die fleißige Stickerin, dort die Lautenspielerin, die nur im Augenblick ihr Spiel unterbrochen hat, um einen halb bewundernden, halb verständnislosen Blick auf das emsige Thun der Genossin zu werfen. Es sind die Pole Prosa und Poesie, Brot und Kunst, die auf unserem Bilde sich berühren und die glücklicherweise auch im Leben nicht immer feindlich sich abstoßen.

Sonntagstanz der Wiener Wäschermädel. (Zu dem Bilde S. 593.) Was ein Wiener „Wäschermädel“ ist, das läßt sich dem Nichtwiener ebensowenig deutlich machen wie die gesellschaftliche Stellung des „Fiakers“ in der österreichischen Hauptstadt. Es wäre nichts einfacher als zu sagen: das „Wäschermädel“ reinigt eben Leib-, Bett- und Tischwäsche, aber mit solch einer Erklärung wäre noch nicht die Hälfte gesagt. Die Wäschermädel sind wie die „Fiaker“ letzte Ueberbleibsel überlieferten Altwienertums, sie sind Specialitäten – und „Specialität“ sein, gilt dem Wiener als das Höchste. Der „Fiaker“ will heute noch wie ehedem nicht nach der Taxe fahren, das Wäschermädel hat aus der Vergangenheit in die Gegenwart das Bewußtsein mit herübergenommen, den Typus der „feschen“ Wienerin rein und unverfälscht zu verkörpern. „Fiaker“ und „Wäschermädel“ haben noch je ihren Ball für sich, nicht mehr so rein und ohne fremde Beimengung wie vor Jahren, aber immerhin noch Tanzfeste von unverkennbarer Eigenart. Das Merkwürdigste an ihnen ist das gewohnte Erscheinen der „Gawliere“, der „Kavaliere“ – ein Sammelname, unter welchem man all das Männliche versteht, das adlig oder Sportsmann ist oder doch so thut, als ob es das wäre, das den „Fiaker“ per „Du“ anspricht, ihm weit mehr bezahlt, als er verlangt, und sich zu ihm in ein vertrautes Verhältnis setzt. Der Fiakerball und der Wäschermädelball danken ihre finanziellen Erträgnisse eben den „Gawlieren“, die für ihre Eintrittskarten großmütig die „Zehner“ – wie die Zehnguldennoten heißen – „springen“ lassen und nebstdem ihre Schützlinge mit Champagner traktieren. Die Berührung der Aristokratie mit dem Volke – sie wird da schier parodistisch dargestellt.

Aber wir wollen kein satirisches Kapitel schreiben, sondern nur einen Blick werfen auf die „Wäschermädel“ und auf ihre sonntäglichen Unterhaltungen. Mit den Wäschern und anderen guten Freunden tanzen sie da flott drauf los, und daß nur ein „Werkel“ – Leierkasten – ihnen dazu aufspielt, thut ihrer Fröhlichkeit keinen Eintrag. Wer gern tanzt, dem ist leicht gepfiffen! Die Arbeit ruht, nach einer Woche voll Plage thut die Rast, verbunden mit einem bißchen Vergnügen, dem Menschen wohl. In dem geräumigen Hofe, dessen Bestimmung durch die an Schnüren zum Trocknen ausgehängte Wäsche gekennzeichnet ist, haben die Paare auf unserem Bilde einander rasch gefunden – wenn es nicht anders geht, Mädchen und Mädchen oder auch zwei lustige Kinder, jüngstes Wiener Blut von der echten Rasse. Die Scene spielt im neunten Bezirke, in einem weitläufigen alten Hause, genannt die „Ritterburg“. J. M. Kupfer, der Wienerische Maler, kennt sich da gut aus, er hat das Leben und Treiben dort in seinen verschiedensten Aeußerungen belauscht, und auch die „Wäschermädel“ sieht er so, wie sie wirklich sind. Als maßgebender Zeuge muß er bestätigen, daß man unter ihnen geradezu tadellose Schönheiten findet. Und nicht nur die Gesichtszüge sind schön, auch die Haltung ist anmutig, der Gang elastisch, und selbst wenn die Wäscherin auf dem Rücken den Tragkorb – die „Butten“ – hat, über welche links und rechts die gesteiften, schlohweißen Frauenunterröcke hinauswallen, geht sie flink dahin wie ein Reh. In der „Ritterburg“ – die Selbstverspottung der Bewohner hat ihr wohl diesen Spitznamen angeheftet – sind ganze Geschlechter von Wäscherinnen gekommen und gegangen. Wo jetzt die jungen Mädchen tanzen, dort haben Großmutter und Großvater einander kennengelernt, und die Enkel der heutigen würden dort noch hausen, wenn nicht die Neugestaltung von Wien die „Ritterburg“ mit dem Abbruch bedrohte! G.     

