Die Gartenlaube (1898)/Heft 1
1. Heft. Preis 10 cents. 20. Januar 1898.
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Max Weil & Co., cor. 12th & Vine Street, Cincinnati, Ohio.
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| Seite | |
| Antons Erben. Roman von W. Heimburg. | 1 |
| Wie das erste deutsche Parlament entstand. Ein Rückblick von Johannes Proelß. I. Märtyrer und Pioniere. Mit Abbildungen |
12 |
| Fortschritte und Erfindungen der Neuzeit. Das Acetylengas. Von W. Berdrow | 16 |
| Ein Sommernachtstraum. Novelle von Arthur Sewett | 16 |
| Erkältung. Von Professor Dr. E. Heinrich Kisch | 26 |
| Wie lehrt man die Vögel auf Kommando singen? Von Josef von Pleyel | 28 |
| Ein Tag an Bord einen Eisbrechers. Von Gustav Klitscher. Mit Abbildungen von W. Stöwer | 29 |
Blätter und Blüten: Mit Mann und Roß und Wagen hat sie der Herr geschlagen. (Zu dem Bilde S. 4 und 5.) – Defoe am Pranger. (Zu dem Bilde S. 17.) – Zu unseren Bildern S. 1. 8. 9. 25. – Wintervergnügen im Spreewalde. (Zu dem Bilde S. 20 und 21.) – Der Kiwi. Mit Abbildung. – Ernst Kraus. (Zu dem Bilde S. 36.) – Das Jawort. (Zu unserer Kunstbeilage I.)
Illustrationen: Ein vierblättriges Kleeblatt. Von W. Auberlen. S. 1. – Mit Mann und Roß und Wagen hat sie der Herr geschlagen. Von Arthur Kampf. S. 4 und 5. – Sonntag. Von A. H. Schram S. 8. – Rutschpartie. Von H. Kaulbach. S. 9. – Abbildungen zu dem Artikel: „Wie das erste deutsche Parlament entstand“. S. 12. 13. 14. 15. – Defoe am Pranger. Von Ferd. Leeke. S. 17. – Wintervergnügen im Spreewalde. Originalzeichnung von Werner Zehme. S. 20 und 21. – Walpurgisnacht. Von C. Reichert. S. 25. – Abbildungen zu dem Artikel: „Ein Tag an Bord eines Eisbrechers“. Von W. Stöwer. S. 29. 30. 31. 32. – Musikstudien. Von Hermann Kaulbach. S. 33. – Der Kiwi. Von A. Meyerhof. – Ernst Kraus als Lohengrin. S. 36.
Allerlei von Reineke. Ein alter Jagdschriftsteller erzählt, er habe eines Abends auf einer Waldblöße das wunderbare Benehmen eines Fuchses beobachtet, dessen Zweck er sich erst nicht habe erklären können. Der rote Gauner sei einigemal auf einen hohen Wurzelstock gesprungen, habe dann ein schweres Stück Holz in den Rachen genommen und den Sprung so lange wiederholt, bis es ihm regelmäßig gelungen sei, mit dieser Last die Spitze des Wurzelstockes zu erreichen. In der Dämmerung sei nun eine Bache mit Frischlingen vorübergewechselt; der Fuchs habe eins ergriffen und mit mächtigem Sprunge in Sicherheit gebracht. Bei der Uebung mit dem Stück Holz habe er also offenbar nur den Zweck gehabt, sich die nötige Gewandtheit zu seinem räuberischen Vorhaben anzueignen.
Jeder, der diese kleine Geschichte liest, denkt selbstverständlich, daß das eine jener phantasievollen humoristischen Erzählungen sei, welche man mit dem Namen „Jägerlatein“ bezeichnet und denen man aus dem Munde eines Grünrocks so gern lauscht. Allein ein wahrer Kern ist in der Frischlingsgeschichte dennoch, trotzdem ihre Glaubwürdigkeit auf den ersten Blick gerade keine allzu große zu sein scheint. Der Fuchs stellt thatsächlich, und zwar nicht nur in einem Ausnahmefalle, Springübungen an, wenn sie auch nicht so kompliziert sind wie in der Erzählung jenes alten Schriftstellers, des Dietrich Aus dem Winkell. Reineke übt sich nur, wenn ihm ein Sprung nicht gelungen ist, um es das nächste Mal besser zu machen – wenigstens haben weder ich selbst noch glaubwürdige Bekannte von mir anderweitige, einem bestimmten Zwecke dienende Turnübungen an ihm beobachtet.
Einst kam ich im August abends bei beginnender Dämmerung aus dem Deister, jener Bergkette zwischen Weser und Leine. Ich hatte geblattet [1], und Diana war mir hold gewesen; aus dem Schlitz meines Rucksacks guckte ein Kopf mit starkem Gehörn heraus – schwarz wie der Teufel. Ein guter Schuß, ein schwarzer Bock mit kapitalem Gehörn kann einen Jäger wohl in eine gehobene Stimmung bringen – aber trotz alledem fühlte ich den Druck der Riemen des Rucksacks, und die schwüle Gewitterluft preßte mir den Schweiß aus allen Poren. Ich warf an einem Graben den Bock zur Erde, um ihn erst aufzubrechen – 14 Pfund weniger dreiviertel Stunden weit zu tragen, war immerhin eine wesentliche Erleichterung. Mitten in der Arbeit ließ ich zufällig meine Blicke über das Feld schweifen. Auf einer Stoppelbreite, kaum 200 Schritt von mir, lag ein dunkles langes Etwas in der Furche und kroch langsam voran – ein Fuchs, und mein Pirschglas verriet mir auch sofort, daß er es auf einen Hasen abgesehen hatte, der sich unweit in die Stoppeln drückte – etwas anderes konnte der dunkle Strich auf dem hellen Grunde nicht sein.
Es wäre mir ein Leichtes gewesen, den armen Burschen zu retten, ich brauchte ja nur eine Kugel nach dem roten Strauchdieb zu senden – sie hätte ihn, wenn sie auch vorbeiflog, zweifellos verjagt; allein beim Anblick des weidewerkenden Rotrocks, in der Erwartung und Ungewißheit, ob er Erfolg haben und wie er sich beim Fange benehmen würde, pochte mein Herz fast gerade so stark, als wenn ich an einen starken Bock gepirscht wäre, und das ganze Schauspiel war mir natürlich auch wertvoller als das Bewußtsein, Schutzpatron eines Hasen gewesen zu sein. Mit dem Glase konnte ich jede Bewegung des Fuchses verfolgen, wie er Schritt für Schritt vorwärtsschlich, den Kopf, die Nase etwas höher, hinten ganz gedrückt, die Luntenspitze nervös krümmend. Jetzt schien er dicht genug heran zu sein. Einen Augenblick stand er still, als wollte er noch einmal die Entfernung messen, dann flog er in mächtigem Sprunge, mit hochgehobener Lunte die Luft peitschend, vorwärts – zu kurz! Der Hase fuhr blitzschnell aus dem Lager, ein zweiter Sprung – wieder fehl – und der rote Pfuscher richtete sich hoch auf und sah beschämt dem davonhoppelnden Lampe nach. Aber nicht lange gab er sich wehmütigen Gefühlen ob seines Mißerfolges hin. „Das nächste Mal besser machen,“ war die Lehre, die er sich aus seiner Ungeschicklichkeit zog. Er ging zum Hasenlager zurück – dann zur Stelle, von welcher aus er den ersten Sprung gewagt hatte, und im nächsten Augenblick flog er wieder durch die Luft zum Lager hin. Drei-, viermal hintereinander wiederholte er diesen Lehr- und Uebungssprung, bis er die Gewißheit hatte, daß er in der Praxis das nächste Mal von Erfolg gekrönt sein würde.
Ein hiesiger Jagdfreund von mir erzählte mir vor einiger Zeit ein in der Hauptsache mit meiner Beobachtung genau übereinstimmendes Erlebnis, und ein Jagdaufseher berichtet dem in Köthen erscheinenden „St. Hubertus“ (Jahrg. 1894, Nr. 3) ebenfalls von einem Fuchse, welcher nach dem Fehlsprunge ins Hasenlager gewindet (gerochen) und dann den Sprung noch fünfmal wiederholt habe – so daß mit Fug und Recht geschlossen werden kann: der Fuchs übt sich im Springen, um seiner Sache desto sicherer zu sein.
Trotzdem Reineke alsbald den Hasenbraten zu vergessen schien und der Landwirtschaft durch Mäusefang unter die Arme griff, hielt ich einen solch gewitzten Wilderer in meiner Jagd doch für einen zu gefährlichen Nebenbuhler und schlich mich deshalb in einer Hohle etwas näher heran, stellte mich hinter einen Schleedornbusch und versuchte, den Fuchs durch „Mäuseln“, d. h. durch Nachahmung der piepsenden Maus, heranzureizen. Es gelang, und ich schoß ihn auch. Es war ein äußerst starker, fast ausgewachsener Jungfuchs.Das bayrische Bier auf Reisen. Das erste Frachtstück, welches man in Bayern mit der Eisenbahn beförderte, war bekanntlich ein Faß Bier. Heute gehen von den bayrischen „Bierquellen“ neben Hunderten von Einzelwagen täglich ganze Bierzüge in die Welt hinaus, um den Durstigen das gewohnte erquickende Naß im Fluge zuzuführen. Es giebt einen norddeutschen, einen rheinischen, einen Hamburger Bierzug, zusammengesetzt aus jenen weißangestrichenen soliden Wagen, die an ihren Seitenwänden die Namen weltbekannter Bierfirmen tragen. Im ganzen mögen wohl etwa 1300 derartige Wagen in den bayrischen Wagenpark eingestellt sein, von denen weitaus der größte Teil Privateigentum der betreffenden Exportbrauereien ist. So hat München 18 Exportfirmen, die über 700 Wagen unterhalten, darunter die Brauerei zum Spaten mit 150 Wagen, die Löwenbrauerei mit 126 Wagen, das Leistbräu mit 88, das Augustinerbräu mit 74, das Bürgerliche Bräuhaus mit 71 Wagen und so fort. Kulmbach hat 12 Firmen mit über 100 Wagen, Nürnberg 4 mit ebenfalls über 100 Wagen, Erlangen 4 mit 50 Wagen.
Im ganzen sind nach den letzten Ermittelungen im Jahre 1895 408 929 Tonnen Bier in Bayern mit der Eisenbahn verschickt; das macht 41000 Wagenladungen. Hiervon blieben im Lande selbst 86 771 Tonnen; nach den übrigen Teilen des Deutschen Reiches wurden 282 011 Tonnen und nach anderen europäischen Ländern 40 147 Tonnen verfrachtet. Im Reiche waren die Hauptabnehmer die Verkehrsgebiete Königreich Sachsen (94 321 Tonnen), Stadt Berlin (26 109 Tonnen), die Elbhäfen (Hamburg etc.) (21 881 Tonnen), Merseburg und Thüringen (16 941 Tonnen). Vom Auslande steht noch immer Frankreich obenan mit 11 439 Tonnen, dann folgt die Schweiz mit 10 421 Tonnen, Oesterreich einschließlich Böhmen mit 5876 Tonnen, Belgien mit 5128, Italien mit 2909, Holland mit 2616 Tonnen. – Um dem „Stoff“ seine Güte zu sichern, sind die meisten jener Bierwagen mit Eiskühlvorrichtungen für den Sommer und mit Heizvorrichtungen für den Winter versehen.
Eine neue Art, Bratenreste zu verwenden, wird allen sparsamen Hausfrauen willkommen sein, zumal diese Verwendungsart ihnen die Möglichkeit giebt, die Reste in kleinem, freundschaftlichem Kreise als angenehme Abendschüssel aufzutischen. Die Reste werden fein gewiegt, mit einem Drittel ihres Gewichtes frischem, gehacktem Fleisch vermischt, mit einigen Eiern, etwas saurer Sahne, Gewürz und geweichter Semmel verrührt und kleine ovale Klößchen davon geformt, die in Reibbrot gewendet und braun gebraten werden. Nach dem Erkalten werden die Klößchen mitten durchgeschnitten und sternförmig angerichtet. Man belegt sie abwechselnd mit Häufchen von Kapern, Perlzwiebeln und gewiegter Fray-Bentos-Zunge, füllt in die leere Mitte frische, mit etwas Oel und Essig gemengte Kresse und giebt folgende Sauce dazu: 2 Eier werden hartgekocht, die Eigelb durchgerieben, mit etwas Essig fein gerührt, 2 geriebene gekochte Kartoffeln, 4 Löffel Olivenöl, 2 rohe Eigelb, 2 Löffel saure Sahne, 1 Löffel Mostrich, 2 Löffel Johannisbeersaft, Salz, Pfeffer, 2 Löffel Essig, 1 Messerspitze mit in etwas Wasser aufgelöstem Liebigs Fleischextrakt, das gehackte Eiweiß und eine geriebene Schalotte hineingemischt, so daß man eine dickliche Sauce erhält, die man in eine Saucenschale füllt und zu den Fleischklößchen giebt.
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DAS JAWORT
Nach dem Aquarell von J. R. Wehle
[d] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [1]
| Halbheft 1. | 1898. | |
Illustriertes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.
Antons Erben.
Er ist vom Felde heimgekommen, wo ihm die Aprilsonne warm gemacht hat. Nun steht er in der Stube des Pächterhauses, in einer kahlen, kalten Stube und fröstelt.
„Verdammt ungemütlich!“ sagt er und betrachtet die nackten Wände, die kein einziges Bild aufweisen, das steiflehnige Sofa und die Stühle, die regelrecht an den Wänden umherstehen. Zwischen den Fenstern eine Kommode, darüber ein Spiegel, welcher demjenigen, der hineinschaut, einen Schrecken in die Knochen jagt, weil er mindestens denken muß, das er Krämpfe habe, so verzerrt sieht das Gesicht aus. An den Fenstern blaue Rouleaux, schreckliche kornblumenblaue Dinger, die das Auge förmlich beleidigen - sonst nichts.
Über die Thürschwelle poltert jetzt eine Magd, mit zurückgestreiften Aermeln, einer keineswegs sauberen Schürze, und deckt den Tisch: vier Teller mit blauem Rand, wie man sie auf den Jahrmärkten kauft, eine Terrine vom billigsten Porzellan mit einigen Schönheitsflecken und abgebrochenem Henkel sowie Messer und Gabeln von gewöhnlichster Art. Sie waltet ihres Amtes sehr geräuschvoll und sagt endlich: „Die Suppe is da – die Herrn kommen gleich!“
Bald darauf treten zwei junge Männer ein mit einem nicht gerade allzufreundlichen „Mahlzeit, Herr Mohrmann!“ Dann sitzen sie alle drei an ihren Plätzen und essen schweigend.
Herr Mohrmann, der neue Pächter von Wartau, ist ein großer breitschultriger Mann mit hübschem, ernstem Gesicht; auf der Stirn hat er ein paar vorzeitige Falten, denn er ist noch jung, eben dreiunddreißig Jahre. Die Falten erzählen von mancherlei Nöten und Sorgen, wie sie das Leben mit sich bringt für einen, der nicht mit einem silbernen Löffel im Munde geboren wurde. Er ist schweigend und sehr langsam, dabei steigt einen Augenblick jähe Röte in seine Schläfen, und als jetzt eine vierte Person erscheint, um sich am Tische niederzulassen,
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Ein vierblättriges Kleeblatt.
Nach dem Gemälde von W. Auberlen.
[2] Fräulein Helbig, die Wirtschafterin, sagt er kurz: „Das Fleisch ist hart.“
„Das liegt am Fleisch,“ ist die prompte Antwort der ältlichen, etwas spitznasigen Person; aber sie verstummt sofort vor dem Blick, den ihr der „Neue“ zugeworfen hat.
„Das liegt an Ihnen,“ betont er, „der Hammel war zart und jung.“
Sie wagt keine Antwort, aber sie ärgert sich, daß sie grünlich blaß wird. Es ist zum Tollwerden jetzt! Der vorige Pächter hatte nie gemäkelt, sie konnte kochen was sie wollte, der aß zur Not Schweinekartoffeln mit. Der Herr Baron drüben im Schlosse hätte auch etwas Besseres thun können, als diesem zugeknöpften Holsteiner die Pachtung zu geben! Sie fühlt, sie wird es hier nicht lange mehr machen: der schöne Schlendrian war dahin, auf immer!
Der Verwalter kaut ebenfalls mit langen Zähnen, und der Eleve, das verwöhnte Herrensöhnchen aus altmärkischer Adelsfamilie, bemerkt ganz ungeniert, wenn Hammelfleisch einmal zäh sei, sei es auch ordentlich zäh, und obenein müsse er gestehen, daß er es als Kochfleisch nicht goutiere.
Mohrmann wirft ihm einen halb mitleidigen, halb ironischen Blick zu, als wolle er sagen: „Wer weiß, was du noch einmal essen mußt, mein Söhnchen“, und befiehlt dann Butter und Käse.
Als auch dieses schweigend verzehrt ist, beginnt er ein kurzes Gespräch mit dem Verwalter über das Heu, das vom Nachbargute gekauft wurde. Auch eine Ausgabe, die ihm den Anfang recht erschwert hatte! Es war indes schlechterdings kein Hälmchen mehr vorhanden gewesen; der „Vorige“ hatte in größter Gemütlichkeit alles zu Gelde gemacht, was noch zu Geld zu machen war, und Mohrmann fand die Scheuer so kahl gefegt, daß der schönste Erntetanz drin zu halten gewesen wäre.
Mit einem „Gesegnete Mahlzeit!“ steht er auf und geht in sein Wohnzimmer. Hier sieht’s ein bißchen besser aus als in der Eßstube, aber nicht viel. Es liegt nach dem Garten, das heißt, nach dem herrschaftlichen Park zu. Wenigstens die Aussicht von seinen Fenstern ist nett. Der alte birkene Schreibsekretär seines Vaters steht so, daß er, wenn er davor sitzt und vom Papier aufblickt, einen großen Teil des wunderlichen Gartens überschauen kann. Echt Rokoko – – man sollte es gar nicht glauben, daß so etwas noch zu finden sei in der Nähe der großen Stadt! Buchhecken, zu wunderlichen Figuren verschnitten, Irrgänge aus Buchsbaum und bezopfte Sandsteingötter und -göttinnen, nicht immer allzu sittsam vom Künstler erschaffen. Einen Kenner würde es entzückt haben, Anton Mohrmann beachtete es kaum. Kunstgeschichte, Stil, Rokoko, Barock, Renaissance und wie das alles heißt, existierten augenblicklich nicht für ihn; die Zeiten, wo er vor jedem alten Gerümpel in Entzücken geriet, sind vorbei. Es erfreut ihn nur noch, daß er zwischen den beiden pyramidenförmig geschnittenen Taxusbäumen hindurch auf die Weizenbreite sehen kann, diese mächtige, im ersten Grün schimmernde Breite, die sich eine halbe Meile weit hinzieht bis an den Schloßgarten von Altwitz.
Ja, dies Altwitz! Herr Gott, ist das in Kultur! Probst ist ein tüchtiger Kerl, und die Frau, die versteht’s; wie hat diese kleine behende Person die Milchwirtschaft im Zug! – – Und was kann eine tüchtige Kraft daraus machen! Ja – hm – das Möbel, die Helbig dagegen, bei der setzt man nur zu –!
Er sitzt vor dem aufgeklappten Sekretär und sinnt. Dann geht er ein paarmal im Zimmer auf und ab; endlich setzt er sich wieder und beginnt zu schreiben:
- „Lieber Karl!
Seitdem ich hier gelandet bin, und das ist dreiviertel Jahr her, hast Du immer nur eine Postkarte auf Deine ausführlichen Episteln erhalten und freundlichst entschuldigt, daß ich nie Zeit fand zu längerer Aussprache. Weiß Gott, mein Alter, es ist Wahrheit – ich habe höllisch wenig freie Augenblicke, wenn ich allerwege meinen Kram in Ordnung halten und vorwärts kommen will. Daß dies nicht leicht ist auf einer so großen Pachtung, das weißt Du als Laie wohl auch. Ich habe mir das Ding so schwer nicht gedacht! Nun gilt es, von früh bis abends auf den Beinen zu sein, wenn ich das kleine Kapital meiner alten Mutter, mein und meines Bruders späteres Erbteil, erhalten und richtig verzinsen will, das sie mir ohne Bedenken in die Hand gab, als es galt, die Kaution zu stellen.
Ich bin in eine gründlich verlotterte Wirtschaft eingesprungen, und Schweiß und Geld wird’s kosten, bevor ich daran denken kann, für mich etwas zu erübrigen. Ich will Dich aber damit nicht langweilen, alter Sohn – was versteht ein Menschenflicker, als welchen Du Dich ja nun glücklich in Gesellschaft Deiner Frau Doktor zu Dresden niedergelassen hast, von Landwirtschaft! Besuchen mußt Du mich aber mal, Karl, mit Deiner Frau und dem Jungen. Das Herz würde Dir aufgehen über die lachende Au hier, über den Schnee der Obstbäume, in den die Güter und Dörfer – ich übersehe deren acht, wenn ich aus der Bodenluke des Pachthauses schaue – gebettet sind. Freilich, so, wie’s jetzt bei mir ist, würdet Ihr Euch nicht behaglich fühlen; es ist in meinen vier Pfählen verdammt öde und ungemütlich –.
Ach, alter Freund, Du errätst, was mir fehlt? Ich stehe da wie weiland Doktor Luther vor dem Reichstag zu Worms – Gott helfe mir, ich kann nicht anders – – ich muß heiraten! Letzteres mein Zusatz. Ich sehe Deine erschreckten Augen, Alter: ‚Du willst doch nicht etwa – die?‘
Hab’ keine Angst, mein Bester, die Fränze Koch ist ein überwundener Standpunkt, ihre Koboldsnatur paßt nicht in meine biedere Bauernwirtschaft, so wenig wie ihre Feenhändchen zu den Rußtöpfen in der Leuteküche. Na, und schließlich – es war immerhin eine Studentenliebschaft, wie sie eine kleine Putzmacherin wohl mal hat – das heißt, so betrachtete sie die Angelegenheit in weniger poetischer als praktischer Auffassung. Was mich betrifft – na, Du hast ja die ganze Tollheit getreulich mit mir durchgemacht und hast gottlob verhindert, daß ich an dieser Herzkrankheit starb, guter alter vernünftiger Kerl Du! Ich hab’ damals gedacht, die Schöpfung gehe aus den Fugen, als sie mir lachend erklärte, mit meinem Fortgehen von Halle sei die Sache aus! Aber, wie gesagt, hinter mir ist sie versunken, diese Welt von damals, und vor mir liegt eine neue, und diese birgt viel in sich, das nach einer Gehilfin verlangt. Ach, Du, der Kuhstall, der Milchkeller, die Geflügelzucht – diese Dinge schreien förmlich nach Hilfe.
Und höre, Karl, ich glaube, ich weiß eine, eine Richtige; gestern abend bin ich mir klar darüber geworden. Sie ist die Schwägerin des hiesigen Pastors, lebt mit ihrer alten lahmen Mutter im Pfarrhause und versorgt alles dort, die kranke Pastorin mit fünf kleinen Kindern, den unpraktischen Gottesmann, die alte Mutter, Gesinde und Landwirtschaft – letztere gehört zu den Kompetenzen der Stelle – Obst- und Gemüsegarten, Küche und Keller. Ich habe sie des öfteren gesehen bei Besuchen, die ich ihren Geschwistern machte, und beim Erntefest im vorigen Herbst habe ich mal mit ihr getanzt. Ich bin auch zuweilen am Zaun des pfarrherrlichen Gartens stehen geblieben und habe sie beobachtet bei der Arbeit als Gärtnerin oder beim Aufhängen von Wäsche; sie ist flink wie ein Wiesel, und doch ruhig dabei. Mit einem Worte: ich könnte sie mir vorstellen fraulich waltend in meinem Hause, dieses kräftige, blühende Mädchen mit dem blonden Haar und den hellen Augen.
Am Ostersonntage gegen Abend sah ich sie im Garten stehen unter einem blütenbedeckten Kirschbaum. Die Augen sinnend in die Ferne gerichtet; um sie her spielten die Kinder, und Himmel und Erde wie in rotes Gold getaucht – es war ein schönes Bild.
Geld hat sie gar nicht, Karl. Schadet aber nichts, für unsereinen ist die Tüchtigkeit der Frau mehr wert als ein paar tausend Thaler, denn arbeiten müssen wir miteinander, wollen wir vorwärts, arbeiten ohne Rast, und ich hoffe, das Sprichwort:
Wer nichts erheiratet und nichts erbt
Gewiß als armes Luder sterbt!
soll an uns zu Schanden werden – –.
Ich spreche da immer von uns, als hätte ich sie schon. Es ist ein ungemütlich Ding, um ein Mädchen zu werben, ohne vorhergegangenes Scherwenzeln und Courmachen und dazu hätte ich gerade Zeit! – ohne feste Aussicht, daß man reüssieren wird. Ich will es aber doch wagen, sie hat mich nicht unfreundlich angeschaut.
Ihre Mutter ist die Witwe eines kleinen Beamten an der Leipziger Universität, und sie hat sicher eine gute Schule genossen: höhere Töchterbildnng brauchen wir nicht, kurz – ich wag’ es!
Leb’ wohl, lieber Alter, falle nicht um, wenn Du die Verlobungsanzeige bekommst von Christiane Nölling und Anton [3] Mohrmann. Und noch einmal, Hand aufs Herz, die Fränze ist ganz und gar überwunden. – Wenn die Christel mich aber nicht will? Wenn – sie ist vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahre alt – ein anderer schon in ihrem Herzen sitzt? Hoffen wir das Beste! Und nach der Hochzeit kommt Ihr mit Eurem Jungen; kann hier frische Kuhmilch trinken, bis er am Platzen ist, reine, ungetaufte.
Denkst Du noch manchmal an Halle? Herzbruder, es war doch schön! Jetzt ist die klare sonnenbeschienene Wirklichkeit da, und auch sie ist schön, in meinem Beruf – für den Aktenmenschen hätte ich ja nie gepaßt.
- In alter Freundschaft Dein Anton.“
- In alter Freundschaft Dein
Anton – seine alte Mutter, die verwitwete Frau Bürgermeister aus der kleinen Stadt droben in Holstein, nennt ihn Anto, was sie hübscher und vornehmer findet – trägt den Brief selbst abends nach dem Essen in den dörflichen Briefkasten, und dabei muß er an dem Pfarrhause vorüber, das hinter der nicht allzu hohen Mauer inmitten des Gartens liegt. Es ist gegen acht Uhr; die blühenden Aepfelbäume leuchten intensiv weiß in der blauen Dämmerung des Aprilabends, und er bleibt stehen und schaut hinüber nach dem Hause, das schweigend und sabbathruhig daliegt.
In des Pfarrers Studierstube ist Licht, der geistliche Herr arbeitet die Predigt für morgen aus. Vom Kirchturm beginnt eben das Abendläuten, und in dieses mischt sich jetzt der Gesang einer Frauenstimme, die aus dem Garten von den Spargelbeeten hinter den zartgrünen Stachelbeersträuchern herüberschallt.
„Das ist sie!“ sagt sich Anton Mohrmann. „Der alten Mutter wird das Singen wohl längst vergangen sein und der kranken Pastorsfrau auch.“ Aber er muß lachen über das, was sie singt; es ist ganz und gar nichts Stimmungs- und Weihevolles, nichts Melancholisches oder Liebessehnsüchtiges, sondern ein Schelmenliedel, für die Kinder berechnet:
„Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben,
Wo ist denn mein Schatz geblieben?
Er ist hier, er ist da,
Er ist in Amerika. –“
Das gefällt ihm nun wieder. Um Gotteswillen nur keine Sentimentalitäten!
„Acht und neun, und neun und zehn,
Bald werd’ ich ihn wiedersehn! –
Roter Wein, weißer Wein,
Sag’, wann soll die Hochzeit sein?“
Da packt den Dreiunddreißigjährigen der Uebermut seiner vergangenen Zwanzig, er duckt sich hinter die Mauer und schreit: „Pfingsten!“
Im Garten ist’s plötzlich still geworden, auch das Geläut verstummt jetzt. Er bleibt noch ein Weilchen in seiner gebückten Haltung, dann geht er dem Gutshofe zu, ein ungewohntes Lächeln um den Mund, macht noch einen Gang durch die Ställe, besucht den kranken Wallach, dem sein Nachbarpferd das Bein aufgeschlagen, und sieht nach, ob der Verband festsitzt.
Es ist fast dunkel jetzt. Auf dem Hofe, am Brunnen unter der Linde, waschen sich die Knechte den Tagesstaub ab; ein paar Mägde kreischen dazwischen, eine stimmt ein Lied an, das durch das Lachen der anderen übertönt wird. Und jenseit des schmiedeeisernen Gitters erhebt sich weiß und feierlich das stattliche Herrenhaus mit seinen geschlossenen Fensterladen und dem mächtigen Portal. Der alte Gärtner, der zugleich als Kastellan fungiert, kommt eben die Stufen der breiten Freitreppe herab; er hat die Fenster zugemacht in den Zimmern und Sälen, die tagsüber offen stehen; nun schlürft er hüstelnd mit dem Schlüsselbund und der Laterne seiner Wohnung zu, die drunten im Park, in der sogenannten Orangerie liegt.
Anton Mohrmann hat den Alten gegrüßt und ihm ein paar Worte zugerufen, dann ist er auch gegangen, um zu schlafen. Als er schon im ersten Schlummer liegt, schreckt ihn der Gedanke auf an das, was er morgen vorhat.
Wenn sie dich nun nicht will? fragt er sich zum hundertstenmal. Mein Gott, aber warum denn nicht? Er ist ein fleißiger ehrlicher Mensch, der sein Tag keinen bedenklichen Streich verübt, keinen Pfennig Schulden gehabt hat; seine alte Mutter sagte noch neulich: „Der Anto hat mir nie Kummer gemacht, mit ihm kann’s ein Mädchen getrost wagen.“
Trotzdem er sich diesen Trost einspricht, kann er nicht schlafen. Er kennt die Frauen wenig; außer der Fränze hat keine in sein Leben hineingespielt, und die hat ihm weidlich auf der Nase herumgetanzt, der kleine Satan. Es war ja auch nichts weiter gewesen, eine Studentenflamme; aber wenn er an sie denkt, urplötzlich, unversehens, dann quillt es ihm noch immer heiß zu Herzen, – nun, er braucht ja nicht an sie zu denken und an jene süße tolle Zeit, er braucht’s ja nicht. Kurz und gut, er ist so berechtigt, wie nur einer sein kann, hinzutreten vor das Mädchen und zu fragen: „Wollen Sie meine Frau werden?“
Am andern Morgen sitzt er in der Kirche, hört aber kein Wort von der Predigt, er denkt immer nur an das, was er dem Pastor nachher in dessen Stube als Freiersmann sagen will. Es ist doch höllisch ungemütlich, so was! Dabei starrt er von Zeit zu Zeit in das Gestühl hinüber, wo Christiane Nölling sitzt und seiner gar nicht achthat. Sie singt laut und andächtig „Wer nur den lieben Gott läßt walten –“; er kann ihre Stimme deutlich heraushören.
Nach dem Segen erhebt sie sich eilig und geht mit gesenkten Blicken durch den Mittelgang der Kirche an der noch singenden Gemeinde vorüber. Sie muß in die Küche, und die Mutter ist heute so besonders ungeduldig und angegriffen, und der Schwester wird’s schon zuviel, wenn sie das Jüngste so lange bei sich haben muß, wie die Predigt dauert.
Daheim angekommen, läuft sie eiligst treppauf in ihr Stübchen, legt Umhang und Hut auf das Bett, bindet eine große Schürze vor und schaut im Vorübergehen noch in das Zimmerchen der Mutter. „Ich hab’ für dich mitgebetet, Mütterchen,“ ruft sie freundlich. Ein verdrießliches Brummen ist die Antwort.