Japanische Garde-Infanterie. (Zu dem Bilde S. 581.) Vor nunmehr 26 Jahren, im Jahre 1868, begann der große Umschwung in Japan, der das Land aus seinem chinesisch beschränkten Mittelalter in seine europäisch beeinflußte Neuzeit hineinführte. 1872 erschien auch das erste der Gesetze, welches die allgemeine Wehrpflicht einführte und damit der alten Kriegerkaste endgültig das Lebenslicht ausblies. Gleichzeitig ward die Neuuniformierung und -bewaffnung der Armee nach europäischen Vorbildern, deutschen, französischen, österreichischen, italienischen etc., in Angriff genommen. Wie es darum in Japan heute so gut Einjährig-Freiwillige und Reserveoffiziere giebt wie in Deutschland, so macht auch die Uniform einen durchaus europäischen, aus verschiedenen bekannten Elementen zusammengesetzten Eindruck. Die Garde-Infanterie trägt zur Parade einen schwarzblauen Waffenrock nach deutschem Schnitt, mit Kragen, Aermelaufschlägen, Vorstößen und kleinen Achselwülsten in Rot. Auf der Brust befinden sich sechs Reihen roter, weiß vorgestoßener Bandlitzen, sogenannte „Brandebourgs“. Im Felde dagegen wird ein etwas kürzerer Rock ohne jene Bandverschnürung angezogen. Die schwarzblauen Beinkleider werden in weiße Gamaschen eingeknöpft, wozu die Garde Schnürstiefel, die übrigen Truppen Sandalen mit Wadenstrümpfen tragen. Die Paradekopfbedeckung besteht aus einem Filzkäppi österreichischer Form mit Haarbusch, an dessen Stelle im Felde eine mit Sturmriemen versehene Schirmmütze tritt.

Diese Mütze ist bei der Garde weiß mit rotem Besatz, sonst blau mit rot. Der grauschwarze Mantel wird um den Tornister gelegt und ist mit einer großen Kapuze versehen. Jeder Mann trägt ein Stück eines Schutzzeltes, am Leibriemen zwei Patrontaschen zur Aufnahme von 100 Patronen, am Tornister das Schanzzeug. Als Schußwaffe diente bis vor kurzem ein Hinterladegewehr mit Haubajonett, doch ist bereits die Umbewaffnung mit Vitalli-Repetiergewehren im Werke, wie sie die Garde bereits teilweise führt. Die Gradabzeichen der Unteroffiziere bestehen in rotwollenen und goldenen Tressenwinkeln auf den Aermeln, wie im französischen Heere.

Der Paraderock der Offiziere hat keine Bandlitzen wie der der Mannschaft, dagegen zwei Reihen Knöpfe. Die Gradabzeichen sind in Form von ungarischen Knoten auf beiden Aermeln sowie in Form von Goldschnüren am Käppi angebracht. Als Interimsrock dient ein schwarzer Rock mit ebensolcher Verschnürung. Die Offiziere des Generalstabs unterscheiden sich von den übrigen durch hellblaue Uniform, rote Binde um den rechten Oberarm und goldene Fangschnüre auf der rechten Brust. Sie tragen Kartentaschen mit großen Sternen.

Das sind einige Aeußerlichkeiten von der japanischen Armee. Daß sie nicht zu unterschätzende innere Vorzüge besitzt, Mut, Entschlossenheit, Ausdauer, das hat sie bereits im seitherigen Verlaufe des chinesisch-japanischen Krieges bewiesen.


Kleiner Briefkasten.

(Anfragen ohne vollständige Angabe von Namen und Wohnung werden nicht berücksichtigt.)

N. B. in Petersburg. Sie werden den Anfang des angekündigten neuen Romans von W. Heimburg, „Um fremde Schuld, schon in der nächsten Nummer finden.

A. S. in Schlesien. Unser Siebenbürger Leser M. A. S. bittet uns, Ihnen für die freundliche Uebersendung von Text und Melodie des Invalidenliedes (siehe Nr. 20 d. Jahrgangs) verbindlichen Dank auszusprechen. Es ist nun wenigstens der Text bis auf eine kleine Lücke bekannt; die Autorschaft des Obersten v. Cronegk ist vorläufig nicht nachgewiesen, wie auch über die Person dieses Mannes Sicheres nicht in Erfahrung gebracht wurde.

Friedrich Kämpfer in Barmen. Mit Freuden haben wir aus den uns von Herrn Pfarrer Haetinger übersandten Drucksachen ersehen, welche schönen Erfolge das Asyl „Pella“ für Waisen und Heimatlose am Taquary (Brasilien, Rio Grande do Sul) zu verzeichnen hat. Freilich geht aus diesen Mitteilungen auch hervor, wie viel in dem von inneren Wirren so tief geschädigten Lande Brasilien noch zu thun bleibt, um arme deutsche Waisen und andere hilflose Landsleute vor dem gänzlichen Verkommen im Elend zu schützen. Wir machen daher unsere Leser im deutschen Vaterlande gern darauf aufmerksam, daß Beiträge zu gunsten des deutschen Asyls für Waisen und Heimatlose in Brasilien von Ihnen entgegen genommen werden. Mögen sie reichlich fließen!


Inhalt: Die Brüder. Roman von Klaus Zehren (Schluß). S. 581. – Japanische Garde-Infanterie. Bild. S. 581. – Ameise und Grille. Bild. S. 585. – Gletscher und Eisberge. Von W. Berdrow. S. 586. Mit Abbildungen S. 587, 588, 589 und 590. – Noch einmal die Kindermilch im Hause. Mit Abbildungen. S. 591. – „Up ewig ungedeelt!“ Novelle von Jassy Torrund (Schluß). S. 592. – Sonntagstanz der Wäschermädchen in Wien. Bild. S. 593. – Blätter und Blüten: Die deutsche Schule in Konstantinopel. S. 596. – Ameise und Grille. S. 596. (Zu dem Bilde S. 585.) – Sonntagstanz der Wiener Wäschermädel. S. 596. (Zu dem Bilde S. 593.) – Japanische Garde-Infanterie. S. 596. (Zu dem Bilde S. 581.) – Kleiner Briefkasten. S. 596.



Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Kröner. Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig. Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig.

  1. früh.
  2. totschießen.
  3. Jahrgang 1889, Nr. 7.