„Geht’s dir nicht gut?“
„Hab’ kein Auge zugethan diese Nacht.“
Christel kommt nun doch herein. „Was grämt dich denn schon wieder?“ fragt sie mit teilnehmender Stimme.
„Ich denke immer daran, was aus dir und dem Louischen werden wird.“
„Das sind recht unnütze Gedanken,“ erwidert die Tochter. „Ich weiß ganz genau – gut wird’s uns gehen, wir haben ja arbeiten gelernt!“
„Jawohl – solange man Kräfte hat! Aber das Alter kommt, und ihr seid müde und abgearbeitet und wißt keinen Platz, wo ihr euer Haupt hinlegt. Du wirst nächste Woche fünfundzwanzig – fünfundzwanzig!“ wiederholte sie.
Das Mädchen lacht ihr hell ins Gesicht.
„Lache nur, es wird dir schon noch vergehen,“ antwortet die gelähmte, vorzeitig gealterte Frau.
„Ich kann doch nicht jetzt schon weinen, Mutter? Wer weiß, ob ich überhaupt alt werde –? Aber ich muß in die Küche.“
Als sie die Treppe hinunter kommt, sieht sie, wie eben die Thüre von des Schwagers Stube hinter dem neuen Pächter sich schließt. Was will denn der schon wieder? denkt sie; doch dann in der Küche am Herd, auf dem der übersprudelnde Suppentopf steht – es giebt außerdem Kalbsbraten und Kartoffelsalat, mit den ersten grünen Rapünzchen garniert – vergißt sie bald den Besuch. Im Hofe lärmen die Kinder, und das Dienstmädchen, das nachmittags nach Altwitz zu ihrer Schwester auf Besuch will, mahlt jetzt schon den Kaffee; es ist ein Lärm, daß der Pfarrer auf der Küchenschwelle dreimal rufen muß:
„Christiane – Schwägerin – Christiane! Komm’ doch gleich einmal in die Wohnstube, liebe Schwägerin!“
Sie macht große Augen, das klingt so feierlich, und feierlich ist auch sein Aussehen.
„Begieß den Braten, Lene,“ befiehlt sie und trocknet sich die Hände an dem dazu bestimmten Handtuch. Er wird doch nicht schon wieder den Menschen zum Essen eingeladen haben, wo das Mädchen ausgeht, überlegt sie, und – und –
Sie steht mit hochrotem Gesicht vor dem Schwager. Der ist noch im Talar, hat gar nicht die Zeit gehabt, sich umzukleiden, denn Mohrmann ist ihm auf den Fersen gefolgt. Der geistliche Herr sieht sehr ernst, fast niedergeschlagen aus.
„Liebe Christiane, Herr Mohrmann hat soeben um deine Hand bei mir angehalten.“
[4]
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Nach dem Gemälde von Arthur Kampf.
[5] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [6] „Der ist wohl übergeschnappt?“ fährt es ihr unbedacht heraus, sie wird noch röter; „er kennt mich ja gar nicht,“ entschuldigt sie sich.
„Er kennt dich genau genug, um zu wissen, daß er in dir eine tüchtige Hausfrau, eine treue Lebensgefährtin finden wird.“
„Aber – aber –“ stottert sie.
„Ueberlege es, Kind. Des Weibes Bestimmung ist, Gattin zu sein.“
Ihr fallen plötzlich die Klagen der alten Frau droben ein. „Lieber Gott, das kommt mir ja so über den Kopf, Schwager,“ sagt sie, „was sollen denn die Mutter und deine Frau anfangen, wenn ich heirate? Ich kann ja gar nicht, wirklich nicht!“
„Darauf darfst du keine Rücksicht nehmen. Deine Mutter geht dem Grabe zu, meine gute Charlotte wird, so Gott will, gesunden und Louischen wird mit Freuden deine Stelle hier einnehmen, verläßt du uns. Deshalb darfst du eine solche Gelegenheit, dich zu versorgen, nicht versäumen, liebe Christiane. Ueberlege es dir. Er ist, soweit ich beurteilen kann, ein einfacher guter Mensch, ein tüchtiger Landwirt –“
„Ich bin schon fünfundzwanzig,“ wendet sie ein.
Er lächelt. „O, ihr Weiber! Mit fünfundzwanzig wollt ihr alt sein, und mit vierzig fühlt ihr euch wieder jung! Red’ nicht so, Christel, überleg’ es dir!“
„Gut – ich will’s überlegen,“ giebt sie zu.
„Wann soll er sich Antwort holen?“
„Um die Vesperzeit, Schwager; so lange Frist muß ich haben.“
Sie verläßt mit starkem Herzklopfen das Zimmer, aber in der Küche greift sie alles verkehrt an. Sie zankt die Kinder aus des Lärmens wegen, läßt die Bratensauce anbrennen und schilt die Lene. Endlich geht sie zur kranken Schwester; an deren Bette sitzt schon der Schwager, sie haben über das Ereignis bereits gesprochen.
„Nun, was meinst du denn dazu, Lotte?“ fragt Christel.
„Wenn du so glücklich würdest wie ich,“ antwortet die blasse Frau einfach und faßt die Hand ihres Mannes. – Dem Mädchen steigen die Thränen in die Augen. Es ist doch was Großes um so eine innige treue Gemeinschaft! denkt sie. Und vor ihren Augen steht das Bild des stattlichen ernsthaften Mannes und sie sieht sich Hand in Hand mit ihm, wie diese Zwei, in guten und in bösen Tagen.
„Eßt allein,“ sagt sie, „ich kann nicht mithalten; ich will hinunter in den Garten, vielleicht, daß ich draußen ruhiger werde.“
Sie lassen sie auch. Die Lene weint freilich in der Küche um den vereitelten Ausgang, aber wie sie merkt, es ist etwas Außergewöhnliches im Anzüge, tröstet sie sich.
Um drei Uhr kommt Christel zurück. Sie hat große, klare Augen, und es liegt etwas Frohes, Entschlossenes in ihren Zügen. „Ich will es wagen,“ sagt sie zu den Geschwistern, indem sie ihnen die Hand giebt. Und dann beginnt sie den Kaffeetisch zu rüsten in der besten Stube, alles ohne Hast und mit größter Umsicht.
„Hast du ein paar Cigarren?“ fragt sie den Schwager.
„Meinst du, daß er viel rauchen wird heute?“ giebt er lächelnd zurück. „Als deine Schwester und ich Brautleute waren, habe ich das wenigste Geld für Tabak verbraucht, solange ich rauche.“
„Wieso?“ erkundigt sich Christel.
„Thut das Mädel wie ein Neugebornes – wegen dem Küssen!“
Der Scherz ist nicht nach ihrem Geschmack. „Zuerst soll er zur Mutter hinaufgehen, ich erwarte ihn droben,“ sagt sie ausweichend, „das gehört sich so.“
Die alte Frau in ihrem Giebelstübchen ist ganz außer sich vor Glück. „Nun kann das Louischen herkommen, an deiner statt,“ ruft sie einmal über das andere.
„Ich hätte gar nicht geglaubt, daß eine Mutter sich so freuen kann, wenn sie ein Kind hergeben soll,“ bemerkt Christiane.
„Hergeben? Ist das Hergeben? Wirst’s schon selbst sehen, wirst’s schon selbst erleben, wenn du mal eine Tochter hast, wie man sich freut, wenn sie glücklich wird. Wann will er denn Antwort holen?“
„Um vier Uhr, Mutter.“
„Und ist doch schon halb Fünf!“
„Wahrhaftig!“ giebt Christiane erstaunt zu mit einem Blick auf die alte Schwarzwälderin.
Dann sitzen sie sich still gegenüber, und nun schlägt’s fünf, dann halb sechs Uhr.
„Er scheint’s nicht eilig zu haben,“ bemerkt die alte Frau spöttisch. Das Mädchen hat ein merkwürdig blasses Gesicht. Wer weiß, es ist ihm vielleicht leid? denkt sie, dann sagt sie zur Mutter:, „Vielleicht hat er auf eine Antwort gewartet, oder hat Robert falsch verstanden?“
„Der macht immer solche Tappereien, der gute Robert.“
Auf einmal springt Christel vom Stuhle auf, bleich bis in die Lippen. „Jetzt kommt er – ich gehe nebenan ins Schlafzimmer, rufe mich nachher!“ Ihr wanken die Kniee, als sie da drinnen steht und seine Stimme hört. Herrgott, sie kennt ihn doch gar nicht und soll ihm von nun an angehören mit Seele und Leib! Es ist eigentlich schrecklich – wie hat sie sich nur entschließen, so rasch entschließen können!
„Ich will sie lieb und wert halten bis an mein Ende!“ hört sie jetzt. Und dann kommt die Mutter an ihrem Krückstock zu ihr. Christel fühlt, sie muß hinein gehen, und sie geht auch. Die alte Frau bleibt in der Kammer zurück; sie will nicht stören bei dem, was sich die beiden zu sagen haben.
Und Christel steht vor dem Manne, der sie begehrt. Sie ist jetzt ganz ruhig, er aber der Befangene; er stottert irgend etwas, und sie giebt ihm die Hand.
„Wenn Sie es denn wollen,“ sagt sie, „ich bin nur ein einfaches Mädchen –“
„Eben darum,“ antwortet er, und dann noch einmal: „eben darum, Fräulein Christel – was meinst du denn, was ich bin?“
Er hat den Arm um sie geschlagen. „Ein recht einfacher Mann bin ich, der mit seiner Hände Arbeit sich durch die Welt bringen will, sich und dich.“
„Ich will Ihnen keine Last sein, ich kann auch arbeiten,“ versichert sie dagegen.
„Das soll ein Wort sein, Christel!“ Wie Jubel klingt’s aus seiner Rede. „Arbeit wird’s geben in Hülle und Fülle, aber auch hie und da ein Ausruhen und hie und da einen Kuß –“ und dabei küßt er sie auf den Mund. „So, Mädchen, nun hast du einen Bräutigam.“
Drunten beim Kaffee wird die Verlobung gefeiert. Der neue Bräutigam trägt die alte Schwiegermutter zum Ergötzen der Kinder die Treppe hinunter, und von Hausthür zu Hausthür fliegt durchs Dorf die Kunde: der Herr Pächter hat sich mit Christiane Nölling verlobt! Das Brautpaar geht dann beim Abendsonnenschein im Garten spazieren; sie sprechen nicht viel von Liebe, aber desto mehr von ihrer Zukunft. Er will absolut zu Pfingsten heiraten, sie weist ihn an die Mutter und fragt errötend: „Warum kamst du denn so spät heute?“
Er wird ebenfalls rot, aber lügen kann er nicht und will er nicht. „Ja, siehst du,“ beginnt er stockend, „Heine – du kennst doch den Verwalter? Also, Heine blieb nach Tische ein bißchen bei mir sitzen, Sonntags ist’s so hergebracht, bei einem Glase Rotspohn. Ich kann den Leuten das nicht gleich mit einem Male abgewöhnen, mein Vorgänger hat’s so eingeführt – den Wein nämlich, gegen das Sitzenbleiben Sonntags habe ich nichts. Und da kamen wir auf die Wolle und Heine sagte, der Altwitzer mache ein recht großes Geschäft mit Wolle und die Wiese am Herrnbusch brächte so gut wie nichts an Heu, wäre aber die beste Weide. Ich stritt dagegen und so gab ein Wort das andere, und auf einmal da sehe ich, ist’s halb Sechs.“
„Wirst du denn Schafzucht anfangen?“ fragt sie dagegen, ohne einen Schein von Empfindlichkeit.
„In diesem Herbst noch nicht, denn, siehst du –.“ Und nun fängt er ein langes und breites über mangelhafte Stallungen und schlechte Futtervorräte und Gott weiß was zu reden an. „Man muß nicht gleich ins Blaue hinein gehen,“ setzt er hinzu, „erst mal beobachten, was sich am besten schickt. Nur die Milchwirtschaft, die hätt’ ich gern ausgedehnter, wo doch so ’n schönes Absatzgebiet in der Nähe ist. Aber, wie mir Heine sagt, haben wir die beste Kundschaft verloren, weil die Helbig eine Schlampe ist. Raus! sage ich, raus muß sie, sowie –“
„Sowie ich da bin,“ ergänzt sie mit einem Zucken in den Mundwinkeln.
Er nickt ernsthaft: „Sowie du im Hause bist. Es läßt sich was daraus machen – du verstehst’s ja wohl ein bissel, Christel?“
„Hab’s gelernt,“ antwortet sie, „auf Domäne Nutwitz bei der alten Amtsrätin.“
[7] „Gelernt? Faktisch gelernt? Wahrhaftig? Du bist ja ein wahrer Schatz, Mädel!“ ruft er stehen bleibend und sie betrachtend, mit in die Hüften gestemmten Armen.
„Ja, ich hab’s gelernt, und da kein Geheimnis zwischen uns sein soll, will ich Ihnen – dir – auch sagen, warum. Ich war ein rechtes Stadtkind, von der Windmühlenstraße in Leipzig, konnte mir’s nirgends schöner denken als bei uns; aber dann, als ich zwanzig wurde, da habe ich auf der Hochzeit meiner Freundin einen Mann kennengelernt, den ich sehr lieb gewann, und der hatte ein Gut im Altenburgischen.“ Sie steht jetzt vor ihm mit niedergeschlagenen Augen, ganz blaß. Es wird ihr so namenlos schwer, von dem zu sprechen, was ihr noch immer mit heißer Scham in der Seele brennt, und sie glaubt sich doch verpflichtet, ihm dieses Stück Vergangenheit mitteilen zu müssen.
„Und?“ fragt er leise, „da ist etwas zwischen gekommen, Christel?“
„Ja!“ sagt sie tonlos, „er meinte kurz vor unserer Hochzeit, er könne ein armes Mädchen nicht gebrauchen.“
„Der Schafskopf!“ entfährt es ihm; dann einige Minuten tiefes Schweigen. Nur aus Christels Munde so ein kurzer Laut, als ersticke sie am Schluchzen
„Laß, Christel,“ bittet er endlich, „mach’ dich nicht traurig. Man muß immer denken, es hat so kommen sollen.“ Das ist alles, was er zu sagen weiß. Nichts, daß es ihm unangenehm ist, daß sie schon einen andern geküßt hat, nichts von eifersüchtigem Bedauern, daß sie schon vor ihm einen geliebt.
„Ich wollt’s dir doch erzählen,“ murmelt sie und thut einen tiefen Atemzug.
„Ich danke dir schön, Christel, aber denk’ nicht mehr daran!“
Sie wandern jetzt stumm nebeneinander. Hinter den Bäumen von Altwitz geht die Sonne unter; über die niedrige Mauer hinweg sehen sie auf dem Wege, der das Feld durchschneidet, sonntäglich geputzte Menschen gehen; der Chaussee nach Altwitz entlang fährt in einer goldenen Staubwolke eine herrschaftliche Equipage. Ganz in der Ferne blinkt das Kirchlein des kleinen Städtchens, und über ihnen, hoch im Blauen, jubeln die Lerchen.
„Also, Pfingsten!“ sagt er und zieht sie an sich.
Ihre Augen schimmern noch feucht, aber sie sieht ihn freundlich an. „Pfingsten – wenn’s der Mutter recht ist und Louischen abkommen kann.“ Als er abends um neun Uhr fortgeht, sagt er noch zuletzt: „Morgen kündige ich dem alten Möbel, der Helbig.“
Die Hochzeit wird ganz still gefeiert. Am Pfingstsonntag nachmittags um drei Uhr ist das kleine Gotteshaus vollgepfropft von der Dorfgemeinde, aber wenn die guten Leute gemeint haben, ‚Wunder was‘ zu sehen, haben sie sich getäuscht. Das Brautpaar tritt da ganz einfach herein und hinter ihnen nur ein paar Menschen – die Schwester Louise, dann eine fremde alte Dame in weißem Spitzenhäubchen, recht blaß und leidend, die Mutter des Bräutigams, und vor der Braut, die ein schwarzseidenes Kleid trägt nebst Kragen und Blondentüllschleier, trippeln zwei der jüngsten Pfarrkinder her in weißen Kleidern und streuen mit ungeschickten Händchen Blumen. Das ist aber auch der ganze Prunk, wenn man nicht die schwerfälligen Guirlanden aus Buchsbaum und faustdicken Pinien dazu rechnen will, die die Mägde vom Gutshof gewunden haben.
Der Pfarrer redet recht beweglich und hübsch, besonders viel von der Treue in guten und bösen Tagen. Beide stehen fest und aufrecht vor dem Altar, und ihr Ja! sprechen sie laut und hell; dann kehren sie mit ihrem kleinen Gefolge in die Pfarre zurück, wo man mit Kaffee und Kuchen und später mit einem Glase Wein aufwartet; und gegen sieben Uhr gehen die jungen Eheleute, Hand in Hand, nach dem Gutshof ins Pächterhaus. Antons alte Mutter wandert mit ihnen, als erster Gast des neuen Heims.
Die Leute werden heute mit Schweinebraten und Kartoffelsalat bewirtet, der junge Ehemann hat ein Faß Lagerbier gespendet, und Frau Christel muß sogar nach den Klängen der Harmonika einen Walzer tanzen mit dem Hofmeister, der eben ihr und Antons Wohl ausgebracht. Dann steigen sie hinauf in ihre Wohnung.
Es sieht noch nicht ganz heimlich aus, denn die junge Frau hat das Pächterhaus bis jetzt mit keinem Fuß betreten. Jemand, der ihr das Nestlein schmuck hätte einrichten können, ist nicht vorhanden gewesen, weder Mutter noch Schwestern waren es imstande, und so stehen noch Körbe und Kisten unausgepackt, die man tags zuvor mit der bescheidenen Ausstattuug vom Pfarrhause herübergebracht hat. Viel neue Möbel sind nicht angeschafft, aber das Wenige macht schon einen behaglichen Eindruck, die Gardinen schimmern weiß und duftig und die funkelnagelneue Petroleumlampe beleuchtet einen für Zwei gedeckten Theetisch; den hat die alte Mntter Antons schon vor der Trauung hergerichtet.
Er betrachtet alles, und dann seine junge Frau, die innere Zufriedenheit leuchtet aus seinen Augen.
„Noch ist’s nicht recht heimlich,“ nickt sie, „morgen abend sieht’s anders aus, Anto. Nun aber will ich für die Mutter sorgen, für unsern ersten Gast.“ Und sie kommt nach einem Weilchen im Hauskleid wieder, mit einer Schürze um, und sagt: „Ich habe die alte Frau zur Ruhe gebracht, sie war so müde, und denke dir, die Mägde hatten nicht einmal ihr Bett gemacht heute früh! Die Schelte kriegen sie noch! Wenn auch Hochzeit ist, ihre Arbeit müssen sie doch thun.“
Gegen Morgen klopft die alte Frau an die Schlafstubenthür des jungen Paares, und als Christel erschreckt öffnet, bricht die Mutter wimmernd auf der Schwelle zusammen. Christel fängt ihre Ehe gleich an mit Krankheit, Tod und Begräbnis. Am zweiten Tage ist sie gestorben, die alte Frau, nachdem sie noch das Glück ihres Sohnes, solch ein gutes Weib gefunden zu haben, gepriesen hatte. „Halte sie hoch, Anto, halte sie gut – ja, die ist von anderm Schrot und Korn wie die da in Halle, du weißt schon, die hat dich toll gemacht, toll. Halte sie gut, Anto, deine Christel!“
Das sind ihre letzten Worte gewesen an den Sohn.
Nun ist’s ungefähr acht Tage nach der Hochzeit, und die junge Frau in ihrem schwarzen Trauerkleide arbeitet unermüdlich. Früh um vier Uhr läßt sie sich wecken und wenn Anto, wie sie ihn, der verstorbenen Mutter zu Ehren, auch nennt, aufs Feld gehen will, ist sie, wie aus dem Ei gepellt, schon am Frühstückstisch, und der leuchtet vor Sauberkeit mit seinen einfachen Geräten. Des Mittags sitzt sie oben vor dem Tisch und teilt die Suppe aus. Die Gerichte sind gut und schmackhaft, und das Gesicht der Hausfrau mit den frischen Farben ist so freundlich, daß dem adligen Muttersöhnchen das Herz aufgeht. Gelegentlich wird sie freilich auch böse, wenn z. B. ein Fleck auf das Tischtuch kommt, denn sie ist unheimlich sparsam. „Janz rasend auf die Jroschen,“ sagt Herr Heine; „aber das ist nötig: man will nicht nur auskommen, man will auch vorwärts kommen, und dazu gehört heutzutage etwas – alle Donnerwetter!“
Anton Mohrmann staunt seine Frau jeden Tag mehr an. Er hat viel von ihr erwartet, aber sie übertrifft das noch. Hätte die Mutter es doch erlebt! Sie kann gar nicht müßig sein, die Frau; selbst in den Dämmerstunden hat sie das klappernde Strickzeug zur Hand, selbst wenn sie beide abends zusammen im Garten auf und ab gehen oder mit den Geschwistern in der Pastorlaube sitzen. Zuweilen ärgert’s ihn, aber sie scheint ihn gar nicht zu verstehen, wenn er sagt: „Das verdammte Geklapper ist schon nicht mehr schön!“
„Deine Füße wollen doch gewiß nicht frieren im Winter?“ antwortet sie, „und, daß Gott erbarm’, wie sehen deine Socken aus!“
In einer Ecke der Wohnstube, nicht weit von ihrem Nähtisch, steht ein Schränkchen, das hat Glasscheiben und dahinter rotseidene Vorhänge; ein altmodisches Ding, Christel hat’s schon in ihrer Mädchenstube gehabt.
„Was ist denn da eigentlich drin?“ fragte er sie einst neugierig, denn er war nicht zu Hause gewesen, als sie es aufstellte und einräumte.
„Meine Bücher, und so allerhand von früher.“
„Bücher hast du auch?“
Sie schließt bereitwillig auf. Ach, was da alles steht! Scheffels „Trompeter von Säckingen“ und „Die Irrlichter“ von Marie Petersen, Storms „Immensee“ und Oesers „Weltgeschichte für das weibliche Geschlecht“; ein paar Bände „Gartenlaube“ und Humboldts „Briefe an eine Freundin“, die „Sämmtlichen Werke“ der Henriette Paalzow etc.
[8]
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Sonntag.
Nach dem Gemälde A. H. Schram.
[9] „Gelt,“ fragt sie, während er das mustert, „gelt, Anto, ich darf mich doch auf die ‚Gartenlaube‘ abonnieren? Habe dich schon immer bitten wollen; sie ist stets in unserem Hause gehalten worden. Ich werde sie schon herausschlagen, die paar Groschen.“
„Ja, ja doch, Kind – wenn du Zeit findest zum Lesen. Aber werde nur nicht so eine, die sich aufs Sofa legt mit einem Roman.“
„Ich versäume darum nichts,“ erwidert sie. „Du liest wohl nicht gern?“
„Ich – nee! jetzt nicht mehr; bloß Fachschriften. Aber ob sich da zwei kriegen, die mich in der Gotteswelt nichts angehen, das – –“
„Aber, es giebt doch auch anderes darin, zum Beispiel wissenschaftliche Artikel!“
„Na, so halte sie nur, deine ‚Gartenlaube‘, halte sie nur!“
„Schade, Anto; ich habe gedacht, an den Winterabenden würdest du mir manchmal vorlesen?“ sagt sie dann.
„Ach du lieber Gott, Christel!“ ruft er erschreckt. „Na, wollen sehen, wollen sehen; vielleicht, daß es sich macht. Aber, offen gestanden, ich finde es rationeller, wenn jeder für sich liest, wenn’s mal sein muß.“
„Ich will dich natürlich nicht quälen, Anto –“
Es kommt nie dazu. Sie bittet nicht, und er erinnert sich ihres Wunsches nicht, und mählich vergißt Christel diese Scene; erst nach Jahren muß sie plötzlich daran denken in einer schweren Stunde. Gegenwärtig ist sie so glücklich, wie sie es kaum erwartet hat, noch zu werden, und vor dem eisernen Fleiß des Mannes, vor seiner Einfachheit in der Lebensführung empfindet sie unbegrenzte Hochachtung, und diese wird endlich zur treuen Gattenliebe.
„Christel ist glücklich verheiratet,“ pflegen ihre Schwestern zu sagen, wenn sie die Frau Mohrmann besucht haben. „Die kommen vorwärts,“ heißt es bei den Gutsnachbarn, „heutzutage ist’s eine feine Kunst, wenn man es als Landmann zu etwas bringt.“
„Die Schafsköpfe,“ sagt Anton, als er es wiedererfährt, „wenn sie leben wollten nach ihrer Einnahme, könnten sie auch erübrigen. Aber das muß Sekt saufen und Vollblutpferde vor dem Wagen haben; soviel wirft’s allerdings nicht ab!“
Die Mohrmanns haben, weiß der Himmel, nach einigen Jahren schon etwas mit der Reichsbank zu schaffen, und just an dem Tage, wo vor fünf Jahren Anton seine Frau zum erstenmal gesehen, passiert sogar etwas Großartiges! Christel wird von ihren Milchsatten weg zu Pastors gerufen, in aller Morgenfrühe; dort ist alles in heller Aufregung, oben bei der Mutter versammelt.
Christel hat nur eilig ein Tuch übergeworfen, sonst ist sie in der blaugestreiften Wirtschaftsschürze, den Schlüsselbund im Gürtel, hingelaufen. „Heiliger Gott, was ist denn geschehen?“ fragt sie und denkt, ihre Mutter sei gestorben.
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Rutschpartie.
Nach einer Originalzeichnung von H. Kaulbach.
Alle sprechen durcheinander; die alte Frau hat ein Schreiben in der zitternden Hand, und endlich erfährt Christel: der Onkel in Braunschweig ist tot, der alte Geizkragen, der so erbärmlich gethan; er hat dreißigtausend Thaler hinterlassen – jede Nichte erhält zehntausend!
Christel ist darüber ganz erschreckt, sie muß sich setzen.
„Seht nur die Mohrmann,“ ruft Louischen, „die sieht ganz blaß aus! Du, was meinst, Christel, was dein Alter für Augen machen wird, wenn er heimkommt vom Felde?“
„Der Anto?“ fragt sie mechanisch, und dann: „Ist’s wahr?“
„So lies doch das Schreiben vom Gericht!“ schreien sie durcheinander. „Heute abend fahren der Pastor und Louischen hin, Mohrmann muß mit – es wird den Erbinnen oder deren Ehemännern sofort ausgezahlt! Mach nur, daß du heimkommst, pack’ ihm den Koffer –“
Sie geht auch, ganz langsam, wie betäubt. Ist’s denn wirklich ein Glück? fragt sie sich. Ja, für Pastors mit den sechs Würmern – aber für uns? Ihr ganzes Eheleben ist bis jetzt ein unausgesetztes Ringen gewesen, um Geld zu gewinnen. – Wozu eigentlich? Für wen? – –
In ihren Augen funkeln plötzlich Thränen; gottlob – er vermißt ja nicht, wonach sie sich heimlich sehnt; sie sind sich ja auch zu zweit genug und sie selbst ist ihrer unzufriedenen Gedanken bis jetzt immer Herr geworden, hat sie gewaltsam verscheucht. Sie malt sich aus, was er sagen wird, wenn die Christel, die er als blutarmes Mädel nahm, plötzlich eine Kapitalistin geworden ist.
Als sie heimkommt, steht er mit einem Getreidehändler mitten auf dem Hofe. Er ist verdrießlich und sie lacht ihn an.
„Bist bald fertig, Anto? dann komm’ mal hinunter in den Milchkeller.“ Dort unten ist’s kühl und riecht köstlich nach Buttermilch. Christel hat die beiden „Milchstudenten“, wie Anton die jungen Mädchen nennt, die seine Frau in die Geheimnisse des Butterns und Käsens einweiht, wofür sie ein ganz nettes Lehrgeld bekommt, fortgeschickt. Sie hält in der einen Hand die flache Kelle zum Absahnen, in der andern die Satte mit dem Rahm, als er eintritt.
„Hör’, Anto,“ sagt sie, „ich kann dir nicht helfen, du mußt heute abend mit dem Pastor und Louischen nach Braunschweig reisen.“
„Was? Na, weißt du, ich bin gerad’ aufgelegt zum Veruzen! Der Schweinekerl, der Schmollig, will drücken – auf den Weizen, drei Prozent Mindergebot – so’n Lump!“
„Ich habe dich noch nie veruzt, Anto.“
„Na, du weißt doch aber auch, daß ich jetzt nicht reisen kann – Schwerenot! Der Pastor soll allein reisen, wenn er durchaus nach Braunschweig will; ich habe noch genug von der letzten Tour mit ihm nach Leipzig.“
„Aber du mußt mich vertreten, Mann, weil du doch nun mal die Oberhoheit über mich hast. Ich soll vor Gericht, vors Erbschaftsgericht.“ Und als er sie verdrießlich und verwundert ansieht, fährt sie fort: „Begreifst du denn noch immer nicht, daß ich zehntausend Thaler geerbt habe?“
„Christel,“ ruft er und schüttelt sie am Arm, daß der Rahm über den Rand der Schüssel fließt, und dabei guckt er ihr ins Gesicht, als wolle er sich vergewissern, ob bei ihr auch noch alles in Ordnung sei im Oberstübchen.
Sie stellt die Schüssel hin. „Anto,“ sagt sie ernsthaft, „der alte Onkel Otto – wir dachten immer, er habe kaum das liebe Brot – nun hat er dreißigtausend Thaler uns drei Mädchen hinterlassen. Freut es dich, Anto?“
„Alle Wetter, ich hab’ nichts dagegen!“ stottert er, noch immer unsicher. Und als er in ihren Augen nichts als Klarheit und Wahrheit liest, reißt er sie plötzlich an sich und küßt sie so stürmisch wie noch nie.
Sie ist auf einmal still und blaß geworden. Lieber Gott, [10] denkt sie wieder, da sieht man doch, was das bißchen Geld macht, und so nötig haben wir’s doch nicht.
„Du,“ schreit er ihr ins Ohr, „weißt du denn auch, daß wir reiche Leute werden – du?“
Jetzt wehrt sie ihm ruhig lächelnd. „Damit hat’s wohl noch lange Zeit, Anto.“
„Unsere zehn ersparten, die zehn ererbten – macht zwanzig, und keinen Pfennig Schulden, Christel.“
„Wir haben schon zehn? Schon zehn erspart?“ fragt sie mit großen Augen.
„Ja!“ spricht er. „Komm’, laß die Studenten weiter abrahmen – pack’ mir den Koffer. Ei, du Donnerlittchen – zehntausend Thaler!“
Am andern Morgen, als Anton in Braunschweig ist, kommt wieder eine Alarmnachricht. Der alte Baron Wartau will plötzlich zurückkehren aus Nizza, er will daheim sterben. Mit ihm kommen die beiden ältesten Töchter. Seit acht Jahren war die Herrschaft abwesend, und der Gärtner ruft Christel zu Hilfe, denn seine bejahrte Frau hat das Reißen und kann so gar nichts thun, um die Zimmer vorzurichten. Ob Frau Mohrmann nicht so gut sein wolle, vielleicht auch eine von den Mägden herleihen?
Er werde schon pünktlich da sein mit den Schlüsseln; vielleicht, wenn’s Frau Mohrmann recht wäre, um zwei Uhr?
Christel ist noch nie im Schlosse gewesen; sie zeigt sich nicht gern neugierig und sie hat auch – es klingt fast unglaublich – nie Zeit gehabt während der fünf Jahre. Aber sie hat gehört, daß es dort in den Räumen fürstlich aussehen soll, freilich verblichene Pracht, denn die Familie ist stark verschuldet. Wie sie nun hinter dem alten Manne durch das Portal in die hohe kühle Halle tritt, aus welcher zwei breite Ehrentreppen in den obern Stock führen, von dessen Wänden die lebensgroßen Oelbilder der sächsischen Herrscher herabschauen, staunt sie doch und ihr wird ganz feierlich zu Sinne. Der Alte, der eben sein Käppchen vor dem Bilde König Johanns ehrfürchtig lüftet – er hat ihn gesehen, als er einst zur Jagd bei den Wartaus hier im Schlosse war, und verehrt ihn wie nichts auf der Welt – öffnet jetzt eine der Zimmerthüren, und Christel überblickt drei Gemächer und macht große Augen. So was ist ihr noch nicht vorgekommen! Die Wände des ersten bemalt mit lebensgroßen Figuren, Herren und Damen in Rokokotracht; auf der einen Wand tanzen sie Menuett, dort spielen sie Reif und dort Blindekuh. Hier und da ist etwas Farbe abgebröckelt, einer der Schönen hat’s das Gesicht entstellt, der rosa Atlasfrack eines Kavaliers sieht aus wie von oben bis unten mit Milch übergossen; aber das graziöse Leben in dieser bunten Gesellschaft – man möchte gleich mitmachen!
An der reich vergoldeten Stuckdecke hängt, von Putten gehalten, ein wunderlich verschnörkelter Kronleuchter, und an den Wänden stehen kleine zierlich vergoldete, etwas wacklige Stühle und Kanapees, von denen der Gärtner eilig die Hüllen lüftet – blaßblauer mit Rosenbouquets eingewebter Brokat, brüchig und mit gelblichen Flecken.
Herrgott, wenn ich hier wohnen sollte! denkt Christel ganz beängstigt, und laut sagt sie: „Wie schön muß das hier gewesen sein, als es neu war!“
„Das is Sie eine große Bracht gewesen, ja freilich,“ giebt der Alte zu, „und wie August der Starke hier war, da hat’s Feste gegäm, na, da is alles heitige in Dräsen reene Bappe dagegen. Der war Sie aber auch ein Indimus von Augusten, unser damaliger seliger Herr.“
Im folgenden Zimmer, wo alsbald Christel und das Mädchen wieder mit Staubtuch und Besen umherwirtschaften, hängt an den Wänden Bild an Bild, lauter Porträts in längst vergangener Tracht; dann kommt das Jagdzimmer mit der verblichenen grünen Damasttapete, über dem Kamin das lebensgroße Bild Augusts des Starken als Jäger, der aus dem Rahmen zu treten scheint, so lebenswahr ist es gemalt, und endlich das Tafelzimmer. Herrgott, diese Verschwendung von altmeißener Porzellan auf der Kredenz!
„Als wir noch reich waren,“ sagt der alte Mann, „da hätten vier Pferde das Silberzeug nich weggekriegt, aber nu – alles fort, heimlich fort! Ja, ja, die zwei Junker, Gott hab’ sie selig, die ha’m Wartau auf’m Gewissen. Nich mal soviel, daß ein Kastellan hier gehalten werden kann! Wenn sie verreist, die Herrschaft – meine Alte und ich müssen uns schinden. Und warum reisen sie? Weil sie draußen leben können wie die Boveretten! Wer kennt die Wartaus da drunten am Mittelmeer? Und dann – das vermaledeite Teufelsspiel – Jemersch nee! Wenn man so was mit ansieht, wie Anno dazumal, wo ich mit war – nee, besser, man red’t nich davon – – Dahier, Madame, sind die Zimmer des alten Barons, hier ist die Wäschkammer; ’s Bette beziehen versteh’ ich nich, nehmen Sie nur ’s erste beste, das Fräulein Tonette kennt sich dann schon aus für später. Die beiden Fräulein wohnen oben, über diesen Zimmern, die anderen Räume im ersten Stock, der große Saal und alles, stehn leer, nich ein Stück Möbel darin, die einzigen Kostbarkeiten, die wir gerettet haben, sind hier unten.“
Christel arbeitet wacker drauf los. Die Schlafstube des Barons mit dem mächtigen Himmelbett ist bald hergerichtet, und nun geht’s ins Herrenzimmer. Was steht da alles umher und hängt an den Wänden! Aber es ist so düster, es kommt ihr unheimlich vor. Als sie ein Bärenfell, das der Alte herzuträgt, vor dem riesigen Schreibtisch ausbreitet, sieht sie plötzlich empor; ihr ist’s, als würden ihre Augen förmlich hingezogen nach dem Punkt. Ueber dem Schreibtisch leuchtet aus dem Dämmer ein Frauenkopf – im ganzen Leben hat Christel so was nicht empfunden – es ist, als ob die dunklen sprühenden Augen ihr drohen. Ein kindlich rundes Antlitz ist’s, von Locken umrahmt, die durch ein blaues Band zurückgehalten werden; ein feines gerades Näschen, ein lächelnder, gar nicht kleiner Mund; und das Ganze von einem so goldigwarmen Ton überstrahlt, als ob alles Licht des Zimmers ausgehe von dem gelben Atlas des tief von den Schultern fallenden Gewandes, oder von dem Strauß der gelben Rosen am Busen.
„Wer ist die Dame?“ fragt Christel den alten Mann, der eine Rüstung in der Kaminecke abstäubt.
„Unser jüngstes Fräulein, das heißt, die jüngste Tochter vom gnädigen Herrn. Ist lange tot, an sechzehn Jahre schon, hatte ’ne schlechte Heirat gemacht, is aus Kummer gestorben – aber es war gut, sonst konnt’ sie’s noch erleben, wie ihr Sohn dem alten Besitz die letzten Fettfedern ausriß. Nach der Heldenthat hat er sich totgeschossen.“
„Lieber Gott,“ sagt Christel erschreckt, „das ist ja greulich – gut, daß wir hier fertig sind!“
Unter ihren flinken Händen wird’s bald ganz wohnlich unten und oben. Inzwischen sind auch ein paar Frauen aus dem Dorfe angelangt, von denen die eine früher hier Schloßköchin war; sie kommt aus der Stadt, wo sie Fleisch eingekauft hat, und macht sich gleich ans Kochen; zur Not, bis Dienerschaft gemietet ist, wird’s schon gehen.
Christel hat noch für einige Blumen gesorgt, die Zimmer zu schmücken, und für das rechtzeitige Anzünden der Flurlampe und der Kerzen, die auf die Leuchter der Wohnräume gesteckt sind. Nun geht sie wieder in ihr bescheidenes Heim. „Gottlob!“ sagt sie und schüttelt sich, „da drüben würde ich mich fürchten.“
Abends ist bei Tische viel die Rede von den Wartaus. Der Verwalter kann so manches erzählen, und der neue Eleve verbessert ihn zuweilen, indem er bei den Schilderungen des allzu verschwenderischen adligen Lebens allemal ein „Noblesse oblige“ dazwischen wirft.
„Ja,“ schließt endlich Heine, ohne sich um den empörten jungen Edelmann zu kümmern, „da ist der Leichtsinn angeerbt! Hätte der alte Herr nicht die Pension als Generallieutenant, könnten sie Wartau schon lange nicht mehr halten; die Pacht, die schöne Pacht, die reicht kaum für die Schuldzinsen. Wenn aber einer hier säße, der vernünftig zu leben verstände – bei dem erstklassigen Boden, trotz der schlechten Zeiten – reich müßte er werden!“
„So einer wie Sie,“ spöttelt der Eleve, „bei dem es gleichgültig ist, ob er mit lehmigen Stiefeln in den Saal des Landwirtschaftlichen Vereins tritt, wenn er keine Kutsche halten mag zum Fahren – – ein Herr von Wartau kann das nicht.“
„Das stimmt,“ antwortet Heine und wischt den letzten Tropfen Bier aus seinem struppigen Rotbart, „so einer wie ich, das stimmt! Und mit der Zeit müßt’s mit’m Deibel zugehen, [11] wenn er nicht mit acht Beinen kommt zum Landwirtschaftlichen Verein! – Guten Abend, Frau Mohrmann.“
Christel steht abends am Fenster und betrachtet das Schloß, von dem jetzt in einigen Fenstern Licht schimmert, mit ganz andern Augen als bisher. Dann denkt sie an ihren Anton.
Gottlob, daß sie in so guten bürgerlichen Verhältnissen ist und einen so einfachen sparsamen Mann hat. „Was nützt einem solch Schloß, wenn das nicht da ist, was dazu gehört,“ sagt sie halblaut, „und wenn es da ist, dann die Last mit dem ‚Noblesse oblige‘! Ich möcht’s nicht, um die Welt nicht!“
Sie setzt sich dann noch mit dem Wirtschaftsbuch an den Sekretär Antons, den Schlüssel hat sie, und verrechnet die Einnahmen. Eine große Partie Daunen und gerissene Federn hat sie heute verkauft an einen Händler aus Dresden, ebenso einen halben Centner Backobst, das sie entbehren zu können glaubt.
Sie hat auch noch von der Butter zum eigenen Gebrauch in die Herrschaftsküche geliefert, ebenso Eier; sie ruht nicht, bis alles dasteht. Dann faltet sie die Hände und sinnt.
Wenn sie so ganz allein ist, geht’s ihr immer durch den Kopf, daß sie keine Kinder ihr eigen nennt. Einmal hat ihr Mann sie überrascht, wie sie bitterlich darüber weinte. „Ach, Christel,“ hat er gesagt, „gräme dich nicht! Wenn man so mit ‚nischt‘ anfängt wie wir, sind Kinder eine Last; sie machen das Sparen unmöglich, halten den Beutel immer offen. Höre, ich wüßte gar nicht, wie’s werden sollte mit ein paar Schreihälsen! Da müßte man sich ja wahrhaftig wieder ein Möbel anschaffen wie die Helbig!“
Nein, gottlob, er vermißt es nicht; der ganze Mann geht auf in der Wirtschaft. Sie hat auch nie wieder geweint, daß er es sah, und jetzt – jetzt hat sie sich drein gefunden, jetzt, wo sie einunddreißig wird. Eine Liebesheirat ist’s nicht gewesen, das hat sie schon vor der Hochzeit gesagt zu ihrer Mutter. „Er will eine Gehilfin haben, Mutter, eine Respektsmamsell, die er nicht zu bezahlen braucht. Schön! Ich bin lieber bei meinem eignen Mann in Stellung als bei einem fremden, und er soll sich nicht in mir getäuscht haben.“ Er hat sie auch immer gut behandelt, sehr gut! Zu Vergnügungen hat er sie freilich nie geführt, und putzen darf sie sich auch nicht. „Danke schön! So eine seidene Fahne – wieviel Scheffel Weizen rechnest du die? Und dann das Kartenspiel und der Wein auf so einem Ball! Wenn du ausgehen willst, geh’ zu deiner Schwester, und einladen magst du sie auch.“
Sie ist völlig einverstanden; als ob sie Gefallen an so etwas fände! Die Zeit – ach sie kann sich kaum noch auf die Zeit besinnen, da sie sich geputzt hat für den einen, den einen, dem ihre junge Liebe gehörte. Schön ist’s gewesen, süß ist’s gewesen, aber schließlich doch ein Jugendtaumel. Jetzt aber ist’s noch tausendmal süßer, mit ihm zu arbeiten, so ein ernstes richtiges Glück. Sie hat ihn lieber, alle Tage lieber! Wie sehr? Das fühlt sie erst jetzt, wo er fern ist von ihr, zum erstenmal fern.
Am andern Morgen kommt Anton zurück, in froher Laune, und aus seinem Rocke nimmt er eine geschwollene Brieftasche, die Wertpapiere enthält, welche er gekauft hat für das Erbteil seiner Frau.
„Hier, Altchen, ist dein Vermögen,“ sagt er und legt’s auf den Tisch, „ich hab’s gleich angelegt in sicheren Papieren, die übrigens bald steigen werden.“
„Behalt’s nur, Anto, ich versteh’ davon nichts, und was mein ist, ist dein, du weißt’s ja,“ antwortet sie und streichelt seine Hand. Sie sitzen allein bei Tische und Christel erzählt von der plötzlichen Rückkehr der Wartaus.
„Hab’ schon unterwegs davon gehört,“ erklärt er. „Für Nizza langt’s wohl auch nicht mehr; sie wollen in der eigenen Höhle Hungertatzen saugen. Hm, Nizza – ’s ist verflucht nahe bei Monte Carlo.“
„Mir thun sie leid, die Menschen. Heine behauptete gestern abend, ohne die Schulden könnten sie leben –“
„Nun, und ob die leben könnten! Wie die Fürsten könnten sie leben! Wenn ich das Ding zu eigen hätte, schuldenfrei – –. Himmel Herrgott, wenn man das kaufen könnte, Christel!“
„Dir sind die paar Thaler zu Kopfe gestiegen, alter Freund,“ sagt Christel lachend. „Kannst du dir mich vorstellen als Schloßfrau?“
Er antwortet nicht, er ißt, auf einen Punkt starrend, seine Suppe.
„Na,“ fragt er endlich, sich selbst zurückrufend, „hast mich vermißt, Christel?“
„Und wie, Anto!“ erwidert sie herzlich. „Mir ist’s überall gewesen, als müßt’ ich ersticken, so leer und so tot; gehst hoffentlich so bald nicht wieder fort!“
„Na, ich kann dir sagen, Kind, ich bin auch froh, wieder daheim zu sein. So’n Gasthausfutter und solche Betten – einfach schauderhaft!“
Sie lächelt. Einen Augenblick hat sie erwartet, er werde sagen: ‚Auch du hast mir gefehlt!‘ Aber er betont nur seine gewohnte Behaglichkeit.
„Nimm doch von dem Kalbsbraten,“ nötigt sie und streichelt über sein Haar. Ja, ja, sie weiß es ja längst, aus Liebe hat er sie nicht genommen, aber er kann vielleicht nicht anders lieben. Wenn sie nur wüßte, was seine Mutter in ihrer Todesnacht immer geredet hat von einer „Fränze“, die ihn toll gemacht habe. Wenn sie sich daran erinnert, wird sie jedesmal unruhig; vielleicht hat er diese Fränze anders geliebt? Bei dem Gedanken errötet sie stets, er thut ihr weh, und hastig geht sie in die Küche.
Dort schilt sie sich aus. Was ihr nur einfällt auf ihre alten Tage, ja, was ihr nur einfällt! Und dabei nimmt diese Unbekannte heute – Christel muß stets an sie denken, wenn Anto jede, auch jede Gelegenheit, wo er ihr einmal etwas Herzliches sagen könnte, übersieht – das Gesicht der Dame an, die dort im Schlosse über dem Schreibtisch des alten Barons hängt. Wenn die etwa so ausgesehen hat, dann … ja dagegen – so eine robuste Landpomeranze, wie sie ist!
Nun ist’s übrigens Zeit, wieder vernünftig zu werden! Wie kann sie sich nur so aus dem Gleichgewicht bringen lassen? Aber wahr ist’s, sie gesteht es sich jetzt ganz freimütig ein: es ist schrecklich, so allein zu sein, ohne ihn – daher ist sie nervös. Er ist doch ihr alles, denn – sie hat ja keine Kinder!
Als sie wieder nach oben kommt, sitzt Anton und rechnet in seinem Notizbuche.
„Fünfunddreißig Mark fünfzig Pfennige hat der Spaß gekostet,“ sagt er, „schreib’s an, Christel; du siehst, ich war solide, der Pastor hat mindestens das Doppelte verbraucht.“
„Wieso denn? Ihr wart doch immer zusammen?“ fragt sie.
„Bis auf die Stunden, in denen er alle Läden auf dem Bohlwege unsicher machte,“ lachte Anton. „Dem ließen natürlich die zehntausend Thaler keine Ruhe, er hat zusammengekauft, als wär’s Weihnacht, ein Schwarzseidenes für deine Schwester, ein Tuch aus Chenille, oder wie er das Zeug nennt, für die Mutter und einen ‚Pompadour‘ für Louischen; von den Puppen und Trommeln und Bleisoldaten will ich lieber schweigen. Ich habe bei mir gedacht: Gottlob, den Krempel kannst du dir sparen, hast eine vernünftige Frau – basta!“
Sie steht jetzt vor ihm und legt die Hand auf seine Schulter. „Würde es dir denn wirklich keine Freude gewesen sein, Anto, wenn du – –“ fragt sie, und ihre Augen sehen aus leicht erblaßtem Gesicht forschend in die seinen – „wenn du auch so – eine – so eine Schachtel Soldaten zum Beispiel – Anto –?“
Er lacht unbefangen, gutmütig. „Mach’ keine Redereien über Dinge, die nun mal nicht sind! Was nicht ist, ist nicht, Christel. Hoffentlich denkst du nicht, ich hätte dir auch ein seidenes Fähnchen mitbringen können?“ fügt er hinzu. „Aber nein, Christel, das denkst du nicht! Und mitgebracht habe ich dir doch was, wo werd’ ich nicht! Eine neue Wringmaschine, die hast du dir gewünscht. Die Wäsche soll gar nicht leiden dabei, behauptet der Kerl im Geschäft.“
„Ich danke dir schön, Anto,“ sagt Christel erfreut. „Das ist mir wirklich sehr lieb.“
Dann räumt sie den Tisch vollends ab.
Wie das erste Deutsche Parlament entstand.
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Das neue Jahr bringt ein Halbjahrhundert deutscher Geschichte zum Abschluß, das von den welterschütternden Ereignissen des Jahres 1848 seinen Ausgang genommen hat. In diesem Jahre 1898 werden es fünfzig Jahre, daß unter Entfaltung eines idealen Sinns ohnegleichen, unter Irrungen und Wirrungen von düstrer Tragik das deutsche Volk seine Wiedergeburt im Geist einer neuen Zeit, im Geiste der Freiheit erlebte.
Vor fünfzig Jahren brachte der Ansturm einer lawinenartig anschwellenden Volksbewegung die starre Gewaltherrschaft des Metternichschen „Systems“ zu Fall, das auf Unterdrückung jeder freien Regung des deutschen Volksbewußtseins gerichtet war und das Bekennen der Liebe zum großen Gesamtvaterlande als todeswürdiges Verbrechen verfolgte. In dem Jahr „Achtundvierzig“ trat in der Kaiserkrönungsstadt des alten von Napoleon zertrümmerten Reichs, am Sitz des dem Spotte der Welt verfallenen Bundestages, in der Paulskirche zu Frankfurt a. M., das erste Deutsche Parlament zusammen, eine Volksvertretung aller Deutschen, betraut mit der Aufgabe, für ein neuzugründendes Deutsches Reich eine freie Verfassung zu schaffen. Und wenn die damals entstandene Reichsverfassung auch ebensowenig ins Leben trat wie das damals erstrebte Reich, so ist doch jene Großthat des seiner Fesseln plötzlich entledigten Volksgeistes Voraussetzung geworden alles weiteren Fortschritts zur Erfüllung dessen, was das deutsche Volk damals ersehnte.
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J. A. v. Jtzstein.
Nach der Lithographie von Winkerwerb.
In dem begeisternden Idealbild, das Friedrich Schiller in seinem „Tell“ von einer sittlich berechtigten Revolution zur Befreiung und Einigung des Vaterlandes entworfen hat, geht dem offenen Ausbruch derselben die heimliche Versammlung auf dem Rütli voraus. Auch die große deutsche Volkserhebung des Jahres Achtundvierzig hat eine Art „Rütli“ gehabt. Das feierliche Gelübde, das Schillers Landboten auf der ausgerodeten Waldstelle am Vierwaldstätter See schwören: „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern!“, es ist auf dieser heimlichen Zusammenkunftsstätte deutscher Vaterlandsfreunde mehr als einmal von begeisterten Männerlippen erklungen. Dies Rütli war am Ufer des schönen Rheinstroms, im Rheingau, gelegen.
Dort oberhalb von Oestrich und Hattenheim in Hallgarten, auf jenem Uferhang, wo der köstliche Marcobrunner gedeiht, besaß der alte Kämpe der Volksinteressen im badischen Landtag, Johann Adam v. Jtzstein, ein Landgut. In stiller Abgeschiedenheit, umhegt von Rebgärten, beschattet von Waldeswipfeln, bot es ein weltentlegnes Asyl. In seinen Räumen versammelte sich in dem Jahrzehnt vor 1848 fast alljährlich eine erlesene Schar von Vaterlandsfreunden aus verschiedenen Ländern Deutschlands um den bewährten Führer, mit ihm sich in aller Heimlichkeit über gemeinsame Mittel zur Herbeiführung besserer Zustände im Vaterland zu beraten. Die Nähe von Schloß Johannisberg, dem stolzen Besitztum des Fürsten Metternich, schreckte sie nicht – gerade hier, wo der gefürchtete Beherrscher der österreichischen Monarchie, des „Deutschen Bunds“ und der „Heiligen Alliance“ jeden Sommer persönlich erschien, gerade in dieser gesegneten Gegend, die ein harmlos frohes Winzervolk bewohnt, suchte man keine Verschwörer.
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Fürst Metternich.
Welch ein poetischer Kontrast dies Nebeneinander, vom Geist der Weltgeschichte selbst gedichtet! Dort oben das glänzende Schloß, das seine Zinnen stolz dem Rheine zukehrt, in das der allmächtige Staatskanzler alljährlich einzieht, um Erholung von jenen Regierungsgeschäften zu suchen, die das deutsche Volk um seine verbrieften Rechte, um Würde und Ehre bringen – daneben der schlichte Landsitz des tapferen Volksmannes, in dem sich heimlich deutsche Volksvertreter zusammenfinden, um den Sturz dieses unerträglichen Regiments vorzubereiten! Beide Männer, der Volksmann wie der Staatsmann, um diese Zeit schon betagt, waren am Rheinesufer als Söhne altangesessener Familien zur Welt gekommen. Dieselben traurigen Verhältnisse, die den Untergang des alten Reichs deutscher Nation bewirkten, hatten den einen zum mächtigsten Mann der Erde, aber zum Unterdrücker des Volkes, den andern zum amtlosen Politiker, aber zum Liebling des Volkes gemacht.
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Karl Theodor Welcker.
Nach der Lithographie von H. Hasselhorst.
Fürst Metternich war früh in den Dienst des kaiserlichen Erzhauses getreten. Diesem ist er immer ein treuer Diener geblieben. Als Kaiser Franz ihm 1816 nach dem Wiener Kongreß dies Schloß Johannisberg mit seinen Edelweinen als Ehrengeschenk überwies, hatte er’s um das Haus Habsburg wohlverdient. Deutschlands Erniedrigung unter Napoleons Druck, das Elend der Rheinbundszeiten, die Siege der Befreiungskriege, alles hatte er zu benutzen gewußt, um Oesterreichs Hausmacht weit über ihre früheren Grenzen und tief nach Italien hinein zu erweitern. Zur Erhöhung und Sicherung dieser Macht hatte er auf dem Wiener Kongreß die Pläne der preußischen Patrioten Stein und Hardenberg, die ein neues deutsches Reich mit freier Verfassung wollten, eifrig und siegreich bekämpft und statt ihrer die Gründung des „Deutschen Bundes“ durchgesetzt, in welchem alles darauf angelegt war, Preußens durch den siegreichen Krieg und Steins Reformen wiedererstarkte Macht nach Möglichkeit zu schwächen und zu lähmen. Bei der Aufteilung des Napoleonischen
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Das vormals v. Jtzsteinsche Gut in Hallgarten.
Nach einer Zeichnung von W. Schulte vom Brühl.
[13] Länderraubes hatte er im Einverständnis mit Talleyrand dafür gesorgt, daß sie für jede der neubefestigten deutschen Dynastien so ausfiel, um diese mit Neid und Eifersucht gegen die Nachbarn zu erfüllen. Der Bundestag in Frankfurt a. M. war von ihm als Centralorgan des Bundes so eingerichtet worden, daß Osterreich nicht nur das Präsidium hatte, sondern auch die Rivalität der übrigen Einzelstaaten zu seinem Vorteil gegeneinander ausspielen konnte. Die Mehrzahl der deutschen Fürsten, vor allem der König von Preußen, haaten vor dem Kriege ihren Völkern eine Verfassung und die Beteiligung an der Landesregierung durch Ständekammern verheißen – Metternich ließ es auch in der Bundesakte bei einem unbestimmten Versprechen bewenden, dessen Erfüllung er dann, wie er sie in Oesterreich versagte, auch in den andern Staaten mit vielem Erfolg zu hintertreiben bemüht war; in Preußen gelang ihm dies völlig.
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Ernst Moritz Arndt. Friedrich Ludwig Jahn.
Und als dann die Kämpfer von Leipzig und Waterloo enttäuscht ihre Stimme erhoben, als Arndts Lied „Was ist des Deutschen Vaterland?“ begeistert von Munde zu Munde klang, als die Burschenschaft sich zusammenthat mit der Losung „Deutschlands Wiedergeburt!“, als Fr. Ludw. Jahn seinen Turnern auch weiter die Pflege der patriotischen Ideale als höchstes Ziel vor Augen stellte – da dekretierte er: Es giebt kein Deutschland mehr, sondern nur einen völkerrechtlichen Bund der souveränen deutschen Fürsten! Und wer von den Unterthanen eines dieser Fürsten nach einem Deutschland verlangt, der begeht Landesverrat! Die Karlsbader Beschlüsse formten, nachdem Sands Attentat auf Kotzebue den gesuchten Vorwand dafür geboten, aus diesen „Grundsätzen“ ein „System“ der Volksunterdrückung.
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Johann Georg Wirth.
Wer das schwarz-rot-goldne Band der Burschenschaft trug oder getragen, wer vaterländische Lieder gedichtet oder gesungen, wer als Professor oder als Schriftsteller den deutschen Gedanken gepflegt, wer in der Presse oder in Versammlungen an deutsche Volksrechte mahnte, der wurde verfolgt, verhaftet, zu Kerker oder Landesverweisung verurteilt. Die wenigen Verfassungen, die schon bestanden, wurden beschränkt, das Versprechen derselben in der Bundesakte dahin ausgelegt, daß die mittelalterliche Ständevertretung damit gemeint sei. Die Presse als Organ der öffentlichen Meinung wurde vernichtet, die Censurbehörden ermächtigt, auch alle Bücher unter 20 Bogen zu unterdrücken, die Universitäten polizeilich überwacht, das ganze Geistesleben der Nation unterbunden, derselben Nation, für die eben erst der Geistessegen des Dichtens und Denkens eines Schiller, Goethe, Lessing, Herder und Kant erblüht war! Und siegreich behauptete sich das System durch Jahre und Jahre. Jedes Aufflackern des Freiheitsverlangens und des nationalen Bewußtseins, jede Nachgiebigkeit eines aufgeklärteren Fürsten wurde mit einer Verschärfung der Bundesgesetze beantwortet. Das vernichtete Lebensglück Tausender schrie nach Rache, der Fluch der ganzen Nation lastete auf dem Urheber des unerträglichen Zustandes – Metternichs Herrschaft, die er als Haus-, Hof- und Staatskanzler des geistesschwachen Kaisers Ferdinand ausübte, blieb unerschüttert. Er hatte die Hand über ganz Europa und ganz Europa hatte Ruhe … die Ruhe eines Friedhofs. Das aber kümmerte ihn nicht; stolz fühlte er sich als Friedensfürst, als Wohlthäter all der undankbaren murrenden Völker, für deren Herrscher er das Behagen des Friedens über ein Menschenalter hinaus zu sichern verstanden hatte.
Wenn er im Sommer 1839 von der Dampfschiffstation in Oestrich auf sein Rheinschloß Johannisberg hinauffuhr und dabei dem gleich ihm gelandeten Gutsnachbar v. Jtzstein begegnete, mochte er mit spöttischem Mitleid auf den untersetzten stämmigen Mann herabsehen, der ihm aus den Berichten seines Gesandten am badischen Hof gar wohl bekannt war. In dem kleinen Großherzogtum da im südwestlichen Winkel von Deutschland mühte sich dieser „schönrednerische Volksaufwühler“ nun seit zwei Jahrzehnten schon ab, als Abgeordneter im Landtag wieder und wieder Volkswünsche vorzubringen, für deren Nichterfüllung er, Metternich, durch die geheimen Vereinbarungen zu Karlsbad, Wien und Frankfurt a. M. so klug und sicher gesorgt hatte. Früher hatte er vor dem gefährlichen Mann gewarnt. Jetzt spottete er dieser machtlosen Entfaltungen demagogischer Lungenkraft, die gerade in diesem undankbaren Baden leider immer wieder zur Geltung kamen! Ein Schatten flog aber doch über sein glattes Diplomatengesicht, wenn er dieses Landes gedachte, das vor allen anderen deutschen Ländern ein Herd demagogischer Umtriebe blieb und doch gerade durch seine Gunst erst zu der einheitlich umgrenzten Selbständigkeit gelangt war, die dem in der Rheinbundszeit so wesentlich vermehrten Umfang des Landes entsprach.
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Der Zug auf das Hambacher Schloß.
Nach einem gleichzeitigen Bilde.
Der Mannheimer Hofgerichtsrat a.D., der seinem Gut Hallgarten zuschritt, mag dagegen nach solcher Begegnung das kluge Auge hoffnungsvoll ins Weite gerichtet haben, als sähe er den endlichen Sturz von Metternichs Herrschaft [14] in nicht zu ferner Zukunft voraus.
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BÖRNE
LAUBE GUTZKOW
HEINE
Auch Adam v. Itzstein war erst durch die Länderverteilung im Rheinbundsgebiete ein Badenser geworden. In Mainz als Sohn eines kurmainzischen Geheimrats geboren, hatte er in der Jugend das ganze Elend der Rheinbundszeit am eigenen Schicksal erlebt, hatte als Beamter erst unter kurmainzischer, dann unter fürstlich leiningischer Herrschaft gestanden, bis deren Mediatisierung ihn zum badischen Unterthan machte. Als Oberamtmann von Schwetzingen zog er sich durch seine liberale Gesinnung den Haß der Hofpartei zu. Der Haß stieg, als er, nach Mannheim an das Hofgericht versetzt, 1822 zum Deputierten in den Landtag gewählt ward und sich dort der Opposition anschloß. Er wurde ihr Führer im Kampf für die Rechte des Volkes, welche die Regierung den Karlsbader Beschlüssen gemäß immer mehr zu schmälern bemüht war. Eine Strafversetzung nach Meersburg war die Folge; sie hätte ihn außer allen Verkehr mit seinem geliebten Landsitz am Rhein gebracht. Vergeblich protestierte er dagegen, und so sah er sich schließlich veranlaßt, seine Entlassung zu nehmen. Seitdem widmete er seine ganze Kraft der einen Aufgabe, den gesetzmäßigen Widerstand gegen die immer stärker werdende Reaktion in Baden zu organisieren. Da kam das Jahr 1830: zum erstenmal ward das „System“ Metternichs durch Kriegsgefahr von Frankreich her ins Wanken gebracht.
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Anastasius Grün.
Die siegreiche Julirevolution in Paris erinnerte ihn und die deutschen Fürsten daran, daß von einer solchen Revolution jenseit des Rheins auch Napoleons Siegeszüge ihren Ausgang genommen hatten und daß die besten Waffen im Befreiungskampf gegen den Korsen die Liebe ihrer Völker zum gemeinsamen Vaterland und die in ihnen geweckte Hoffnung auf ein freies Staatsleben gewesen waren. Die strenge Handhabung der Bundesbeschlüsse ließ überall nach. Am wenigsten freilich in Preußen und Oesterreich, den deutschen Großstaaten, die immer noch ihren Völkern die versprochene Verfassung versagten. In Sachsen, Braunschweig, Kurhessen, Hannover dagegen wurde der Ausbruch von Unruhen durch Zugeständnisse an das Verfassungsleben beschwichtigt. In allen konstitutionellen Ländern, namentlich in Baden, Bayern und Württemberg, entfaltete sich in jugendlicher Frische die Presse. In Baden kam der neue liberal gestimmte Großherzog Leopold der liberalen Bewegung entgegen. Es trat jener Landtag von 1831 ins Leben, der es in glänzender Weise verstand, die Gunst der Stunde für den Ausbau der Verfassung im Sinne der Freiheit zu nutzen.
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Selbstporträt Fritz Reuters.
(Ausgeführt im Gefängnis.)
Nach „Gaedertz,Aus Fritz Reuters jungen und alten Tagen“.
Und hier erschien ein Mann neben Itzstein, der bald dessen treuester Waffengefährte wurde: Karl Theodor Welcker. Gleich seinem Bruder, dem berühmten Altertumsforscher, hatte ihn früh der akademische Beruf aus seiner Heimat Hessen verschlagen. Mit Arndt und Jahn wurde er kurz nach den Karlsbader Beschlüssen als junger Professor des Rechts in Kiel eines der ersten Opfer der „Demagogenverfolgung“. Die patriotische Begeisterung, welche von Preußen aus den Befreiungskriegen ihren Charakter gegeben, hatte ihm damals die Feder geführt beim Entwerfen kühner Pläne für die Neugestaltung des Vaterlands. Jetzt war er seit mehreren Jahren Professor der Staatswissenschaften in Freiburg. In seinem dortigen Kollegen Karl von Rotteck fand er einen bewährten Gesinnungsgenossen; beide vereinigten sich zur Herausgabe einer Zeitung, „Der Freisinnige“. In schönem Wettstreit mit den alten Führern der Opposition, mit Itzstein, Duttlinger, Föhrenbach und neueingetretenen Mitgliedern, wie Mittermaier, in Reden voll Geist und feurigem Schwung, die überall in Deutschland lebendigen Wiederhall weckten, gelang es ihnen jetzt, in der Kammer mit anderen volkstümlichen Forderungen auch die bedingter Preßfreiheit durchzusetzen. Da trat Welcker, berauscht vom Sieg, auch mit dem Antrag hervor, daß sich die Regierung beim Bundestag für die Schaffung einer Volksvertretung der ganzen Nation verwenden solle. Und als die Regierung sich gegen eine Diskussion des Antrags aussprach, verkündete Rotteck: „Der Antrag geht also nicht in die Abteilungen der Kammer, aber er geht in die Abteilungen des deutschen Volkes; Berichterstatter wird die freie Presse sein, und das große Parlament der öffentlichen Meinung wird über ihn zu Gericht sitzen!“ Aehnliche Forderungen wurden in Rottecks „Annalen“ durch Wilhelm Schulz, Münch und Gutzkow, dann leidenschaftlicher, trotziger durch die Journalisten Wirth und Siebenpfeiffer auf dem großen Volksfest in der bayrischen Pfalz geltend gemacht, das am 24. Mai 1832 auf der Hambacher Schloßruine bei Neustadt a. H. unter einem aufgehißten schwarz-rot-goldnen Banner viele Tausende patriotischer Freiheitsfreunde aus nah’ und fern vereint sah.
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Gottfried Eisenmann.
Nach der Lithographie von F. Hickmann.
Die Antwort Metternichs waren neue Bundeserlasse, welche die Preß- und Versammlungsfreiheit völlig unterdrückten, die Unterordnung der inneren Gesetzgebung der Einzelstaaten unter die des Bundes dekretierten und die Oeffentlichkeit und Machtsphäre der Ständeversammlungen beschränkten. Die Wiener Ministerkonferenzen von 1834 führten zu weiteren geheimen Abmachungen, welche das Verfassungsleben in den konstitutionellen Staaten Deutschlands unter die Kontrolle des Bundestags stellten. Das thörichte Attentat fanatisierter Studenten anf die Konstablerwache in Frankfurt, in dem eine von deutschen Flüchtlingen eingeleitete Verschwörung gegen den Bundestag kläglich verpuffte, gab den Vorwand zur Einsetzung einer neuen Central-Untersuchungsbehörde, die, wie Fritz Reuter, Heinrich Laube, mehr als hundert ehemalige Burschenschafter ins Gefängnis brachte. Die Untersuchung erstreckte sich auch auf altbewährte Führer der Verfassungskämpfe in Hessen-Darmstadt und Kurhessen; der [15] schwärmerische Patriot Pfarrer Weidig von Obergleen und der als Schöpfer der kurhessischen Verfassung hochverdiente Marburger Professor Sylvester Jordan sind die berühmtesten Opfer dieser Inquisitionsjustiz. Der Hauptredner von Hambach, Johann Georg Wirth, mußte auf Jahre in den Kerker wandern; den früheren Bürgermeister von Würzburg, Wilhelm Joseph Behr, und den Redakteur des Bayrischen Volksblatts, Gottfried Eisenmann, ereilte dasselbe Schicksal, und ihre Haft erstreckte sich auf nahezu 15 Jahre. Zu ihrer besonderen Demütigung ließ Ludwig I sie vor seinem Bilde feierlich Abbitte leisten. Es kam die Zeit, da den Dichtern des „Jungen Deutschlands“, welche zuerst Metternichs System mit den Waffen der Poesie und der Satire bekämpft hatten, das Schreiben überhaupt untersagt ward, die Schriften von Heine, Börne, Gutzkow, Laube und ihren Gesinnungsverwandten, darunter die freiheitatmenden Dichtungen des österreichischen Grafen Auersperg (Anastasius Grün), sämtlich verboten wurden. Ebenso ging es den neuen freisinnigen Blättern in Baden: sie mußten eingehen, die meisten ihrer Redakteure wurden in Strafprozesse verwickelt, wenn sie nicht in das Ausland, nach Frankreich, der Schweiz, flüchteten; dies letztere that auch Karl Mathy, der jugendliche Redakteur des Karlsruher „Zeitgeistes“. Rotteck und Welcker wurden nach Unterdrückung des „Freisinnigen“ ihrer Professuren enthoben. Andere Führer der liberalen Bewegung sahen sich gezwungen, ihre Aemter niederzulegen, um ihr Abgeordnetenmandat zu erfüllen, weil die Regierung ihnen den Urlaub verweigerte. In Württemberg mußte deshalb Ludwig Uhland auf seine Tübinger Professur. Friedrich Römer auf sein Amt als Kriegsrat verzichten: Paul Pfizer hatte sich schon vorher veranlaßt gesehen, wegen seiner von edelster Vaterlandsliebe diktierten Schrift „Briefwechsel zweier Deutschen“, welche die patriotischen Hoffnungen der Deutschen auf den innigen Anschluß an Preußen verwies, für dieses aber die Verleihung einer freisinnigen Verfassung verlangte, aus dem Staatsdienst zu scheiden. Heinrich von Gagern, der in Hessen-Darmstadt an der Spitze der Kammeropposition stand, wurde mit Jaup und anderen direkt seines Amtes entsetzt. Die große Beliebtheit, die Uhland als Dichter in allen Kreisen der Nation genoß, auch in solchen, wo man sein mannhaftes Eintreten in Lied und Rede für das „alte gute Recht“ nicht zu würdigen vermocht hatte, lenkte die allgemeine Teilnahme auf diese Vorgänge. Noch größere Empörung rief aber überall, wo deutsche Herzen für das Vaterland schlugen, der Willkürakt des Königs Ernst August von Hannover hervor, der 1837 bei seiner Thronbesteigung die liberale Verfassung, die erst vor wenigen Jahren sein Vorgänger dem Lande gegeben, mit einem Federstrich beseitigte. Nur jene berühmt gewordenen „Göttinger Sieben“ fanden den Mut zu einem Proteste; Amtsentsetzung und Landesverweisung war das Schicksal der Tapfern. Die sieben Göttinger Professoren waren sämtlich erlauchte Vertreter der deutschen Wissenschaft, der Theologe H. Ewald, der Jurist E. Albrecht, der Naturforscher W. Weber nicht minder als die beiden Historiker Dahlmann und Gervinus, in deren Werken sich kraftvoll eine liberale Gesinnung aussprach, nicht minder als die allverehrten Brüder Jakob und Wilhelm Grimm, deren Forschen und Schaffen mit heiliger Andacht der Pflege des Deutschtums und der Vaterlandsliebe geweiht war. Jakob Grimm, Dahlmann und Gervinus wurden nach Verlauf dreier Tage, von Kürassieren bewacht, über die Grenze geschafft. In Dahlmann traf die Verbannung den Schöpfer des Entwurfs zu der so schmählich beseitigten Verfassung.
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In dieser Zeit hohnvollen Triumphes der Metternichschen Gewaltpolitik faßte Itzstein den Plan, der sichtlich vorhandenen Verschwörung der Bundesfürsten gegen das Freiheits- und Einheitsverlangen des deutschen Volkes eine Organisation gegenüber zu stellen, welche die vereinzelten Bestrebungen im Volke zu gunsten der Freiheit und Einheit in einen Zusammenhang brächte. Die Entrüstung, welche der hannöversche Verfassungsbruch und die Ausweisung der „Göttinger“ allenthalben in Deutschland weckten, die Teilnahme, welche eine von ihm mit anderen eingeleitete Sammlung für eine Nationalgabe an die schwergeprüften Männer allgemein fand, brachte ihm zum Bewußtsein, mit welcher Macht sich unter dem Drucke der Reaktion das nationale Gemeingefühl auch außerhalb Badens entwickelt hatte. Für jeden Märtyrer erstand ja überall eine ganze Schar von neuen Pionieren. Besonders in Leipzig, Königsberg und anderen deutschen Universitätsstädten hatte sich bei dieser Gelegenheit gezeigt, wie tief dies Empfinden bereits ins Volk gedrungen war. Da aber zur Zeit bei der völligen Unterdrückung der Presse der parlamentarische Kampf in der Kammer als das einzige Mittel erschien, gegen die Reaktion zu wirken, so beschloß Itzstein mit Welcker und anderen politischen Freunden, zunächst ein Zusammenwirken von Führern der Opposition in den politisch regsamsten deutschen Landtagen herbeizuführen.
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W. Grimm. G. Gervinus. J. Grimm.
W. Weber. F. C. Dahlmann. H. Ewald. E. Albrecht.
Die Göttinger Sieben.
Und so kamen im Herbst 1839 auf Itzsteins Einladung Männer dieser Gesinnungsgemeinschaft erstmals am schönen Rheinstrom zu geheimer Beratung zusammen.
[16]
Alle Rechte vorbehalten.
Fortschritte und Erfindungen der Neuzeit.
Es war bei den neuerdings so vielfach vorgenommenen Versuchen im elektrischen Schmelzofen, daß der Amerikaner Wilson durch die Zusammenschmelzung von Kalk und Kohle das Calciumkarbid und damit die fabrikmäßige Herstellung des merkwürdigen, in kleineren Mengen schon längst bekannten Gases Acetylen entdeckte. Eine ziemlich planlose Entdeckung – denn ihr Urheber erwartete beim Oeffnen seines Ofens gewiß etwas anderes als diesen Block erstarrten Gesteins, den man kaum der weiteren Untersuchung für wert hielt –, aber eine um so folgenreichere. Etwas von jenem Block geriet in ein Gefäß mit Wasser und sofort begann ein übelriechendes Gas sich stürmisch zu entwickeln; angezündet, gab es ein Licht, neben dem die Flammen des Leuchtgases rot erschienen, und selbst in kleinen Mengen dem Kohlengase beigemischt, erhöhte es die Leuchtkraft desselben in überraschender Weise.
Es war kein Wunder, daß sich an diese Entdeckung sehr rasch eine umfangreiche Industrie zur Calciumkarbiderzeugung anschloß. Ein Rohstoff, der leicht und aus billigen Materialien herstellbar ist, sich allenthalben hinsenden läßt und nur mit Wasser benetzt zu werden braucht, um sofort ein reines Leuchtgas von der idealsten Lichtstärke zu geben, das schien für eine neue erfolgreiche Industrie gerade der gesuchte Gegenstand. Große Karbidwerke bildeten sich bald an den elektrischen Centralen des Rheins und Niagara, in England und Frankreich. Das Acetylengas schien ja von Anfang an einer noch viel umfassenderen Verwendung, als nur zu Beleuchtungszwecken, fähig. Es sollte gleich dem Steinkohlengase, aber mit viel größerem Nutzeffekt, Maschinen treiben, und man sah schon im Geiste die Schnelldampfer, anstatt mit Kohlen, mit einem ungleich geringeren Gewicht von Karbid befrachtet, durch die Wellen ziehen. Man rechnete ferner auch auf einen Versand des Acetylens, welches sich fast ebenso leicht wie Kohlensäure verflüssigen läßt, in Stahlflaschen und hoffte, mit Hilfe des flüssigen Acetylens feenhafte Lichtquellen selbst in den abgelegensten Wohnstätten, wo weder Gas noch Elektrizität zu haben sind, erschließen zu können.
Die Bäume wuchsen indessen auch diesmal nicht in den Himmel, und nicht alle auf das Acetylen gesetzten Erwartungen haben sich erfüllt.
Zunächst erwies sich die Hoffnung, das neue Gas als wohlfeile Kraftquelle benutzen zu können, als trügerisch. Das Acetylen äußert, wenn es zum Zweck der Explosion im Cylinder des Gasmotors mit Luft vermischt wird, seine Energie so stürmisch und stoßweise, daß die rasche Abnutzung der Maschinenteile jeden Vorteil des Acetylenbetriebes aufwiegt. Vielleicht wird es möglich sein, besonders starke und einfache Explosionsmotoren speziell für diesen Zweck zu konstruieren, jedenfalls aber liegt diese Ausnutzung des Acetylens noch ganz in der Zukunft.
Ein anderes Hindernis für die gehoffte rasche Ausbreitung des Acetylenverbrauchs ist der verhältnismäßig hohe Preis des elektrisch erzeugten Calciumkarbids. Selbst an den billigsten Stromquellen, wie z. B. den Niagarafällen, stellt sich der Elektrizitätsverbrauch beim Zusammenschmelzen des Kalk-Kohlegemisches so hoch, daß an einen Ersatz des Leuchtgases durch das Acetylen noch lange nicht zu denken ist. Doch hat in der jüngsten Zeit ein auf dem Gebiete der technischen Verwertung der Gase längst verdienter Fachmann, Prof. Raoul Pictet, zur Verbilligung des Acetylens einen bedeutenden Schritt vorwärts gethan. Das ältere, von Wilson und Moissan fast gleichzeitig entdeckte Verfahren der Karbidherstellung bediente sich als Wärmequelle lediglich der Elektrizität; Pictet dagegen läßt die Hauptarbeit der Erhitzung des Rohmaterials auf dem billigsten und ursprünglichsten Wege vor sich gehen. Nach seinem Patente geschieht die Verarbeitung der Rohstoffe in einem gewöhnlichen, zur Erzschmelze dienenden Hoch- oder Schachtofen, der nur am unteren Ende durch einen elektrischen Flammenbogen abgegeschlossen ist. Der gewöhnliche Ofenprozeß bringt nun die Masse schon soweit in Hitze, daß es nur noch einer mäßigen Nachhilfe des elektrischen Stromes bedarf, um den Schmelzprozeß zu vollenden und das flüssige Karbid unten ablaufen zu lassen.
Vielleicht wird schon die durch dieses Verfahren bewirkte Karbidverbilligung hinreichen, um dem Acetylen diejenige Stelle in der Beleuchtungsindustrie zu verschaffen, die ihm seinen technischen Vorzügen nach zweifellos zukommt. Es ist dem Steinkohlengase fünfzehnmal an Leuchtkraft überlegen, sobald geeignete Brenner, wie sie jetzt mehrfach konstruiert sind, benutzt werden. Seine Herstellung ist im Vergleich zu dem Prozeß der Leuchtgasfabrikation von solcher Einfachheit, daß kleine Acetylengasanstalten, wie sie von mehreren Firmen gebaut werden, für Hotels, Fabriken, Villen, ja für manchen größeren Haushalt schon jetzt ihre Vorteile besitzen. Endlich erhöht ein geringer Zusatz von Acetylen zum gewöhnlichen Leuchtgas auch dessen Leuchtkraft so sehr, daß sich dieses Verfahren wahrscheinlich einbürgern wird, sobald es nur irgend der Preis des Calciumkarbids zuläßt.
Indessen gab es für das Acetylen auch ein Hindernis der schnellen Einführung, das nicht auf technischem oder ökonomischem Gebiete lag. Bald nach der Entdeckung Wilsons zogen mehrere durch Acetylenexplosionen veranlaßte schwere Katastrophen in Berlin, Brüssel, Paris und anderen Städten die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich und gaben sogar den Anlaß zu polizeilichen Maßnahmen, die den Gebrauch des Gases beträchtlich einzuengen geeignet waren. Eingehende Versuche haben aber erwiesen, daß namentlich das verflüssigte Acetylen, das zum Zwecke des Transportes gleich der Kohlensäure in Stahlbehälter gepreßt wird, besondere Neigung zu gefährlichen Explosionen zeigt. Man mußte also von dieser Art der Verwendung absehen, was wiederum manche an die leichte Transportierbarkeit des Acetylens geknüpfte Hoffnung zerstörte. Eine Entdeckung von G. Claude und A. Heß löste indessen kürzlich auch diese Schwierigkeit, indem die Genannten große Mengen Acetylen dadurch in kleinen Behältern aufbewahrten, daß sie das Gas in flüssiges Aceton hineinpreßten. Aceton, das auch Essiggeist genannt wird, vermag bei 12 Atmosphären Druck das 300fache seines Rauminhaltes an Acetylen aufzunehmen und gefahrlos festzuhalten, um es zum Zweck des Gebrauchs bei vermindertem Druck leicht wieder abzugeben.
Noch einfacher scheint es allerdings, anstatt des gepreßten Gases das Calciumkarbid selbst, dessen Transport und Aufbewahrung unbedenklich ist, zu versenden und die Gasentwicklung jedesmal erst am Gebrauchsorte vorzunehmen. Man bringt diesem Prinzip zufolge Lampen in den Handel, die nur mit Wasser und kleinen Karbidstücken gefüllt werden und ein vorzügliches weißes Licht geben. Von ganz besonderem Wert aber erscheint die Acetylenbeleuchtung für Zwecke, die ein helles, sicheres Licht in fahrbaren Räumen verlangen. So ist man bemüht, dem Acetylen und der Karbidlampe Eingang in die Eisenbahnbeleuchtung zu verschaffen, ferner bringt man Acetylenapparate, die nur mit Wasser und Calciumkarbid geladen werden, für schwimmende Leuchtbojen in Anwendung. In Paris hat man längst Versuche zur Acetylenbeleuchtung von Omnibus und Straßenbahnen gemacht, in Berlin beweisen Anlagen zur Acetylenfabrikation auf dem Werkstätten- und Rangierbahnhof Grunewald, daß das anfänglich gehegte Mißtrauen abgelegt ist. In der deutschen Gold- und Silberscheide-Anstalt zu Frankfurt a. M. werden mit Erfolg Versuche gemacht, die große Hitze der Acetylenlampe zum Schmelzen schwerflüssiger Metalle zu verwenden. Vor allem aber mehren sich die Versuche, das Acetylen auch in den Dienst der Stadtbeleuchtung zu stellen. So hört man jetzt auf allen Seiten von regen Fortschritten der Acetylenindustrie; wir erleben das Schauspiel, daß wieder einmal ein neuer technischer Fortschritt die Fesseln der Versuche abwirft und siegend ins praktische Leben eintritt.
Nachdruck verboten.
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Sommernachtstraum.
Endlich der langersehnte Brief!
Rupert ergriff ihn hastig und öffnete ihn mit weniger Ruhe, als es sonst seine Art war. Ja, er war von seinem alten Freunde, der zum Direktor eines neugegründeten Staatsgymnasiums in Berlin kürzlich ernannt worden war. Er sollte ihm die Erlösung bringen, die heiß ersehnte, nie gewährte!
Es giebt nichts Fataleres, als die kühnsten Hoffnungen auf einen Brief zu bauen, diesen nach fieberhafter Erwartung endlich in Händen zu halten – und dann alle kühnen Träume durch ihn zerstört, alle luftigen Schlösser gestürzt zu sehen.
Er war so zuversichtlich gewesen, der ruhig erwägende Freund, der nie mehr versprach, als er halten konnte. Er hatte ihm so sichere Aussicht auf die vakant gewordene Stelle eines ordentlichen Lehrers an seinem Gymnasium gemacht, und nun? Alles dahin, alles vergeblich! Da stand sein Schicksal, schwarz auf weiß.
„Sie glauben nicht, welche Mühe ich mir gegeben habe, aber es war nicht möglich, den Geheimrat zu überzeugen. Ich war heute noch einmal bei ihm im Ministerium – nur Ihretwegen, aber er blieb unerschütterlich. Ein Aelterer steht auf der Liste – der geht vor – es ist nichts zu machen.
Eben wollte ich mich zum Gehen wenden, als er seinem Sekretär klingelte und sich Ihre Papiere vorlegen ließ. Er blätterte in ihnen hin und her – dann wurde er aufmerksam und las. Ich merkte, daß er es nicht ohne Wohlgefallen that. Er nickte einigemal wie zustimmend. Er wurde nachdenklich – ich atmete auf. Eine kleine Pause entstand. Dann riß er sich gewaltsam los aus dem Konflikt zwischen Pflicht und Neigung, in den sein geheimrätliches Herz geraten. ‚Es hilft nichts, er ist noch nicht alt genug‘ – das war seine letzte Entscheidung, und – entlassen war ich!“ – –
„Noch nicht alt genug! Du meine Güte,“ seufzte Rupert.
Er strich sich über den stark gelichteten Kopf, er streichelte
[17]_b_0017.jpg)
Defoe am Pranger.
Nach einer Originalzeichnung von F. Leeke.
[18] liebevoll die kleinen Falten auf der hohen Stirn und warf einen kurzen Blick in den gegenüberliegenden Spiegel. In dem hübschen, fein geformten Gesicht leuchteten so jugendliche Augen, die Züge waren so frisch und klar; trotz der weichenden Haare und der Falten auf der Stirn war es nicht unmöglich, daß es noch einen älteren Leidensgefährten gab als ihn. „Noch nicht alt genug!“ Wo in der ganzen Welt giebt es auch so alte Leute als unter den Probekandidaten. „Der reine Seniorenkonvent!“ seufzte er mit etwas grimmigem Lächeln. Das Alter muß man ehren! Da hilft nun einmal nichts. Wenn er diese heilige Pflicht nur nicht zu oft schon hätte üben müssen!
Eben wollte er den unheilvollen Brief fortlegen – da fiel sein Blick auf ein bisher nicht beachtetes Postskriptum auf der Rückseite: „Ich gebe Ihnen jetzt einen dringenden Rat und wünschte wohl, daß Sie ihn befolgten. Die Freude an Ihren Zeugnissen, mein fast hartnäckiges Eintreten für Sie hat den pflichtgestrengen Herrn Geheimrat doch etwas weich gemacht. Vielleicht ist noch nichts verloren, wenn Sie sich entschließen könnten, die Reise von den Reichslanden hierher zu machen und sich ihm persönlich vorzustellen. Ist es für dieses Mal vergeblich, dann sicher nicht für die nächste Stelle. Kennenlernen muß er Sie auf jeden Fall. Also wagen Sie es! Sie haben noch sechs Tage bis zum Schluß der Ferien. Da kann viel gemacht sein. Entschließen Sie sich schnell! In meinem Hause sind Sie ein willkommener Gast!“
Einigemal ging Rupert, den Brief in der Hand, in seinem Zimmer auf und ab, einigemal schüttelte er unwillig den Kopf – dann blieb er stehen. „Was hast du dir gelobt, alter Freund, als du vor etlichen grauen Jahren in das verheißungsvolle Amt eines Probekandidaten am Gymnasium dieser Stadt eingeführt wurdest? Eins wolltest du nie verlieren und verleugnen, und wenn man dir seinen Besitz noch so schwer machte: die Geduld, die einem Probekandidaten nötiger ist als das tägliche Brot! Probieren wir’s mit dieser Reise! Suchen wir das harte Herz dieses Geheimrats zu schmelzen – und sei es von Stein! Dem Mutigen hilft das Glück – Fortem fortuna adjuvat!“
Er trat ans Fenster, trommelte an die Scheiben und pfiff dazu seinen Lieblingsmarsch: „Vorwärts mit frischem Mut!“ Dann kramte er einen Fahrplan aus einem verborgenen Winkel seines Schreibtisches hervor und blickte hinein. Um Himmelswillen! Schon um vier Uhr ging der Kurierzug – da war keine Zeit mehr zu verlieren!
Er öffnete die Thür seines Zimmers und rief mit durchdringender, weithin schallender Stimme: „Frau Bärchen, Frau Bärchen!“, bis die Gerufene, atemlos und das runde, volle Gesicht gerötet vom Feuer der Küche, in der Stube erschien, den beweglichen Mund zu tausend Fragen bereit. Aber nicht einmal zu einer ließ er sie kommen, so große Anstrengungen sie auch machte.
„Frau Bärchen,“ rief er ihr entgegen, „packen Sie meinen Handkoffer, den Frack, die schwarzen Beinkleider, den Klapphut, die weißen Handschuhe, kurz – Sie wissen ja!“
„Wollen der Herr Doktor schon wieder auf eine Hochzeit?“
„So etwas Aehnliches, meine gute Frau Bärchen, aber bei all der Liebe, die Sie mir je gezeigt, bei all den Versicherungen Ihrer mütterlichen Fürsorge um mich, bei allem noch Teureren, was Ihnen ein besserer Redner ans Herz legen könnte, beschwöre ich Sie, machen Sie schnell, liebste Frau Bärchen – es gilt eine Lebensentscheidung!“
Frau Bärchen schüttelte den Kopf. So spaßig war er immer, der Herr Doktor, und daß er es war, freute niemand mehr als sie.
Irgend welche Aufschlüsse von ihm zu erhalten, wäre für heute aussichtslos gewesen – sie ging und packte eiligst den Koffer. Rupert pfiff einem halbwüchsigen Jungen, der vor der Thür herumlungerte, übergab diesem sein Gepäck, drückte der noch nicht zu Atem gekommenen Frau Bärchen die fette Hand und schlug den Weg zum Bahnhof ein.
„Station Appenweier! Umsteigen nach Karlsruhe, Heidelberg, Frankfurt!“
Rupert war auf der Fahrt aus dem Elsaß ins Badische in dem heißen Coupé ein wenig eingeschlafen, als ihn dieser Ruf des Schaffners weckte.
Der Zug war eben hereingebraust. Rupert ging von Coupé zu Coupé; es war Ende Juli, die Hauptreisesaison – vollends in dieser Gegend! Ueberall indignierte, entrüstete Gesichter – überall das eine brummende Echo: Alles besetzt! – Er wandte sich an den Schaffner; auch das vergebens. Endlich erbarmte sich der Zugführer seiner und öffnete ihm ein Coupé erster Klasse.
Hier war es leerer. Nur zwei Personen befanden sich in diesem Raume, ein älterer Herr und eine junge Dame.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Rupert hatte Zeit, seine Mitreisenden genauer zu betrachten. Ueber der Gestalt des älteren Herrn, der trotz der schwülen Hitze straff und kerzengerade auf dem Polster saß, lag jenes unverkennbare Wesen, das auch im Civilanzug den Militär nicht verläßt. Er sitzt wie auf dem Pferde, dachte Rupert bei sich. Das sonnenverbrannte, strenge Antlitz mit seiner unnahbaren Vornehmheit, der martialische weiße Schnurrbart, die kräftigen Lippen darunter, die nur zum Kommandieren sich zu öffnen schienen und die ein wenig hochmütig aufgeworfen waren, bestärkten ihn in seiner Ansicht.
Ob er aktiver Offizier war oder verabschiedeter? Er hatte graue, fast weiße Haare. Das kommt heute bei aktiven Offizieren kaum noch vor. Da dürfen selbst die Herren Obersten nicht anders aussehen als ein schneidiger Premierlieutenant! Es ist eben eine andere Welt wie bei uns Probekandidaten – hier heißt es nie: nicht alt genug, sondern immer nur: nicht jung genug.
Folglich ein Offizier a. D., kalkulierte Rupert mit unbeirrter Sicherheit weiter, ein Major a. D. – nein, dazu sah er denn doch zu martialisch, zu schneidig aus, Oberst mindestens! Um so mehr eine verschollene Größe – eine Ruine alter Pracht und Herrlichkeit! Hat nun nichts anderes zu thun, der alte Herr, als in der weiten Welt herumzukutschieren! Brauchtest dich übrigens gar nicht so zu „haben“, Alterchen, denn wenn ich auch nur ein armer Probekandidat bin, ich bin noch jung, zu jung sogar – ich bin Zukunft, und du – du bist Vergangenheit, wenn du es auch selbst noch nicht zu glauben scheinst und mich mit deinen stolzen Augen ansiehst, als müßte ich die ganze Fahrt bis Frankfurt vor dir „stramm stehen“.
Mit dem Alten war Rupert fertig, er glaubte seine ganze Lebensgeschichte zu kennen. Aber nun die junge Dame!
Er konnte wenig von ihr sehen. Sie saß in der äußersten Ecke ihm gegenüber, das Köpfchen in die Polsterlehne gestützt. Die Augen schienen geschlossen, der Zugwind spielte in ihren schwarzen Haaren, die sich leise wallend bewegten. Sie schien zu schlafen. Die kleine Hand im gelben Lederhandschuh fuhr freilich dann und wann zum Antlitz, um die widerspenstigen Haare in Ordnung zu bringen, und der zierlich geformte Fuß, der in einem schmiegsamen braunen Strandschuh steckte, klopfte den Fußboden leise wie im Traume.
Obwohl er nichts von ihrem Antlitz sehen konnte, war es Rupert klar, daß es sehr hübsch sein müßte, ein anderes konnte er sich zu dieser Gestalt nicht denken.
Ob sie die Tochter des Obersten sein mochte, ob – ? – Da mit einem Male wandte sie mit einer raschen Bewegung den Kopf – ja, es war seine Tochter! Derselbe leuchtende Stolz in den großen dunkelblauen Augen; um die leise geschürzten Lippen derselbe überlegene Zug, der fast hochmütig erschienen wäre, wenn ihn nicht eben eine Befangenheit gemildert hätte, die einen matten Hauch von Röte über die zarten Züge goß und ihnen einen Liebreiz lieh, wie Rupert ihn nie gesehen. Freilich nur für eine kurze Sekunde. Gleich darauf blickten die dunklen Augen schon wieder sehr kühl und gleichgültig auf den Eindringling und wandten sich dann zu dem alten Herrn, als wollten sie sagen: Wir sind nicht mehr unter uns, nicht einmal in der ersten Klasse ist man vor allerlei Publikum sicher.
„Der alte Tick!“ murmelte er in sich hinein. „Solche Oberstentochter a. D. – aber sie sind immer dieselben. Pah!“
Er lehnte sich jetzt seinerseits mit vornehmer Nachlässigkeit in die Wagenecke. Versuchen wir ein wenig zu schlafen!
Er schloß die Augen, aber er öffnete sie bald wieder. Es wurde ihm nicht leicht, den Blick auf längere Zeit von seinem Gegenüber zu wenden, das ihm immer lieblicher erschien. Dieses zwar nahm ebensowenig Notiz von ihm wie der alte Herr. Sie unterhielten sich von den Erlebnissen einer soeben beendeten Reise. Die Erinnerungen mußten sehr schön sein; der alte Herr schmunzelte unter dem dichten Schnurrbart so freundlich; die [19] junge Dame lachte einigemal hell auf, ihre Augen leuchteten so glückerfüllt. Sie strich zärtlich mit ihrer kleinen Hand über die starkgebräunte des Vaters – sie waren wieder ganz unter sich!
„Zu gut hast du alles gemacht, Väterchen – mit keinem anderen möchte ich reisen als mit dir, es kann’s auch keiner so verstehen!“
„Und siehst du,“ erwiderte der alte Herr geschmeichelt, „alles auf die Minute, genau wie wir es uns vorgenommen. Ja, ja, man muß alles lernen – auch das Reisen, mein Kind! Wie viel kostbare Zeit habe ich früher vergeudet auf meinen Fahrten, aber jetzt bin ich ein Praktikus. Bevor ich eine solche Reise antrete, wird gearbeitet – fleißig gearbeitet –“
„Du hast ja auch weiter nichts zu thun,“ dachte Rupert bei sich und wandte den Blick nicht von der jungen Dame, obwohl er die Augen halb geschlossen hatte und so that, als schliefe er allen Ernstes.
„Da wird der Plan gemacht wie ein Schlachtplan!“ fuhr der alte Herr mit sichtbarem Behagen fort. „Tag für Tag, Stunde für Stunde, und dann – wie es auch komme – keine Abweichung. Das kann ich nicht vertragen. Das stürzt die ganze Taktik. Nur so war es möglich, dir in der kurzen Zeit ganz Oberitalien zu zeigen und noch ein gut Stück der Schweiz. Doch nun, mein Herz – es ist fünf Uhr vorbei – du weißt, das ist meine Mahlzeitstunde auf solch einer Eisenbahnfahrt.“
Die junge Dame erhob sich. Flugs streifte sie den Handschuh von der weißschimmernden Hand, flugs nahm sie die zierliche Handtasche aus dem Netze, breitete eine kleine Serviette über die Kniee des Vaters, gab ihm eine zweite in die Hand und reichte ihm aus den weißen Pergamenthüllen eine Buttersemmel, so reich und appetitreizend zubereitet, daß Rupert das Wasser im Munde zusammenlief, obwohl er es sonst wenig liebte, auf der Eisenbahn etwas Mitgebrachtes zu genießen. Ein Hühnerflügel folgte, den sie geschickt mit einem kleinen Messer tranchierte, dann kam ein Ei, das sie in Salz wälzte, und Semmel und Huhn und Ei verzehrte der alte Herr mit einem so großen Wohlbehagen, daß Rupert einen Appetit dabei bekam, wie er ihn kaum im Leben empfunden.
In diesem Augenblick entglitt ein kleines Gläschen den geschäftigen Händen des Fräuleins und fiel so unglücklich, daß es klirrend zersprang. Das Fräulein wurde purpurrot. Rupert kam ihr zuvor und sammelte die Scherben. Er that es mit größerem Geschick, als es ihm sonst in solchen Dingen eigen war. Die junge Dame dankte ihm mit leiser Verbindlichkeit, und wieder errötete sie. Dieses schnelle Erröten bei den geringfügigsten Gelegenheiten wiederholte sich später noch öfter – es schien eine Eigentümlichkeit von ihr zu sein, und wie es meist in solchen Fällen ist, so schien sie dieselbe zu kennen und gar nicht angenehm zu empfinden. Aber gerade diese Eigentümlichkeit und die Befangenheit, die mit ihr verbunden war, stand ihr wunderbar gut zu Gesichte; sie erhöhte den mädchenhaften Reiz der feinen Züge und entzückte Rupert jedesmal von neuem.
Indessen war der alte Herr beim Käse angelangt, den er auf Pumpernickel zu speisen beliebte.
„So, mein Kind,“ sagte er dann, sorgsam mit der Serviette den Mund streichend und den fein gepflegten Bart bürstend, „noch eine gute Stunde, und wir sind in Heidelberg.“
„Und du wolltest nicht, Väterchen –?“
„Nein, mein liebes Kind, dieses Mal nicht. Du weißt, ich gehe nie von meinen Vorsätzen auf Reisen ab, und in Heidelberg zu bleiben, haben wir nicht geplant.“
„Ich hätte Heidelberg so gern gesehen,“ warf die junge Dame sehr zaghaft und schüchtern ein.
„Ein anderes Mal, liebes Kind, ein anderes Mal! Was ist Heidelberg auch für jemand, der aus der Schweiz kommt und Italien. Nein, wir fahren bis Frankfurt durch. Du siehst, hier steht es in meinem Notizbuch: ,den 23. Juli abends 8 Uhr 12 Minuten in Frankfurt. Abendbrot im Palmengarten.‘ Ich sage dir, schöner kannst du nirgend in der Welt soupieren als in diesem Palmengarten. Laß mich nur machen. So lange sind wir konsequent gewesen, wir wollen es auch bis zum Schluß bleiben!“
Die junge Dame wagte keine Einwendungen mehr.
„Apropos!“ rief der alte Herr, „um die Hauptsache nicht zu vergessen – jetzt meinen Cognac!“
„Jawohl, Väterchen.“ Sie sagte es mit einem leisen Anflug von Befangenheit im Tone. Und diese Befangenheit wurde sichtbarer und stärker. Sie kramte und suchte mit wachsender Hast in der kleinen Reisetasche, sie nahm mit bebender Hand Stück für Stück heraus – alles vergeblich! Die Cognacflasche fand sich nicht.
„Nun?!“ fragte der alte Herr schon etwas ungeduldig.
„Väterchen – den Cognac – den muß ich in der Eile der Abreise in Basel liegen gelassen haben – ich finde ihn nicht.“
„Aber Kind!“ rief der alte Herr höchst unwillig – „den Cognac gerade! Alles hättest du in Basel liegen lassen können, aber den Cognac nicht! Du weißt, daß ich ohne Cognac auf der Reise nicht leben kann.“
„Hier ist guter Rotwein – auch noch etwas Portwein!“
„Geh’ mir mit dem Wein – ich kann auf der Fahrt nur Cognac trinken. Nur der bekommt mir. Und den gerade mußt du vergessen!“
„Alter Tyrann!“ räsonnierte Rupert in grimmigen Gedanken, aber seine Außenseite zeigte eine Teilnahme, ein Bedauern mit dem alten Herrn, die dem größten Komödianten alle Ehre gemacht haben würde. Was hätte er darum gegeben, eine Flasche Cognac in der Reisetasche zu haben!
„Wo ist der nächste Aufenthalt?“ knurrte der alte Herr.
Die junge Dame nahm das Kursbuch. „Karlsruhe,“ erwiderte sie.
„Wie lange?“
„Vier Minuten.“
„Gut – dann kann ich dort eine Flasche kaufen.“
„Aber, Väterchen – vier Minuten?!“
„Aha,“ lachte der alte Herr. „Du meinst, mir wird es so gehen wie unserem jungen Pärchen da in Zürich auf der Hochzeitsreise, wo er auf dem Bahnhofe sitzen blieb und sie allein weiter reiste? Ohne Sorge, liebes Kind – das passiert einem erfahrenen Reisepraktikus nicht! Ist das schon Karlsruhe?“
Der Zug fuhr einen Augenblick langsam, dann hielt er. Der alte Herr erhob sich, winkte seiner Tochter „Auf Wiedersehen“, und fort war er, den weit entfernten Wartesälen zu, mit der Geschmeidigkeit eines Jünglings.
Es war ein unendliches Gewühl auf dem Bahnhof, ein Andrang, wie er selbst in dieser Zeit selten ist. Mehrere Züge standen zugleich auf den vielen Geleisen, gefüllte und leere – Lokomotiven rangierten hin und her, Klingeln, Glockensignale ertönten, Beamte wetterten, Warnungsrufe klangen dazwischen.
Die junge Dame blickte von ihrer Ecke aus nachdenkend auf das Getriebe und Gewoge. Es lag jetzt ein sinnender, fast wehmütiger Ausdruck in den dunklen Augen.
Mit einem Male – was war das?!
Jäh fuhr sie in die Höhe. Nein, es konnte nicht sein – es war unmöglich – es war sicher der andere Zug – der neben ihr auf dem nächsten Geleise – es war eine Täuschung wie so oft, auf den Bahnhöfen gerade – doch nein – nein!
„Um Gottes willen!“ rief sie, „geht unser Zug schon?“
Rupert war so in ihren Anblick versunken gewesen, daß er ebenfalls von dem Abgang nichts gemerkt hatte.
„Wahrhaftig – er geht!“ antwortete er, sich erhebend.
„Mein Vater – mein Vater! Lassen Sie mich aussteigen, ich bitte Sie, lassen Sie mich –“
Er hielt sie zurück.
„Mein gnädigstes Fräulein, der Zug ist in der Fahrt!“
„Das hilft nichts – ich kann doch unmöglich ohne meinen Vater ... Daß Sie das nicht einsehen! ... Herr Stationsvorsteher, ich bitte Sie, lassen Sie halten!“
Der Stationsvorsteher zuckte bedauernd die Achseln.
Der Zug fing an, sich in ein schnelleres Tempo zu setzen.
Das Fräulein, das bisher suchend und winkend aus dem Fenster gelehnt hatte, trat zurück. „Nein dies Unglück – mein Vater!“
Rupert bedauerte die junge Dame von Herzen, aber hinein in dieses Bedauern stahl sich die Freude. War es ein wenig Schadenfreude über den siegessicheren Reisepraktikus, war es der Reiz, mit dieser jungen, schönen Dame allein zu sein, die ihm so stolz und unnahbar erschienen war, und sie nun auf seinen Rat und seine Hilfe angewiesen zu wissen?
Als er aber auf das Fräulein blickte, als er sah, wie der leuchtende Stolz plötzlich aus den dunklen Augen gewichen war, wie sie so verlassen, so hilfesuchend zu ihm herüberschaute, mit den Thränen ringend, und wie jetzt trotz aller ihrer Tapferkeit
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Wintervergnügen im Spreewalde.
Nach einer Originalzeichnung von Werner Zehme.
[21] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [22] ein großer blinkender Tropfen an ihren Augenlidern hing und langsam die bleiche Wange hinunterrollte, da erschien ihm dies Empfinden fast wie ein Unrecht. Und jedes andere Gefühl ging unter in dem herzlichsten Mitleid mit ihr, in dem einen Wunsche, ihr in ihrer Verlegenheit zu helfen.
„Aber, mein gnädigstes Fräulein,“ rief er, „was in aller Welt ist denn geschehen, daß Sie gleich so zu verzweifeln brauchten?! Ihrem Herrn Papa ist ein kleines Malheur passiert, das jedem, auch dem erfahrensten Reisenden, alle Tage zustoßen kann – er ist doch nicht verschwunden – Sie werden ihn bald wieder haben!“ Viel früher gewiß als es mir lieb ist, setzte er in Gedanken seufzend hinzu.
„Aber wie sollen wir uns wieder treffen, wie soll ich wissen, wo er ist?“
„Nichts einfacher als das – Sie telegraphieren ihm –“
Sie sah erstaunt auf. „Telegraphieren – aber wohin?“
„Nun, lassen Sie uns überlegen! Sie haben da ein großes Kursbuch. Darf ich vielleicht einmal bitten? Ich danke verbindlichst. Seite 252 Basel–Heidelberg. So, da haben wir es schon. Zuerst also telegraphieren wir nach Karlsruhe. Nun glaube ich zwar nicht, daß Ihr Herr Papa in Karlsruhe sitzen geblieben ist. Nein, nein, ich rede jetzt ganz im Ernste. So erfahrene Reisende machen solch einfaches Versehen nicht, verzeihen Sie! Das überlassen sie weniger gewiegten Leuten. Ich nehme vielmehr an, daß er in der Eile in einen falschen, vielleicht gerade abgehenden Zug gestiegen ist. Gestatten Sie gütigst – so! Sehen Sie, ungefähr zu derselben Zeit geht da ein Zug nach Schwetzingen, nach Mannheim – ja sogar einer die Strecke zurück, die wir gekommen sind – ganz abgesehen noch von den Extrazügen, die jetzt kursieren.“
„Sie wollen also, daß ich mehrere Telegramme abschicke?“
„Gewiß, Numero 1 nach Karlsruhe, Numero 2 nach Schwetzingen, Numero 3 nach Appenweier – alles Bahntelegramme. Sie kennen diese Einrichtung – nicht? Nun, das sind Telegramme, die auf allen Stationen, sowie der Zug einläuft, ausgerufen werden, bis der Adressat ermittelt ist.“
„Aber –“ Sie stockte.
„Nun?“
„Das geht gar nicht. Papa hat auf Reisen immer alles bei sich. Ich habe nicht einmal mein Billet, auch nicht das geringste Geld.“
„Das macht nichts. Das legen wir alles aus. Ich wollte, ich hätte mein Geld immer in so sicheren Papieren angelegt wie in diesen Telegrammen,“ setzte er mit einem ehrlichen Seufzer hinzu.
Sie lächelte – ein mattes, leises Lächeln, aber es stahl sich durch ihre Thränen hindurch wie der erste verheißende Sonnenstrahl durch eine trübgestimmte Landschaft.
„Doch nun zur That – die Zeit drängt!“ Er riß aus seiner Brieftasche einige Blätter und begann zu schreiben: „,Bahntelegramm’ – Nun, was telegraphieren wir?“
„Daß ich ihn auf der nächsten Station erwarte.“
„Gut – also in Bruchsal. Dann aber schnell, wir haben nur noch wenige Minuten. Also: ‚Erwarte dich Bahnhof Bruchsal‘ – ‚erwarte dich Bahnhof Bruchsal‘“ wiederholte er. „Weiter nichts – klingt das nicht ein wenig kahl? Ihr Herr Vater wird sich ängstigen über Sie. Wollen wir nicht etwas Beruhigendes hinzusetzen wie etwa: ‚Mir geht es sehr gut‘ – nein, nein,“ lachte er jetzt hell auf, „das geht nicht, das dürfen wir jetzt nicht schreiben, aber etwa: ,Ich bin gut aufgehoben‘ – Gott, nur daß er sich nicht ängstigt der alte Herr, und ,ich bin gut aufgehoben‘, das können Sie ruhig schreiben, gnädiges Fräulein.“
Es war ein so treuer, ehrlicher Blick, der sie dabei aus seinen klugen Augen traf. Sie sah ihn zum erstenmal eine Weile an – sie lächelte wieder, aber dieses Mal schon etwas länger, etwas zuversichtlicher. „Meinetwegen – das können Sie schreiben. Papa ängstigt sich tot, wenn er mich allein glaubt –“
„Also: ,Erwarte dich Bahnhof Bruchsal. Bin gut aufgehoben.‘ – Aber nun, bitte – die Unterschrift. Ihren Vornamen, gnädigstes Fräulein?“
„Marie,“ sagte sie leise und errötete.
Sie sah nicht, daß in demselben Augenblick auch über seine Züge ein mattes Erröten zog, daß sein sonst so heiterer Blick mit einem Male nachdenklich wurde. „Marie,“ wiederholte er leise, und ein seltsamer Klang zitterte durch dieses Wort. Aber bald war er wieder der Alte.
„Alles gut. Aber eins fehlt noch, und das ist die Hauptsache. Die Adresse. Der Name Ihres Herrn Vaters.“
„Fehrbach – von Fehrbach,“ sagte sie leise.
„von Fehrbach – schön – aber ein Titel sollte nicht fehlen. Es könnte bei dieser Reisewut doch sein, daß irgend ein anderer Fehrbach irgendwo sitzen geblieben ist und wir dann einen falschen nach Bruchsal bekommen. Also schreiben wir Oberst von Fehrbach –“
„Oberst?“ sagte sie erstaunt, „wie kommen Sie auf den Oberst?“
Er wußte es selbst nicht, es waren nur seine Kombinationen gewesen, sonst hatte er keinen Anhaltspunkt.
„Nein, das nicht,“ fuhr sie lächelnd fort, „aber muß es etwas sein, dann schreiben Sie Excellenz, obwohl das nichts zur Sache thun wird.“
„Obwohl das nichts zur Sache thun wird?!“ erwiderte er mit lachendem Erstaunen. „O, mein gnädigstes Fräulein, wie wenig – verzeihen Sie einem Vielgeprüften! – wie wenig kennen Sie noch die Welt! Die Herren Excellenzen reisen schnell – viel schneller als so ein anderer Sterblicher. Kommt da solch ein Telegramm an: „Fehrbach“ – vielleicht auch: „von Fehrbach“ – nun, es wird eben ausgerufen, aber wen kümmert es? Warum verpaßt der Herr Fehrbach den Zug, warum läßt er seine Tochter nun in Bruchsal sitzen? Aber eine Excellenz Fehrbach, ums Himmels willen, welche Ungeschicklichkeit! Wie kann man so eine Excellenz mir nichts, dir nichts auf einem Bahnhof sitzen lassen und die Tochter dieser Excellenz mit einem wildfremden Mann allein weiterreisen lassen! Das ist unerhört! Ich sage Ihnen, die Stationsvorsteher werden Flügel vom Himmel erflehen, um sie ihren Stahlrossen anzuhängen. Womöglich ist diese Excellenz noch aus dem Eisenbahnministerium – und nun – unerhört –“
Wie hell sie lachte! Kein Schatten mehr in dem schönen Antlitz. Die weißen Zähne schimmerten und glitzerten in verführerischer Pracht und die dunklen veilchenblauen Augen leuchteten in sonniger Heiterkeit. „Nein, mit der Eisenbahn hat Papa nichts zu schaffen. Er ist im Kriegsministerium und hat keinen Tag mehr zu verlieren, weil er den Herrn Minister vertreten muß, der übermorgen auf Urlaub geht.“
Im Kriegsministerium! Und zwar der nächste nach dem Minister selber! Und den Mann hatte er für einen abgewirtschafteten Oberst a. D. gehalten! Rupert freute sich zum erstenmal, daß er nur noch so wenige Haare auf dem Kopfe hatte – das Fräulein hätte sonst sehen müssen, wie sie ihm zu Berge standen.
Wie hatte er diesen Mann unterschätzt, mit dessen Tochter er nun allein dahinfuhr durch die weite Welt, wie inbrünstig bat er ihm alles ab und beschwor ihn im Geiste, daß er sich nur nicht dadurch an ihm rächen möchte, daß er jetzt einige Stunden eher wiederkäme und den Zauber zerstörte, mit dem ihn die wunderbare Situation mehr und mehr umfing! Trotz allen Respekts vor dieser Excellenz, er hätte gewünscht, der Zug, in den sie geraten, raste wie toll dahin ohne Aufenthalt bis an das Meer und die Excellenz hätte Tage nötig, bis sie endlich wieder in Bruchsal anlangte.
Doch halt! Die Station war erreicht, auf der die Telegramme – es ging doch nun einmal nicht anders – aufgegeben werden mußten! Er rief dem Stationsvorsteher. Dieser warf einen Blick auf die Papiere und verneigte sich dann gegen die junge Dame. „Excellenz vermutlich Anschluß verpaßt – höchst bedauerlich! Werden aber alles thun, um Excellenz so schnell wie möglich zu avisieren, gnädiges Fräulein können ganz beruhigt sein –“
„Natürlich,“ murmelte Rupert vor sich hin, „ich wette, der alte Herr ist noch eher in Bruchsal als wir und empfängt uns dort mit offenen Armen!“
Aber er war nicht dort, als sie nun in Bruchsal ankamen und den Zug verließen. Der Stationsvorsteher aber schien doch schon von seinem Kollegen unterrichtet zu sein; er empfing sie, gleichfalls in höflichster Weise seinem Bedauern Ausdruck gebend, und geleitete sie in das Wartezimmer.
In diesem verstrich den Harrenden die Zeit langsam. Rupert hatte Kaffee bestellt, aber das Fräulein berührte ihn nicht. Sie war sehr einsilbig geworden. Die Situation erschien ihr immer bedenklicher. Einigemal stand sie auf und wandte sich fragend an den Stationsvorsteher. Es war vergeblich, kein Telegramm kam an[.]
[23] Sie wollte sich nichts merken lassen, aber als auch die zweite Stunde verrann, sah Rupert sie wieder mit den Thränen kämpfen. Seine harmlosen Scherze, sein gutes Zureden waren diesmal vergeblich.
Endlich nahte sich eiligen Schrittes der Stationsvorsteher, in den Händen ein Telegramm.
Das Fräulein flog ihm entgegen, las es und ließ es dann mit fast bestürzter Miene sinken.
Rupert hob es auf.
„In falschen Zug geraten. Kann erst morgen früh in Heidelberg sein. Erwarte dich dort Hotel Europa.“
Es war ihm selten im Leben so schwer geworden, seine Gefühle zu verbergen wie dieses Mal.
Also heute abend hatte die Excellenz keinen Anschluß mehr! Sie mußte irgendwo übernachten, konnte erst morgen weiter, und bis dahin?! Er sah auf die junge Dame. Sie schaute noch bestürzter drein als vorhin. Die Lage schien ihr verzweifelt.
Und Er? Er hätte aufjauchzen mögen vor lauter Freude und Lust über diesen Roman, der immer interessanter, immer fesselnder für ihn wurde und sich von allen geschriebenen dadurch unterschied, daß er ihn erlebte, ja ihn erlebte in vollen Zügen, mit ganzem jubelnden Herzen.
Aber nein – er durfte das Fräulein seine überströmende Freude nicht merken lassen; er wäre ihr gefühllos oder gar schadenfroh erschienen. Aber zu sehr konnte er sich nicht verstellen; jetzt einen beileidsvollen Ton anzunehmen, das wäre ihm gar nicht gelungen, selbst wenn er es gewollt hätte.
„Ich verstehe nicht, mein gnädigstes Fräulein,“ wandte er sich mit einer Sprache, die zwischen Scherz und Ernst einen weisen Mittelweg wählte, „wie man so nachdenklich aussehen kann, wenn einem rein durch des Schicksals Gunst plötzlich und unverhofft die heißesten Herzenswünsche erfüllt werden.“
Sie schien ihn nicht zu verstehen.
„Ich war im Coupé vorhin Zeuge eines Gesprächs, in dem Sie Ihren Herrn Vater vergebens baten, mit Ihnen den Abend in Heidelberg zu bleiben. Und nun, ehe Sie es ahnen, wird dieser Wunsch erfüllt.“
Sie gab sich Mühe, zu lächeln – es gelang ihr nicht.
„Das war damals etwas anderes. Aber jetzt – so ganz allein –“
„Ganz allein?!“
Er sah sie fast verwundert an. „Ich habe mir nie geschmeichelt, viel in dieser Welt zu bedeuten, besonders in der Welt nicht, in der Sie leben. Aber daß ich so einfach Null für Sie bin, daß Sie sich ganz allein nennen, wo ich –“
„Aber Sie werden mich doch nicht nach Heidelberg begleiten, Sie müssen doch Ihre Reise weiter machen –“
„O, mein gnädiges Fräulein, wenn es nichts anderes ist, das Warten habe ich gelernt – ich habe Zeit! Solche Eile hat meine Reise nicht – einen Kriegsminister habe ich auch nicht zu vertreten – und wenn alle Minister Europas mich zu ihrem Stellvertreter auserkoren hätten – sie müßten alle warten! Sie unter diesen Umständen nicht zu verlassen, ist doch einfach meine Pflicht, auch wenn sie nicht so sehr angenehm wäre.“
Jetzt brauchte sie sich keine Mühe mehr zu geben – sie lächelte wirklich; langsam und zaghaft ging wieder die Sonne auf in dem reizenden Angesicht.
„Ich Sie allein lassen – ohne Schutz, ohne Schirm, in einer wildfremden Stadt! Ich bitte Sie, gnädigstes Fräulein, für was würde Excellenz mich halten!“
Noch einmal suchte sie abzuwehren, aber sie that es viel schwächer, viel weniger ernst als vorher.
„Das hilft Ihnen nun alles nichts! Ich bleibe bei Ihnen, bis ich Sie in die Arme Ihres Herrn Vaters wohlbehalten abgeliefert habe. Dann ist meine Schuldigkeit gethan – dann kann ich gehen! Aber – jetzt nicht. Jetzt müssen Sie mich dulden als Ihren Ritter, Ihren Knappen, wie Sie wollen, oder – apropos, Sie haben ja keinen Pfennig Geld bei sich – zum mindesten als Ihren Bankier!“
Die letzte Falte wich, der leiseste Schatten schwand. Die Sonne leuchtete immer heller, so hell beinahe wie die glitzernden Zähne und die lachenden großen Augen.
„Gut; einverstanden, mein Herr Ritter. Ich danke Ihnen!“ Sie hielt ihm die Hand entgegen, er ergriff sie – fast ein wenig zu stürmisch; denn sie entzog sie ihm schnell wieder, und dabei stieg ein purpurnes Rot ihr ins Antlitz.
„Herr Stationsvorsteher, bitte, wann geht der nächste Zug nach Heidelberg?“
„Er muß sofort einlaufen, mein Herr!“
„Nun denn, en avant! Billets haben wir ja – ach nein, nein – das Ihre macht mit Excellenz eine kleine Nachtreise. Also schleunigst – Zwei Erster Klasse nach Heidelberg! – So, ich danke. – Hier, gnädigstes Fräulein – nein, das Coupé ist zu voll – es ist so heiß heute – hier ist Platz – ich danke verbindlichst, Herr Stationsvorsteher!“
Und wieder saßen sie beide allein im Coupé, und der Eilzug brauste dahin durch üppig blühende Wiesen und Felder, auf denen das Getreide zum Teil schon in Garben gebunden stand, und flog an den Stationen vorbei – ganz unnötig schnell, wie Rupert dachte.
Seine Gefährtin war schweigsam und nachdenklich; aber als er einigemal verstohlen in ihr Antlitz blickte, da entdeckte er etwas ganz Neues. Um den Mund, der zwar immer noch ernst geschlossen war, spielte ein schelmischer, fast schalkhafter Zug, und aus den sinnenden Augen sprach etwas Eigentümliches, das er nicht ganz ergründen konnte, das ihm Eins aber sagte, nämlich, daß dies kleine Reiseabenteuer ihr nicht ganz unwillkommen war. – Sie hatte ja auch so gerne Heidelberg sehen wollen!
Und da mäßigte der Zug auch schon seine rasende Eile, von ferne erglänzten im Sonnengolde die Fluten des Neckars, die altehrwürdigen Türme Heidelbergs zeigten sich am Horizont, und vor ihnen lag die Stadt, in der weichen Abendstimmung wie ein Luftbild in träumerischen, verschwommenen Linien dunkelblau und weiter am Horizonte in ganz mattem Rosa verschwimmend.
„Du meine Güte,“ rief Rupert mit einem Male aus, „jetzt sind wir gleich am Ziel und Sie wissen noch nicht einmal, wem Sie sich auf einer weiten Reise und in einer ganz fremden Stadt so zuversichtlich anvertrauen. Zwar mein Titel und Namen thut wenig zur Sache. Ich bin der Doktor Walter Rupert, vieljähriger Probekandidat am Gymnasium zu – der Name wird Ihnen gleich sein. Sie lachen, mein gnädiges Fräulein, und doch ist es ein sehr ernsthafter Titel, einer, der eigentlich mehr zum Weinen als zum Lachen ist. Sie werden kaum wissen, was das heißt – vieljähriger Probekandidat?“
Sie lächelte verlegen.
„So erlauben Sie, daß ich Ihnen seine Bedeutung erkläre. Kandidat ist ein Zeitwort der Zukunft und heißt Einer, der etwas werden will oder muß, und Probekandidat heißt nun so Einer, weil man ihn auf die Probe stellt, wie lange er es wohl aushält, bis er etwas wird. So, mein gnädiges Fräulein, jetzt kennen Sie meine Vor- und Zunamen, meine Titel und Würden so genau wie ich die Ihren, jetzt können wir getrost die neue Stadt betreten.“
Der Zug hielt. Sie stiegen aus und Rupert übergab das geringe Handgepäck einem Packträger mit der Weisung, es nach ihrem Hotel zu bringen.
Langsam gingen sie vom Bahnhofe durch die dicht schattende Kastanienallee der Leopoldstraße der Stadt zu. Die Hitze des Tages hatte ein wenig nachgelassen, ein erfrischender Luftzug regte sich. Die Stadtpromenade war gefüllt von zahlreichen Spaziergängern. Einheimische und Fremde suchten Erquickung nach des Tages Mühe und Schwüle, Studenten mit farbigen Mützen und Bändern wanderten dazwischen, Radfahrer flogen vorbei – ein buntes, abwechselndes Bild, ein Treiben und Gewühl, das einen großstädtischen Anstrich hatte.
Dem Fräulein war es eigentümlich zu Mute, an der Seite eines Mannes, den sie heute zum erstenmal in ihrem Leben gesehen, in eine Stadt zu kommen, die sie nie betreten. Und doch – unter all diesen Menschen, die geschäftig an ihr vorüberrauschten, in der unbekannten Umgebung kam sie sich nicht fremd, noch verlassen vor; nur ein seltsames Gefühl regte sich in ihrem Herzen, wie sie es noch nie empfunden, so bange und so zuversichtlich zugleich – sie konnte sich keine Rechenschaft von ihm ablegen – sie schob es auf das Ungewohnte der Umgebung und Lage, in der sie sich befand.
Sie hatten den vollgrünenden Neptunsgarten zur Rechten [24] liegen gelassen und wandelten durch mannigfaltige Boskette einigen imposanten Gebäuden entgegen, und da winkte ihnen auch schon das Hotel, das Excellenz in seiner Depesche seiner Tochter zum Absteigequartier bestimmt hatte.
Das Fräulein ging unwillkürlich langsam. Immer seltsamer und beklemmender wurde die Empfindung, die in ihrem Innern sich regte – fast hilfesuchend sah sie sich um, als müßte aus den grünenden Bosketten dort ihr Vater hervortreten, ihr ritterlich den Arm bieten, um sie dieser bedenklichen Situation zu entführen. Ob sie es gewünscht hätte?! In diesem Augenblicke hätte sie die Frage mit einem aufrichtigen Ja beantwortet.
Sie standen vor dem Portale des Hauses. Das Fräulein fühlte ihr Herz hörbar schlagen.
Rupert besaß genug Takt, sie für einen Augenblick um Verzeihung zu bitten, um mit dem herbeieilenden Oberkellner im Vestibül allein zu verhandeln. Der Oberkellner aber schien so zarte Empfindungen nicht zu kennen. Ohne daß Rupert es verhindern konnte, war er mit einem Satze draußen bei dem Fräulein.
„Das beste Zimmer im ganzen Hotel – eben leer geworden. Erste Etage – prachtvolle Aussicht auf das Schloß. Dazu ganz still und ungestört. Die gnädige Frau brauchen es nur einmal anzusehen – gnädige Frau werden gewiß zufrieden sein.“
Dem Fräulein schoß das Blut in den Kopf wie ein Feuerstrom. Aber sie war Weltdame; keine Miene zuckte in ihrem Antlitz, nicht die leiseste Bewegung verriet ihre Empörung.
Rupert hätte den geschwätzigen Kellner prügeln können; er begnügte sich jedoch, ihm jetzt, während das Fräulein zu Boden sah, einen nicht mißzuverstehenden Wink zu geben. „Es handelt sich nicht um ein Zimmer, sondern um zwei. Das beste – hören Sie wohl – das allerbeste, das Sie im ersten Stockwerk haben, gehört dem gnädigen Fräulein; mir können Sie ein bescheideneres im zweiten oder dritten anweisen.“
Der Oberkellner wand sich wie ein Aal –, „hm hm“ murmelte er sehr geheimnisvoll und diskret, lächelte verschämt, rieb die geschmeidigen Hände, hauchte ein „Pardon, mein Herr, alles zu Ihren Befehlen“ und wand sich dann von neuem.
Er hielt die Vorverhandlung für beendet, er „wußte alles“, er komplimentierte das gnädige Fräulein in das Haus.
„Darf ich das Gepäck besorgen für die Herrschaften?“ sagte er hier, geringschätzig die paar Handtaschen musternd, die der Packträger einem der Zimmerkellner übergab.
Wieder errötete das Fräulein bis in die Haarwurzeln. „Wir haben kein weiteres Gepäck,“ erwiderte sie sehr schüchtern.
Der sorgsam gescheitelte Kopf des Oberkellners schnellte ein wenig empor, die roten Brauen zogen sich in die Höhe.
„Ich werde Ihnen meine Aufträge über das Gepäck später geben,“ sagte Rupert jedoch in so kurzer, gebietender Sprache, daß der gescheitelte Kopf wieder einige Fuß tiefer sank. „Und nun rufen Sie das Mädchen, daß es das gnädige Fräulein auf ihr Zimmer geleite; aber ein wenig schnell, wenn ich bitten darf – wir haben keine Zeit zu verlieren!“
Der Oberkellner verneigte sich gravitätisch. Dann mit einem Male war er verschwunden, so schnell und spurlos, daß man meinen konnte, er habe sich in das niedliche Mädchen verwandelt, das mit einem Male vor der Dame stand, ihre Befehle entgegenzunehmen.
„Und nun, mein gnädigstes Fräulein,“ wandte sich Rupert an seine Gefährtin, „ich harre Ihrer hier unten im Flure, und wenn ich mir die unbescheidene Bitte erlauben darf, lassen Sie mich nicht zu lange warten! Die Zeit ist uns schon kurz genug gemessen, und der Weg zum Schlosse ist weiter als es scheint.“
„Bis zum Schlosse?! Sie wollten noch –“
„Aber gnädiges Fräulein, das ist doch einfach selbstverständlich. Dazu hat uns Ihr Herr Papa doch nur telegraphisch hierher verfügt. Was würde er sagen, wenn er morgen hier ankäme und Sie hätten nicht einmal das Schloß gesehen. Er wäre außer sich. Und mit Recht. Sein Sitzenbleiben hätte dann ja auch nicht den geringsten Zweck gehabt. Es ist einfach meine Pflicht und Schuldigkeit, Sie auf das Schloß zu führen, und Sie – Sie müssen sich schon fügen. Es geht nun einmal nicht anders!“
Wie gerne sie sich fügte. „Wenn es denn sein muß,“ sagte sie lachend, „ich bin bereit. Also auf Wiedersehen, mein Herr Ritter!“
„Auf Wiedersehen.“
Noch einmal klingelte Rupert dem Oberkellner.
„Nun, hochgeschätzter Herr Oberkellner, thun Sie Ihr Bestes und lassen uns dort auf der Veranda – nein, nicht hier am Eingang – dort, sehen Sie, in dem kleinen Blumenwinkel, so schnell als es dieses Hotels treffliche Oekonomie irgend gestattet, ein Souper servieren. Keine großen Sachen! Beileibe nicht! Wir haben Eile. Einen Gang nur. Aber einen guten! Den besten! Dazu ein paar Früchte und ein wenig Dessert. Und einen Wein! Keinen fremden. Sondern wirklichen, wahrhaftigen Rheinwein feinster Marke, dessen Gold Sie in schön geschwungenen Römern kredenzen Sie haften für seine Echtheit und Güte!“
Er fühlte sich wie ein Fürst, der inkognito reist. Der Oberkellner wußte bei aller seiner Menschenkenntnis immer noch nicht, wo er diesen Herrn unterbringen sollte. Sein Schwanken kam in seiner Verbeugung zum Ausdruck. Sie war so gehalten, daß er sich mit ihr nichts vergab, und doch war sie devot genug selbst für einen Fürsten. Das Fräulein aber, das von der Treppe herab das Gespräch noch mit angehört hatte, lächelte vor sich hin und schüttelte leise das Haupt.
Sie stand jetzt inmitten des Zimmers, in welches das Mädchen sie geführt. Es war mit einer Behaglichkeit, ja mit einem Komfort eingerichtet, daß sie es nicht einmal zu Hause besser hatte.
Einen Augenblick ließ sie sich in dem weichen Sessel nieder, einen Augenblick ruhte ihr dunkles Auge träumend und sinnend auf dem Boden – dann erhob sie sich lebhaft. Mit dem frischen Wasser, das eben hereingebracht wurde, netzte sie sich Gesicht und Hände und befreite sich von dem Reisestaub. Dann ging sie, ganz in Gedanken, auf und nieder über den schwellenden Teppich, bis sie vor dem hohen Spiegel stehen blieb; er warf ihr ein lebhaft bewegtes Antlitz entgegen mit großen Augen, deren blaues Leuchten ihr noch nie so aufgefallen war wie heute. Machte es die Reise, machte es die seltsame, ihr immer unbegreiflicher erscheinende Lage, in die sie gekommen?
Wunderbar, die lange Fahrt in der schwülen Temperatur, die sie sonst immer so angriff, hatte sie heute gar nicht ermüdet. Sie fühlte sich so frisch, so gehoben, so - -
Sie stand noch immer vor dem Spiegel, strich sich sorgsam die Falten aus dem leichten Sommerkleide, nahm den Hut ab, ordnete die Haare, sie nestelte hier und dort mit der kleinen Hand herum, setzte den Hut auf, ordnete die Haare aufs neue, sie nahm den Hut wieder ab, blickte noch schärfer und prüfender in den großen Spiegel – sie war sonst so schnell fertig, so leicht zufrieden – und heute?! –
„Nein,“ rief sie endlich ganz unwillig, „das ist ja toller, als wenn es auf den Hofball geht – nun genug! Doch halt, das geht noch nicht – so, so ist’s gut!“
Sie nahm langsam die gelbseidenen Halbhandschuhe aus der Tasche und zog sie über die vom Kleidärmel freigelassenen weichen Arme. Lächelnd summte sie ein Liedchen dazu – leise beginnend, dann immer lauter, immer fröhlicher. Sie lachte hell und lustig wie ein Kind, so daß sie sich ganz erschreckt umsah, ob niemand sie gehört habe.
Es war alles zu seltsam, zu wunderlich, zu komisch!
Noch ein kurzer Abschiedsblick in den Spiegel. „So, mein Herr Ritter, jetzt müssen Sie mit mir zufrieden sein! Schöner kann ich mich nicht machen!“
Und das Bild im Spiegel nickte so schelmisch dazu, als wollte es sagen: Er kann auch zufrieden sein, sehr zufrieden.
Sie wandte sich zur Thür. „Adieu, mein kleines Zaubergemach, auf Wiedersehen heute abend – wenn du bis dahin nicht verschwunden bist und mit dir mein Herr Ritter und der Oberkellner da unten – und ich im Coupé an Papas Seite aufwache und alles nur ein Traum gewesen ist.“
Aber ihr Ritter stand unten getreu auf seinem Posten.
Er hatte sich gleichfalls ein wenig zurecht gemacht und vom Staube der Reise gereinigt. Seine schmiegsame elegante Erscheinung kam in dem dunkelbraunen Jackettanzuge so recht zur Geltung, das kluge Gesicht blickte unter dem flotten Reisehut so munter, so fröhlich frisch in die Welt hinaus.
Und das ist nun ein Probekandidat! dachte das Fräulein bei sich. Nicht möglich! Diese Menschen – gesehen hatte sie
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Nach einem Gemälde von C. Reichert.
[26] zwar nie einen – hatte sie sich immer ganz anders vorgestellt. Der sah ja beinahe aus wie ein Gardelieutenant in Civil.
Daß es noch eine andere Welt gab als die ihr gewohnte, daß sie jenseit des Hofes, der Regierung und der Armee auch noch sprachen und fühlten und lachten, daran hatte sie bis dahin nie gedacht, bis sich nun mit einem Male vor ihren staunenden Augen diese andere nie gekannte Welt aufthat, hier in der fernen Stadt, in dem fremden Manne, mit dem ein Eisenbahnzufall sie zusammengeführt.
Und mit diesem Manne saß sie nun in der kleinen blumenumrankten Nische an dem kleinen Tischleindeckdich, das ihr wie aus der Tiefe hervorgezaubert schien, und der gravitätische Oberkellner bediente sie lautlos wie ein Geist. Und sie besiegte die anfängliche Befangenheit und ließ es sich schmecken wie ihr Gefährte und plauderte mit ihm im Ernst und im Scherz, bis es die höchste Zeit war, aufzustehen, und sie nun durch die feiernde Abendstille schritten auf unbekannten Pfaden, als wäre es immer so gewesen, als müßte es für alle Zeit so bleiben.
Jetzt bogen sie den Neuen Weg zum Schlosse ein; die Aussicht wurde weiter und schöner, die Luft freier und frischer. Ein jeder schien beschäftigt mit geheimen eigenen Gedanken, die Worte nicht aussprechen konnten. Durch schöne Garten- und Blumenanlagen führte sie in sanfter Steigung der Weg allmählich in den Schloßgarten. Die Blumen dufteten, die Vögel sangen ihr Abendlied, in weichem Blau wölbte sich über ihnen der weite Himmel.
Das Fräulein fühlte ihr Herz hörbar schlagen.
Ob es von dem Steigen kam? Sie lächelte. Sie hatte auf ihrer Reise ganz andere Bergwege gemacht und nie ihr Herz gefühlt. Es war heute eben alles anders als sonst.
Plötzlich gedachte sie ihres Vaters. Sie erschrak. Es war das erste Mal auf dem ganzen Wege, daß ihre Gedanken bei ihm waren. Das kam sonst nicht vor. Wenn er das ahnte! Er war immer so stolz darauf, daß er ihr ausschließliches Interesse in Anspruch nahm.
„Der arme Vater!“ seufzte sie halblaut vor sich hin.
„Ja,“ fiel Rupert ein, „er thut mir auch von Herzen leid. Um sein schönes Souper im Frankfurter Palmengarten ist er nun gekommen, und er hatte es schon vier Wochen vorher notiert.“
Der Scherz schien ihr nicht zu gefallen. Die Mundwinkel zuckten ein wenig, um die roten Lippen spielte wieder jener leise Zug von Hochmut, den er anfangs an ihr bemerkt hatte.
Ihn beirrte das wenig.
„Aber Sie brauchen sich nicht zu beunruhigen. Der Herr Papa – pardon, Excellenz wollte ich sagen – Excellenz haben wenigstens gut gevespert.“
Sie war eigentlich böse auf ihn. Sie nahm sich vor, es ihm zu zeigen. Aber es ging nicht; als sie in sein ehrliches, treues Gesicht sah, das so seelenvergnügt und harmlos bei diesen kleinen Spöttereien dreinschaute, mußte sie lächeln. Und als er das merkte, wurde er ganz übermütig und erlaubte sich einen kleinen Scherz nach dem andern. Aber sie waren alle so launig und unschuldig, daß das Fräulein auch den letzten Widerstand aufgab und sie nun beide aus heller Kehle lachten wie die Kinder – sie wußten nicht weshalb, aber sie lachten und freuten sich, wie nur Menschen lachen und sich freuen können, die von ganzem Herzen glücklich sind.
Mit einem Male aber wurde sie ernst. Sie standen vorm Schloß. Nein, das war zu schön, zu überwältigend, um es anders als mit frommer Andacht anschauen zu können!
(Schluß folgt.)
Alle Rechte vorbehalten.
Erkältung.
Es gab eine Zeit, da führte man all die Gebresten, welche das schwache Menschengeschlecht plagen, auf „Erkältung“ zurück, und dann kam wieder eine Periode, in welcher man jedermann verlachte, welcher der Erkältung irgend eine Bedeutung beizulegen sich unterfing. Die ärztliche Wissenschaft der Gegenwart nimmt einen vermittelnden Standpunkt ein. Zwar ist der Begriff der Erkältung noch nicht vollkommen geklärt und die Art ihrer krankmachenden Wirkung noch keineswegs widerspruchsfrei dargelegt – allein darüber herrscht kein Zweifel mehr, daß unter den Krankheitsursachen dem Vorgange der Erkältung eine weder seltene noch unbedeutende Rolle zukommt. Man denkt dabei an die nachteilige Wirkung, welche die Kälte besonders durch plötzliches Eintreten, oder durch den Wechsel nach bedeutender Wärme, oder durch unmittelbare Berührung mit unbedeckten Körperteilen des Menschen auf den gesamten Organismus ausübt, und schreibt die Vermittlung dieser Verkühlung in erster Linie der Haut zu.
Unsere Haut, welche die sorgsam schützende Hülle des ganzen Menschen bildet, hat eine Fülle von bemerkenswerten Funktionen. Durch diese allgemeine Bedeckung findet ein Gaswechsel, ähnlich wie durch die Lungen, statt, indem Kohlensäure und Wasser ausgeschieden, Sauerstoff und andere gasförmige Körper aufgenommen werden; durch die Haut wird der Schweiß abgesondert und ein wesentlicher Einfluß auf die Wärmebildung im Körper geübt. Sie vermag ferner manche flüchtigen Stoffe aufzusaugen, ganz besondere Bedeutung aber hat sie als Sinnesorgan. In der Haut befinden sich Nervenfasern und eigene, mit den Nervenenden verbundene Apparate, durch welche die Empfindungen von Druck und Schmerz zum Bewußtsein gelangen, durch welche der Gefühlssinn, der Tastsinn, der Ortssinn sowie der Temperatursinn zum Ausdrucke kommen. Physiologische Untersuchungen der Neuzeit haben dargethan, daß in der Haut gesonderte Nervenapparate für Empfindung von Wärme und Kälte vorhanden sind und daß der Wärmesinn an Stärke und Kraft weit geringer angelegt ist als der Kältesinn.
Der menschliche Körper, in welchem der innere Verbrennungsprozeß stets Wärme erzeugt, hat durch merkwürdige (hier nicht zu erörternde) Einrichtungen die Eigentümlichkeit, im gesunden Zustande eine gleichmäßige Körpertemperatur, welche etwa 37° C. beträgt, zu bewahren. Diese Eigenwärme wird vom Körper am leichtesten bei einer Temperatur der uns umgebenden Luft von 27° C. behauptet, er kann sie aber auch bei Einwirkung von Kälte in kürzerer Dauer und bis zu bestimmten Graden infolge besonderer Schutzvorrichtungen gegen Temperaturangriffe wahren. Hochgradige oder längere Zeit einwirkende Kälte der äußeren Umgebung bringt bedeutenden und dauernden Abfall der Körpertemperatur nicht nur an der Oberfläche, sondern auch an den inneren Organen zustande. Dieser Abfall der gesamten Temperatur des Körpers erscheint, wenn die Abkühlung gewisse Grenzen erreicht hat, für das Leben bedrohlich; Körpertemperaturen unter 22° C. sind an Lebenden nicht beobachtet worden. Auch in geringerem Grade verminderte Wärme der Luft führt durch die Berührung der Haut mit der kälteren Luft und durch die Einatmung derselben zu vermehrtem Wärmeverluste, welcher von gesunden Menschen leicht vertragen wird, bei schwächlichen, in ihren Kräften erschöpften und in ihrer Wärmebildung heruntergebrachten Personen aber als schädlich empfunden wird und sich in mancherlei Störungen der Organthätigkeiten bekundet.
Weit größer und häufiger sind diese Störungen, wenn die Kälte, auch selbst in geringeren Graden, ganz plötzlich, unvermittelt das Hautorgan trifft, besonders dann, wenn dieses gerade im Zustande einer höheren Erwärmung sich befindet, wobei die Hautgefäße erweitert sind, eine reichlichere Menge Blut die Haut durchströmt oder die Schweißabsonderung derart stark vor sich geht, daß sich der Schweiß als wahrnehmbare Flüssigkeitsmenge an der Hautoberfläche ansammelt. Das plötzliche Verdrängen des Blutes aus den Hautgefäßen durch die Kälte und das Stauen dieses Blutes gegen die inneren Organe, die jähe Unterdrückung der Abgabe des Wasserdunstes von der Haut, die gewaltsame Störung der eben erhöht eingeleiteten Wärmeabgabe von der Körperoberfläche, die lähmende Einwirkung des raschen Kälteangriffs auf die Hautnerven, das sind Schädlichkeiten, welche sich summierend zur Erkältung gestalten und Störungen der Nervenleitung wie der Blutverteilung im gesamten Körper herbeiführen, zu Erkrankungen der äußeren Haut, der Muskeln, Nerven, der Schleimhäute, wie innerer lebenswichtiger Gewebe Anlaß geben können.
Da fährt z. B. jemand während einer kalten Winternacht im überheizten Eisenbahnwagen und sucht sein von Schweiß [27] bedecktes, erhitztes Gesicht dadurch angenehm zu kühlen, daß er das Fenster rasch öffnet und die scharfe kalte Luft auf sich einwirken läßt. Nach kurzer Zeit nimmt er mit Schrecken wahr, daß die dem Fenster ausgesetzte Gesichtshälfte gelähmt erscheint, das Gesicht verzogen, der Mund schief stehend, die Augenlidspalte weit geöffnet ist, die Gesichtsmuskeln ihren Dienst versagen, das Auge nicht geschlossen, der Mund nicht zum Pfeifen oder Schlürfen von Flüssigkeit gespitzt werden kann, die Sprache undeutlich ist, die Zunge nach der Seite abweicht, das Lachen und Weinen auf dieser Seite wie hinter einer Maske geschieht. In diesem Falle kann man wohl Erkältung als Ursache dieser Gesichtslähmung annehmen, indem der plötzliche Wechsel von Hitze und Kälte auf die von der Haut wenig bedeckten, empfindlichen Nervenverzweigungen des Gesichtsnervs schädigend eingewirkt hat. Und wenn ein junges Mädchen, das, innerlich und äußerlich glühend, dem Ballsaale im leichtesten Tanzkleide und dünnen Schuhen enteilt und sich rasch im Freien Kühlung zu verschaffen sucht, den nächsten Tag wegen starker Heiserkeit das Bett hüten muß, so kann sie ob dieser Erkältung – von Glück sagen, denn durch die scharfe kalte Luft, welche auf die blutüberfüllten Schleimhäute der Atmungsorgane reizend einwirkte, hätten ebenso leicht wirkliche Entzündungen des Lungengewebes hervorgerufen werden können. In ähnlicher Weise können durch das rasche Eindringen der Abkühlung die Muskeln, welche die Wärme aufstauen und Wärme selbst erzeugen, betroffen werden und einer rheumatischen Entzündung als Folge von Erkältung verfallen, können die Eingeweide, Magen und Darmkanal, ganz besonders auch die Nieren mehr oder minder schwere krankhafte Veränderungen erleiden. Die Erfahrung hat erwiesen, daß besonders gewisse Arten von plötzlicher Abkühlung zur Erkältung und deren Folgekrankheiten führen, nämlich Durchnässung des erhitzten Körpers, Stehen mit feuchtkalter Fußbekleidung, Arbeiten in nassen Räumen, Schlafen in kühler Luft auf kaltem Fußboden, kaltes Baden bei erhitztem Körper, rascher Wechsel des Aufenthaltes im warmen Raume und in kalter Luft. Hingegen ist der schädliche Einfluß der „Zugluft“, welche im Volksglauben eine so große Rolle bei jeglicher Erkältung spielt, noch wenig erhärtet, obgleich sich nicht leugnen läßt, daß sich schon mancher tüchtigen Zahnschmerz auf solche Weise geholt hat. Vielleicht kommt auch jenen kleinsten Lebewesen (Mikroorganismen), welche man jetzt so vielfältig als Krankheitserreger betrachtet, bei dem Zustandekommen der Erkältungskrankheiten eine bisher noch nicht genügend gewürdigte Bedeutung zu, indem die Kälte das Wachstum und die Entwicklung jener Krankheitskeime fördert oder die Widerstandsfähigkeit des Körpers gegen dieselben herabsetzt.
Ist es nun ziemlich sichergestellt, daß die Erkältung ein die Gesundheit gefährdendes Moment bildet, so ergiebt sich selbstredend die hygieinische Lehre, eine Verkühlung des Körpers möglichst zu meiden, jedem Anlasse zu begegnen, welcher zum plötzlichen Temperaturwechsel in unserem Organismus führt. Dazu gehört in erster Reihe eine zweckmäßige, den Jahreszeiten und dem herrschenden Wetter angepaßte Bekleidung, eine nicht bloß moderne, sondern auch wirklich schützende Umhüllung. Besondere Sorgfalt ist einer geeigneten Fußbekleidung zuzuwenden, welche die ganz hervorragend für Erkältungsanlässe empfindlichen Füße trocken und warm halten muß. Der durch den stärkeren Haarwuchs geschützte Kopf vermag auch winters leicht geschützt dem Angriffe der Kälte standzuhalten, aber die Füße müssen warm verwahrt werden. Man erzählt, daß in dem Nachlasse des großen Arztes Boerhave nach seinem Tode ein geschlossenes Couvert gefunden wurde mit der Aufschrift: „Mittel, hundert Jahre alt zu werden.“ Als nun ein Engländer diese kostbare, aus der reichen Erfahrung eines berühmten Heilkünstlers stammende Lebensanweisung für teures Geld erstand, fand er zu seiner Ueberraschung in dem Umschlage nur einen kleinen Zettel, der die Mahnung enthielt: „Füße warm, Kopf kalt, Leib offen!“
Unrichtig wäre es jedoch, aus Furcht vor Erkältung jedes rauhe Lüftchen zu meiden, bei kaltem Wetter nicht auszugehen, sondern in der Stube zu hocken, sich gegen die Kälte ängstlich durch überwarme Kleidung zu schützen, kurz seinen Körper wie eine Treibhauspflanze zu behandeln, bei deren Pflege man stets das Thermometer zu Rate ziehen muß. Es wäre dies ein ebenso thörichtes Beginnen wie das entgegengesetzte Verhalten jener prahlenden Kraftmeier, welche einen besonderen Heldencharakter dadurch zu bekunden suchen, daß sie auch im strengsten Winter kurzes Jäckchen, offene Weste, freien Hals tragen und ihr Frieren mannhaft zu verbergen trachten. Auch hier ist der Mittelweg der einzig richtige. Außerordentlich wichtig ist es jedoch, den Körper von früher Jugend an systematisch an den Wechsel der Temperatur, an die Einwirkung der Kälte zu gewöhnen, ihn gegen die Schädlichkeiten der Erkältung abzuhärten. Dies muß aber schon frühzeitig erziehlich bewerkstelligt werden, denn im späteren Lebensalter oder gar im kranken Zustande ist dies sehr schwierig, ja geradezu gefährlich. Die Kinder sollen geschützt, aber durchaus nicht allzu warm bekleidet sein, sie sollen bei jeder Witterung ins Freie geführt werden und sich daselbst längere Zeit ergehen, sie sollen fleißig körperliche Bewegungen in Form von Jugendspielen in der frischen Luft ausführen, im Winter auf Schlittschuhen laufen. Vor allem aber muß von frühester Jugend an jenem Organe, welches bei der Erkältung die Hauptrolle spielt, nämlich der Haut, besondere Sorgfalt der Pflege zugewendet und diese Hautpflege bis in das hohe Alter hinauf jederzeit aufs genaueste geübt werden.
Die Abhärtung der Haut kann zweckmäßig schon bei dem Wickelkinde beginnen, indem man gegensätzlich zu der allgemein üblichen Einpackung der Kinder, wobei dieselben bis an den Kopf in ein Federbett gewickelt und mit einem Bande fest zusammengeschnürt werden, vielmehr eine leichtere, aber doch genügend warm haltende Bekleidung des Kindes wählt, dieses mit einem Hemdchen und Jäckchen versieht, die Beine in eine Windel einschlägt und dann eine weiche Wolldecke oder ein leichtes Federbett zum Zudecken benutzt. Nebenbei bemerkt, wird dadurch noch der Vorteil erreicht, daß das Kindchen seine Hände und Füße bewegen kann. Den Bädern als einem Hauptmittel zur Reinigung und Pflege der Haut sowie zur Gewöhnung der letzteren an kühlere Temperaturen muß gleichfalls schon in der Kindheit Aufmerksamkeit geschenkt werden. Im ersten Lebensjahre sollen die Kinder täglich, und zwar in einem warmen Wasser von 28° bis 30° R. gebadet werden.
Später sollen diese Bäder nur zwei- bis dreimal die Woche und um etwa 1 bis 2 Grade weniger warm verabreicht werden. In diesem zweiten Lebensjahre ist es schon möglich, mit der Abhärtung derart zu beginnen, daß das Kind an den Tagen, an denen es kein warmes Bad bekommt, mit kühlem Wasser von 22° bis 20° R. abgewaschen wird, indem man allmählich mit Brust und Rücken beginnt, bis dann die kühlen Waschungen auf den ganzen Körper ausgedehnt werden. Vom fünften Lebensjahre an können schon kalte Bäder von 16° R. zur Anwendung kommen; und wohl dem, der von dieser Zeit an stetig an der Gewohnheit festhält, täglich den ganzen Körper mit kaltem Wasser zu waschen, kalte Uebergießungen vorzunehmen oder kalt zu baden! Abgesehen von dem mächtigen Einflüsse dieser Anwendungsweise des Wassers auf den gesamten Stoffwechsel des Menschen, auf Anregung des Blutlaufs und der Atmungsthätigkeit, wird die Haut durch den methodischen Gebrauch des kalten Wassers an die Kälteeinwirkung gewöhnt, die in der Haut befindlichen Nerven, Blutgefäße und Muskelfasern werden für jähe Sprünge der Temperatur eingeübt und so gegen Erkältung abgehärtet. Das erste unangenehme Gefühl, welches bei dem an kaltes Wasser nicht Gewöhnten unmittelbar nach Anwendung von Kaltwasserprozeduren auftritt, das Gefühl von Schauern, Schütteln sowie Spannung in der Haut, läßt nach kurzer Zeit nach, sobald die sich anfangs zusammenziehenden Hautgefäße wieder erschlaffen und das Blut, welches anfänglich nach Innen gedrängt worden, wieder in die Peripherie zurückgekehrt ist; schließlich stellt sich die Empfindung von Wohlbehagen und neuer Kräftigung ein.
Kalte Bäder, kalte Waschungen zu nehmen, ist aber nicht jedermanns Sache. Bei schwächlichen, blutarmen Personen darf dies nur, am besten erst nach Beratung mit dem Arzte, äußerst vorsichtig geschehen, denn es kann durch die rasche Wärmeentziehung leicht ein starkes Sinken der Körpertemperatur mit Schwächung des Blutumlaufes zustande kommen. In solchen Fällen dürfen nur Bäder mit nicht zu niedriger Temperatur des Wassers und nur wenige Minuten dauernd angewendet werden, oder man läßt ein lauwarmes Sitzbad nehmen und nur Brust, Rücken und Arme mit kaltem Wasser begießen. Sofort nach jeder Kaltwasseranwendung soll der Körper in ein Badetuch oder einen Bademantel eingehüllt und dann gut abgerieben und getrocknet werden; auch ist hiernach mäßige Körperbewegung, ein kleiner Spaziergang [28] empfehlenswert. Personen, die auf solche Weise durch das kalte Wasser an einen raschen Wechsel von Wärme und Kälte gewöhnt sind, erkälten sich ungleich seltener als Menschen, die sich immer in gleichmäßig erwärmten Räumlichkeiten aufhalten und ihrer Haut stets nur mit dem wohligen Gefühle warmer Bäder und Waschungen schmeicheln.
Zum Schlusse sei noch hervorgehoben, daß nach Schädlichkeiten, welche eine Erkältung herbeiführen können, wie kalter Luftstrom auf erhitzte Körperteile, Durchnässen der unteren Gliedmaßen, die Erkältungserscheinungen oft unterbleiben, wenn man dafür sorgt, daß an den betreffenden Teilen durch stärkere Bewegung, Reiben, Klopfen, Massieren ein lebhafterer Blutumlauf sowie eine stärkere Schweißabsonderung dieser Hautpartien herbeigeführt wird. Zu diesem Zwecke leisten bei sonst gesunden Personen auch russische Dampfbäder und römisch-irische heiße Luftbäder, bei denen der ganze Körper heißen Wasserdämpfen oder trockener Luft von hoher Temperatur ausgesetzt wird und reichlicher, allgemeiner Schweißausbruch stattfindet, gute Dienste.
Alle Rechte vorbehalten.
Wie lehrt man die Vögel „auf Kommando“ singen?
Auf der vorjährigen Ausstellung des Berliner Vereins „Ornis“ konnte man Vögel sehen und hören, die zu jeder Zeit und an jedem Ort sangen, sobald ihre Herren es verlangten. Diese Ausbildung der Vögel, daß sie sozusagen „auf Kommando“ singen, war bisher in Deutschland wenig bekannt; die gefiederten „Kommandosänger“ waren in Berlin von Wiener Vogelfreunden ausgestellt worden.
Wie alle anderen Naturliebhabereien, wird auch diese nicht bei jedem Beifall finden. Es giebt Naturfreunde, denen alles Künstliche zuwider ist und die am Vogelgesang nur dann Freude empfinden, wenn er am rechten Orte unter Gottes freiem Himmel aus freier Vogelbrust erschallt. Andere wieder mögen in dieser Abrichtung eine Vergewaltigung des Vogels erblicken. Gerade durch den Ausdruck „auf Kommando“ wird die Vorstellung einer strengen Handhabung der Gewalt erweckt. In Wirklichkeit ist dies keineswegs der Fall; die Vögel werden weniger zum Singen „kommandiert“, als vielmehr dazu freundlich ermuntert. Diese oder jene unsrer Leserinnen besitzt vielleicht einen Stubenvogel, den sie aufs liebevollste behandelt; der Vogel erwidert ihre Zuneigung, er bekundet Freude bei ihrem Erscheinen, und wenn sie ihn mit einem schmatzenden Ton lockt oder bei seinem Namen ruft, dann singt er sie in jubelnden Strophen an. Derart gezähmte Vögel kommen nicht selten vor, und man könnte sie wohl „Kommandosänger“ nennen, denn auch bei denen, die man auf Ausstellungen der Vogelfreunde sieht, ist der Vorgang im Grunde genommen derselbe. Es ist gewiß von Interesse, zu erfahren, durch welche Mittel der Mensch eine derartige Herrschaft über die gefiederten Sänger zu erlangen vermag, und wir bringen darum im nachfolgenden einige Mitteilungen aus der Feder eines österreichischen Vogelkundigen. Mögen sie zugleich dazu beitragen, unerfahrene Vogelliebhaber von falschen Abrichtungsversuchen, von etwaiger Anwendung von Zwangsmitteln abzuhalten und eine Ausartung dieser Beschäftigung zur Tierquälerei zu verhüten.
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Die Ausbildung der Vögel zu „Kommandosängern“ ist sehr einfach; sie erfordert nur drei Dinge: große Liebe zum Vogel und gründliches Verständnis desselben, schließlich Geduld im höchsten Maße.
In Wien, von wo zuerst die Nachricht der „auf Kommando“ singenden Vögel ausging, hat man hauptsächlich drei Arten, die dressiert werden: das Schwarzplättchen oder die schwarzköpfige Grasmücke (Sylvia atricapilla), den „gelben Spotter“ oder Gartenlaubvogel (Sylvia hypolais) und den gewöhnlichen Buch- oder Edelfinken (Fringilla coelebs).
Nicht jeder Vogel eignet sich zum „Kommandosänger“, es hat eben nicht jeder das Zeug dazu.
Der Vogel, den man ausbilden will, muß vor allem vollkommen zahm sein und, was die Hauptsache ist, er muß seinen Herrn und Besitzer kennen; die Fütterung hat aus diesem Grunde immer sein Eigentümer selbst zu besorgen, er darf dieselbe nie Dienstleuten überlassen. Der Käfig ist möglichst niedrig zu hängen, am besten in Augenhöhe; wenn man füttert, so spreche man immer zu dem Vogel, schmeichle ihm, schmatze mit den Lippen und lasse sich durch anfängliche Scheu in keiner Weise beirren. Hauptsächlich hat man zu trachten, daß der Vogel die Scheu vor der Hand verliere, man fasse deshalb den Käfig oft an. Frißt einmal der Vogel oder singt er gar im Beisein seines Besitzers, so hat man die erste Stufe erreicht – die Zähmung.
Es ist aber nicht genug, daß der Vogel vor seinem Herrn die Scheu verloren hat, auch gegen fremde Leute darf er nicht ängstlich oder wild sein. Singt der auf diese Weise gezähmte Vogel, so versuche man es mit dem Wechseln des Stand- oder Hängeortes des Käfiges; man setze den Käfig auf den Tisch, lasse ihn geraume Zeit dort stehen, dann hänge man ihn an ein anderes Fenster, stelle ihn auf eine Kommode etc. Anfänglich wird es wohl mit dem Singen seine Schwierigkeit haben, da die immer wechselnde neue Umgebung den Vogel zerstreut macht; er beschäftigt sich mehr mit Betrachtung der Gegenstände in seiner neuen Umgebung als mit Singen. Doch dies dauert nicht lange, bald beginnt er wieder sein Lied, unterbricht es nicht, wenn man zu ihm tritt, ja singt noch lauter und mit erhobener Stimme, wenn man ihm durch Schmatzen schmeichelt. Ist der Liebhaber mit seinem Vogel so weit, daß dieser nun ein ganz und gar zahmes Tier geworden ist, das beim Nahen seines Herrn freudig die Kopffedern sträubt und ihn vielleicht gar schon mit einer kurzen Strophe seines Gesanges begrüßt, so kommt nun erst das schwerste Stück Arbeit, und das ist die Ausbildung an ganz fremden Orten, im Garten, im Wald etc.
Gar mancher Vogel, der zu Hause, in der Wohnung der fleißigste Sänger war, der auf das geringste Schmatzen seines Herrn sofort reagierte, zeigt sich oft an fremden Orten als der größte Schweiger, oder singt nur dann, wenn er keinen Konkurrenten hört. Andere wieder werden durch den Gesang eines ihrer Art angehörigen Sängers geradezu aufgemuntert. Diese letzteren, sogenannten „kecken“ Vögel sind sehr beliebt, für sie ist der Sang eines anderen der Beginn zum Sängerkriege, der stundenlang fortgesetzt wird. Bevor der Vogel vom Zimmer weg zur Abrichtung an andere außerhalb der Wohnung gelegene Orte getragen wird, ist er noch an einen kleinen Käfig, den sogenannten „Austragkäfig“, zu gewöhnen, in den man ihn aber nur vorübergehend für kurze Zeit einsperren darf. Anfänglich wird man den Vogel wohl durch einige Kniffe, wie Leckerbissen etc., in denselben locken müssen, später hüpft er selbst hinein, wenn man die beiden geöffneten Thürchen einander nahe bringt.
Singt der Vogel am fremden Orte, läßt er sich durch Gesänge von Artgenossen nicht beeinflussen, so hat man gewonnenes Spiel.
Nochmals aber sei hervorgehoben, daß das erstrebte Ziel nur durch Geduld und die liebevollste Behandlung des gefiederten Schülers bei strenger Vermeidung aller Zwangsmittel erreicht werden kann.
Wer ungeduldig gleich im Anfang den Erfolg sehen will, wird, wie ja überall im Leben, auch hier nichts erreichen. Es wurde erwähnt, daß nicht jeder Vogel zu dieser Ausbildung sich eignet. Ich habe mir selbst mit gewissen Vögeln alle erdenkliche Mühe gegeben, meine Bestrebungen scheiterten an der Individualität des Tieres. Anderseits habe ich Vögel selbst gehabt und im Besitze anderer gesehen, die wahre Ideale von „auf Kommando singenden Vögeln“ waren. Ich erinnere mich eines Rotkehlchens, das nur durch die beispiellos liebevolle Behandlung seitens seines Pflegers so weit gebracht wurde, daß es nicht allein dem Kommando – Schmatzen mit den Lippen – seines Herrn Folge leistete, sondern auch dem aller Besucher. Trat man zu seinem Käfig und spitzte nur die Lippen zum Schmatzen, so blähte sich dies liebliche Vögelchen auf, sträubte Kopf- und Kehlfedern und machte, hell sein Lied singend, alle jene Verbeugungen, die so lebhaft uns die Balz, das Minnewerben, darstellen. Der Wiener Vogelliebhaber nennt dies „Ansingen“. Josef von Pleyel.
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Ein Tag an Bord eines Eisbrechers.
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Ein kalter, klarer Frostmorgen strahlte im hellen Licht der späten Wintersonne über meiner guten Vaterstadt Stettin, als ich mich an einem Januartage des vorigen Jahres auf den Weg machte zu dem Eisbrecher, der uns durch die Eismassen der Oder und des Haffs nach Swinemünde an die Küste der Ostsee bringen sollte. Ueber den schönen neuen Vierteln, die auf den hochgelegenen Glacis vor den Thoren der ehemaligen Festung entstanden sind, lachte ein blauer Himmel, der Wind wehte schwach, kaum merklich von Südosten, nur das Knirschen des hart gefrorenen Schnees zeugte von der grimmigen Kälte der vergangenen Nacht. Als ich mich aber dem Hafen näherte, quoll aus den engen Gassen der alten Stadt braungrauer, dichter Qualm mir entgegen, wie der Rauch aus tausend Fabrikschloten. Aus dem breiten Flußthal dampfte ein undurchsichtiger Nebel empor, der mich kaum den Platz finden ließ, wo am Bollwerk unser „Berlin“ festgemacht war. Mir wurde um den Erfolg unserer Fahrt bange. Aber die anderen Teilnehmer waren guten Mutes. Unser Maler erklärte, daß er selbst im dicksten Nebel würde skizzieren und photographieren können, und da der liebenswürdige Chef der allen Besuchern der Ostseebäder wohlbekannten Reederei Bräunlich, welcher die Eisbrecher unterstellt sind, persönlich erschienen war, um für das allgemeine Wohl zu sorgen, so kehrte allmählich die Zuversicht wieder zurück.
„Brrr, meine Herren, es ist abscheulich! Wir haben 16° Réaumur.“
„Kälte?“ brummte ein Gemütsmensch unter seinem Schnurrbart hervor, an dem dicke Eiszapfen hingen.
Diese lieblose Frage wurde mit der gebührenden stillschweigenden Verachtung hingenommen. Nur das einförmige Klipp-Klapp von Stiefeln, deren Inhaber sich durch eine gewisse rhythmische Bewegung zu erwärmen suchten, tönte eine Weile durch die Stille. Viel mehr Anklang fand dagegen die Versicherung eines alten wettererfahrenen Lotsen, daß es gegen 10 Uhr aufklaren würde. Wir gingen also an Bord, um uns die Zeit des Wartens so gut es eben möglich war, zu vertreiben. Der „Berlin“ legte trotz des Nebels vom Bollwerk ab, da ertönten auch schon die gellenden Töne einer Dampfpfeife. Auf zehn Schritt war nichts zu sehen. Plötzlich tauchte dicht neben uns der zweite Eisbrecher auf, der uns mit einem großen Seedampfer im Schlepptau in der von uns gebrochenen Rinne folgen sollte.
Wieder hieß es stillliegen.
Die Sonne schimmerte durch die weißdampfende Luft wie ein scharf umrissener, blaßgelber Teller hindurch. Man konnte ohne Schaden für die Augen gerade in sie hineinsehen. Uebereinstimmend bemerkten wir genau in der Mitte der Scheibe einen dunklen Punkt, den wir alle, Landratten und seebefahrene Männer, noch niemals gesehen hatten. Wir tauften ihn, weil der wartende Mensch doch schließlich etwas zu thun haben muß, mit dem ganzen Stolz naturwissenschaftlicher Entdecker den Bräunlichschen Sonnenfleck. Und als hätte sich Frau Sonne nach Frauenart unserer allgemeinen Aufmerksamkeit gefreut – sie machte das Wort des wetterkundigen Mannes wahr, verscheuchte endlich allen häßlichen Dunst und bescherte uns den prächtigsten Wintertag, den sich unser Herz nur wünschen konnte.
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Die Sonne im Morgennebel.
Nun habe ich wohl, Gott sei Dank, eine ganze Weile von dem im allgemeinen verpönten Wetter gesprochen, sitze dabei immer noch im Hafen von Stettin und der Vorwurf geistiger Verarmung wird mir nicht erspart bleiben. Wenn man aber so von den himmlischen Gestirnen abhängig ist wie bei nautischen Unternehmungen, dann mag es schon verziehen werden, daß sie im Vordergrund der Beobachtung stehen. Es wird auch im folgenden noch öfters von Wind und Wolken die Rede sein müssen. Vorerst aber hieß es: „Volldampf voraus“. Die Schraube begann zu arbeiten und knirschend barst das Eis unter dem Bug unseres „Berlin“. Da die Eisbrecher täglich zwischen Stettin und Swinemünde verkehren, so ist im Strombett eine abgegrenzte Fahrrinne gebrochen, deren Eistrümmer zwar jedesmal nach der Durchfahrt der Schiffe baldigst wieder zusammenfrieren, die naturgemäß aber viel leichter passiert werden kann als gewachsenes Kerneis. So geht die Fahrt verhältnismäßig rasch stromabwärts.
Wir schicken uns an, die mannigfach wechselnden Bilder am Ufer zu betrachten; aber als wir unsern Platz verlassen wollen, wird uns die scherzhafte Ueberraschung, daß wir mit unsern Filzgaloschen, die wir über die Stiefel gezogen haben zwecks [30] Vermeidung etwaiger „Eisbeine“, so fest auf dem eisernen Deck angefroren sind, daß an ein Hochheben der Füße nicht zu denken ist. Wir müssen, wie der Mann, der nach der bekannten Redensart aus der Haut fährt und sich daneben setzt, erst aus den Ueberschuhen heraustreten und diese mit nicht geringer Anstrengung vom Boden losreißen, ehe wir weiter können. Daß wir dabei gehörig Haare lassen müssen und ein Teil der Filzsohlen auf den Eisenplatten zurückbleibt, erhöht nur den Reiz der eigenartigen Situation.
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An einer Uebergangsstelle auf dem Stettiner Haff.
Auf den großen Dampfern am Hafenquai ist man, dank dem ununterbrochenen Verkehr, der durch die Eisbrecher aufrecht erhalten wird, lebhaft an der Arbeit. Mehrere von ihnen, darunter ein Amerikafahrer, sollen am nächsten Tage in See gehen. Auch in den Industriedörfern, welche sich eins an das andere schließend stromabwärts am linken Ufer entlang ziehen, herrscht rege Thätigkeit. Besonders an den Schiffswerften sieht man das deutlich. Auf einem Stapel der Oderwerke ragt der stolze Bau des neuen „Imperator“ empor, der die eben erst eingerichtete Schnellzugsverbindung zwischen Berlin und Stockholm über Rügen durch Fahrten von Saßnitz nach Trelleborg vermitteln soll, und auf dem „Vulkan“ in Bredow überraschen die neuen Schiffe des Norddeutschen Lloyd durch ihre ungeheuere Größe. Die „Königin Luise“ liegt, schon fast fertig, im Wasser. Sie macht den Eindruck eines vierstöckigen Palastes, und der alte Schnelldampfer „Saale“, gewiß ein stolzes Schiff, der in ihrer Nähe in Reparatur ist, nimmt sich dem neuen Koloß gegenüber aus wie ein Berliner Säugling neben seiner Spreewälder Amme. Ueberall herrscht emsige Thätigkeit. Nur die Vergnügungsgärten, wo an warmen Sommernachmittagen in der Nähe des kühlenden Stromes würdige Damen bei Kaffee und Napfkuchen das Glück oder noch lieber das Unglück ihres lieben Nächsten erörtern, und abends ganze Familien bei „Hecht und Aal mit Gurkensalat“ lukullisch schwelgen, stehen verödet. Allein die Spatzen sind von allen Gästen noch da und erheben in den kahlen Aesten der Bäume ein gewaltiges Geschrei in Erinnerung an die schönen Zeiten, da noch Brosamen und Kuchenkrümel in üppiger Fülle von der Reichen Tische fielen.
Hin und wieder wird uns auf unserer Fahrt ein nicht mißzuverstehendes pommersches Kraftwort zugerufen. Das kommt aus dem Munde von Leuten, die sich plötzlich durch die neu gebrochene Rinne vom jenseitigen Ufer, zu dem sie hinüber wollten, abgeschnitten sehen.
Früher, als das Eis den ganzen Winter hindurch festlag, da gab es keine Schwierigkeit; für die Männer der Arbeit wie für die des Vergnügens, als da sind Schlittschuhläufer und Schlittenfahrer, waren bequeme Zeiten. Jetzt heißt es, an bestimmten Uebergangsstellen lange, auf Schlittenkufen laufende Brücken über die losen Schollen zu schieben, und es ist nicht jedermanns Sache, auf diesen schmalen, glatt überfrorenen Brettern, die elastisch unter dem Tritt nachgeben, hinüberzubalancieren. Ein unfreiwilliges Bad aber um diese Jahreszeit gehört gerade nicht zu den Annehmlichkeiten.
Allmählich werden jedoch auf unserer Fahrt diese Uebergänge immer seltener, das rechte Ufer tritt immer mehr zurück, der Strom weitet sich zum Papenwasser.
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Im Schlepptau des Eisbrechers.
Inzwischen ist in der hübschen Kapitänskajüte, wie man sie so gemütlich mit Dampfheizung und jeglicher Bequemlichkeit auf einem Eisbrecher gar nicht erwartet hatte, ein Frühstück [31] angerichtet worden, das in dieser delikaten Zusammensetzung der Deutsche eben nur an der „Waterkant“ kennt. Als wir neu gekräftigt wieder auf Deck kamen und bei gutem Rotspohn einen gemütlichen Kreis bildeten, waren wir allgemach bis ins Haff gekommen.
Die Sonne schien warm auf uns herab, das Schiff lief gerade mit dem Winde, so daß sich um uns kaum ein Lüftchen regte. Der freundliche Kapitän Last stieg von seiner Kommandobrücke und berichtete, daß das Thermometer in der Sonne und in der Nähe des dampfenden Schornsteins 1° Wärme zeige. Ich mußte lachen, denn just in diesem Augenblicke bemerkte ich, daß der Wein, der an dem Glase in meiner Hand abgeflossen war, sich in Eis verwandelt hatte. Und die Herren, welche Gläser mit Bier neben sich gestellt hatten, fanden in kürzester Zeit Eisstücke darin. Nichtsdestoweniger konnte man es in einem guten Pelz nicht nur ganz vortrefflich aushalten, sondern die reine, staubfreie, windstille Luft weckte die Empfindung eines milden lauen Tages.
Voll innigen Behagens ließ man das Auge über die eigenartig schöne Landschaft schweifen. Weit und breit dehnten sich die schneebedeckten Eisfelder aus, im Westen ragten ein paar Kirchtürme auf der Insel Usedom in die Luft, im Osten tauchten weißbeschneit die Lebbiner Berge auf. Nur undeutlich erkannte man auf der unendlichen Fläche einige schwarze Punkte: Fischer, die mit ihren Schlittengespannen in der Ausübung ihres Berufes auf das Eis gezogen waren. Dicht in unserer Fahrrinne sitzen ein paar Seeadler. Sie lassen das Schiff so nahe herankommen, daß man sie mit der Kugel wohl erreichen könnte. Aber sie fürchten keine Feindseligkeiten. Im Gegenteil schätzen sie die Eisbrecher als ihre Verbündeten im Kampfe ums Dasein, denn an dem offenen Wasser lauern sie auf die Fische, die sich unvorsichtig hervorwagen und so dem geflügelten Räuber zur willkommenen Beute werden.
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Am Bollwerk in Swinemünde.
Allmählich hatten wir vor dem „Langenberg“, der uns mit dem Frachtdampfer im Schlepptau folgte (vergl. Abbildung S. 30), einen großen Vorsprung bekommen. Es wurde beschlossen, die so gewonnene Zeit zu benutzen, um die Fähigkeiten unseres Schiffes auch festem Eise gegenüber zu erproben. Wir bogen also aus der üblichen Fahrt rechts ab und arbeiteten uns in das Kerneis hinein. So ein Eisbrecher ähnelt in seiner äußeren Gestalt auffallend einer halben Walnußschale. Kurz und breit, ist er nicht darauf eingerichtet, mit scharfem Bug das Eis zu durchschneiden, sondern er schiebt sich mit seiner ganzen Schwere auf das Eis hinauf, zerbricht es so und drückt es zu beiden Seiten fort. Krachend barst es unter unserm Vordringen und gewaltige Platten, an 12 bis 15 Zoll stark, türmten sich aufeinander. Schließlich blieben wir innerhalb der massigen Trümmer liegen und unser unermüdlicher Maler benutzte die Gelegenheit, um von Bord zu hüpfen und uns wieder einmal zu photographieren. Ich glaube, es war die zwölfte Aufnahme und einige schwächliche Mitglieder der Expeditton fühlten sich durch das ewige „recht freundlich“ Aussehen schon sehr angegriffen. Es war ein wahres Glück, daß Küche und Keller – man gestatte den Ausdruck – unseres Schiffes so trefflich für unser leibliches Wohl sorgten, sonst hätte der unholde Photograph manchem den traurigsten Schaden an seiner Gesundheit durch andauerndes Exponieren anthun können.
Dann wurde die Fahrt fortgesetzt. Wir ließen das Haff hinter uns und bogen in die „Kaiserfahrt“ ein, welche man angelegt hat, um die mannigfachen Windungen des Swineflusses abzukürzen. Hier lag nur ganz dünnes Eis auf dem Wasser, das wie Glas aussah und Hunderten von wilden Enten zum Tummelplatz diente. Höchst übelgelaunt über die Störung, flogen sie kurz vor dem Dampfer auf, um gleich hinter ihm wieder in das offene Wasser einzufallen.
Allmählich zeigten sich auch einige Möwen und verkündeten die Nähe der See. Die Türme von Swinemünde tauchten auf, die schmucken Häuser mit ihren Lauben und Balkonen, die alten Bäume am Fluß, der Signalball der Lotsenstation – wir waren in Stettins Seehafen – diesmal nach schöner gefahrloser und genußreicher Fahrt! Denn ein bißchen verfrorene Ohren rechnen nicht mit.
Ganz anders sieht sich so ein Unternehmen an, wenn der Schneesturm heult und draußen in See ein Schiff im Eise festsitzt, das hereingeholt werden muß. Das brandende Meer hat in der Bucht einen mächtigen Eiswall von 10 bis 20 Fuß Höhe aufgetürmt. Ein Dampfer, der bei schwerem Frost seine Reise gemacht hat und an Rumpf und Takelwerk dick überfroren ist, sitzt in der gefährlichen Umarmung der Massen und kann weder vorwärts noch rückwärts, in steter Gefahr, erdrückt zu werden. Da geht denn der Eisbrecher hinaus und wirft sich in gewaltigem Anprall auf die gefrorene Mauer. Das gute Schiff kracht in allen seinen Fugen und den wetterharten Männern, die es führen, schlägt das Herz laut in der rauhen Brust. Aber das Menschenwerk erweist sich wirklich stärker als der trotzige Bau der Naturgewalten. Der Wall bricht, die kühne That gelingt und freudigen Herzens bringt man das Schiff mit Mannschaft und Ladung glücklich in den Hafen.
Nach kurzem Aufenthalt in Swinemünde ward die Rückfahrt angetreten. Da die Fahrstraße nur erst leicht überfroren ist, so geht die Reise glatt und schnell von statten. Allmählich senkt sich die Dunkelheit herab und in der traulichen Kabine versammelt sich alle Welt zu gemütlichem Mittagsmahl. Da wird manch frohes Glas getrunken, und nicht zuletzt auf unsere gute Handelsstadt Stettin. Denn eine Handelsstadt ist die alte Residenz der pommerschen Herzöge und der Handel wird immer ihre vornehmste Lebensbedingung bleiben, obwohl eine große Garnison und die zahlreichen Beamten der Provinzialhauptstadt nicht verfehlen, ihr auch nach andern Seiten hin ein eigenartiges Gepräge zu geben. Eine Handelsstadt war Stettin bereits im Mittelalter, wo es Mitglied der Hansa wurde. Seit den Wirren des Dreißigjährigen Krieges hat die Stadt wiederholt ihre Herren wechseln müssen, bis sie zu Anfang des 18. Jahrhunderts dauernd unter die preußische Herrschaft kam. Seitdem war Stettin in fortschreitender Entwicklung begriffen und wurde auch zu der wichtigsten Industriestadt der Provinz Pommern. Wo einst wendische Fischerhütten standen, arbeiten heute gewaltige Dampfmaschinen, erheben sich Fabriken aller Art und Werftanlagen, deren Erzeugnisse sich in der weiten Welt des besten Rufes erfreuen. In gleicher Weise entwickelte sich auch der Handel Stettins. Während der letzten Zeit liefen alljährlich in den Hafen, der von dem Oderstrom und seinen Nebenarmen gebildet wird, allein über 3000 Seedampfer und über 1200 Segelschiffe ein; dazu kamen noch die zahlreichen Küstenfahrzeuge und gegen 12 000 Oderkähne. Stettin besitzt direkte Dampferverbindungen nicht allein mit allen wichtigen Plätzen der Ost- und der Nordsee, [32] sondern auch mit Frankreich, Spanien, den Mittelmeerhäfen und New York. Eines ähnlichen Aufschwungs erfreute sich Stettins Vorhafen, das kleine auch als Seebad bekannte Swinemünde, das an der mittleren Ausmündung des Oderhaffs in die Ostsee liegt und als der beste Hafen an der preußischen Ostseeküste gerühmt wird.
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Beeister Frachtdampfer.
Die Erkenntnis der Wichtigkeit von Handel und Schiffahrt für das Blühen der Stadt war es auch, welche in den Jahren 1888 und 1889 die Kaufmannschaft veranlaßte, mit dem Bau der Eisbrechdampfer zu beginnen. Früher hatte der Frost den Hafen und damit den Verkehr gesperrt. Der Kaufmann feierte, es feierten seine Arbeiter, und mit ihnen alle die Handwerker, deren Erwerb auf sie angewiesen war. Es galt als ein ganz besonderes Ereignis, wenn einmal der Kopenhagener Eisbrecher herüberkam, um einen Dampfer einzubringen. Seitdem aber die Eisbrecher „Stettin“, „Swinemünde“ und „Berlin“ die Werften des Vulkan verlassen haben, und nachdem in neuerer Zeit noch der „Langenberg“ hinzugekommen ist, haben sich die Verhältnisse durchaus geändert.
Auch während des Winters herrscht im Hafen rege Thätigkeit. Import und Export hören nicht auf. Eingeführt werden in der Hauptsache während des Winters Getreide, Mais, Phosphate, Erze und Kohlen, während zur Ausfuhr gelangen Zucker, Grubenhölzer und Stückgüter. Der Kaufmann verdient und mit ihm verdient direkt oder indirekt ein großer Teil der Bevölkerung. Diesem Umstande hat die Stadt dadurch Rechnung getragen, daß sie zur Unterhaltung der Schiffe aus ihrem Säckel einen Zuschuß leistet. Wenn erst der neue Großschiffahrtskanal zwischen Oder und Spree, der geplant ist, fertig sein wird, dann hat Berlin seine im Winter wie im Sommer ununterbrochen offengehaltene Verbindung mit dem Meere. Welche sozialen Vorteile daraus entstehen werden, ist vorläufig im einzelnen noch gar nicht abzusehen! Wie sehr sich aber die Eisbrecher selbst bewährt haben, geht daraus hervor, daß Rußland und Holland für den eigenen Gebrauch Dampfer nach demselben Modell bestellt haben.
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Beleuchtung mit dem Scheinwerfer.
Je weiter wir nach dem Norden vordringen, desto stärker wird die Macht des Winters. Nicht nur Flüsse und Seebuchten frieren dort zu, sondern auch das offene Meer wird von den starken Frösten in Eisfesseln geschlagen. So kann das Eismeer, das die nördlichen Küsten Europas und Asiens umspült, nicht als eine die Völker verbindende Handelsstraße gelten. Wohl haben Polarforscher die Nordostpassage erzwungen, den Weg von Norwegens Küste bis zur Behringstraße zurückgelegt, aber die Kaufleute können diesen Weg nicht benutzen. Nun hat man die Absicht, besonders starke Eisbrecher zu bauen und mit ihrer Hilfe eine regelmäßige Schifffahrt in jenen Gebieten zu eröffnen. Die Schwierigkeiten, die sich dort dem Menschen entgegenstellen, sind bei weitem größer als an unserer Ostseeküste, aber ganz aussichtslos dürfte der Plan doch nicht sein. Wenn dereinst, dank der zunehmenden Besiedelung, das unermeßliche Sibirien zu einem Kulturlande aufblüht, dann werden wohl die Eisbrecher seinem Handel den Weg durch das Eismeer bahnen. Abgesehen von diesen Zukunftsträumen, können wir jedoch mit dem zufrieden sein, was die Eisbrecher schon jetzt leisten, und dürfen sie als starke Gehilfen des Handels und Wandels in der rauhen Winterszeit preisen. – –
Als wir wieder auf Deck kamen, blinkten die Sterne hellfunkelnd am tiefdunklen Himmel, und der abnehmende Mond goß seinen fahlen Glanz über die weiten weißen Flächen. Dennoch war es nicht hell genug, um alles vor uns deutlich zu erkennen. Der elektrische Scheinwerfer wurde im Bug entzündet und sandte sein gespenstiges Licht in die Weite. Schiffe tauchten auf, die Oderufer wurden sichtbar und endlich grüßten auch die Laternen des Hafens.
Wir waren wieder daheim. Bei einem guten Grog am häuslichen Herd wurde der ausgefrorene Mensch aufgetaut und getreulich wurde Bericht gegeben von den Freuden und Leiden unserer Fahrt, genau nach dem alten Wort: Wenn einer eine Reise thut, so kann er was erzählen.
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Nach dem Gemälde von Hermann Kaulbach.
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Wie viel „Veteranen der Paulskirche“ sind noch am Leben? Das Herannahen der Gedächtnistage des ersten Deutschen Parlaments hat das allgemeine Interesse für die Frage erregt, wie viel von den Männern, die vor fünfzig Jahren an der Frankfurter Nationalversammlung als Mitglieder teilnahmen, zur Zeit noch am Leben sind. In einem Berliner Blatte fanden wir die Zahl der Ueberlebenden auf sieben angegeben, doch ist dieser Angabe von andrer Seite mit der Vermutung begegnet worden: die Zahl müsse eine viel größere sein. Allerdings kann die Niedrigkeit der Ziffer zunächst befremden. Wenn man aber bedenkt, daß die Zahl der Mitglieder des Parlaments, die 1848 und 1849 in der Paulskirche saßen, sich im ganzen auf 766 belief, und weiter in Betracht zieht, daß nur ganz wenige dieser Männer vor fünfzig Jahren ein Alter unter dreißig Jahren gehabt haben, während die Mehrzahl schon damals betagt war, so ist das Zusammenschmelzen der Zahl kaum noch erstaunlich. Wir folgen aber gern einer Anregung aus dem Kreise unserer Leser und lassen hiermit an alle noch am Leben befindlichen „Veteranen der Paulskirche“ die herzliche Bitte ergehen, uns durch ein kurzes Lebenszeichen baldigst erfreuen zu wollen, damit eine genaue Feststellung ihrer Zahl möglich werde.
Mit Mann und Roß und Wagen hat sie der Herr geschlagen. (Zu dem Bilde S. 4 und 5.) Das Jahr 1812 wird stets eins der denkwürdigsten in der Kriegs- und Weltgeschichte bleiben; niemals hat der Massenmord, der sich an die Fersen der Welteroberer heftet, ein so schreckhaftes Antlitz gezeigt. Freilich, mörderischer als die Kugeln der Feinde waren in Rußland die Elemente; aber es war doch der unersättliche Ehrgeiz eines Einzigen, der sie in die Schranken gerufen und ihnen eine halbe Million von Menschenleben geopfert hatte – ja, so groß war die Zahl der Toten, die auf den Eis- und Schneefeldern des mächtigen Reiches geblieben waren, als der Imperator auf eiligem Schlitten vom Schauplatze seiner Niederlage hinwegfloh! Als die Nachricht von dem furchtbaren Schicksal der „großen Armee“ im Dezember 1812 nach Berlin kam, wurde sie auch vom Turnvater Jahn sofort in ihrer Bedeutung für die patriotischen Hoffnungen der Deutschen gewürdigt. Auf seine Anregung dichtete der damalige Primaner Ferdinand August das bald danach vielgesungene Lied, welches mit der Strophe beginnt:
„Es irrt durch Schnee und Wald umher
Das große, mächt’ge Franzenheer.
Der Kaiser auf der Flucht,
Soldaten ohne Zucht.
Mit Mann und Roß und Wagen
Hat sie der Herr geschlagen.“
Das ausdrucksvolle Bild von Arthur Kampf zeigt uns, wie auf dem Rückzuge aus Rußland begriffene Franzosen durch ein deutsches Städtchen ziehen; elend, zerschunden, in Lumpen gehüllt, von allen möglichen Krankheiten geplagt, wanken sie zum Thore herein – vor Monaten waren sie vielleicht durch dasselbe Thor stolz und glänzend in den Krieg gezogen. Jetzt schreiten sie stumpf und empfindungslos weiter, unbekümmert um den Eindruck, den sie auf die zusammenlaufenden Bürger des Städtchens machen, die teils mit Mitleid, teils mit verhaltenem Grimme diese Reste der „großen Armee“ vorüberziehen sehen. Alles Soldatische ist aus der Haltung dieser Unglücklichen geschwunden. Nur hier und dort zeigt sich noch ein Rest militärischen Ehrgefühls, wie bei dem Grenadier der ersten Reihe, der sich krampfhaft zusammennimmt, um noch den Schein eines kriegerischen Auftretens zu bewahren. Beim Anblick dieses Bildes muß man des Schillerschen Ausspruches gedenken: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.“
Der Kiwi. (Mit Abbildung.) Als vor wahrscheinlich erst wenigen Jahrhunderten die ersten Menschen die große Südseeinsel Neuseeland betraten, sahen sie dort ungeheure Vögel, die in der Gestalt unserem Strauße ähnlich waren, diesen aber an Größe weit übertrafen. Die Ankömmlinge, die Stammeltern der heutigen Maoris, kamen von Samoa (= Reich des Moa), und es ist erklärlich, daß sie in dem Ungeheuer ihren obersten Gott zu finden glaubten und es schlechtweg Moa nannten. Von ihrer Verehrung gegen diese Tiere kamen sie aber bald zurück, und es dauerte nicht lange, so hatten sie die Riesenvögel ausgerottet, noch ehe ein Weißer sie erblickt hatte. Alle Erzählungen der Maoris, daß noch heute im Innern der Insel die Moas lebend existierten, sind leider Fabeln, wie die ähnlichen Märchen über die großen Vögel auf Madagaskar. Nur in einer Miniaturausgabe sind uns noch Verwandte des Moa auf Neuseeland erhalten geblieben, nämlich die etwa einen halben Meter großen Kiwi oder Schnepfenstrauße.
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Der Kiwi.
Nach dem Leben gezeichnet von A. Meyerhof.
Seitdem es Zoologische Gärten giebt, war es ein Lieblingswunsch der Leiter derselben, einmal lebende Kiwis dem Publikum zeigen zu können. Aber der Import bot große Schwierigkeiten. Als ich 1887[WS 1] von Australien zurückkehrte, reiste ich mit einem Abgesandten der Tierhandlung Reiche in Alfeld, der mit 10 Kiwis die Einführung nach Europa versuchte. Umsonst! Der letzte starb im Roten Meer, obwohl der Kapitän (der leider später mit der „Elbe“ verunglückte Kapitän v. Goessel) wie auch die Passagiere sich in hohem Grade für die seltenen Gäste interessierten und es gewiß an nichts Nötigem fehlte. Seitdem gelang aber die Einführung wiederholt, und besonders hat der eifrige Zoologe Herr Walter von Rothschild in London durch große pekuniäre Opfer sich um diese Angelegenheit verdient gemacht. Aus seiner Sammlung zu Tring stammt auch das abgebildete, im Zoologischen Garten zu Frankfurt a. M. lebende Exemplar.
Durchaus flügellos, von dichtem Wollhaar umgeben, mit großem Schnurrbart und blöden Nachtaugen, macht der Vogel einen höchst sonderbaren Eindruck und rechtfertigt thatsächlich das Interesse, welches das Publikum ihm zollt. In jedem Beschauer wird der Wunsch wach, das Tier auch umherspringen und laufen zu sehen, was aber während des Tages bei dem absolut nächtlichen Gesellen nur mit Hilfe des Wärters möglich ist. Als Nahrung erhält der Kiwi feinstreifig geschnittenes Ochsenherz und Regenwürmer, die in einem Beet seines Käfigs tags über sich eingraben und die er dann des Nachts wieder hervorwühlt. In den Dämmerungsstunden springt er gleich einem Kaninchen umher und zieht sich bei Tagesanbruch in seinen Kasten zurück. In der Freiheit verbringt er den Tag in Erdlöchern am Fuß der Bäume, wo er früher gegen seine Feinde gesichert war; heute aber jagt man ihn leicht mit Hunden und in kurzer Zeit wird die Existenz des merkwürdigen Tieres der Geschichte angehören. Dr. A. Seitz.
Defoe am Pranger. (Zu dem Bilde S. 17.) Von den Romanen, welche zum litterarischen Besitztum aller Kulturnationen geworden sind, hat Defoes „Robinson Crusoe“ wohl die weiteste Verbreitung gefunden. Dieser eine Roman, der 1719 den wirklichen Erlebnissen eines Schiffbrüchigen nachgedichtet ward, hat dem Namen Daniel Defoes Weltruhm erworben, einen Ruhm, der bestehen wird, so lange die rege Phantasie der Jugend sich an den Abenteuern Robinsons auf seiner Insel ergötzt und so lange der außerordentliche erzieherische Wert des Buches geschätzt bleibt, das den Lebensgrundsatz „Hilf dir selbst!“ so eindringlich lehrt. Weniger allgemein bekannt sind die Verdienste, die sich Defoe als politischer Schriftsteller um sein Volk wie um allen volkstümlichen Fortschritt erworben hat, wobei er sich gleichfalls als ein Verfechter des Leitspruchs „Hilf dir selbst!“ bewährte.
Daniel Defoe war 1661 in London als Sohn eines wohlhabenden Londoner Handwerkers geboren, der einer Puritanergemeinde angehörte. Unter den Verfolgungen, denen die „Dissenters“ während der Regierungszeit des letzten Stuart ausgesetzt waren, wurde der feurige Jüngling ein eifriger Parteigänger Wilhelms von Oranien, der nach seinem Regierungsantritt dann auch für die Grundsätze religiöser Toleranz und bürgerlicher Freibeit eintrat. König Wilhelm wandte dem geistvollen Politiker seine Gunst zu und betraute ihn mit wichtigen Regierungsgeschäften. Aber unter der Königin Anna verfielen die Dissenters wiederum schwerer Verfolgung. In einer Flugschrift geißelte Defoe diese Unduldsamkeit. Ein Prozeß wurde gegen ihn angestrengt und man verurteilte ihn, dreimal am Pranger zu stehen, und zu sieben Jahren Gefängnis. Bevor noch die erstere Strafe an ihm vollzogen war, dichtete er in der Einsamkeit des Kerkers die „Hymne an den Pranger“. Er führte darin aus, wie das einzige Verbrechen, dessen man ihn zeihe, das Bekenntnis der Wahrheit gewesen sei; er sagte kühn, daß diejenigen, welche ihn an die Schandsäule stellten, damit nur über sich selber Schande brächten. Es gelang ihm vom Gefängnis aus, das Gedicht drucken zu lassen, und als am 29. Juli 1703 die Schergen ihn zum Pranger führten, um ihn dem Hohn und Spott der Menge preiszugeben, da gingen bereits seine Verse im Volke von Mund zu Mund. Die ihm zugedachte Demütigung ward sein Triumph. Begeisterte Verehrer umdrängten den Pranger, [35] den man mit Blumen schmückte; Jubelrufe und Reden der Verherrlichung umtönten den Pfahl der Schande: was sein Lied verkündet, geschah.
In jenen Stunden körperlicher Qual und seelischer Gehobenheit aber faßte Defoe einen Plan, der von weittragenden Folgen werden sollte. Er erkannte in der Presse das Mittel, welches allem Unrecht und aller Gewaltthätigkeit jederzeit ein ähnliches Schicksal bereiten könne, wie es sein Gedicht soeben seinen Verfolgern gethan. Aus dem Plan entstand die „Review“, eine politische Zeitschrift, welche als der Anfang des modernen Zeitungswesens zu gelten hat.
Die Einschiffung der nach China abgehenden Truppen auf dem Lloyddampfer „Darmstadt“ in Wilhelmshaven. (Mit Abbildung.) Am Morgen des 16. Dezember v. J. haben unter den Augen des Kaisers und unter Führung des prinzlichen Admirals die beiden Kreuzer den Kieler Hafen verlassen, die zur Verstärkung der in Ostasien zusammengezogenen deutschen Kreuzerflotte nach China gehen. Ihnen ist dann am 17. von Wilhelmshaven der Lloyddampfer „Darmstadt“ gefolgt, der das gleichfalls dorthin bestimmte Bataillon Marineinfanterie, die Pioniere, das Lazarett- und das Postpersonal mit Waffen, Munition und Ausrüstung an Bord genommen hat. Das gesamte Personal des mit der „Darmstadt“ abgehenden Transportes war bereits am Abend des 15. Dezember in Wilhelmshaven zur Stelle, wo der Dampfer im inneren Hafen bereit lag. Am nächsten Morgen begannen die rastlos geförderten Einladearbeiten. Unaufhörlich rollten Eisenbahnwagen und Frachtfuhrwerke hin und her, an dem Dampfer selbst standen auf dem Quai Abteilungen von Mannschaften und luden unter der Leitung von Offizieren eifrig ein, außerdem waren zwei mit Elektricität betriebene Winden den ganzen Tag über thätig, die in starken Seekisten verpackten Güter an Bord zu nehmen. Das erste, was verladen wurde, waren die zerlegbaren Baracken für das Feldlazarett nebst Krankenbetten, Möbeln, Badewannen etc., dann folgten die Feldbäckerei nebst Dampfbackapparat, die Infanteriemunition, die Post- und Telegraphenausrüstung der Feldpostabteilung etc. Am 17. begab sich die ganze Expedition, deren Führer Korvettenkapitän Truppel ist, an Bord, und um 5 Uhr nachmittags verließ der mächtige Dampfer den neuen Hafen, um sofort in See zu gehen. An den Seeschleusen war eine überaus zahlreiche Menschenmenge versammelt, deren lebhafte Hurrarufe vom Schiffe erwidert wurden. Dazwischen ertönten die Klänge der am Ufer aufgestellten Kapelle, welche Abschiedslieder für die nach dem fernen Ostasien dampfenden Wackeren spielte. Möge allen eine glückliche Heimkehr beschieden sein!
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Einschiffung des Gepäcks der Marineinfanterie in Wilhelmshaven.
Nach dem Leben gezeichnet von A. Wald.
Wintervergnügen im Spreewalde. (Zu dem Bilde S. 20 und 21.) Jene von Hunderten sich verästelnder Kanäle durchzogene Spreeniederung zwischen Kottbus, Lübbenau und Lübben, der Spreewald geheißen, zeigt hinsichtlich ihres Landschaftsbildes und der damit eng verknüpften Kultur so viel Schönes, Eigenartiges und Anziehendes, daß sie als einzig dastehend in Europa, ja vielleicht der Welt, bezeichnet werden darf. Seit grauer Vorzeit haben in diesem Fluß- und Waldgewirr Wenden festen Fuß gefaßt, die in Sprache, Kleidung, Hausbau, Sitten und Gesängen sich zum größten Teil noch die Eigenart ihrer Vorfahren erhalten haben.
Derb zugehauene Blockhäuser, Kaupen genannt, erheben sich als Einzelgehöfte auf schilfumgürteten, wasserumspülten Inseln. Gurke, Kürbis und Pfeifenkraut umrahmen gar malerisch diese Hütten; hundertjährige Erlen neigen sich über dem Strohdache hin; die Fischnetze und der Bienenkorb fehlen fast nirgends. Das Innere umfaßt in der Regel Stube, Schlafkammer und „Hölle“, letztere für Küche und das Ausgedinge der alten Eltern bestimmt. Dann und wann schwingt sich ein luftiger Holzsteig über einen Kanal, den Verkehr von Ufer zu Ufer zu erleichtern. Sonst aber – und das bleibt das Eigenartigste am Spreewalde! – findet aller Verkehr nur zu Wasser statt, früher durch Einbäume (durch Feuer ausgehöhlte, zu Kähnen behauene Baumstämme), heute durch breite, lange Boote, die man, aufrecht stehend, mittels eines Ruders lenkt. Förster und Polizist, Briefträger und Hausierer, die Bauernfrau, welche den Heu wendenden Dirnen das Mittagsessen bringt: sie alle bedienen sich des Kahnes.
Wenn das Wasser beginnt, leis zu frieren, daß der Kahn nicht mehr geht, das Eis aber noch nicht trägt, dann kommt eine schlimme Zeit für den Spreewaldbewohner. Dann ist er oft für Wochen von jeder Verbindung mit der Welt da draußen abgeschlossen. Setzt aber Frost und Kälte ein, so jauchzt er auf. Nun bricht für ihn eine köstliche, lustige Zeit an. Schlittschuh und Stuhlschlitten treten in ihre Rechte. Besonders bei Burg, einem Hauptdorfe des Spreewaldes, entfaltet sich an hellen Wintersonntagen, wie unsere Ansicht vom Hauptkanal zeigt, ein reges, lärmendes Treiben, an dem gar oft und freudig Berliner Sonntagsausflügler Anteil nehmen.
Manch derbknochige Dorfschöne läßt sich dann im Stuhlschlitten mit Behagen und Stolz von ihrem Galan über die blinkende Eisbahn schieben. Die meisten aber, den mit einer Eisenspitze bewehrten hohen Stab in der Hand, sausen mit blitzenden Augen zwischen dem weitverzweigten
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Kanalnetze dahin. Da geht es denn zur Hauptstadt des Oberspreewaldes, dem durch seine Gurken und Meerrettiche weitbekannten Lübbenau, oder auch nach den malerischen Spreewalddörfern Straupitz, Lehde und Leipe, wo abends beim Spiele der Musikanten ein flotter Tanz den Schluß des genußreichen Sonntags bildet. A. T.
Ernst Kraus. (Mit Abbildung.) Nicht allen Künstlern ist es vergönnt, sogleich bei der ersten Berufswahl das Ziel ins Auge zu fassen, auf das ihre besondere Begabung sie hinweist. So hat die Geschichte der Bühne von vielen zu berichten, die erst auf dem Umweg durch einen anderen Beruf zu dem Entschlusse gelangten, ihr Leben der Kunst zu widmen. Auch der neuerdings in kurzer Zeit zu Ruhm gelangte Heldentenor Ernst Kraus, der seit anderthalb Jahren der Berliner Hofoper angehört und inzwischen zum erklärten Liebling des Publikums der Reichshauptstadt wurde, mußte dieses Schicksal erfahren. In Erlangen geboren, hatte er sich anfangs dem Kaufmannsstande gewidmet. Er besuchte die Münchner Gewerbeschule und trat dann in ein Geschäft als Lehrling ein. Unbefriedigt von dieser Thätigkeit, gab er dieselbe nach kurzer Zeit auf; er besuchte nun zwei Jahre lang die Brauerakademie in Worms, worauf er nach München zurückkehrte und dort den neuen Beruf im Bürgerlichen Bräuhaus auszuüben begann. Ein günstiges Geschick fügte es, daß jetzt der bayrische Kammersänger Schuegraf auf die herrliche Tenorstimme des jungen Brauereitechnikers aufmerksam wurde. Die Folge war, daß Ernst Kraus von dem damaligen Generalintendanten des Münchner Hoftheaters v. Perfall die Aufforderung erhielt, vor ihm Probe zu singen. Dadurch gewann auch Heinrich Vogl, der meisterliche Heldentenor der Münchner Oper, Kenntnis von der neuentdeckten schönen Stimme; er interessierte sich für Kraus und erkannte zu seiner Freude, daß hier ein wirkliches Gesangstalent der Ausbildung und sachverständigen Pflege harre. Er nahm sich des vielverheißenden Talents an und schickte Kraus mit warmer Empfehlung zu Cesare Gallieri, dem namhaften Gesangsmeister in Mailand. Als der letztere nach einiger Zeit München zum Aufenthalt wählte, kehrte sein neuer Schüler mit ihm dahin zurück. Beim Rollenstudium genoß Kraus die Anleitung der erst kurz zuvor von Leipzig an das Münchner Konservatorium berufenen Frau Professor Anna Schimon-Regan. Die plötzliche Erkrankung eines für ein Kaimkonzert angekündigten Solisten gab ihm Gelegenheit zum ersten öffentlichen Auftreten. Es war von solchem Erfolge begleitet, daß er bald unter außergewöhnlich günstigen Bedingungen an das Mannheimer Hoftheater engagiert wurde. Von dort aus drang der Ruhm des jungen Künstlers, gefördert durch größere Gastspielreisen, in immer weitere Kreise. Sein nach drei Jahren erfolgter Eintritt in den Verband der Berliner Hofbühne machte der dort herrschenden empfindlichen Tenornot mit einem Schlage ein Ende. Zunächst wurde Kraus als Gast gewonnen; von nächsten Ostern ab, nach Beendigung des erfolgreichen Gastspiels, das ihn in Amerika festhält, wird er dem Institute mit einem Jahresgehalt von 48000 Mark als Mitglied angehören. Bei der soliden Schulung, welche seine glänzenden Naturanlagen erfuhren, ist Kraus ein Heldentenor, der auch höhere musikalische Ansprüche in seltenem Maße befriedigt. Von einer prächtigen Bühnenerscheinung unterstützt, ist er ganz besonders befähigt, Richard Wagners jugendliche Heldengestalten in echter Lebensfülle zu verkörpern. Zu seinen schönsten Leistungen zählt sein „Lohengrin“, in welcher Rolle ihn unser Bild den Lesern vorführt. E. O. N.
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Ernst Kraus als Lohengrin.
Nach einer Aufnahme von Hofphotograph J. C. Schaarwächter in Berlin.
Die längste Telephonleitung der Erde, die seit geraumer Zeit geplante Verbindung zwischen New York und Chicago, ist kürzlich vollendet worden. Die Linie, welche den mündlichen Verkehr von etwa fünf Millionen Menschen in den beiden ersten Handelsplätzen von Amerika vermittelt, besitzt eine Länge von 1520 km und übertrifft damit jede bisher in Europa fertiggestellte Fernsprechlinie. Von den letzteren hat die seiner Zeit viel bewunderte Telephonverbindung von Paris nach London 500, diejenige von Berlin nach Frankfurt ebensoviel, nach Wien aber ungefähr 600 km Länge. Nachdem ausgedehnte Versuche des Elektrikers der belgischen Telegraphie van Rysselberghe bewiesen hatten, daß man auch auf Entfernungen von 1000 ja bis 1600 km telephonische Gespräche durch geeignete Leitungen sehr gut übertragen könne, ging man auch bei uns zur Anlage längerer Linien über.
Im April vorigen Jahres wurde von der deutschen und ungarischen Regierung gleichzeitig der Bau einer 1000 km langen Telephonlinie zwischen Berlin und Budapest begonnen, die zur Hälfte auf deutschem, zur Hälfte auf österreichischem und ungarischem Gebiete liegt und deren Eröffnung bevorsteht. Alle diese Anlagen werden von der jetzt eröffneten amerikanischen Fernsprechlinie weit übertroffen. Eine Leitung von derselben Länge würde genügen, um Berlin mit Petersburg oder Rom in Verbindung zu setzen. Die beiden Drähte, welche man zwischen New York und Chicago gespannt hat, sind je 4 mm dick, das Gewicht beträgt auf das laufende Kilometer 110 kg, also im ganzen 334400 kg. Der Länge nach aneinander gelegt und zu einem Kabel vereinigt, würden sie hinreichen, den Ocean zwischen den Vereinigten Staaten und Europa an seiner schmalsten Stelle, nämlich zwischen dem westlichsten Punkte der irischen Küste und dem äußersten Vorsprung von Neu-Fundland, zu überspannen. Zum Aufhängen der Drähte sind beiläufig 43000 Telegraphenstangen nötig gewesen. In dieser Anlage feiert die Erfindung, die der deutsche Physiker Philipp Reis im Jahre 1860 gemacht hat, einen ihrer größten Triumphe.
Zu unseren Bildern S. 1, 8, 9 und 25. Unter dem sonnigen Himmel des Südens sind hier vier Mädchenblumen erblüht, die Meister W. Auberlen so lebenswahr und farbenprächtig auf seinem reizenden Bildchen „Ein vierblättriges Kleeblatt“ dargestellt hat. Wer durch Spaniens Städte, an Villen und Landsitzen vorbei wandert, der erschaut solche Bilder in Wirklichkeit. Von hohem Balkone trägt der Wind die Klänge der Mandoline hernieder – eine alte Volksweise ist es, die der Liebe Lust verherrlicht und der Liebe Leid beklagt und Sehnsucht in jungen Herzen weckt. Ueber die Brüstung neigen sich die schlanken Gestalten und sprühende Augen blicken den Wanderer an. Frühlingswehen durchdringt die Natur und unter seinem Hauche erblüht auch die Blume der Liebe in Menschenherzen. Das ist die Zeit der Rosen im fernen heißen Süden.
Eine stille innige Andacht führt uns dagegen A. H. Schram in seinem Bilde „Sonntag“ vor. Die Tracht des Mädchens stammt aus der guten alten Zeit und die weiße Farbe des Gewandes und der Haube harmoniert trefflich mit dem Ausdrucke der klaren Augen, durch die man in die Tiefen einer reinen Seele zu schauen glaubt. – Der Humor waltet schließlich in zwei anderen Bildern, die unser heutiges Halbheft schmücken. Treffend hat C. Reichert „Walpurgisnacht“ sein Bild benannt, auf dem eine Katzengesellschaft in einer Rumpelkammer unter Gefauche und Gemiaue einen wahren Hexenspuk veranstaltet. Drollig sind die Kleinen auf Hermann Kaulbachs Bildchen „Rutschpartie“. Hoffen wir nur, daß der Himmel noch Einsehen haben und Schnee genug niedersenden werde, damit die Jugend diese schönste der Winterfreuden auch heuer nach Herzenslust genießen kann.
Das Jawort. (Zu unserer Kunstbeilage.) Endlich! ... Na ja, gedacht haben sie sich’s alle, es war das auch wirklich nicht schwer, bei der stets zunehmenden Besuchsfrequenz des Herrn Doktors und Fräulein Idas steigender Gemütsbewegung. Aber nun, wo das Jawort glücklich auch von den Eltern ausgesprochen worden ist, wirkt das Ereignis doch als freudigste Ueberraschung. Mutter und Großmutter sind die ersten zum Umarmen und Glückwünschen; der Vater, stets von praktischen Gesichtspunkten ausgehend, trachtet, das Ueberhandnehmen der Rührung mit dem geeignetsten Mittel abzuschneiden, die kleinen Geschwister sehen erstaunt alle die freudige Erregung, in welche sogar „Schnuck“ kläffend einstimmt, während im Hintergrund die von der großen Neuigkeit bereits in Windeseile erreichte Köchin samt dem Hausmädchen und Diener herbeieilt, um ihre wortreiche Gratulation loszulassen. Die beiden Glücklichen aber hören und merken das Wenigste von alledem! Sie sehen sich in die Augen – und wer, der jemals selbst Verlobung feierte, weiß nicht, daß darüber alles andere verschwindet?! ...
Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig.
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Wandschoner über den Serviertisch. Praktisch
und hübsch zugleich läßt sich der hier abgebildete
Wandschoner mit wenigen Mitteln
anfertigen. Des Malens kundig muß
man allerdings sein, denn sonst möchte
das Rokokobouquet nicht ganz stilgerecht
ausfallen.
Ein Stück weißes Ledertuch, 77 auf 52 cm groß, gute Bronze und Oelfarbe ist alles, was man braucht. Die Zeichnung läßt sich am sichersten mit Graphitpapier übertragen, ja es ist dies das einzige Mittel, durch welches es mir gelang, die Arbeit aufzuzeichnen, denn weder bunte Kreide noch Bleistift haften. Zuerst wird die äußere Umrandung ganz mit Goldbronze ausgemalt, während die inneren Rokokoarabesken nur in den Umrissen auszuführen sind, und zwar so, daß an der Lichtseite Bronze, an der Schattenseite aber braune Oelfarbe (gebrannte grüne Erde) Verwendung findet. Letztere dient auch zum Schattieren des äußeren Randes, wo sie der Bronze, wenn diese gut trocken ist, aufgemalt wird. Der Raum zwischen beiden Umrahmungen, der auf unserer Zeichnung schraffiert ist, wird ganz dünn mit einem zart lila Ton ausgemalt. Das Rokokobouquet hat man in Farben zu halten, die den Blumen entsprechen. Gut wirkt es, wenn die Tulpen in Rot und Gelb, die Sternblumen (links) in Rosa, die Aurikel in Dunkelblau, die Nelken in Gelb erscheinen. Der äußere Rand des Schoners wird mit einer scharfen Schere, der Zeichnung entsprechend, ausgeschnitten. Bemerkt sei noch, daß man die Malerei, wenn sie trocken ist, mit einem feinen Lack überstreicht. So ausgeführt, sieht die ganze Arbeit wirklich schön aus, da die zarten
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Wandschoner über den Serviertisch.
Farben und das Gold sehr gut auf dem weißen
Ledertuch wirken. Zuletzt schlägt man oben
rechts und links noch zwei Löcher durch den
Schoner und zieht zwei feine Goldschnüre zum
Aufhängen durch. R. v. H.
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Schalenkörbchen.
Schalenkörbchen in Drahtgestell sind wohl in dem bekannten Zwiebelmuster überall zu haben, man kann sie aber zur Abwechselung recht hübsch selber herstellen, wenn man sich die Drahtfassung allein verschafft und gewöhnliche Teller (Puppengeschirr) mit Porzellanmalerei verziert und hineinsetzt. Unsere Zeichnung zeigt ein altes französisches Porzellanmüsterchen in Dunkelblau, nur die gekreuzten Linien in den blau umrandeten Beeren werden mit Gelbrot hinein gezeichnet. Sollen die Körbchen zu einem bemalten Tischservice passen, so verwendet man die in diesem vorkommenden Hauptfarben dazu; auch die beliebten Streublumen machen sich gut.
Billige gepreßte Glaswaren zu dekorieren.
Es giebt im Handel eine Unmasse praktischer
Glaswaren, wie Butterglocken, Salz- und Zuckerdosen,
Kompott- und Kuchenteller etc., welche
auf der äußeren resp. auf der Rückseite mit
oft sehr reizenden Sternfiguren, ähnlich den
Kerbschnitzereien, eingepreßt sind und durch die
mannigfachen Lichtbrechungen der einzelnen
kleinen Flächen einen wunderhübschen Effekt
hervorrufen. Sie sind sehr billig, gewöhnlich
nur in 10- und 50- Pfennig-Bazaren zu haben.
Derartige gepreßte Glaswaren lassen sich ausgezeichnet
verschönern und zu wirklich aparten
und originellen Kunstarbeiten gestalten, wenn
man die eingepreßten Kerben je nach dem Muster
mit Emailfarben bemalt. Diese leuchten
mit ihren reinen, satten Tönen prächtig
durch das Glas hindurch, andererseits
verleihen sie durch ihre Eigenart und
ihren bekannten Glanz dem Aeußeren
ein porzellanmosaikartiges Aussehen.
Nur in betreff der Haltbarkeit resp. der
Festhaftung der Farben am Glase muß
man von vornherein einem etwaigen
Abspringen dadurch vorbeugen, daß man
die Farben stets nur ganz dünn und
lieber öfter – nach jedesmaligem Trocknen
des vorhergehenden Auftrages – aufmalt.
Ein Ueberzug von Lack oder nachheriges
Einbrennen ist bei den jetzt fast
in allen Papierhandlungen käuflichen
Emailfarben nicht nötig – die schöne
Arbeit ist also auch einfach und verdient
eine weite Verbreitung.
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Kinderunterrock aus Wollresten.
Kinderunterrock aus Wollresten. Viele wohlthätige Damenhände fertigen Mützchen, Strümpfchen, Shawls für arme Kinder; gewöhnlich bedürfen letztere aber noch mehr eines warmen Unterröckchens. Ein solches ist leicht herzustellen aus den Wollresten, die sich in einem Haushalte aufzuspeichern pflegen und oft nur Mottenfutter werden. Man knüpft alle diese Fäden und Knäuel aneinander und häkelt daraus mit dem sogenannten tunesischen Stich Streifen von 15 cm Breite und etwa 38 cm Länge. Die Knoten werden geschickt verarbeitet oder auf der Rückseite stehen gelassen und das Röckchen dann mit Alpaka gefüttert, wodurch es noch wärmer wird. Reicht die Wolle nicht für ein ganzes Röckchen, so näht man abwechselnd einen gehäkelten und einen Streifen Wollstoff aneinander; auch hierzu lassen sich Reste aller Art – dünne Zeuge muß man füttern – verwenden. In seiner Buntheit sieht das fertige Röckchen sehr nett aus, und vor allem – es wärmt!
Bilderrätsel.
Von Erh. Lipka.
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Ein Geflügelhändler kauft für 100 Mark genau 100 Stück Geflügel,
nämlich Enten, Hühner und Tauben. Durchschnittlich kostet
eine Ente 2 M 40 Pf., ein Huhn 1 M 40 Pf. und eine Taube 45 Pf.
Wieviel Stück von jeder Art werden gekauft, wenn die Zahl der Hühner
um 6 größer ist als die der Enten? A. St.
Es sind 14 Wortpaare zu suchen, bei denen das zweite Wort aus dem ersten durch Vorsetzen eines Buchstabens entsteht. Beispiel: a) Eis, b) Reis. Die Wörter haben folgende Bedeutung: 1. a) ein Beamter, b) ein hohles Gerät, das auch in der Küche gebraucht wird; 2. a) ein Vogel, b) ein Geldertrag; 3. a) ein Vorrat kostbarer Dinge, b) eine Stadt im Königreich Sachsen; 4. a) Name einer Reihe von Päpsten. b) eine Kopfbedeckung; 5. a) Schutzkleid mancher Tiere, b) eine Stadt in den Niederlanden; 6. a) ein Unkraut, b) ein Befehl (eines bestimmten Herrschers); 7. a) ein deutscher Dichter, b) eine Stadt in Schlesien; 8. a) eine Erholungsstätte für überarbeitete Stadtbewohner, b) ein Vorname; 9. a) ein weiblicher Vorname, b) ein Spiel; 10. a) eine Waffe, b) ein Nebenfluß der Elbe; 11. a) ein kunstvolles Werkzeug, b) ein Nebenfluß des Rheins; 12. a) ein Nebenfluß der Donau, b) ein Metall; 13. a) ein (meist) gewaltiges Bauwerk, b) ein Gebirgsland nicht weit vom Toten Meer; 14. a) ein Stand, b) ein Werkzeug aus Stahl. – Nach richtiger Lösung nennen die Anfangsbuchstaben der Wörter unter b) den Titel eines Romans, den jeder Leser der „Gartenlaube“ kennt.
Die Mitte einer Landschaft ist gleich Ende;
Wer ist, der diesen Landschaftsnamen fände? E. S.
Ein Hafenort im heiligen Land
Bin ich und auch ein Männergewand.
F. Müller-Saalfeld.
Die „Gartenlaube“ eröffnet mit dem vorliegenden Heft ein neues Jahresabonnement, zu welchem wir hierdurch freundlichst einladen.
Was unser allerorten im deutschen Vaterlande und über die ganze Welt verbreitetes Blatt während der fünfundvierzig Jahre seines Bestehens dem deutschen Volke, der deutschen Familie geworden ist, das bestätigen in herzlicher Sympathie Millionen von Lesern und Leserinnen aller Stände und aller Altersklassen, welchen es anregende Belehrung, Erweiterung des geistigen Gesichtskreises und herzerhebenden Genuß gebracht hat, und dadurch ein lieber, geschätzter Hausfreund geworden ist.
Als ein weithinwirkendes Drgan freimütiger Aufklärung, echter Volksbildung und warmer Vaterlandsliebe soll die „Gartenlaube“ auch künftig bestrebt sein, die Fortschritte der Zeit auf allen Gebieten des Wissens und des praktischen Lebens zu verfolgen, für den deutschen Nationalgedanken innerhalb und außerhalb der Reichsgrenzen einzutreten und Fragen zu erörtern, die für das Wohl der Familie und für das Gemeinwohl von Bedeutung sind.
Nach wie vor werden wir in der Darbietung ausgesuchter fesselnder Romane und Novellen der besten deutschen Erzähler, sowie belehrender interessanter Beiträge hervorragender Männer der Wissenschaft und der Praxis unsere Hauptaufgabe erblicken.
Der neue Jahrgang wird eröffnet mit dem neuesten, eben vollendeten Roman
An den Heimburgschen Roman wird sich das neueste Werk einer Meisterin der Erzählungskunst,
anreihen. – In die Welt der Alpen, sein eigenstes Gebiet, führt uns
An größeren und kleineren Erzählungen und Novellen werden folgen:
- „Der Lebensquell“ von E. Werner.
- „Maskiert“ vom Hans Arnold.
- „Schloß Josephsthal“ von Marie Bernhard.
- „Ein Sommernachtstraum“ von A. Sewett.
- „Böse Zungen“ von Ernst Muellenbach. (Ernst Lenbach.)
- „Stella“ von Johannes Wilda.
- „Wieder allein“ von Klaus Zehren.
Diesen werden sich anschließen Romane und Erzählungen von O. Verbeck, Ernst Eckstein, Ida Boy-Ed, Sophie Junghans, Rudolf Lindau, Eva Treu, Victor Blüthgen, Carl Wolf-Meran etc.
Auf dem von der „Gartenlaube“ stets mit Erfolg und Glück bebauten Felde der populären Darstellung der Wissenschaft haben wir für gute Beiträge gesorgt. Hervorragende Gelehrte und bedeutende Fachmänner bethätigen gerne in der „Gartenlaube“ ihre Mitarbeiterschaft und machen ihre Forschungen zum heilsamen Gemeingut des Volkes. Aus dem Vorrat von Artikeln dieser Art nennen wir:
- Die Reform der Frauenkleidung von Prof. Dr. Eulenburg. – Der Aberglauben vor Gericht von Dr. Hanns Groß. – Der Stern Sirius von Dr. H. I. Klein. – Die Volktribunen von Hamburg von Rudolf v. Gottschall. – Karoline v. Günderode von Moritz Necker. – Die Marienburg von Ernst Wichert. – Deutsches Vereinswesm in Amerika von Dr. M. E. Flössel. – Die Bodenseeforschung von Prof. Dr. Kurt Lampert. – Brunnen- und Badekuren von Prof. Dr. E. Heinrich Kisch. – Das Acetylengas von W. Berdrow u. s. w.
Die fünfzigjährigen Gedenktage der großen Bewegung von 1848 werden eine gebührende Würdigung in Wort und Bild, zum Teil in persönlichen Schilderungen noch lebender Zeugen jener bewegten Zeit finden.
Außerdem wird die Rubrik der kleinen illustrierten Mitteilungen und Winke für allerlei nützliche Beschäftigungen und Arbeiten im Hause sorgfältig weitergepflegt werden.
So dürfen wir denn nicht zweifeln, daß die „Gartenlaube“, gehoben durch einen reichen und künstlerisch wertvollen Bilderschmuck, auch im neuen Jahre wieder eine gute Aufnahme und ihren alten Ehrenplatz im deutschen Hause finden wird.
Alle Buchhandlungen des In- und Auslandes nehmen Abonnements an.
Leipzig, im Januar 1898. Redaktion und Verlag der „Gartenlaube“.
Anmerkungen (Wikisource)
- ↑ Vorlage: 1867
- ↑ „Blatten“ = die Stimme des weiblichen Rehs nachahmen, um den Bock anzulocken.